Reti, der Igel und die Moser

16.01.2014 – In der Zeitschrift SCHACH 1/2014 stellt FM Christoph Nogly wieder vier aktuelle Fritz-Trainer vor und gibt für jeden eine klare und fundierte Bewertung ab. Die Nase vorn in Noglys Ranking hat "Der englische Igel" von Ftacnik. "Das ist die mit Abstand beste DVD, die mir im Rahmen meiner Rzensionstätigkeit bislang untergekommen ist." Mehr...

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DVDs unter der Lupe

Eine Rezension von Christoph Nogly

Eva Moser: Phantasie statt Theorie: 1.d4 c5!

Ich habe eine kleine Schwäche für den Benoni-Zug 1... c5. Vor 15-20 Jahren habe ich miterlebt, wie derSpitzenspieler meines damaligen Vereins (ein starker FM) nach diversen frustrierenden Niederlagen mit dem Wolga-Gambit sein Schwarzrepertoire wie folgt umkrempelte: 1. d4 c5 2. d5 e5 3. e4 d6 4. Sc3 a6 (wichtig, um Läuferschachs auf oder Springerausfälle nach b5 zu unterbinden) 5. a4 Le7. Die strategische Absicht dieses »Alt-Benoni« genannten Aufbaus besteht darin, den schlechten schwarzfeldrigen Läufer mittels Le7-g5 gegen seinen weißen Pendant zu tauschen. Danach beendet Schwarz die Entwicklung, bevor darüber nachgedacht werden kann, ob man mit f7-f5 oder b7-b5 weiter macht. Nachdem ich mehrere Male Zeuge positioneller Massaker an Weißspielern geworden war, habe ich mich vereinzelt mit dem Aufbau versucht. So richtig lag mir die schwarze Struktur dann jedoch nicht, ich packe sie nur noch im Blitz- oder Schnellschach gelegentlich aus.

Insofern war ich neugierig darauf, welchen Aufbau Eva Moser, langjährige österreichische Nr. 1, konkret besprechen würde. Und tatsächlich geht es in einem ihrer zwölf Theorie-Videos (zzgl. einer Einführung, einer Musterpartie, neun Video-Testfragen und einer Datenbank mit 58 z. T. kommentierten Partien) genau um das angesprochene Thema. Doch im Zentrum der DVD steht ein Benoni-Aufbau, in dem der Nachziehende seinen Läufer nach g7 fianchettiert und den Königsspringer nach e7 beordert: 1.d4 c5 2. d5 d6 3. c4 g6 4. Sc3 Lg7 5. e4 e6 und 6... Se7. Dort steht der Springer dem Lg7 nicht im Weg und unterstützt die Unterminierung des weißen Zentrums mit f7-f5. Moser zeigt sehr schön, wie Schwarz mit seinem unorthodoxen Aufbau gegen die verschiedenen weißen Konfigurationen zu Gegenspiel kommt. Gleiches gilt für Nebenvarianten, zum Beispiel, wenn Weiß auf 2. d5 verzichtet.

Kritikpunkte gibt es jedoch auch. So spielt Weiß dem Gegner besonders in Nebenvarianten zu sehr in die Hände und manche kritischen Aufbauten werden gar nicht erwähnt, etwa das von Boris Awruch in Band 2 seines Grandmaster Repertoire empfohlene Läuferfianchetto nach g2. Wenn Weiß auf c2-c4 verzichtet und stattdessen sofort Sb1-c3 spielt, funktioniert der Aufbau mit Sg8-e7 lt. Moser nicht. Nach dem »normalen« Sg8-f6 gelangt man in eine nach dem jüngst verstorbenen Lothar Schmid benannte Benoni-Variante, die auch über die Pirc-Verteidigung entstehen kann (so geschehen in der entscheidenden 32. WM-Partie Karpow-Kortschnoj 1978 [ja, 32, liebe junge Freunde]). In den gezeigten Beispielen zeigt sich Weiß einmal mehr (zu) kooperativ. Manche Partien werden zwanghaft bis zum Ende vorgetragen, obwohl das für das Verständnis der Eröffnung irrelevant ist. So wird 2. d:c5 anhand einer Partie Süchting-Blackburne aus dem Jahr 1907 betrachtet, in der Weiß nach 2... e6 3. Sc3 L:c5 die zweifelhafte Zugfolge 4. Se4 Sf6 5.Sd6+ (5. S:c5 Da5+) 5... Ke7 6.S:c8+ D:c8 wählte. Dass Schwarz hier mit seinem Entwicklungsvorsprung und der Zentrumsmehrheit keinerlei Probleme hat, steht außer Frage. Die folgenden zehn Minuten wären sinnvoller zu verwenden gewesen.

