Schachblinde Weltmeister

von Johannes Fischer
16.11.2014 – In der 6. Partie des Weltmeisterschaftskampf geschah Seltsames: Magnus Carlsen und Vishy Anand litten unter einem kurzen Anfall von Schachblindheit und übersahen eine Kombination, die viele Amateure in einer Blitzpartie gesehen hätten. Am Ende gewann Carlsen. Aber hat es so etwas bei Schachweltmeisterschaften schon einmal gegeben? Mehr...

 


Schachblinde Weltmeister

Es war der bislang aufregendste Moment der Schachweltmeisterschaft 2014. In der 6. Partie des Wettkampfs zwischen Titelverteidiger Magnus Carlsen und Herausforderer Vishy Anand im russischen Sotschi spielte Carlsen in besserer Stellung im 26. Zug nach kurzem Nachdenken 26.Kd2?.

Stellung nach 26.Kd2?

Dieser Zug hätte ihn die Weltmeisterschaft kosten können. Denn jetzt hätte Anand mit dem taktischen Trick 26...Sxe5 eine Gewinnstellung erreichen können. Nach dem praktisch erzwungenen 27.Txg8 rettet sich der von dem Turm h5 bedrohte Springer durch das Zwischenschach 27...Sc4+ und steht nach 28.Kd3 Sb2+ vollkommen sicher - und hat nebenbei zwei weiße Bauern eingeheimst. Schwarz steht auf Gewinn.

Doch dann geschah das Unglaubliche: Anand ließ sich von der Schachblindheit Carlsens anstecken und ließ die große Chance, im Wettkampf zur Halbzeit in Führung zu gehen, ungenutzt verstreichen. Er dachte einige Sekunden nach und spielte dann 26...a4, um seinen strategischen Plan fortzusetzen, mit einem Bauernvorstoß am Damenflügel Gegenspiel zu bekommen.

In diesem Ausschnitt der Live-Übertragung sieht man den entscheidenden Moment der Partie noch einmal.

In Norwegen wird man erleichtert, in Indien schockiert gewesen sein. Auch Carlsen und Anand waren erleichtert und schockiert, denn beide haben nach ihrem jeweiligen Zug sofort gemerkt, was sie getan bzw. nicht getan hatten.

Das Ende der Partie: Anand gibt auf, sichtlich frustriert.

Ein Fehler, der Fragen aufwirft: Gab es bei Schachweltmeisterschaft eigentlich jemals einen solchen Fall von gegenseitiger Schachblindheit? Und, tiefschürfender, wie kommen solche Fehler zustande?

Nun, zumindest die erste Frage lässt sich schnell beantworten. Nämlich mit einem Blick in das unterhaltsame Buch Chess Lists von Andy Soltis, das zuerst 1984 und dann in überarbeiteter Form 2002 in zweiter Auflage erschien. In diesem Buch hat der amerikanische Großmeister und Autor in über 70 kurzen Artikeln mit Überschriften wie "Tragic Losses", "Nobel Prize for Literature Players", "Nineteen Master Games with Illegal Moves" Wissenswertes, Triviales, Banales und Interessantes aus der Welt des Schachs aufgelistet.

Andy Soltis, Chess Lists

Antwort auf die Frage nach gegenseitiger Schachblindheit in Weltmeisterschaftskämpfen verspricht die Überschrift "The Nine Worst World Championship Games". In der Mehrzahl der von Soltis zitierten Partien begeht eine Seite einen groben Fehler, der vom Gegner ausgenutzt wird und zum sofortigen Verlust der Partie führt. Also ziemlich normal. Aber Soltis führt zwei WM-Kämpfe an, in denen es tatsächlich zu bemerkenswerten Fällen gegenseitiger Schachblindheit kam. So in der folgenden Stellung aus dem WM-Kampf zwischen Alexander Aljechin und Max Euwe, 1937. In der 16. Partie stand nach dem 25. Zug von Weiß folgende Stellung auf dem Brett:

Stellung nach 25.Sc3

Schwarz unterlief jetzt mit 25...De5? ein Versehen, das Weiß eine einfache taktische Kombination erlaubte. Nun war Aljechin taktisch sicher nicht schwach, aber er übersah diese Möglichkeit und revanchierte sich mit 26.Lb2?. Euwe blieb weiter blind für die ihm drohenden Gefahren und zog jetzt 26...Lc6?. Doch erneut nahm Aljechin das ihm angebotene Geschenk nicht an und zog 27.a3?, woraufhin Schwarz mit 27...Ld6 alle seine Anhänger, die die Partie in Rotterdam vor Ort verfolgt hatten, erlöste. Am Ende wurde die Partie Remis. Beide, Aljechin und Euwe, hatten übersehen, dass Weiß nach 25...De5? mit 26.Dh8+ Kxh8 27.Sxf7+ nebst 28.Sxe5 einen Bauern hätte gewinnen können. Schwarz hat im Endspiel zwei Bauern weniger und jede Kompensation hat sich verflüchtigt. Weiß steht klar auf Gewinn.

