Schach und kognitive Hermeneutik

04.12.2007 – Schach in der Schule ist ein aktuelles Thema, das Pädagogen und Bildungspolitiker nach den Ergebnissen der PISA-Studie zunehmend beschäftigt hat. Schach ist aber auch ein Thema für die Universität. In seinem Seminar "Kognitive Hermeneutik: Theoretische Grundlagen und praktische Anwendung" beschäftigt sich Dr. Jürgen Rauter mit seinen Studenten im Rahmen des germanistischen Bachelor-Studiums an der Heinrich-Heine-Universität mit dem Themenkomplex Schach, Politik und Literatur. Anhand von Beispielen wie Patrick Süskinds Ein Kampf (1985), Stefan Zweigs: Die Schachnovelle (1942), Vladimir Nabokovs: Lushins Verteidigung (1930), John Brunners: Die Plätze der Stadt (1965), Elias Canettis Die Blendung (1935) und anderen lernen die Studenten die wissenschaftliche Auseinandersetzung mit der literarischen Verarbeitung der genannten Themen bzw. deren Deutung in der Sekundärliteratur, u.a. mit dem Ziel, Fehlinterpretationen zu erkennen und zu vermeiden. Univ. Düsseldorf...Abstract...

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Jürgen Rauter
Kognitive Hermeneutik: Theoretische Grundlagen und praktische Anwendung

Abstract: Dass Schach auch immer wieder literarisch umgesetzt wird, beweisen J. K. Rowlings Harry Potter oder die jüngste Veröffentlichung eines Fragments Friedrich Dürrenmatts mit dem Titel: Der Schachspieler (2007). Dieses Interesse der Autoren am königlichen Spiel gab den Anstoß, sich mit dem Thema Schach-Literatur-Politik wissenschaftlich auseinanderzusetzen und ein entsprechendes Seminar im WS 2007/08 an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf zu konzipieren.


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Das germanistische Bachelor-Studium der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf ist im Basis-Bereich Neuere deutsche Literatur daraufhin ausgerichtet, den Studenten zunächst ein literaturwissenschaftliches Werkzeug in Form unterschiedlicher Literaturtheorien und Methoden der Textarbeit zu vermitteln. Im Grundseminar B2-2-2 wird mit den Studenten die wissenschaftliche Erprobung ausgewählter Ansätze auf literarische Texte eingeübt, wobei hier die Unterscheidung zwischen wissenschaftlicher und aneignender Textarbeit entscheidend ist.

Beispielsweise tritt beim Studium einer Schachpartie häufig die Frage auf, weshalb Züge mit einem Ausrufezeichen (!) versehen werden, obwohl die entsprechende Partei wenige Züge später schlecht steht?! Wissenschaftlich ist dieses Paradoxon nicht haltbar – es wurde einfach schlecht kommentiert, weshalb in diesem Fall von einer aneignenden Deutung gesprochen werden kann: Vielleicht gefiel dem Kommentator nur dieser Zug außergewöhnlich gut er hat eine Schwäche für dieses Eröffnungssystem oder er findet den entsprechenden Spieler sympathisch etc.

Derartige unpräzise Vorgehensweisen finden sich auch in der Literaturwissenschaft, wo Texte den eigenen Vorlieben untergeordnet werden, ohne dass die Frage gestellt wird, welches Textkonzept oder welches Literaturprogramm der Autor verfolgt bzw. durch welche Weltbildannahmen oder Wertüberzeugungen er geprägt wird[1].

Dies lässt sich etwa an Bobby Fischer exemplifizieren: Viele vertreten die Ansicht, Fischers Hass auf die UdSSR sei psychoanalytisch erklärbar und verweisen in diesem Zusammenhang auf seine vaterlose Kindheit etc. Dabei wird unterschätzt, dass Fischer zur Zeit McCarthys aufgewachsen ist, wo jeder potentiell verdächtige Kommunist, ein sog. „antiamerikanischer Umtrieb“, gnadenlos verfolgt wurde. Fischer ist durch dieses System geprägt worden, weshalb hier die Wurzeln seiner Aussagen gegen Sowjetrussland zu suchen sind! Ähnliches zeigt sich in M. Botwinniks Schach-Erinnerungen[2] (dt. 1981), wo im Zusammenhang mit Fischer die typischen Klischees des Kapitalismus mehrmals aufgefahren werden, um Fischer als Prototypen eines Systems, das in Hemmungslosigkeit (übermäßiger Genuss von Alkohol, Kauf von Frauen; vgl. S. 212) ausartet, darzustellen. Botwinniks Konzept kann dahingehend interpretiert werden, dass er in seinen Schach-Erinnerungen die typische Kritik am Kapitalismus auf Bobby Fischer überträgt, womit dieser zum Prototyp einer rücksichtslosen oder unmoralischen kapitalistischen Welt inszeniert wird.