Ein nicht unwichtiger Zug, der leicht der schwarzen Aufmerksamkeit entgehen kann, findet auch kurz Erwähnung: nach 2. e4 haben wir einen Sizilianer auf dem Brett! Moser hat Recht, wenn sie sagt, dass d4-Spieler selten in eine e4-Eröffnung überleiten und noch seltener in das Morra-Gambit. Allerdings und das wird verschwiegen kann Weiß nach 2...c:d4 mit 3. Sf3 auch einen normalen offenen Sizilianer anstreben. Dann hält 3... e5 zwar den Ïd4 (4.S:e5?? Da5+!), aber das Bauernopfer 4. c3 gewinnt dann an Kraft. Tipp von mir: Der Schwarze kann die weiße Zugfolge mit 3... a6 ausnutzen, was in die sogenannte OKelly-Variante überleitet (1. e4 c5 2. Sf3 a6). 3. d4 ist hier (statt 3. c3) nicht der beste Zug, denn nach 4. S:d4 e5! (die Pointe von 2... a6, Sd4-b5 ist verhindert) erlangt Schwarz bequemes Spiel.

Im Großen und Ganzen dennoch eine gelungene DVD, die für Spieler geeignet ist, die ihr Schwarzrepertoire gegen 1. d4 um eine unorthodoxe, mit nicht viel Theorie überwucherte Variante erweitern wollen.

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Henrik Danielsen: The Slav against the Reti

Zwei aktuelle ChessBase-DVDs beschäftigen sich mit der Réti-Eröffnung, der erfahrene dänische Großmeister Henrik Danielsen bietet in der Reihe 60 Minuten ein kompaktes Schwarzrepertoire an.  In meiner eigenen Praxis habe ich zwei Arten von Réti-Spielern kennen gelernt. Der eine legt auf Eröffnungsvorteil und eine Theoriedebatte keinen gesteigerten Wert, er will ohne entsprechenden Ballast durchs (Schach)Leben kommen. Sg1-f3, g2-g3, Lf1-g2, 0-0 und dann entweder b2-b3 und Lc1-b2 oder d2-d3, Sb1-d2 und e2-e4. Der Schlagabtausch wird ins Mittelspiel verlagert. Der nächste Verwandte dieses Typus ist der Damenbauern-Spieler. Viel gefährlicher ist aber ist der Vertreter, der die kleinen »Schweinereien« kennt. Ein Beispiel: 1. Sf3 d5 2. c4 c6 3. g3 Sf6 4. Lg2 Lg4. In meinem alten Réti-Buch (Bagirow, 1988) ist 5.Se5 nur eine Nebenvariante (Hauptzug: 5. b3), hier galt 5...Lh5 als besser als 5... Le6. Dieses Urteil hat sich inzwischen komplett gewandelt: nach 5...Lh5?! 6. c:d5 c:d5 7. Sc3 e6 8.Da4+ Sbd7 9. g4 Lg6 10. h4 kämpft Schwarz ums Überleben. 

Auf Varianten wie diese ist Danielsen vorbereitet. Der von ihm empfohlene Aufbau beginnt mit 1.Sf3 d5 und behandelt die Antworten 2. c4, 2. g3 und 2. b3. Der Zug 1... d5 ist dabei Pflicht. Schwarz kann nicht zuerst den Königsspringer nach f6 entwickeln, da er dieses Tempo für andere, zunächst wichtigere Züge braucht und der Springer zudem in einigen Varianten ein flexibleres Plätzchen auf e7 findet. Somit eignet sich die Repertoire-Empfehlung nur für Spieler, die das Damengambit in ihrem Eröffnungsarsenal haben. Optimal wäre Slawisch, da Danielsen auf 2. c4 die Antwort 2... c6 sehen will, was nach 3. d4 in slawische, halbslawische oder Stonewall-Gefilde führt. Wem das nicht gefällt, der kann sich ggf. die Alternative 2... d4 aneignen. Eine von Danielsens wichtigsten Empfehlungen lautet 1. Sf3 d5 2. g3 c6 3. Lg2 Lg4 4. c4 e6 5. c:d5 L:f3! 6. L:f3 c:d5. Das Feld c6 wird für den Damenspringer geräumt und da sofort 5...:d5?? an 6. Da4+ scheitert, muss dafür das Läuferpaar aufgegeben werden. 5... e:d5 6. 0-0 Sf6 ist natürlich spielbar, aber laut Danielsen ist darauf der weiße Plan d2-d3 gefolgt von e2-e4 unangenehm, was ich aus eigener leidvoller Erfahrung bestätigen kann.