Alexander Aljechin

Auf das Ergebnis des Wettkampfes hatte diese Partie allerdings nur wenig Einfluss. Aljechin, der beim ersten Kampf gegen Euwe 1935 seinen WM-Titel überraschend mit 14,5:15,5 verloren hatte, gewann den Rückkampf 1937 klar mit 15,5:9,5.

Max Euwe

Kurios verlief auch die 18. Partie des WM-Kampfes zwischen Mikhail Botvinnik und Vasily Smyslov 1958. Das war der dritte WM-Kampf zwischen den beiden. Der erste, 1954, endete 12:12 Unentschieden, und da der amtierende Weltmeister damals bei Unentschieden seinen Titel behalten konnte, blieb Botvinnik mit dem denkbar knappsten Ergebnis Weltmeister. Drei Jahre später, 1957, als er sich wieder für den WM-Kampf qualifiziert hatte, besiegte Smyslov Botvinnik jedoch klar mit 12,5:9,5.

Doch im Revanchematch 1958, aus dem folgende Partie stammt, holte sich Botvinnik seinen Titel wieder zurück.

Mikhail Botvinnik

 

Hätte Smyslov diese Partie gewonnen, hätte er gute Chancen gehabt, das Match doch noch für sich zu entscheiden. Am Ende verlor er mit 10,5:12,5.

Vasily Smyslov

Auch Anand wird es schwer haben, nach seiner Niederlage und der verpassten Chance in der sechsten Partie das Match noch einmal herumzureißen. Aber wer weiß? Anand hat schon mehr als ein überraschendes Comeback gefeiert. Vielleicht gelingt ihm das auch dieses Mal. Am Montag, den 17. November, ab 13 Uhr MEZ geht es weiter. Live auf dem Playchess.com-Server.

Die Weltmeisterschaft mit Live-Kommentaren auf Playchess:

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Die 6. Partie

 

 

 

Schach-Weltmeisterschaft 8. bis 27. November 2014, Sotchi

  Elo 1 2 3 4 5 6 7 8 9 10 11 12   Stand
Magnus Carlsen 2863 ½ 1 0 ½ ½ 1               3,5
Anand Viswanthan 2792 ½ 0 1 ½ ½ 0               2,5

 

Alle Partien

 

 

 

 

Live-Kommentare auf Schach.de

Zur 4. Partie 14.000 Besucher auf dem Playchess-Server, höchste Besucherzahl: über 9000. Außer der Partie zwischen Carlsen und Anand wurden fast 75.000 weitere gespielt, nur an einem Tag.

 

Alle Runden werden live auf dem Fritzserver in vier Sprachen in bewährter Weise von unserem Kommentatorenteam analysiert und kommentiert. Neben den üblichen deutschen und englischen Kommentaren wird es zum WM-Match Carlsen gegen Anand auch französische und spanische Live-Kommentare geben.

Spielplan, Kommentatorplan

  Deutsch Englisch Französisch Spanisch
08.11.2014
Runde 1
Thomas Luther Daniel King
Parimarjan Negi
Yannick Pelletier Ana Matnadze
Marc Narciso
09.11.2014
Runde 2
Oliver Reeh
Karsten Müller
Simon Williams
Nicholas Pert
Christian Bauer Sergio Estremera
10.11.2014
Ruhetag
Ruhetag      
11.11.2014
Runde 3
Markus Ragger
Harald Schneider-Zinner
Daniel King
Loek van Wely
Fabien Libiszewski Sergio Estremera
12.11.2014
Runde 4
Klaus Bischoff Daniel King
Rustam Kasimdzhanov
Romain Edouard Sergio Estremera
13.11.2014
Ruhetag
Ruhetag      
14.11.2014
Runde 5
Klaus Bischoff Simon Williams
Irina Krush
Sebastien Mazé Sergio Estremera
15.11.2014
Runde 6
Klaus Bischoff Daniel King
Yannick Pelletier
Fabien Libiszewski Sergio Estremera
16.11.2014
Ruhetag
Ruhetag      
17.11.2014
Runde 7
Klaus Bischoff Simon Williams
Loek van Wely
Sebastien Mazé Sergio Estremera
18.11.2014
Runde 8
Klaus Bischoff Daniel King
Loek van Wely
Romain Edouard Sergio Estremera
19.11.2014
Ruhetag
Ruhetag      
20.11.2014
Runde 9
Oliver Reeh
Merijn van Delft
Simon Williams
Irina Krush
Christian Bauer Sergio Estremera
21.11.2014
Runde 10
Oliver Reeh
Merijn van Delft
Daniel King
Simon Williams
Yannick Pelletier Ana Matnadze
Marc Narciso
22.11.2014 Ruhetag Ruhetag      
23.11.2014
Runde 11
Yannick Pelletier Chris Ward
Parimarjan Negi
Fabien Libiszewski Sergio Estremera
24.11.2014
Ruhetag
Ruhetag      
25.11.2014
Runde 12
Oliver Reeh
Karsten Müller
Simon Williams
Rustam Kasimdzhanov
Sebastien Mazé Sergio Estremera
26.11.2014 Ruhetag      
27.11.2014 Stichkampf      
         

