Slawisch gegen Shirov

von Marco Baldauf
30.08.2017 – Das RTU Open in Riga hielt eine besondere Begegnung für mich bereit. Gegen Alexei Shirov, eines der Idole meiner Kindheit, gelost zu werden, war definitiv das Highlight meiner Reise. Trotz meiner Rolle des Underdogs wollte ich natürlich auf dem Schachbrett etwas entgegensetzen. Zur Hilfe kam mir dabei Peter Heine Nielsens neue DVD "The Semi Slav". | Foto: iominternationalchess.com

...und plötzlich spielt man gegen Shirov

"Traumlos Shirov" heißt es für mich, als ich am Abend nach der vierten Runde des RTU Opens in Riga einen Blick auf die Auslosungen werfe. Nach schwachen Leistungen zum Auftakt habe ich meine eben beendete Partie recht problemlos gewinnen können und zum ersten Mal das Gefühl, im Turnier angekommen zu sein. Nun also Alexei Shirov, den genialen Taktiker und Helden meiner Jugend.

Alexei Shirov| Foto: rtuopen.lv

Die Vorbereitungsphase

Normalerweise bereite ich mich selbst bei Vormittagsrunden lieber morgens vor, doch im Hinblick auf diese besondere Paarung setze ich mich noch abends vor den Laptop. Weiß gegen Shirov, die Eröffnung zu erraten sollte keine Schwierigkeiten bereiten: Halbslawisch würde morgen aufs Brett kommen, genauer gesagt das Meraner System.

 

Shirov hat ein recht enges Schwarzrepertoire, allerdings gilt er als einer der führenden Experten im Halbslawen. Meine eigenen Erfahrungen mit der Variante sind vergleichsweise gering: vor vielen Jahren hatte ich mich zwar selbst ein paar Mal im Halbslawen probiert, die Erfolge waren jedoch dürftig, also legte ich die Variante wieder zur Seite. Meine Weißpartien in dieser Variante kann man ebenfalls fast an einer Hand abzählen.

Ein glücklicher Zufall

Zuversichtlich stimmt mich allerdings ein glücklicher Zufall: kurz vor dem Turnier hatte ich Peter-Heine Nielsens DVD "The Semi Slav" studiert. Ich kannte Nielsen als Autor zweier DVDs über den Drachen und hatte mir "The Semi Slav" mehr aus Sympathie zum Autor und weniger als Zuneigung zur Eröffnung bestellt.

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Mit Nielsens Analysen bewaffnet gehe ich also die Vorbereitung an. Die erste grundlegende Entscheidung muss Weiß bereits im 6. Zug treffen: die gleichwertigen Hauptvarianten 6.Ld3 und 6.Dc2 haben beide ihre Vor- und Nachteile, Nielsen legt sich hier nicht fest, welcher Zug gefährlicher ist. Beim Studium der DVD habe ich zum ersten Mal wirklich verstanden, dass diese beiden Züge allerdings oft in der gleichen Stellung münden.

 

Diese Stellung strebte ich in der Vergangenheit immer an und Nielsen hält diese Variante ebenfalls für eine der spannendsten Möglichkeiten für Weiß. Dementsprechend widmet er der Stellung ein gesamtes Kapitel. Über 27 Minuten führt er dort aus, wie diese Stellung bisher behandelt wurde und was der heutige Stand der Theorie ist. Schwarz hat an dieser Stelle vier Optionen: 11...a5, 11...a6, 11...De7 und 11...Tc8.

Peter Heine Nielsen über die Stellung nach 11.a3

Der Hauptzug lautet 11...Tc8. Dieser Zug sieht auf den ersten Blick falsch aus, da der wünschenswerte Durchbruch ...c5 nach dem logischen 12.b4 doch auf ewig verhindert zu sein scheint. In der Begegnung Topalov-Kazimdzhanov, GP London 2012 ließ der FIDE-Weltmeister von 2004 jedoch die Bombe 12...c5!! platzen. Nielsen erzählt auf der DVD, dass Topalov den Zug bereits vor der Partie kannte, jedoch hoffte, dass Kazimdzhanov in der Vorbereitung nicht auf diese Idee verfallen war.