Zugegebenermaßen entsteht nach 6... c:d5 eine ziemlich sterile Stellung, aber sie bildet mit dieser Charakteristik in dem Repertoire-vorschlag des Dänen die absolute Ausnahme. Überall sonst kann Schwarz auch objektiv auf Gewinn spielen. In diesem Zusammenhang ist der Hinweis Danielsens hilfreich, dass nach dem Einschub von 5. 0-0 Sd7 und erst dann 6. c:d5 neben 6... c:d5 (ohne Aufgabe des Läuferpaares) auch 6... e:d5 nebst Lf8-c5 und dem selten gespielten Sg8-e7! gut spielbar ist; mit dem Springer auf e7 verliert der weiße Plan d2-d3/e2-e4 an Kraft.

Generell hat der Autor eine Schwäche für das »elastische« Sg8-e7, denn wenn Weiß den Stellungstyp des Königsindischen Angriffs wählt also mit e2-e4 spielt , steht der Springer fast immer besser auf e7 als auf f6. Ein Beispiel mit einem (bewusst nicht übersetzten) Zitat: 1. Sf3 d5 2. g3 c6 3. Lg2 Lg4 4. 0-0 e6 5. d3 Sd7 6. Sbd2 Ld6 7. e4 Se7!. »A child is elastic and an old man is getting stiff. And if you get stiff you are closer to death. And in chess: keep your position elastic, keep it healthy and strong and then you will normally have a long live in your chess game.« Fazit: Ein solides, präzise ausgearbeitetes Schwarzrepertoire gegen Réti!

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Alejandro Ramirez: Flexibel Angreifen mit der Reti-Eröffnung

Von dem fast dreimal so teuren Weißrepertoire des jungen amerikanischen GM Alejandro Ramirez war ich weniger angetan. Er behandelt die Eröffnung wie der o. g. erste Réti-Typus: automatisch werden beide Läufer fianchettiert, dann sieht man weiter. Drei konkrete Beispiele, bei denen ich nicht mit Ramirez konform gehe:

1) Nach 1. Sf3 d5 2. c4 d:c4 empfiehlt er 3. Sa3 und beurteilt die Stellung in der Nebenvariante 3... a6 4. S:c4 b5 5. Se3! Lb7 (komfortabler schwarzer Ausgleich laut Deltschew in seinem Réti-Buch) 6. g3 als angenehmer für Weiß. Einen ähnlichen Stellungstyp erhält man nach 1. Sf3 d5 2. c4 e6 3. g3 d:c4 4. Da4+ c6 5.D:c4 b5 6. Dc2 Lb7 7. Lg2, was ich so oder ähnlich schon häufig auf dem Brett hatte. Im Vergleich zu der Ramirez-Variante ist hier jedoch der weiße Damenspringer noch flexibel, er kann von a3 oder c3 Druck auf b5 aufbauen oder auch über d2 nach b3 gehen. Auch der Lc1 hat mehr Optionen.

2) Nach 1. Sf3 d5 2. c4 c6 3. b3 Sf6 4. g3 Lf5 5. Lg2 e6 6. 0-0 Sbd7 7. Lb2 h6 8. d3 Le7 9.Sbd2 0-0 10. Tc1 Lh7 11. Tc2 (der typische Réti-Plan: die Dame soll von a1 aus Druck auf der langen Diagonale machen und die Türme auf der c-Linie verdoppelt werden) 11... a5 12. a3 betrachtet Ramirez nur das schwache 12..Se8. Stattdessen bekommt der Nachziehende mit der Umgruppierung 12... Db6 13. Da1 Tfc8 gefolgt von Db6-d8 gutes Spiel. Der Druck auf der c-Linie wird neutralisiert, mit Dd8-f8 kann ggf. der Ïa3 aufs Korn genommen werden und Weiß muss sich nach Sd7-c5 früher oder später mit einem möglichen Einschlag auf d3 auseinandersetzen.

3) Nach 1. Sf3 d5 2. c4 d4 3. e3 Sc6 beurteilt der Autor das Bauernopfer 4. b4 d:e3 5. f:e3 S:b4 6.d4 e6 7. Sc3 Sf6 8. a3 Sc6 9.Ld3 anhand der Schnellpartie Fressinet-Istratescu (Le Port Marly 2012) als aussichtsreich für Weiß. Weiter ging es mit 9... g6 (!Deltschew) 10. 0-0 Lg7 11. Lb2 0-0 12. De2 b6 13. Tad1 Lb7 14. Kh1 De7 15. e4 Tad8 16. d5 e:d5 7. c:d5 Sa5 18. Tfe1 und hier hätte 18... Tfe8 den Schwarzen laut Deltschew (bzw. Houdini) klar in Vorteil gebracht. Ohne Frage hatte Weiß zwischenzeitlich Kompensation für den Bauern, aber so einseitig wie Ramirez sehe ich die Sache nicht.

