Schach, Musik und Literatur

02.12.2007 – Vergangenen Donnerstag war Deutschlands bekannteste Schulschachgruppe, die SG HHUB, zusammen mit dem Bloomsbury Verlag Berlin und ChessBase Gastgeber einer Veranstaltung, in der Schach, Musik und Literatur miteinander harmonisch verwoben gleichermaßen zum Zuge kamen. Ronan Bennett las aus seinem Polit- und Schachthriller Zugzwang und diskutierte im Anschluss mit Dr. Helmut Pfleger und Daniel King über Schach und dessen mitunter extreme Persönlichkeiten. Im Musikteil stellte Matthias Wüllenweber zusammen mit der Musikerin und Schauspielerin Vaile erst das Kompositionsprogramm Ludwig vor, bevor der Autor selbst an der Querflöte, der Trompeter Jan-Peter Klöpfel und Daniel King (am Bass!) Kompositionen des Programms spielten und sich dabei von Ludwig (am Notebook) begleiten ließen. Schließlich zeigte Daniel King in einem Simultan seine Schachkünste. Nicht nur der Anglist und Pinter-Biograf Peter Münder war von einem einzigartigen Abend begeistert.Mehr über Ludwig...Als Marionette im Spiel der Intrigen...

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Der Großmeister als Marionette im Spiel der Intrigen

Um Schach und revolutionäre Umtriebe, Rubinsteins Petersburger Krise während des großen Turniers 1914 und um die Machenschaften dubioser Spitzel und Terroristen geht es im Roman „Zugzwang“ des irischen Autors Ronan Bennett. Die von Chessbase und dem Verlag Bloomsbury gesponserte Buchvorstellung in Hamburg wurde zum spannenden Event mit Podiumsdikussion, eindrucksvoller Demonstration des PC- Kompositionsprogramms „Ludwig“ und anschließendem Simultanturnier gegen Großmeister Daniel King

Von Peter Münder
Fotos: Benjamin Bartels, André Schulz, Frederic Friedel


Jan-Peter Klöpfel als Schattenspiel


Fabian und Nele eröffnen im Namen der SG HHUB den Abend


Die Eleganz eines Klarinettenkonzerts von Mozart strahlten die Partien Rozentals aus, konstatiert der Petersburger Psycho-Analytiker Otto Spethmann bewundernd. Großartig sei auch die phantastische Siegesserie von 1912 mit spektakulären Siegen gegen den Remiskönig Carl Schlechter und Aljechin, doch nun, im Frühjahr 1914, erklärt Spethmann bedauernd, stecke Rozental offenbar in einer tiefen Sinnkrise, die seine Teilnahme am Großmeisterturnier unmöglich mache. Der Meister sei geradezu besessen von seinem ins Pathologische driftenden Minderwertigkeitskomplex: Er wage keinen Blickkontakt zu seiner Umwelt aufzunehmen und bei einem Turnier würde er sich nach jedem ausgeführten Zug sofort vom Tisch entfernen und versuchen, sich hinter Palmen zu verstecken, um sich unsichtbar zu machen. Seinen unerträglichen, unwürdigen Anblick wolle er anderen offenbar nicht zuzumuten. Diese gravierende Krise könne er als Analytiker jetzt nicht mehr im Schnellverfahren beheben- der Meister müsse daher dringend pausieren.

Im großartigen Schachthriller des irischen Autors Ronan Bennett, der mit dem Mord an einem Zeitungsverleger beginnt und den Leser sofort in das Umfeld von Geheimdienstintrigen, anarchistischer Umtriebe und Attentatspläne vor Ausbruch des Ersten Weltkriegs hineinzieht, lieferte der legendäre polnische GM Aka Rubinstein (1882-1961), zwischen 1907 und 1922 immer unter den vier besten Spielern der Welt, das Vorbild für den tragischen Anti-Helden Rozental. Der Erzähler Spethmann soll den verunsicherten Rozental möglichst schnell therapieren und mental fit machen für das bedeutende Petersburger Turnier, von dem die Petersburger High Society absolut begeistert und entzückt ist- sogar der Zar zeigte sich spendabel und unterstützte diesen Mega-Event damals mit tausend Rubeln. Doch bald wird deutlich, dass der so souverän auftretende Spethmann auch sein Päckchen zu tragen hat: Seine rebellische Tochter bereitet ihm Probleme, er muß sich mit dem Verlust der Ehefrau irgendwie abfinden, außerdem hat er sich noch in eine Patientin verliebt, die zu den einflussreichsten Kreisen Petersburgs gehört und ihm etliche Probleme bereiten könnte. Hinzu kommt noch, dass Rozental offenbar von dubiosen Intriganten für ihre Pläne eingespannt werden soll. Kein Zweifel: Spethmann steht unter einem geradezu paralysierendem Zugzwang- wie kann er sich und Rozental aus der misslichen Lage befreien?

