Schach im Frauengefängnis

von Manuel Azuaga Herrera
27.04.2016 – Am 8. März, dem "Internationalen Frauentag", organisierte die Kasparov-Schachstiftung für Lateinamerika im "Centro Federal de Reinserción Social", einem Frauengefängnis in Coatlán del Río, Morelos (Mexiko) einen "Schachtag". 20 der über 200 Insassen spielten im Rahmen der Veranstaltung ein richtiges Schachturnier. Eine Reportage aus Mexiko...

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Die Dame auf dem Schachbrett, als Instrument zur sozialen Wiedereingliederung

Schach in einem Frauengefängnis in Mexiko, dem "CEFERESO 16"

Das Schachspiel ist viel mehr als nur ein Spiel. Seit einigen Jahren, wird es häufig auch auf therapeutischem und sozialen Gebiet eingesetzt und seine positive Wirkung ist hierbei unumstritten. Heute wissen wir, dass sehr positive Erfahrungen mit Bedürftigen und Risikogruppen gemacht werden und dass das Schachspiel dabei helfen kann, sie vor der Ausgrenzung zu bewahren. Darum eignet es sich unter Anderem auch für Zielgruppen wie Alzheimerpatienten, Menschen mit Autismus oder anderen geistigen Störungen, sowie für die Arbeit mit hyperaktiven Kindern. Aber auf einem weiteren Gebiet ist das königliche Spiel ebenfalls eine meisterliche Wahl und zwar auf dem der Resozialisierung von Straftätern, die im Gefängnis sitzen. Dann kann das Schach sogar helfen, die eigene Persönlichkeit zu "bessern".

Am 8. März dieses Jahres, am Internationalen Frauentag, durften mehr als 200 weibliche Gefangene des Centro Federal de Reinserción Social (CEFERESO) Nr. 16, eines Frauengefängnisses in Coatlán del Río, Morelos (Mexiko), einen Tag lang nach Herzenslust Schach spielen.

Eine der Gefangenen, die ein an ihre Mitgefangenen gerichtetes Manifest vorliest (FOTO: CNS)

Der Schachtag wurde von der Comisión Nacional de Seguridad (CNS), dem Organ für Prävention und Resozialisierung (Órgano Administrativo Desconcentrado Prevención y Reinserción Social (OADPRS), zusammen mit der Kasparov Schachstiftung für Iberoamerika organisiert, um auf diese Weise auf offiziellem Wege eine Zusammenarbeit mit sozialem Charakter durchzuführen. Einer der Programmpunkte, der schon seit Ende 2015 auf der Agenda der Kasparov Schachstiftung steht, das Schachspiel als Hilfsmittel für die soziale Wiedereingliederung einzusetzen und zwar wenn möglich in allen Gefängnissen Mexikos.


Erwähnenswert ist auch der aussergewöhnliche Erfolg, den das Programm bereits im Gefängnis CEFERESO Nr. 1 "El Altiplano", in der mexikanischen Gemeinde Almoloya gezeigt hatte.

In diesem Falle, waren es die weiblichen Insassen des Frauengefängnisses CEFERESO Nr. 16, die mehr als fünf Stunden lang den lebendigen Beweis dafür lieferten, wie gut das Schachspiel dazu geeinget ist, strategische Prinzipien zu vermitteln, die von enormem persönlichen Wert sein können, und das unter so komplizierten Umständen, wie es der Freiheitsentzug mit sich bringt. Das Schachspiel eignet sich ideal um auf spielerische Weise zu erlernen, erst nachzudenken und dann zu handeln, Verantwortung für die eigenen Taten zu übernehmen, Fehler einzusehen, ohne dafür Entschuldigungen oder Ausflüchte zu suchen oder Gründe anzugeben wie "ich habe eben Pech gehabt" und diese als Schutzschild zu gebrauchen. Man lernt automatisch, den Wert einer Situation besser einschätzen (und das nicht nur auf dem Schachbrett), um auf diese Weise anschließend den besten Plan verfolgen zu können und sowohl Regeln als auch Gegner mühelos zu respektieren. All diese Lehren sind typisch für das strategische Denken und die Automatismen, die mit unserem noblen Spiel einhergehen. Das "Einzige" was man tun muss, ist sie entsprechend anzunehmen und zu nutzen und sie danach auf konkrete Situationen im täglichen Leben anzuwenden.

Die Kasparov Schachstiftung, in Anweisenheit ihres Präsidenten, Hiquíngari Carranza, organisierte ein Schachturnier mit 20 der weiblichen Gefangenen zwischen den Einheiten 4 und 5 des CEFRESO. Zwischen der Qualifikationsphase (4 Runden, á 7 Minuten pro Spielerin) und dem großen Finale (ein Duell zwischen den beiden besten Spielerinnen des Qualifikationsturnieres), wurde noch ein Vortrag zum Thema "Schach, als Weg zur Veränderung" von Manuel Azuaga gehalten. Er ist Experte auf den Gebieten des Schachspiels als soziales Hilfsmittel und im Bereich Frauenschach. Azuaga ist Präsident des Verbandes für Soziales Schach in Andalusien und engagiert sich mit großem Erfolg seit 2014 für ein an Frauen gerichtetes Projekt, die davon bedroht sind, aus der Gesellschaft ausgeschlossen zu werden. Dieses Projekt heißt "Schach und Gleichberechtigung".