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Lubomir Ftacnik: Der Englische Igel

Um es vorweg zu nehmen: Das ist die mit Abstand beste DVD, die mir im Rahmen meiner Rezensionstätigkeit bislang untergekommen ist! Jedem, der sich mit Schwarz den Igel aneignen möchte, sei der Kauf hiermit ans Herz gelegt.

Was gefällt mir so gut? Da ist vor allem die strukturierte Herangehensweise des »slowakischen Halb-Hamburgers«. In den 20 Kapiteln arbeitet er systema-tisch die verschiedenen Pläne ab. Ausgehend von der Ausgangsstellung nach 1. c4 c5 2. Sf3 Sf6 3. g3 b6 4. Lg2 Lb7 5. Sc3 e6 6.0-0 Le7 untersucht er zunächst die Varianten, in denen Weiß nach 7. d4 c:d4 mit dem Springer auf d4 zurücknimmt und den Läufertausch auf g2 zulässt. Danach wechselt er zum Hauptzug 8.D:d4 und analysiert das eigentlich Igel-untypische Sb8-c6, um anschließlich das Hauptaugenmerk auf den eigentlichen Igel mit dem schwarzen Aufbau a7-a6, d7-d6 und Sb8-d7 zu lenken.  Hier arbeitet er nacheinander alle möglichen weißen Aufstellungen ab: b2-b3 nebst Lc1-b2 bzw. Lc1-a3, Tf1-d1 nebst Sf3-g5-e4, Tf1-d1 nebst Lc1-g5, Lc1-g5 nebst Lg5:f6 und Strukturen mit e2-e4. Danach folgen noch zwei Abschnitte zu dem Abspiel mit Tf1-e1 gefolgt von e2-e4 (und erst dann d2-d4) sowie ein Kapitel, in dem Weiß d2-d4 mit e2-e3 vorbereitet.

Interessanterweise rät Ftacnik bei dem Aufbau mit Tf1-e1 von der Igel-Strategie ab, da er großen Respekt vor dem weißen Bauernsturm am Königsflügel hat. Hier leitet er mit 7... d5 (auch 7... Se4 wird als spielbar analysiert) 8.c:d5 S:d5 lieber in ganz andere, ihm genehme Strukturen über. Habe ich bei Eva Moser noch kritisiert, dass die pro Kapitel eine Beispielpartie zu breit getreten wird, geht Ftacnik die Sache anders an: Bis zu vier Fragmente behandelt er pro Kapitel, um sowohl die weißen als auch die schwarzen Ideen zeigen zu können. Dabei scheut er sich auch nicht, Beispielpartien zu zeigen, die in Katastrophen für Schwarz enden.

Gerade eine Eröffnung, die weniger auf konkreten Varianten als auf Ideen basiert, eignet sich natürlich sehr viel besser für eine DVD mit Videolektionen. Gleichwohl verdeutlicht Ftacnik sehr gut, dass es je nach weißem Aufbau für Schwarz auch im Igel sehr gefährlich sein kann, seine Figuren schematisch zu entwickeln. Zum Beispiel erachtet er in der trickreichen Stellung nach 9. b3...

... 9... 0-0 als die genaueste Antwort. Auf 9... a6 ist 10. La3 unangenehm (für das typische Verteidigungsmanöver Sd7-c5 steht Schwarz noch nicht bereit) und nach 9... Sbd7 stellt 10. Sb5 den Nachziehenden vor Probleme. Nach 9... 0-0 hingegen verpuffen die beiden genannten weißen Vorgehensweisen: auf 10. La3 folgt 10... Sa6 nebst Sa6-c5, auf 10.Sb5 dagegen einfach 10... a6.

Wenn man etwas kritisieren will, dann das etwas zu hohe Tempo, mit dem die Ausführungen vorgetragen werden, was die Aufnahme mitunter kompliziert gestaltet. Ftacnik arbeitet auf dem Analysebrett auch kaum mit farbigen Pfeilen oder Markierungen. Durch die Visualisierung von Plänen oder Drohungen hätte man das Tempo etwas reduzieren und dem Zuschauer das Folgen der Analyse vereinfachen können. Aber: das ist in diesem Fall Jammern auf hohem Niveau.

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