Diese Melange aus Mord und Love Story, nostalgischer Belle- Epoque-Verklärung und verräterischer Doppelagenten-Intrige könnte aus den Niederungen schwülstiger Lore-Romane abgeschöpft sein, doch Bennett verwebt die Handlungsstränge zu einem spannenden Plot, baut facettenreiche Psychogramme exzentrischer Typen ein und kann das Ambiente der turbulenten Petersburger Vorkriegsepoche mitreißend darstellen. Vor allem aber hat sich der begeisterte, exzellente Schachspieler Ronan Bennett mit der Mentalität der Großmeister vertraut gemacht und kann die Eigendynamik einer Partie, den militanten Furor brillant beschreiben, mit dem das Ego des Gegners am Brett vernichtet werden soll.


Ronan Bennett

Für den aus Belfast stammenden, jetzt in London lebenden 51jährigen Ron Bennett ist dies bereits der fünfte Roman. Er hat ein Faible für das Ausloten krisengeschüttelter Grenzbereiche: „The Catastrophist“ beschrieb die chaotische politische Situation im Kongo sowie eine aufwühlende Liebesaffäre eines phlegmatischen englischen Autors mit einer flatterhaften italienischen Journalistin- Graham Greene lässt grüßen. Dann faszinierte ihn (in „Havoc in it´s Third Year“) die vorrevolutionäre Cromwell-Zeit um 1620. „Mich hat eigentlich immer schon die Frage interessiert: Wie reagieren Menschen in Krisensituationen? Woran orientieren sie sich in einem moralischen Dilemma?“ fragte Bennett während der Podiumsdiskussion mit GM Helmut Pfleger und dem britischen GM Daniel King, mit dem er eine wöchentliche Schachkolumne in der liberalen Tageszeitung „The Guardian“ betreut.


Anna von Hahn (Bloomsbury) und Rainer Woisin (ChessBase)


Podiumsdiskussion


GM Daniel KIng


Anna von Hahn vom Bloomsbury Verlag

Als Krisenmanager ist Bennett wohl so gut qualifiziert wie kaum ein anderer Autor. Schließlich war er über eineinhalb Jahre im berüchtigten nordirischen Knast Long Kesh als poltischer Gefangener inhaftiert. Er war wegen anarchistischer und politisch verdächtiger Umtriebe ins Visier der britischen Behörden geraten und ohne jeden Beweis verhaftet worden. Dann hatte er sich in einem mehrwöchigen Verfahren am Londoner Old Bailey selbst verteidigt und wurde freigesprochen. In seinem stark autobiographisch geprägten ersten Roman „The Second Prison“ hatte er das Trauma dieser Knastperiode verarbeitet. Natürlich sensibilisiere ihn diese Erfahrung für politische Konflikte und die Verschleierungsmechanismen des öffentlichen „Newspeak“. Nach den Terror-Attacken vom 11. September und den Enthüllungen über eine Hamburger Al-Quaida-Zelle schrieb er das Drehbuch für den Film „The Hamburg Cell“.


Ronen Bennet und Vaile Fuchs

Er ist inzwischen auch als Skriptwriter für TV-und Filmproduktionen sehr erfolgreich. Den englischen Bestseller-Autor Martin Amis hat er gerade in einer polemischen Attacke im “Guardian“ wegen dessen plumper „Muslim Bashing“ – Stammtisch-Parolen angegriffen. Bennett sieht sich nicht als verspielter Schöngeist, sondern er möchte auch kritische Aufklärung betreiben und sich zu wichtigen Fragen äußern, ohne sich dabei als Oberlehrer zu gerieren.


Bennett beim Schach

Das Schachspielen hatte Bennett im Belfaster Knast erlernt: „Das war jedoch nur primitives Attacken-Schach- selbst wenn der Gegner absolut überlegen war und man aussichtslos mit zwei lächerlichen Bauern gegen Dame und Turm stand, spielten wir immer munter die Bauern nach vorne- es gab einfach kein zurück ! Man lässt sich eben weder im Knast noch auf dem Brett unterkriegen. Die Finessen der Eröffnungstheorie, Stellungsanalysen usw.- das alles lernte ich dann erst fünf Jahre später“.

In der Podiumsdiskussion bestätigte Daniel King, dass Bennett inzwischen ein wirklich guter Spieler mit einem exzellenten Gespür für komplizierte Stellungen geworden sei.


Anna von Hahn, Ronan Bennett, Dr. Helmut Pfleger, GM Daniel King

GM King ist in England ja als Autor mehrerer populärer Schachbücher bekannt. Er schrieb über Kasparovs „Deep Blue“-Duell und veröffentlichte zusammen mit Kasparov den Band „Kasparov v. The Rest of the world“.