 

 

 

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Unsere Kommentatoren:

Deutsch:
 

Klaus Bischoff
Deutscher Meister und "Anchorman" der deutschen Schachkommentierung

 

 

Oliver Reeh
Genannt "Taktik-Reeh". Allen deutschen Schachfreunden nicht nur durch seine wöchentliche TV-ChessBase-Sendung bestens bekannt.

 

Dr. Karsten Müller
Promovierter Mathematiker und Schachgroßmeister. Mit seinen Arbeiten zum Endspiel hat er das Endspieltraining revolutioniert

 

Thomas Luther
Der mehrfache deutsche Meister ist in der Behinderten-Kommission der FIDE aktiv

 

Merijn van Delft
Aus der Apeldoorner Schachlehrer-Dynastie der van Delfts. Lebt wechselweise in den Niederlanden und in Hamburg

 

Yannick Pelletier
Mehrfacher Schweizer Meister. Das sprachliche Multitalent kommentiert in jeder gewünschten Sprache

 

Markus Ragger
Großmeister und bester Spieler Österreichs

Harald Schneider-Zinner
Schachtrainer und Moderator von ChessBase TV Austria


Oder mögen Sie lieber englische Kommentare? Dann haben Sie die Möglichkeit  auf dem "Zweiten TV-ChessBase Programm" den Ausführungen von zahlreichen englischsprachigen Experten zu folgen.

Englisch

Irina Krush
Einzige Frau im Kommentatorenteam, mehrfache US-Meisterin

 

Daniel King
Der englische GM ist als TV-Schachmoderator in England so bekannt, dass Audi ihn einst sogar für einen Werbespot verpflichtet hat

 

Simon Williams
Englischer Großmeister, hat mit seinen beiden tollen Königs-Gambit-DVDs bei ChessBase eine Lücke gefüllt

 

Chris Ward
Drachenexperte und Schachkommentator

 

Niclas Pert
Großmeister, englischer Jugendtrainer und Autor einiger ausgezeichneter Fritztrainer-DVDs

 

Loek van Wely
Niederländischer Rekordmeister und schlagfertiger Schachkommentator

 

Parimarjan Negi
Der indische Großmeister war einst der jüngste Großmeister der Welt und hat sich gerade als Buch- und DVD- Autor hervor getan

 

Rustam Kasimdzhanov
Der FIDE-Weltmeister von 2004 war mehrfach Anands Sekundant bei dessen WM-Kämpfen

 


Wer mag, kann die Live-Kommentare auch in der Sprache Voltaires genießen

Französisch

Christian Bauer
GM, mehrfacher französischer Landesmeister und Nationalspieler

 

Fabien Libiszewski
IM und französischer Nationalspieler

 

Romain Edouard
GM, Jugendeuropameister und Jugendvizeweltmeister, französischer Nationalspieler

 

 

Sebastien Mazé
GM seit 2007 und französischer Nationaltrainer

Spanisch

Ana Matnadze

 

Marc Narcisco

 

Sergio Estremera

 

Turnierseite...

Anand bei Twitter...

Carlsen bei Twitter...

 

 


Johannes Fischer, Jahrgang 1963, ist FIDE-Meister und hat in Frankfurt am Main Literaturwissenschaft studiert. Er lebt und arbeitet in Nürnberg als Übersetzer, Redakteur und Autor. Er schreibt regelmäßig für KARL und veröffentlicht auf seinem eigenen Blog Schöner Schein "Notizen über Film, Literatur und Schach".
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