Derartige Überlegungen führen dazu, von Autoren verfasste Werke mit ihren Konzepten in Verbindung zu bringen und entsprechende Hypothesen direkt am Text abzugleichen, wobei dies im Falle obigen Seminars anhand von Literatur, die sich dem Thema Schach widmet, einstudiert wird. Dabei werden Fragestellungen verfolgt, wie beispielsweise das Schachspiel in der Literatur eingesetzt wird: Dient es nur der Gestaltung einer Szene oder fungiert es als ein Spiel mit doppeltem Boden, d. h. dass das, was auf dem Schachbrett passiert, allegorisch die Wirklichkeit betrifft. Ein Beispiel hierfür liefert erneut Bobby Fischer wenn er schreibt: „Schach ist Leben!“, so wie Justitia für das Recht steht.

Im Seminar werden dabei ausgewählte literarische Texte mit wissenschaftlichen Maßstäben gemessen, wobei der Themenbereich Schach-Literatur-Politik im Mittelpunkt steht: Patrick Süskind: Ein Kampf (1985), Stefan Zweig: Die Schachnovelle (1942), Vladimir Nabokov: Lushins Verteidigung (1930), John Brunner: Die Plätze der Stadt (1965), Elias Canetti: Die Blendung (1935). Ein weiterer Themenschwerpunkt ist dem Kapitel „Schach und der kalte Krieg“ sowie „Garry Kasparow“ gewidmet.

Ich führe in der Folge einige kritische Aspekte anhand von Stefan Zweigs Schachnovelle[3] etwas aus: Vielen Literaturwissenschaftlern scheint die Tatsache unbekannt, dass Stefan Zweig relativ wenig vom Schachspiel verstand. Dies zeigt sich beispielsweise in Widersprüchen, etwa wenn Dr. B. einmal eine „defensiv[e] Haltungsweise“ (S. 38), eine Seite später jedoch den „ganzen Druck vorwärts“ (S. 39) empfiehlt.

So wird der Schachweltmeister Mirko Czentovic als eine Person dargestellt, die keine „immaginative[] Kraft“ (S. 16) besitzt, der „keine einzige Schachpartie auswendig“ (S. 15) kann: „Ihm fehlte vollkommen die Fähigkeit, das Schlachtfeld in den unbegrenzten Raum der Phantasie zu stellen“ (S. 15).

Ein Schachspieler erkennt relativ schnell, dass dies zur Folge hat, dass Czentovic keinen Zug vorausberechnen kann, womit er sicherlich niemals Weltmeister werden könnte. Diese einfache Erkenntnis bringt jedoch erhebliche Konsequenzen mit sich: Wenn Czentovic keinen Zug vorausrechnen kann, dann muss diese Eigenschaft auch auf sein gesamtes Verhalten ausgeweitet werden. Konsequent weitergedacht bedeutet dies, dass Czentovic keine Pläne entwickeln, sondern nur auf Situationen reagieren kann. Dies verkennend, wird ihm oftmals unterstellt, er verfolge bestimmte negative Absichten, was jedoch allein aus seiner Schachtätigkeit als völlig verfehlt erscheint.

Andere Absurditäten wie die Aussage, die Schachnovelle sei „das Kultbuch für die Freunde des königlichen Schachspiels“[4], gehören ebenfalls in die Rubrik aneignender Interpretationen, deren wissenschaftlicher Gehalt jedoch mehr als fragwürdig erscheint und empirisch wohl kaum haltbar ist.

Anhand dieser Beispiele kann den Germanistikstudenten beigebracht werden, dass literaturwissenschaftliche Thesen einer Überprüfung am Text standhalten müssen. Wenn Czentovic keine Vorstellungskraft, keinen Plan hat, dann darf ihm nicht unterstellt werden, er würde der Masse gezielt ausweichen – weil gezielt einen Plan impliziert, den er jedoch – so Zweigs Darstellung der Figur – nicht haben kann.
Aus politischer Sicht sind vor allem die Figuren Bobby Fischer, Viktor Kortschnoi und Garri Kasparow interessant. Beispielsweise schreibt der Letztgenannte in Politische Partie[5] (dt. 1987) über Kortschnois Niederlagen bei der WM 1978, dieser habe „in seiner Enttäuschung [...] die Schuld für seine Niederlage bei allen anderen, nur nicht bei sich selbst“ (S. 116) gesucht. „Dabei ist doch selbstverständlich, daß derjenige, der die Figuren auf dem Brett bewegt, am Ende die Verantwortung auf sich nehmen muß, was immer auch seine Sekundanten ihm geraten haben mögen“ (S. 116). Andererseits unterschiedet sich Kasparow – ohne dies zu merken – nicht von Kortschnoi, wenn er den Grund für die drei Niederlagen in Serie (WM 1986) seinem Sekundanten Wladimirow (S. 304 ff.) in die Schuhe schiebt. Derartige Widersprüche zeigen, dass Kasparow die Ereignisse um Kortschnoi keinesfalls neutral, sondern genauso subjektiv deutet, womit seine Lehrmeisterei zur leeren Hülle verkommt.

