So war Fischer wirklich

21.10.2013 – Wer kannte Fischer, so wie er wirklich war? Vielleicht war es William Lombardy. Lombardy, der Fischer in der Bronx kennen gelernt hatte und von Anfang an bei dessen Schachkarriere begleitete, war dessen Sekundant bei vielen wichtigen Turnieren, unter anderem beim WM-Kampf 1972. Im Interview mit Dagobert Kohlmeyer räumt er mit einigen Mythen auf.   Zum Interview...

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„Ich bin noch immer ein Priester!“

Interview mit der USA-Schachlegende William Lombardy

Er war mit Bobby Fischer befreundet und trainierte ihn, bis dieser Weltmeister wurde. US-Großmeister William Lombardy, der in diesem Sommer nach vielen Jahren wieder Deutschland besuchte, kann auf ein bewegtes Leben zurückblicken. Der heute 75-Jährige New Yorker war Schachprofi, spielte auf sieben Olympiaden für sein Land und arbeitete auch als katholischer Priester. Lombardy ist der Meinung, dass die Schachgeschichte in Bezug auf Fischer in manchen Punkten korrigiert werden muss. Dagobert Kohlmeyer hat sich mit der lebenden Legende unterhalten.

William Lombardy

Wann und wo haben Sie mit dem Schach Bekanntschaft gemacht?

Ich war neun Jahre alt und lebte in der Bronx. Ein Freund von mir, der ein Jahr älter war, lehrte mich die Züge. Sein Bruder war zehn Jahre älter, und er konnte ihn nicht schlagen. Er hoffte, wenigstens mich zu besiegen, wenn er mir das Schachspielen beibringt.

Konnten Sie denn den Bruder des Freundes bezwingen?

Nein. Gegen seinen Bruder habe ich nie gespielt. Außerdem hat mir mein damaliger Freund die Züge nicht ganz richtig beigebracht. Er zeigte mir, wie der Springer und die anderen Figuren ziehen, doch es war nicht alles korrekt. Zum Beispiel behauptete er, dass der Springer sich auf vielerlei Art bewegen kann. Er meinte, das Pferd könne horizontal, diagonal und vertikal auf jedes Feld ziehen und sei fast so stark wie die Dame.

Das ist lustig. Wurde der Springer dann vielleicht Ihre Lieblingsfigur?

Ja, eine Zeitlang war er es. Ich lernte schnell, den Springer in einer effizienteren Weise als viele andere Spieler zu nutzen. In meiner Partiensammlung gibt es viele Beispiele, wo der Springer eine dominierende Rolle spielt.

Wer hat Ihr Talent in New York entdeckt, John Collins?

Ich weiß es nicht mehr genau. Collins war es jedenfalls nicht. 1953, als ich 15 Jahre alt war, lud er mich zu sich nach Hause zu einer Turnierpartie ein. Ich schlug ihn in 25 Zügen, obwohl er damals als großer Meister galt. Es ist ein Mythos, dass Collins ein bedeutender Schachlehrer war. Er war nie mein Trainer, auch nicht von Robert und Donald Byrne oder Bobby Fischer, wie es bis heute immer heißt. Höchstens ein Mentor.

Fischer hat sich ja auch bald von Collins getrennt.

So ist es. Wir beide aber trainerten zusammen. Bobby und ich hatten eine geheime Vereinbarung, unsere Schachfreundschaft nicht offen zu legen. Das stellte sich als gut heraus, weil es eine Menge seltsamer Leute gab, die aus den Kontakten mit Fischer Vorteile ziehen wollten. Es ist schon merkwürdig, dass viele Leute behauptet haben, Bobbys Lehrer gewesen zu sein. In diesem Punkt muss die Schachgeschichte korrigiert werden.

Bis heute wird Collins immer als Fischers Lehrer bezeichnet. Arbeiteten Sie denn ständig mit Bobby zusammen?

Zu bestimmten, entscheidenden Momenten konnte ich nicht bei ihm sein, und meine Abwesenheit war wahrscheinlich zu seinem Nachteil. Zum Beispiel war ich 1959/60 in Boston zur Latein- und Griechisch-Weiterbildung in Vorbereitung für mein Theologiestudium. Ich wollte doch als katholischer Priester ordiniert werden. Aber trotzdem hatten wir stets engen Kontakt. Meine gelegentliche Abwesenheit von unserem gemeinsamen Schach-Leben schien andere zu ermutigen, vor allem Collins, meine Position als Bobbys Lehrer einzunehmen.

Lombardy, Collins, Fischer

Sie selbst spielten schon früh sehr stark. 1957 gewannen Sie die Junioren-WM in Toronto mit 11 Punkten aus 11 Partien. Wie ist so ein Ergebnis möglich gewesen?

Keine Ahnung, ich habe das nicht geplant. So etwas kann man nicht vorhersehen. Die anderen waren auch nicht schlecht, aber nicht so gut wie ich. In einer Partie hatte ich Glück. Jorge Aldrete aus Mexiko besaß eine bessere Stellung, doch er war nicht erfahren genug, und ich gewann am Ende auch dieses Spiel. Wir wurden aber Freunde. 1980, also 23 Jahre später, lud er mich zu einem internationalen Turnier in Mexiko-City ein. Er war damals Präsident der Mexikanischen Schachföderation.