Dr. Helmut Pfleger, Daniel King

Doch der Umgang mit dem kapriziösen Meister war wohl doch sehr ernüchternd: „Das war das letzte Mal, das ich mit ihm zusammen gearbeitet habe!“ betonte er. Die im Roman beschriebene, mit „Zugzwang“ endende Partie ist übrigens identisch mit der Partie, die King vor einigen Jahren gegen Sokolov spielte und gewann.


Eintrag ins Gästebuch der SG HHUB


Ronan Bennett, Nele Hammer

Schon vor 25 Jahren war Bennett vom exzentrischen Rubinstein fasziniert gewesen, fand aber erst jetzt, nach intensiver Beschäftigung mit dem Schach zu diesem Faszinosum zurück. „Beschäftigen wir uns alle nicht zeitlebens immer wieder mit unseren Obsessionen?“ fragte Bennett. Und damit berührt er auch die Frage, ob eine unter die Haut gehende künstlerische Kreativität ohne ein beinah obsessives Erkenntnisinteresse überhaupt möglich ist. Jedenfalls merkt man „Zugzwang“ dieses immense Interesse des Autors deutlich an.

Da es in „Zugzwang“ zahlreiche Hinweise auf Musikstücke, Musiker und Komponisten gibt, war es naheliegend, an diesem spannenden Abend gleich noch die Talente des PC-Kompositionsprogramms „Ludwig“ zu testen und zu demonstrieren.


Nele und Vaile sprechen über Musik

Dazu begab sich der musikalisch hochtalentierte Daniel King an den Bass, Matthias Wüllenweber ergriff die Querflöte und der geniale Jan Peter Klöpfel vom „Jazzhouse Orchestra“ brillierte auf der Trompete- einfach toll!


Die Musiker sind bereit


King (Kontrabass), Wüllenweber (Querflöte), Klöpfel (Trompete), Ludwig (übrige Instrumente)




"Was hat Ludwig da komponiert...?"

Denn „Ludwig“ ergänzte das munter swingende Trio mit Klavier oder Gitarrenbegleitung. Man hatte den Eindruck, hier würde eine komplette sechsköpfige Combo zum Samba-Pop oder zur Rock-Hymne „Lavender Holding“ aufspielen.


Matthias Wüllenweber erklärt Vaile, wie Ludwig funktioniert

Im Gespräch mit „Ludwig“-Entwickler Matthias Wüllenweber musste die anfangs noch skeptsiche Sängerin Vaile Fuchs -mit Popstar Tommy Reeve auf Tournee und als attraktive „Tatort“-Leiche in „Der Traum von der Au“ zu bewundern- nach einigen beeindruckenden „Ludwig“-Kunststücken zugeben, wie cool dieses Programm sei.


Vaile Fuchs, gerade aus der Soap Marienhof "rausgestorben"


Daniel King bittet zum Simultan

Daniel Kings abschließendes Simultanvorstellung an acht Brettern endete für den Chronisten nach frühem Turmverlust und einer völlig verkorksten Stellung übrigens mit einer vernichtenden Niederlage, während Ronan Bennett sich ohne Figurenverlust souverän behaupten und ein überzeugendes Remis herausholen konnte.


Dr. Rainer Traub vom Spiegel, Ronan Bennett, Peter Münder


Peter Münder, Anglist und Pinter- Biograf, spielt bei Caissa Rahlstedt


Selten hat es soviel Spaß gemacht, beim Schach zu verlieren

Jedenfalls musste Daniel King keinen Punkt abgeben.



Bei dieser perfekt organisierten Buchvorstellung in der „Villa Finkenau“ passte einfach alles zusammen: Ein tolles Buch, ein wunderbares Programm, spannende Gespräche mit dem sympathischen Helmut Pfleger, dem fasziniereden Daniel King und natürlich auch mit Ronan Bennett, der wohl die literarische Entdeckung des Jahres ist. Was für ein toller Abend!


King und Bennett im Gespräch mit den Musikern Marquadt und Williams


Ralf Walter Marquardt, Sven Gordon Williams ( I sea music)
und Jörg Hilbert (Fritz&Fertig, Ritter Rost)


Dr. René Gralla


Anna von Hahn und Sven Gordon Williams


GM-Talk: Rainer Knaak und Dr. Helmut Pfleger


Ronan Bennett: Zugzwang. Übers. Von Stefanie Röder. Bloomsbury Verlag, 352 S., 19,90 Euro
„Ludwig“, der geniale PC-Komponist und Lehrer von ChessBase, kostet 49, 99 Euro


Links:

Bloomsbury Verlag...

SG HHUB...

Interview mit Ronan Bennett...

Schachkolumne mit Ronan Bennett und Daniel King im Guardian...


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