Anders hingegen Kasparows Beurteilung von Kortschnois Flucht in den Westen: „Kortschnoi hatte keine Freunde im System, die für ihn hätten Partei nehmen können. 1976, nach Abschluß des IBM-Turniers in Amsterdam, zog er einen Schlußstrich unter eine Phase wachsender Entfremdung von seinem Vaterland, indem er politisches Asyl im Westen beantragte“ (106). Hier zeigt sich beispielsweise auch der Grund, warum Kasparow 1984/85 erfolgreich blieb, hatte er doch entsprechenden Rückhalt im politischen System, etwa Alexander Jakowlew (246). Allerdings führt dieser politische Rückhalt dazu, dass die Grenze zwischen Karpow und Kasparow relativ schmal wird, denn letztlich nutzen beide das politische System so gut sie können. In diesem Punkt verdeckt Kasparow folglich den Nutzen, den er aus dem System der UdSSR gezogen hat, um letztlich Schachweltmeister zu werden.

Diese knappe Skizze sollte als Einblick in die kognitive Hermeneutik – und damit in die um Wissenschaftlichkeit bemühte Textanalyse – genügen, deren Ziel es ist, die Frage nach der Textbeschaffenheit – Textkonzept, Literaturprogramm – zu klären mit dem Ziel, eine wissenschaftliche Interpretation von Literatur anzustreben, die einer kritischen empirischen Überprüfung standhält und die zudem Einblicke in die Weltbildannahmen und die Wertüberzeugungen, dem sog. Überzeugungssystem der Protagonisten, gewährt. Gleichzeitig führt dies dazu, dass Fehlinterpretationen – oder Fehlkommentierungen – als solche offengelegt und entsprechend gebrandmarkt werden, womit ein kleiner Schritt zu einer verbesserten Textarbeit geleistet werden kann.
 



[1] Diese Fragestellungen orientieren sich an der von Peter Tepe entwickelten Kognitiven Hermeneutik: Tepe, Peter: Kognitive Hermeneutik. Textinterpretation ist als Erfahrungswissenschaft möglich. Würzburg, 2007

[2] Botwinik, Michail: Schach-Erinnerungen. Düsseldorf , 1981.

[3] Zweig, Stefan. Die Schachnovelle. 56. Aufl., Frankfurt a. Main, 2007.

[4] Neubauer, Martin. Stefan Zweig. Die Schachnovelle. Lektüreschlüssel für Schüler. Stuttgart, 2006, S. 5.

[5] Kasparow, Garri: Politische Partie. München, 1987.

 


Angaben zum Autor:

Jürgen Rauter ist 1971 in Bruneck (Südtirol, ITA) geboren. Nach dem Abitur arbeitete er zunächst mehrere Jahre in der Informations- und Kommunikationsbranche. Im Oktober 2001 begann er ein Magisterstudium der Älteren und der Neueren Germanistik sowie der Informationswissenschaft an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf. Abschluss Mai 2004.

Promovierte im Dezember 2005. Die Dissertation, die unter dem Titel Zitationsanalyse und Intertextualität. Intertextuelle Zitationsanalyse und zitatenanalytische Intertextualität erschien, präsentiert eine umfangreiche Verbesserung der Zitationsanalyse als Form der Wissenschaftsevaluation bei gleichzeitiger Widerlegung der Intertextualitätstheorie. Jürgen Rauter arbeitet als wissenschaftlicher Angestellter der Abt. für deutsche Sprache und Literatur des Mittelalters an der Heinrich-Heine-Universität Düsseldorf und ist ein schachinteressierter Amateur. Weitere Hobbys sind die Malerei und vor allem das Bergsteigen.

E-mail: Juergen.Rauter@uni-duesseldorf.de

 

 

 

 

 

 

 


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