Sieg auf der Ziellinie

20.05.2007 – Nur einen Punkt trennen den Ersten vom Letzten beim diesjährigen M-tel Masters in Sofia. Veselin Topalov hat wieder einmal in der letzten Runde den Turniersieg klargemacht und holte sich zum dritten Mal die Goldmedaille in Sofia. Dagobert Kohlmeyer zieht ein Resümee und fand unter den Zuschauern schon die nächste Generation bulgarischer Spitzenspieler. Kiprian Berbatow heißt nicht nur so wie der frühere Leverkusener Fußballspieler, er ist tatsächlich mit ihm verwandt. Mehr...

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Topalow gewinnt wieder auf der Ziellinie
Von Dagobert Kohlmeyer


Frühling in Sofia


Das Grand Hotel


Gespräch vor dem Hotel: Topalow und Van Geuzendam

Sofia ist und bleibt Weselin Topalows Pflaster. Wie Wladimir Kramnik in Dortmund und Vishy Anand in Mainz hat er in der bulgarischen Hauptstadt „sein Revier“. Im Grand Hotel von Sofia stoppte der FIDE-Exweltmeister am Sonntag in letzter Minute Spitzenreiter Krishnan Sasikiran aus Indien und gewann damit zum dritten Mal das M’tel Masters.



Nach fünf Stunden Kampf gab der Großmeister aus Chennai im 59. Zug auf.

Bei seinem gewohnt starken Endspurt genügte Topalow diesmal die Minimalpunktzahl von 5,5 aus zehn Partien. Das „bescheidene“ Ergebnis  „+1“ reichte deshalb aus, weil sich keiner der Kontrahenten im Verlauf des doppelrundigen Wettbewerbs genügend absetzen bzw. seinen Vorsprung behaupten konnte.



„Wartet noch ab, ehe ihr mir gratuliert“, sagte Topalow zu uns Journalisten im Pressezentrum, weil die umkämpfte Partie Adams–Kamsky noch lief. Durch einen Sieg hätte der Amerikaner Topalow noch im Gesamtklassement einholen können, aber er hatte gegen Adams keine Chance dazu, und nach über sechs Stunden endete die Schlacht mit einer Punkteteilung.


Topalow und Cheparinow

Das M’tel Masters 2007 wird durch seinen ungewöhnlichen Verlauf ganz sicher als Turnier der großen Überraschungen in die Geschichte eingehen. Mehrmals wechselte die Führung, die Newcomer Shakryar Mamedjarow und Krishnan Sasikiran sorgten während der zehn Runden für einige Paukenschläge und lagen in der ersten bzw. zweiten Hälfte vor dem übrigen Feld.

Nach Mamedjarows Einbruch in Runde 6 und 7 übernahm der Inder die Führung, verlor aber am achten Spieltag unnötigerweise gegen Gata Kamsky, so dass die Verfolger wieder bis auf einen halben Punkt an ihn herankamen. Da die vorletzte Runde drei Remis brachte, blieb alles beim alten, und vor dem Halali führte Sasikiran mit 5,0 Punkten vor dem Quartett Topalow, Kamsky, Mamedjarow und Nisipeanu (je 4,5).

Würde es eine Sensation geben? Bei dieser Tabellenkonstellation und der Remis-„Verbotsregel“ von Sofia war jedoch klar, dass am Sonntag bis zum letzten Bauern gekämpft werden würde. Nach vier Stunden erhoben sich Nisipeanu und Mamedjarow nach Dauerschach des Rumänen als erste von ihrem Spieltisch und beendeten das Turnier mit jeweils 5,0 Punkten. Bei der Pressekonferenz lobten beide die vorzüglichen Spielbedingungen. Für den Exeuropameister aus Rumänien war es das erste Superturnier seines Lebens überhaupt. Da könne man mit 50 Prozent zufrieden sein, meinte er.

Mamedjarow haderte ein wenig mit seinem Schicksal.

Hätte er zum Beispiel eine Gewinnstellung gegen Sasikiran nicht einzügig weggeworfen, wäre er Turniersieger geworden. Der 22-jährige Aserbaidschaner kann aber für sich in Anspruch nehmen, Topalow 1,5 Punkte abgeknöpft zu haben.

Diese beiden Partien gehören zu den besten von Sofia. Shakryar Mamedjarow will sich jetzt erholen und dann auf das Dortmunder Chess Meeting vorbereiten, wo im nächsten Monat eine neue große Bewährungsprobe (gegen Kramnik, Anand, Leko & Co) auf ihn wartet.

Die vorletzte Runde im Grand Hotel wurde von einer bulgarischen Sportlegende eröffnet.



Der zweifache Olympiasieger im Ringen Bojan Radew führte an Topalows Brett den ersten Zug Kamskys aus.  (siehe Foto) 

Bojan Radew wurde als Jugendlicher beim Schulsport entdeckt, als Talentsucher des bulgarischen Ringerverbandes auf seine Stärke und sein ausgeprägtes Bewegungsgefühl aufmerksam wurden. Mit 20 Jahren wog der 1,76 m große Athlet beinahe 100 kg und war reif für internationale Einsätze. Er war Angehöriger von „Levski Spartak“ Sofia und rang im griechisch-römischen Stil. „Als Armeeangehöriger war ich vom normalen Dienst freigestellt und konnte mich voll dem Ringen widmen. Ich war praktisch staatlicher Profi“, erzählte uns der heute 65-Jährige.   

