Schachunterricht in Afrika: Interview mit Garry Kasparov

von André Schulz
11.04.2017 – Garry Kasparov ist mit seiner Kasparov Chess Foundation weltweit aktiv und versucht zusammen mit vielen Helfern das Schachspiel durch Unterricht in den Schulen populär zu machen. Nun wurde ein Programm in den französisch-sprachigen in Afrika ins Leben gerufen.

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Garry Kasparov ist nicht nur einer der besten Schachspieler der Welt, er ist auch ein ausgezeichneter Schachtrainer. Im Rückblick auf seine Karriere zeigt der 13. Weltmeister eine Auswahl seiner besten Partien - mit auch heute noch verblüffenden Ideen

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Kasparov: „Das Problem der Schulen ist, dass sie sich nicht weiterentwickeln“

Seit 2002 versuchen der Ex-Schachweltmeister und seine Chess Foundation, das Schach in das Bildungssystem weltweit zu integrieren. Jetzt wird ein Programm für die französisch-sprachigen Länder eingeführt. In den letzten 15 Jahren hat Garry Kasparov mit 3500 Schulen weltweit kooperiert und die Begeisterung für das Schach geweckt.

Anlässlich der Programmeinführung in 11 französisch-sprachigen Ländern in Afrika, darunter der Senegal, Marokko, Madagaskar und die Elfenbeinküste, besuchte Kasparov Paris. Sein Ziel: innerhalb der nächsten fünf Jahre Millionen von Schülern das Schach beizubringen.

Vorstellung des Programms für die französisch-sprachigen Länder

Nachfolgend ein Interview mit Garry Kasparov und Gilles Betthaeuser, dem Gründer der französisch-sprachigen Zentrale der Kasparov Chess Foundation.

Le Figaro: Was genau bezwecken die Bildungs-Investitionen in französisch-sprachigen Ländern?

Gilles Betthaeuser: Die französisch-sprachigen Länder sind als natürliche Folge unserer Arbeit zu betrachten. 2002 haben wir in den USA angefangen, das Schach in den Vordergrund des Schulsystems zu rücken. Der Grundgedanke war, unsere Arbeit auf die am stärksten benachteiligten Gebiete weltweit zu erweitern. Wir glauben an die zentrale Bedeutung des Schachs für den sozialen Zusammenhalt und die geistige Entwicklung. Seit 2009/2010 arbeiten wir in Europa mit Kroatien, wo Garry Kasparov lebt, sowie in Asien, Mexiko und in den englisch-sprachigen Ländern Afrikas. Wir halten unsere Arbeit in Afrika für eine logische Entwicklung, da dort in Bezug auf die Bildung ein enormer Bedarf besteht. Unsere Arbeit mit französisch-sprachigen Ländern unterscheidet sich von der mit dem französisch-sprachigen Afrika.

- Wodurch kommt das Schach der klassischen Schulbildung zugute?

Garry Kasparov: Das Problem der Schulen liegt darin, dass die verwendeten Bildungskonzepte keine Weiterentwicklung erfahren. Wenn sich jemand aus den 1960ern direkt ins Jahr 2017 teleportiert, wäre er verwirrt, weil sich alles sehr verändert hat. Alles, abgesehen von dem Bildungssystem. Heutzutage wird die Jugend zur Selbstinitiative und Gruppenarbeit ermutigt. Die Beziehung zwischen Schülern und Lehrern bleibt dabei unidirektional. Das Schach gibt den Schülern die Möglichkeit, gegeneinander zu kämpfen, die Klasse vorrübergehend in ein Kampffeld zu verwandeln, auf dem es keinerlei Hierarchien gibt. Schach in der Schule weckt wie keine andere Beschäftigung das Interesse der Jugend.

- Welche mentalen Eigenschaften werden durch das Schach entwickelt?

Garry Kasparov: Zu Beginn einer Schach-Ausbildung machen Kinder im Alter von 6 bis 9 Jahren am Schnellsten Fortschritte. Es ist wie das Erlernen einer Fremdsprache in einem frühen Alter: Alles geschieht auf eine intuitive, natürliche Art und Weise. Dass Schach oftmals mit Mathematik verglichen wird, ist zudem vollkommen gerechtfertigt. In manchen Schulen, mit denen wir kooperieren, wird schon eine Mathestunde durch Schachunterricht ersetzt. Und es funktioniert! Die Noten sind dort besser, weil die Schüler unbewusst ihre mathematische Logik entwickeln und lernen, Entscheidungen zu treffen. Nicht selten wird in der Schule auswendig gelernt. Im Schach hingegen gibt es nach jedem Zug etwa fünf Antworten, die alle vom Gegner bestimmt werden. Welche Folgen haben unsere Entscheidungen? Das ist es, was die Schüler durch das Schach lernen.