 

In der Stammpartie führte 12...c5 zu einem schnellen Remis, und meine Vorbereitung zeigt, dass Shirov die Idee bereits sieben Mal angewandt hat. Die Idee, dass Shirov gegen mich 11...Tc8 wählen würde, verwerfe ich dennoch schnell, da Weiß eben die Option auf ein sicheres Remis gegeben wird.

So überprüfe ich die anderen möglichen Züge des Schwarzen. Shirov hat fünf Mal 11...a5 gewählt und eine Struktur forciert, die Nielsen als sehr angenehm für Weiß einschätzt.

Nielsen über die Struktur, die nach 11...a5 entsteht

Der große Nachteil für Schwarz besteht darin, dass nach dem Vorstoß ...a5 der Standardplan ...c5 schwer durchführbar ist - der b-Bauer ist ohne die Option ...a6 schlichtweg zu schwach: "Der Einschub der Züge a3 und a5 ist ein ernstzunehmender Nachteil für den schwarzen Damenflügel."

11...a6 ist der alte Hauptzug und galt lange als die kritische Variante. Nielsens Ausführungen hierzu sind besonders interessant. Schließlich war er nicht nur stiller Beobachter der Entwicklungen in diesem Abspiel, sondern nahm federführend daran teil. Als langjähriger Sekundant des indischen Weltmeisters Vishy Anand hat Nielsen viele Ideen in dieser Variante selbst entwickelt. Besondere Aufmerksamkeit verdient der Zug 20...La1!! Dieser Zug brachte Anand im Jahr 2008 einen fantastischen Sieg über Gelfand.

 

Nielsen verrät auf der DVD jedoch einige Verbesserungen von Gelfands Spiel. Hier entstehen zwar verrückte Stellungen ganz nach Shirovs Gusto, dennoch bin ich bereit, Nielsens Empfehlungen zu testen.

Den Großteil meiner Vorbereitung nimmt der Zug 11...De7 ein. Die einzige Partie Shirovs in der Datenbank datiert zwar von 1992, dennoch habe ich das Gefühl, dass dies sein Gewinnversuch sein könnte. Beim Schreiben dieses Artikels finde ich heraus, dass Shirov in der 3. Runde des RTU Opens genau diese Variante gewählt hat. Diese Partie war mir in der Vorbereitung entgangen. Meine Intuition war somit richtig, allerdings wollte Shirov diesen Zug wohl nicht wiederholen.

 

Wie Nielsen ausführt, lautet der offensichtliche Zug hier 12.Sg5. Doch auf den zweiten Blick sieht man, dass sich 11...De7 genau dagegen richtet. Nach der logischen Zugfolge 12.Sg5 h6 13.Se4 Sxe4 14.Sxe4 funktioniert 14...c5! Schwarz befreit seinen Läufer auf b7 und die Aktivität seiner Figuren kompensiert den Verlust des Läuferpaars. Shirovs Partie in der dritten Runde verlief übrigens auf genau diese Weise.

Der kritische Zug ist allerdings 12.e4! Nach der erzwungenen Antwort 12...e5 hat Weiß die Wahl zwischen 13.Lg5 und 13.Se2.

 

Der Springerzug punktet in der Praxis deutlich besser und wurde von Spielern wie Boris Gelfand und Pavel Eljanov angewandt. Nielsen meint jedoch, Schwarz habe hier nichts zu befürchten. Stärker ist seiner Meinung nach das direktere Lg5. Dieser Zug wurde von Kazimdzhanov in die Praxis eingeführt. Nielsen analysiert die kritischen Varianten und kommt zum Schluss, dass Weiß das leichtere Spiel hat.

Die Partie

Nach meiner ausführlichen Vorbereitung starte ich zuversichtlich in den folgenden Tag. Ich treffe Alexei im Frühstücksraum, wo er mich freundlich begrüßt. "See you later" - ok, alles klar.

