Rückblick auf die US-Meisterschaft

von Dejan Bojkov
11.06.2014 – Die US-Meisterschaften endeten Mitte Mai. Dejan Bojkov denkt gerne daran. Denn er trainiert die junge Ashritha Eswaran, die Überraschung des Turniers. In einem Rückblick präsentiert der bulgarische Großmeister eine schöne Leistung seines Schützlings und erinnert sich an eine spannende und großartig organisierte Meisterschaft. Mehr...

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USA-Meisterschaften: Ein Blick zurück

Das Wetter in St. Louis ist wechselhaft. An einem Tag ist es heiß und feucht, am nächsten fallen die Temperaturen um 20 Grad. Es regnet und regnet, doch dann scheint plötzlich wieder die Sonne als sei nichts passiert. Die US-Meisterschaften waren wie das Wetter. Bis zum Ende wusste niemand genau, was passieren würde.

Vor allem im Herrenturnier. So lag Alex Lenderman nach vier Runden mit ausgezeichneten 3,5 aus 4 alleine an der Spitze. Seine Turniervorbereitung schien perfekt. Doch nach zwei Niederlagen Lendermans in Folge trat Varuzhan Akobian in Erscheinung. Akobian hatte das Turnier mit vier Remis in Folge solide begonnen, aber dann folgten vier Siege am Stück. Var wurde durch seinen guten Freund GM Gabriel Sargissian hervorragend unterstützt und wirkte immer gut vorbereitet.

Varuzhan Akobian begann verhalten und katapultierte sich dann mit einem Zwischenspurt an die Spitze.

Die Ratingfavoriten taten sich am Anfang hingegen ein wenig schwer. Timur Gareev begann mit 3 aus 4 gut, aber dann… verlor er eine Partie und kam bis zum Ende des Turniers nur noch auf drei weitere Remis. Eine Niederlage im Turnier scheint Timur zu einem ganz anderen Spieler zu machen.

Timur Gareev

Titelverteidiger Gata Kamsky hatte Probleme, Partien zu gewinnen. Fast bis zum Ende des Turniers lag er stets bei einem soliden Ergebnis von +2. Er verlor keine einzige Partie, aber da sich jeder, der gegen den Titelverteidiger spielte, besonders ins Zeug legte, konnte Gata nicht so gut punkten. Wenig überraschend zeigte sich Kamsky zur Hälfte des Turniers sehr skeptisch in Bezug auf seine Chancen, den Titel zu verteidigen. Im Gegensatz zu Lenderman, der nach seiner zweiten Niederlage in Folge folgenden Kommentar auf seiner Facebook-Seite postete: "Trotz Regen und Wolken scheint dahinter doch stets die Sonne!"

Und schon bald schien die Sonne auch für ihn wieder. Nach seinen Niederlagen lag er bald wieder im Plus und so kam es in der letzten Runde zur entscheidenden Begegnung zwischen ihm und Akobian. Doch die Partie endete Remis und dadurch konnte Kamsky, der in der letzten Runde gegen Josh Friedel gewann, zu den beiden aufschließen. Und so lagen nach dem regulären Turnier drei Spieler gemeinsam an der Spitze. Der Tie-Break musste über den Titel entscheiden!

Überraschenderweise hatte Titelverteidiger Kamsky die beste Wertung und konnte so in Ruhe abwarten, wie die Armageddon-Partie zwischen Lenderman und Akobian ausgehen würde, mit der sein Gegner im Finale des Tie-Breaks ermittelt wurde. Denn bei Gleichstand schrieben die Regeln einen Schnellschach-Wettkampf über zwei Partien vor. Sollte dieser Wettkampf Unentschieden ausgehen, musste eine Armageddon-Partie die endgültige Entscheidung bringen. Akobian setzte sich im Halbfinale des Tie-Breaks mit Schwarz gegen Lenderman durch und qualifizierte sich so fürs Finale, in dem er gegen Kamsky um den Titel spielte.

Das Damenturnier war ähnlich spannend. Vor dem Turnier galten Irina Krush und Anna Zatonskih als Favoritinnen und diese beiden lagen am Ende des regulären Turniers auch an der Tabellenspitze. Allerdings hatte sich in der letzten Runde noch eine dritte Spielerin dazugesellt: Der "Blaue Pinguin" Tatev Abrahamian.