Schachunterricht in Afrika

- Das Französische Bildungssystem könnte sich auch Ihre Ideen anschauen und das Interesse der Schüler am Schachunterricht wecken.

Garry Kasparov: Hierzu bieten viele Schulen Schach als pädagogische Maßnahme an und das ist ein guter Anfang. Dennoch gibt es für uns in Frankreich einige Schwierigkeiten. Anscheinend sind die Bildungsabteilungen nicht allzu sehr für ein Spiel zu begeistern, bei dem es schließlich einen Gewinner und einen Verlierer gibt. Mit dieser Einstellung sind wir absolut nicht einverstanden, da die Kinder darauf vorbereitet werden müssen, Niederlagen zu bewältigen.

- Muss man in der Schule fleißig sein, um ein guter Schachspieler zu werden?

Garry Kasparov: Oftmals hängt das tatsächlich zusammen. Ich war ein guter Schüler, das Gegenteil zu behaupten, wäre schon gelogen. Dennoch ist es kein Muss. Ich denke, dass mein Fach den Schülern helfen kann, sich auf anderen Gebieten zu verbessern. Und das gilt nicht nur für Mathe! Ich persönlich liebe es zu diskutieren, zu schreiben: Das Schach macht mich nicht zu einem bestimmten Persönlichkeitstyp.

- Welche Länder reagieren eher positiv auf ihre Initiativen?

Garry Kasparov: In Ägypten und Südafrika, um Beispiele zu nennen, ist das Schach bereits verbreitet. Die britische Tradition hat da mitgewirkt, doch sollte man anmerken, dass die Verbreitung des Schachs nicht unbedingt mit den ehemaligen Kolonien und Protektoraten zusammenhängt, sondern größtenteils mit der Arbeit der einzelnen Schachverbände, mit Einzelinitiativen und der Politik vor Ort. Manchmal haben wir Schwierigkeiten, unsere Projekte in Afrika voranzutreiben, weil wir einfach nicht wissen, wer die richtigen Ansprechpartner sind: Der Schachverband, das Sportministerium oder das Kultusministerium. Ansonsten bleibt Armenien das ultimative Schachland mit Schach als Pflichtfach in der Schule. Das ist nur deshalb so, weil der gegenwärtige Staatspräsident Sersch Sargsjan gleichzeitig als Präsident des armenischen Schachverbandes fungiert.

- Noch hat keine Frau es geschafft, die Weltkrone im Schach zu erobern. Interessieren sich die jungen Mädchen nicht für Schach?

Garry Kasparov: Das Schach spiegelt die gesellschaftlichen Veränderungen wider. Es galt lange Zeit als ein rein männliches Spiel. Die Zweikämpfe standen nicht im Einklang mit den Regeln des weiblichen Verhaltens. Aber die Dinge ändern sich! Wir stellen fest, dass die Jungen an unseren Schulen deutlich mehr Interesse an Schach zeigen, als die Mädchen, doch wird diese Diskrepanz stets kleiner. Die Ungarin Judit Polgar ist die einzige Frau, die unter die Top 10 der Welt kam. 2005 erreichte sie mit Platz 8 ihre Bestleistung. Für viele Mädchen wurde sie damit ein Vorbild.

- Sie erlangten Weltruhm nach Ihrem legendären Match gegen das Microsoft Programm Deep Blue / Deeper Blue. Empfehlen Sie Ihren Schülern in der Zeit der sozialen Netzwerke gegen Computer anzutreten? Glauben Sie, dass es im Schulbildungssystem Raum für Computer gibt?

Garry Kasparov: In den meisten Schulen, in denen wir unser Programm integrieren, gibt es keine Computer und sogar keinen Strom. Die Frage hat sich somit erledigt. Im Großen und Ganzen verwenden die Entwicklungsländer Bretter und das ist auch gut so. Doch ist Schach nicht zuletzt dank des Internets beliebt geworden. Ich finde es interessant, den jungen Menschen die Möglichkeit zu geben, mit Computern zu arbeiten.

 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

Fotos: Kasparov Chess Foundation, Frederic Friedel

Quelle: http://inosmi.ru/social/20170327/238973299.html

Originalartikel: Garry Kasparov: Le problème avec l'école, c'est qu'elle n'évolue pas... 

Kasparovfoundation...

Kasparov Chess Foundation in Africa...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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