Das Foto zur Partie - auf dem von mir allerdings nur der Rücken zu sehen ist | Foto: rtuopen.lv

Shirov rattert die ersten Züge herunter. Ich bin zufrieden, denn es gibt keine Überraschungen und wir steuern auf die Hauptstellung nach 11.a3 zu. 10...Lb7 führt Shirov à Tempo aus und plötzlich komme ich ins Grübeln. Was hat er vor? Die Stellung nach 10...Lb7 habe ich bereits in der Datenbank, Shirov konnte also ahnen, dass ich diese Variante wiederholen würde. Hat er irgendetwas ausgegraben? Und wie funktionieren doch gleich nochmal die wahnsinnig komplizierten Abspiele nach 11...a6? Selbst wenn ich mich an alles erinnern kann, ist es doch naiv zu glauben, Shirov an einem Abend auspräperieren zu können. Indem man im Hotelzimmer sitzt und eine DVD schaut...Ich erinnere mich daran, den Zug 11.Sg5 einmal analysiert zu haben. Schwarz muss 11...h6 antworten und nach 12.Se4 gehen einige Leichtfiguren vom Brett. Schwarz kann ausgleichen, aber wäre diese Variante nicht die schlauere Wahl gegen einen Gegner wie Shirov? Um den Ball flach zu halten?

 

Ich reiße mich wieder zusammen. Vor wenigen Wochen hatte ich in der griechischen Liga eine Weißpartie gegen Kiril Georgiev. Der Partie gingen zwei Niederlagen voraus, zudem kam meine Mannschaft der Abstiegszone näher und näher. Damals beschloß ich mit Weiß zu klammern. Georgiev quälte mich über 60 Züge. Keine schöne Erfahrung, auch wenn am Ende das Ergebnis stimmte. So etwas will ich nicht gegen Shirov erleben. Also 11.a3!

Shirov war auf mein Grübeln hin aufgestanden und marschierte im Saal umher. Er kommt zurück, notiert den Zug und spielt à Tempo 11...Tc8. Damit habe ich wirklich nicht gerechnet. Ich lasse mir nichts anmerken und reagiere mit 12.b4. Auf 12...c5 folgt das alternativlose 13.bxc5 Lxf3.

 

Hier steht Weiß am Scheideweg. Ich weiß, dass Shirov bereits mehrere Partien auf diese Weise remisiert hat. Ich rufe mir das Abspiel ins Gedächtnis und bin froh, als ich es schnell zusammenbekomme. Ich weiß, dass Nielsen 14.cxd6 empfiehlt und dazu sagt, dies sei wohl das kritische Abspiel im gesamten 11.a3-Komplex. Ich versuche, die Varianten geordnet zu bekommen: es folgt 14...Sd5 15.gxf3. Shirov verlor nach 15...Sxc3 eine Partie gegen Radoslaw Wojtaszek und spielte vor kurzem gegen den Inder SP Sethuraman das kritische 15...Dg5+.

 

Ich erinnere mich, dass Nielsen eine Partie von Etienne Bacrot erwähnt, habe aber keine Ahnung, wie diese konkret verlaufen ist. Was tun? Fakt ist: Shirov hält dies trotz zweier Niederlagen für gut spielbar und hat seine Analysen gestern womöglich nochmal angesehen. Ich hingegen erinnere mich fetzenartig an Ausschnitte aus Nielsens DVD und habe die Variante noch nie ernsthaft analysiert. Selbst wenn Weiß in der Variante irgendwo objektiv in Vorteil kommen kann, so müsste ich verrückt sein, mich darauf einzulassen. Also 14.gxf3.

Shirov scheint wenig überrascht und wir spulen die letzten Züge herunter. Schwarz gewinnt die geopferte Figur zurück und Weiß muss ein paar genaue Züge machen, um letztlich ein ausgeglichenes Turmendspiel zu forcieren. Nach 25.Tb7 lächelt mich Shirov an, zuckt mit den Schultern und meint fragend "Draw?" Er kennt das Endspiel, schließlich hatte er die Stellung schon vier Mal auf dem Brett.