Tatev Abrahamyan

Krush hatte die beste Wertung dieser drei und so mussten Zatonskih und Abrahamian in einer weiteren Armageddon-Partien ermitteln, wer im Finale gegen Krush antreten durfte. Ein Vergnügen für die Zuschauer! Im Armageddon gegen Abrahamian galt Zatonskih als Favoritin und tatsächlich kam sie schnell zu einer vielversprechenden Angriffsstellung. Aber sie vergaß, ein paar forcierte (und notwendige!) Schachs zu geben und verwandelte ihre Angriffsstellung nicht in einen Sieg, sondern in eine trostlose Stellung. Doch in der nächsten Partie Abrahamian wollte gar nicht unbedingt gewinnen, sondern forcierte das Remis, da sie sich so für das Finale qualifizierte. Schon das war eine Sensation!

Die Paarungen für den entscheidenden Tie-Break-Kampf um die US-Meisterschaft lauteten deshalb: Kamsky-Akobian und Krush-Abrahamian. In beiden Fällen setzte sich die Erfahrung durch. Kamsky und Krush gewannen ihre Weißpartien und kamen mit Schwarz zu einem Remis. Damit konnten beide ihren Titel verteidigen. Krush wurde zum 6. Mal US-Meisterin, Kamsky zum fünften Mal!

Gata Kamsky auf dem Weg zur Titelverteidigung

Irina Krush (links) während der entscheidenden Begegnung gegen ihre Dauerrivalin Anna Zatonskih

Bewundernswert war einmal mehr die phantastische Organisation des Turniers. Gastgeber der Veranstaltung war The Chess Club and Scholastic Center of Saint Louis (CCSCSL). Der Verein hat seine Räume im besten Stadtteil von St. Louis und ist von alten und wunderbaren Privatwohnungen umgeben. Beim Spazierengehen sieht man immer wieder Eichhörnchen und Kaninchen. Park und Zoo liegen nur wenige Gehminuten entfernt, genau wie die Museen für Geschichte und Kunst.

Idylle in der Stadt

Tiere im Freien...

...und im Zoo

Das Museum der Geschichte erinnert an die Ureinwohner Amerikas

Untergebracht waren die Spieler im luxuriösen Chase Plaza Hotel, das auch für gute Verpflegung sorgte. Genau wie Lester's Restaurant, das fast schon Teil des Vereins ist. Gegenüber vom CCSCSL liegt die Hall of Fame des Schachs, vor der auch die größte Schachfigur der Welt steht. Dort gab es am Ruhetag eine Show mit Schach und Musik, bei der die Partien von psychedelischer Musik begleitet wurden. Die Organisatoren hatten für alle Spieler Tickets für ein Baseball-Match der St. Louis Cardinals besorgt, das aber leider wegen Regens ausfallen musste.

Rex Sinquefield, Vereinsgründer und Hauptsponsor der Meisterschaft, nahm lebhaften Anteil am Turnier und verpasste nicht einen einzigen Zug.

Meine junge Schülerin Ashritha Eswaran schnitt mit 3,5 aus 9 sehr gut ab.

Ashritha Eswaran

Leider verpasste sie die WIM-Norm um einen halben Punkt, aber die Erfahrung, die sie hier gewonnen hat, wiegt das mehr als auf. Bemerkenswerterweise war Ashritha die einzige Teilnehmerin im Damenturnier, die in den USA geboren wurde. Wie viel Potenzial sie hat, zeigt das folgende Fragment. Ashritha gewinnt mit studienartigen Wendungen im Endspiel.

 


Dejan Bojkov, 1977 in Bulgarien geboren, ist Großmeister und leidenschaftlicher Schachtrainer. Er wurde auf der Sportakademie Sofia ausgebildet und hat Spieler und Spielerinnen in der ganzen Welt zum Erfolg geführt, unter anderem die Ex-Frauenweltmeisterin Antoaneta Stefanova. 2009 wurde Bojkov bulgarischer Meister und spielte für Bulgarien bei den Mannschaftseuropameisterschaften. Bojkov schreibt regelmäßig für ChessBase, ist Autor einer Reihe beliebter ChessBase-DVDs und hat zusammen mit Vladimir Georgiev den Taktikratgeber "A Course in Chess Tactics" (Gambit 2010) verfasst.
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