Hiquíngari Carranza, der Präsident der Kasparov Schachstiftung Iberoamerikas, spricht zu den Gefangenen (FOTO: CNS)

In seiner Rede stellte Hiquíngari Carranza heraus auf welchen Gebieten sich das Schachspiel als Element der sozialen Verwandlung besonders gut eignet. Unter anderem gab er an, dass das Schachspiel kein Alter kennt und auch keine Geschlechtsunterschiede. Ein Schachbrett und Figuren bemöchtigen uns zur Gleichberechtigung. Wir finden hierzu passende Beispiele in den Biografien zahlreicher Schachspielerinnen wie . B. den Polgar Schwestern oder Vera Menchuk. Letztere war mitte des letzten Jahrhunderts eine der großen Kämpferinnen für Gleichberechtigung und ist zweifellos (nicht allein, was den schachlichen Aspekt angeht) noch nicht gebührend genug für ihr Engagement gewürdigt worden.


Azuaga wies auf die wichtigen negativen Efekte hin, was das Familienleber betrifft, speziell wenn Frauen ins Gefängnis kommen. Wenn ein Mann eine seine Strafe absitzt, dann büßt er für sein Vergehen. Aber wenn eine Frau im Gefängnis sitzt, ist die Strafe doppelt. Sie verbüßt ihre rechtmäßige Strafe aber darüber hinaus hat sie auch noch eine persönliche Schuld dafür zu tragen, wenn die familiären Verbindungen kaputt gehen und sie keine Ehefrau und was noch viel schlimmer ist, keine gute Mutter mehr für ihre Kindern sein kann. Diese soziale Stigmatisierung hat einen schweren verletzenden Einfluss auf das emotionale Leben der Frau, den sie vermutlich während ihrer ganzen Haftzeit in voller Härte erleben muss.

In diesem Sinne sind die Studien von Murray (2005), Western (2006) und Drucker (2011) sehr aufschlussreich und kommen zu der Schlussfolgerung, dass eine weibliche Gefangene doppelt buße tut, im sozialen Sinne gesehen. Azuaga weißt auf die Allegorie mit dem Schachspiel hin. Eine Gefangene ist und bleibt immer eine "Dame". Und genau wie die Dame im Schachspiel, hat sie die "Partie" ihres Lebens noch nicht verloren. Analog zum Schachspiel gibt es auch im Leben eine zweite Chance. Wir können uns irren, aber wir können immer wieder aufstehen und weiter und besser spielen. Und diese Bewustmachung wird dazu dienen, mit Hilfe des Schachspiels, Probleme und Situationen anders angehen zu können wenn eine Gefangene, die mit Schach in Berührung gebracht wurde, wieder aus dem Gefängnis entlassen wird. Sie kann sich dann vielleicht leichter wieder in das soziale Leben integrieren.

Die Teilnehmerinnen bewiesen dem Schachspiel gegenüber größten Respekt (FOTO: CNS)

Werfen wir noch einen abschließenden Blick auf den Ausgang des Turniers. Die beiden Finalistinnen spielten 3 Partien. Sie taten dies auf einem Gartenschachbrett von 3 x 3 Metern, während sie die Schachzüge den Lehrerinnen der Kasparov Schachstiftung angaben. Diese Lehrerinnen sind übrigens "Frucht" der ersten Ausbildungskurse für Schachtrainerinnen und Schachtrainer, die ebenfalls die Kasparov Stiftung mit Hiquíngari Carranza durchgeführt hat.

(FOTO: CNS)

Die Spannung im Saal war förmlich zu spüren. Die ganze Aktion an sich war ja schon spannend genug, aber da das große finale Schachduell dann auch noch zwischen zwei Gefangenen aus unterschiedlichen Einheiten des Gefängnisses ausgetragen wurde, Einheit 4 und Einheit 5, war die Atmosphäre zusätzlich von Ehrgeiz und Rivaltät aufgeheizt. Die Sekunden auf der Uhr flogen nur so dahin und die Nerven des Publikums lagen sichtlich blank. Trotzdem äußerte sich diese Anspannung in einem würdevollen Schweigen, das den großen Respekt vor dem Spiel, den Spielerinnen und den Organisatoren erkennen ließ.

Plötzlich gelang es dem Läufer über die lange Diagonale den Turm auf a8 zu schlagen! Das Publikum brach in einen frenetischen Jubel aus! Man hörte laute Freudensschreie und Anfeuerungsrufe für die Kameradinnen. Am Ende war das Ergebnis gar nicht das Wichtigste, aber trotzdem wollen wir gerechterweise in diesem Bericht erwähnen, dass die "lokale" Spielerin mit 2:1 gewann. Und das obwohl sie die erste Partie des Duells verloren hatte! Das unterstreicht dann auch gleich wieder die These, dass man niemals aufgeben soll und immer noch eine weitere Chance hat!

Die Trainerinnen der Kasparov Schachstiftung unterstützten die Spielerinnen nach Kräften (FOTO: CNS)

Zusammenfassend läßt sich sagen, dass der Schachaktionstag im Frauengefängnis rundum ein voller Erfolg war. Dies untermauert eines der wichtigsten Ziele der Kasparov Schachstifung für Iberoamerika: Schach hilft bei der sozialen Wiedereingliederung von Häftllingen, in diesem Falle der weiblichen Gefangenen des CEFERESO 16, und es kann ihnen den Gefängnisalltag ein wenig erträglicher machen. Das Schachspiel ist dafür jedenfalls ein äußerst aprobates Mittel.

Das Schachspiel wurde als Mittel zur leichteren sozialen Wiedereingliederung eingesetzt (FOTO: CNS)

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Manuel Azuaga Herrera, Diplom Informatiker. Mitbegründer der "Asociación Ajedrez Social de Andalucía". Schachtrainer beim Andalusischen Schachverband. Mitarbeiter der "Fundación Kasparov para Iberoamérica".
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