 

Die Nachbereitung

Shirov gibt sich nach der Partie entspannt und locker. "Ich habe mit 11...De7 gerechnet", erzähle ich ihm. "Mmh", so seine Antwort, "die Varianten mit 13.Se2 gefallen ihm gar nicht." Die Stellung sei sehr gefährlich für Schwarz. Aha, das ist interessant, schließlich sieht Nielsen die Probleme woanders.

Ich gehe schnell zurück zum Hotel, schließlich ist am Nachmittag die nächste Runde. Irgendwie hatte ich mir meine Partie anders vorgestellt, hätte gern mehr erlebt. Gegen Shirov spielt man ja nicht alle Tage. Um dann keinen einzigen eigenen Zug zu machen? Das ist doch schade! Mein Zimmerkollege Arik gratuliert mir dennoch. Remis gegen Shirov sei ein gutes Ergebnis. Und immerhin habe er mir doch Respekt gezollt und lieber das Remis genommen, als eine gefährliche Stellung gegen mich zu spielen. Mein Mannschaftskollege Ilja ist nicht überrascht: "Shirov ist so ein Typ, der nach der Wahrheit strebt", philosophiert er. "Wenn die beste Variante eben Remis ist, ist sie Remis."

Nach dem Turnier schaue ich mir 11...Tc8 noch einmal an. Wahrscheinlich muss man die Stellungen nach 14.cxd6 und 15...Dg5+ spielen. Die Partie von Bacrot ist sehr überzeugend, allerdings hat sein Gegner dort auch ordentlich mitgeholfen. Ich finde eine interessante Partie von Jan Gustafsson. Der war immerhin Teil des Carlsen-Teams beim WM-Kampf gegen Karjakin und hat wirklich Ahnung von Eröffnungen. Gustafsson spielte auch 14.cxd6 und gewann. Dann entdecke ich folgendes: Anish Giri verzichtete im Kandidatenturnier 2016 gegen Sergey Karjakin auf 12...c5 und spielte stattdessen 12...a5.

 

Giri traut wohl der Sache mit 12...c5 nicht mehr ganz. Mittlerweile hat Giris Zug hochklassige Nachahmer gefunden: Boris Gelfand und Sam Sevian. Nielsen bespricht den Zug nicht, aber vielleicht ist dies das neue Schlachtfeld im Halbslawen.

Alle im Bericht erwähnten Partien:

 

 

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Marco Baldauf, Jahrgang 1990 spielt seit seinem sechsten Lebensjahr Schach. 2000 und 2002 wurde er Deutscher Jugendmeister, seit 2014 ist er Internationaler Meister und spielt für die SF Berlin in der Bundesliga.
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hochgraefe hochgraefe 30.08.2017 08:22
Glückwunsch zum Remis gegen Shirov. Auf der anderen Seite ist das Remis ja nicht wirklich Dein 'Verdienst', sondern Auswendiglernen von Varianten. Ist schade, dass Schach schon soweit ausanalysiert ist. Zumal er das gleiche Turmendspiel! schon 4x auf dem Brett hatte! Ich verstehe nicht, dass Shirov gegen jemanden mit 200 Elo weniger auf Remis spielt bzw. eine solche Vorbereitung zulässt. Er kann doch beliebig vorher mal abweichen. Gerade ihn hatte ich als kreativ eingeschätzt. Gut, Dir kann es egal sein.
Krennwurzn Krennwurzn 31.08.2017 09:52
Die Kritik kann ich nicht verstehen - Vorbereitung (=ARBEIT) ist Teil des Spiels! GRATULATION!!

Und auch auf Shirov's Kreativität trifft der Kasparov-Sager zu: Im Schach ist es wie im realen Leben, sechs Wochentage ein Sonntag!!
cimbombomm cimbombomm 02.09.2017 12:52
@hochraefe:Als hättest du dich noch nie auf einen Gegner vorbereitet.Das machen doch die Gms untereinander auch so nur auf einen anderen Niveau.
Ich finde es gehört dazu und gönne es ihm.Zumal die Vorbereitung echt gut war.
Lg
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