Bei seiner ersten Weltmeisterschaft belegte Radew 1962 in Toledo (USA) bereits den zweiten Platz im Schwergewicht. 1964 und 1968 waren seine großen Jahre. Er wurde in Tokio und in Mexiko-Stadt Olympiasieger. 1966 und 1967 gelangen ihm erneut hervorragende Ergebnisse. 1966 wurde er Weltmeister, ein Jahr später Vizeweltmeister. Nach Beendigung seiner sportlichen Laufbahn als Ringer arbeitete Bojan Radew als Trainer.

Ein neuer Topalow?

Im Pressezentrum fiel uns ein zehnjähriger Junge auf, der jeden Tag mit großen Augen am Monitor die Partien von Toplaow & Co verfolgte. Sein Name: Kiprian Berbatow.

Berbatow? Da gibt es doch den berühmten Fußballer? Ja, richtig, erfuhren wir, Dimitar Berbatow ist sein Cousin!

Fünf Jahre lang trug der bulgarische Nationalspieler die Nr. 9 bei Bayer Leverkusen. Vor allem in der Saison 2004/05 spielte sich Berbatow ins Rampenlicht, als er mit 20 Toren zu den besten Torjägern der Bundesliga gehörte. In der Saison 2005/06 gelang es Berbatow, seine starke Leistung der Vorsaison eindrucksvoll zu bestätigen. Mit 21 Toren und 9 Torvorlagen wurde er zweitbester Scorer der Liga hinter Miroslav Klose (25 Tore, 10 Vorlagen) und hatte somit maßgeblichen Anteil am Einzug Leverkusens in den UEFA-Pokal. Seine Torgefährlichkeit und beständige Form blieb auch ausländischen Spitzenklubs nicht verborgen, zumal Berbatows Vertrag eine Ausstiegsklausel für eine festgeschriebene Ablösesumme von rund 16 Millionen Euro enthielt. Er hatte schon immer sein Interesse an einem Wechsel in die englische Premier League bekundet. Im Mai 2006 bestätigte Leverkusens Sportdirektor Rudi Völler zum Saisonabschluss den Wechsel Berbatows für 16,5 Millionen Euro zum Premier-League-Verein Tottenham Hotspur. Berbatow ist aktiver Nationalspieler und Mannschaftskapitän seines Landes. Er nahm mit Bulgariens Team an der Fußball-EM 2004 in Portugal teil und wurde in seinem Heimatland dreimal zum Fußballer des Jahres gewählt. Berbatow weilte in den Turniertagen in Sofia, kam aber leider nicht bei den Figurenkünstlern vorbei.

Zurück zu unserem kleinen Schachspieler. Stojan Berbatow (38) ist Vater von Kiprian und Priester. Er studierte in Sofia und in Mazedonien und ist seit 10 Jahren im Amt. Sie wohnen in Blagojewgrad. (100 km südlich von Sofia).


Familie Berbatow

Drei Kinder. Mutter Jekaterina, Bruder Kliment, Schwester Melania. Sie wurde an diesem Tag 13 Jahre alt und hatte frei. Als Kiprian 5 Jahre alt war, brachte ihm sein Vater Schach bei. Heute hat er schon eine ELO-Zahl von 2140. Der Junge war dreimal bulgarischer Kindermeister in den Altersklassen U8 bis U12. Wächst hier ein neuer Topalow heran? Sein Trainer ist IM Jordan Iwanow aus Gabrowo (der bulgarischen Hauptstadt des Humors). Er trainierte schon Iwan Cheparinow.

Das ganze Turnier trugen die Spieler des M’tel Masters eine Schleife am Jackett, um die Initiative zur Rettung bulgarischer Krankenschwestern zu unterstützen.

Die Frauen waren in Libyen im so genannten HIV-Prozess zum Tode verurteilt worden. Seit Jahren sitzen sie dort im Gefängnis. In dem Krankenhaus, wo die Schwestern arbeiteten, gab es eine HIV-Epidemie, an deren Entstehen den Bulgarinnen von libyscher Seite eine Mitschuld unterstellt wird. Schon beim Turnier in Wijk aan Zee hatte Toplaow die landesweite Rettungsaktion der bulgarischen Medien unterstützt.

Schiedsrichter waren wiederum Joaquin Espejo (Spanien), Panayotis Nikolopoulos (Griechenland) und Boris Postowski (USA). Der ehemalige russische Nationalcoach, der jetzt in Boston lebt, wird Ende Mai 70 Jahre alt, ist aber noch voller Energie.

Mit seiner wunderbaren Handschrift verschönte er täglich die Partieformulare der Großmeister.

Hauptschiedsrichter Especho las, wenn sich die Spiele zu sehr hinzogen, in einem Buch mit dem Titel „Wenn Liebhaber töten“ (siehe Foto).

Einer aus unserer Journalistenschar fehlte in diesem Jahr: Alexander Roschal aus Moskau. Dem Herausgeber der „Schachrundschau 64“ geht es gesundheitlich nicht gut. Vor Jahresfrist überreichte er hier in Sofia Weselin Topalow den Schach Oscar für seinen WM-Sieg in San Luis. (siehe Foto).


Roschal mit Topalov, 2006

Dieses Jahr erhielt Roschals Landsmann Wladimir Kramnik die begehrte Trophäe, vor allem für seinen WM-Sieg gegen Topalow. Wir wünschen dem 70-jährigen „Guru“ der Schachjournalistik Alexander Borisowitsch Roschal gute Besserung!

 

 

 

 

 

 

 


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