Sie haben bei sieben Schacholympiaden gespielt, davon drei in Deutschland. Welche war die schönste und erfolgreichste für Sie?

Ich denke, alle Olympiaden hatten ihren eigenen Reiz. 1958 in München war meine Premiere. Dort ersetzte ich Samuel Reshewsky an religiösen Feiertagen. Ich musste dann am ersten Brett spielen. So kam es auch zu einer Begegnung mit dem damaligen Weltmeister Michail Botwinnik. Ich hatte Schwarz und stand sehr gut, aber mein Team-Kapitän ordnete an, dass ich die besser stehende Hängepartie am nächsten Tag nicht weiter spielen soll. Wir haben sie dann remis gegeben.

Stimmt die Geschichte mit Ihrem Autocrash in München, die ich in einem älteren Schachbuch gelesen habe?

Ja das stimmt, und ich bin sehr froh, noch am Leben zu sein. Ich war damals noch Fahrschüler und hatte gar keinen offiziellen Führerschein. Eigentlich konnte ich ganz gut fahren, aber es war abends und regnerisch. Ein LKW rutschte in mein Auto hinein. Ich hatte eine leichte Gehirnerschütterung, deshalb war die Polizei nachsichtig mit mir. Die Leute haben mich nach dem Unfall gut behandelt. Ich wollte aber auf keinen Fall ins Krankenhaus.

Konnten Sie dann die Olympiade weiterspielen?

Ja. Am nächsten Tag trat ich allerdings mit einem schweren Kopf gegen Gligoric an und verlor. Es fällt mir noch heute nicht leicht, darüber zu sprechen, aber dieses Ereignis gehört zu meinem Leben.

Verstanden Sie sich als Schachprofi oder nur als sehr starken Amateur?

Ich war immer ein professioneller Spieler und spielte überall, um etwas Geld zu verdienen. Ich bin keine fordernde Person, doch wurde ich nie gut behandelt. In den USA bekam ich nicht die gebührende Aufmerksamkeit. Sie zahlten bei Turnieren kaum richtig Geld, und so bekamen sie keine starken Schachspieler. Ich hoffte, dass die anderen Großmeister aufwachen würden, um zu begreifen: Wenn du kein Geld bekommst, kannst du dir keine Mahlzeit leisten.

Warum nahm dann die Religion den ersten Platz in Ihrem Leben ein?

Das ist eine gute Frage. Ich hatte beschlossen, etwas Gutes in der Welt zu tun. Damit hatte ich Recht, aber gleichzeitig auch Unrecht. Denn es gibt nichts Perfektes in der Welt. Meine Zeit in der Kirche war interessant, und ich traf viele interessante Menschen. Einige darunter waren jedoch nicht sehr fein, aber ich erlebte diese Zeit als eine große Erfahrung. Ob es eine perfekte Idee war, Priester zu werden, weiß ich nicht. Aber ich betrachte mich auch heute noch immer als Priester. Später habe ich dann geheiratet, obwohl die katholische Kirche so etwas nicht gern sieht.

Haben Sie es jemals bereut, Ihre Schachkarriere dem Priesteramt geopfert zu  haben?

Nein, ich habe es nie bereut. Zwölf Jahre lang habe ich als Priester gearbeitet. Dann habe ich aufgehört. Jede Etappe des Lebens hat verschiedene Facetten. Das ist interessant und bereichert einen. Man tut immer sein Bestes. Ich habe aus dieser Lebensperiode viel gewonnen und traf als Priester so großartige Leute wie zum Beispiel Prinzessin Grace und Fürst Rainier.

Hat Ihnen der Glaube an Gott einen Vorteil im Schach gegeben?

Ich denke, er gab Reshewsky mehr Vorteile als mir (lacht). Ehrlich gesagt, glaube ich, es ist dumm, so etwas zu denken. Gott ist nicht der Weihnachtsmann. Die christliche Lehre sagt: Gott ist unveränderbar. Das ist seine Natur. Wenn man ihn um etwas bittet, dann möchte man, dass sich etwas verändert. Aber es tritt nicht immer automatisch ein.

Wann haben Sie nach dem Kirchendienst eine Familie gegründet?

Ich war 45 Jahre alt, als ich heiratete. Wir bekamen einen Jungen. Er wurde sieben Jahre nach meinem aktiven Priesterleben geboren. Heute ist er 29 Jahre alt und lebt in Holland. Ich habe aber wenig Kontakt zu ihm.

Wie war Ihre Beziehung zu Bobby Fischer? Waren Sie Freunde oder eher Kollegen?

Beides. Ich war fünfeinhalb Jahre älter als er und begann ihn zu unterrichten, als ich 16 war. Denn ich war damals trotz meiner Jugend schon einer der Top-Ten-Schachspieler in den USA. Bobbys erster Lehrer Carmine Nigro brachte ihn zum Manhattan Chess Club, und wir spielten dort einige Partien. Ich gewann alle, das hat Bobby später bestritten und behauptet, er habe die Hälfte gewonnen. Ich sagte: „Nein“, er sagte „Doch“. Dann gab ich nach (lächelt).

Sie waren Bobbys Schachtrainer bis 1972 in Reykjavik. Welche Erinnerungen haben Sie an die Arbeit mit ihm?

Unterschiedliche. Ich war Fischers Lehrer seit meinem 16. Lebensjahr. Zum Beispiel coachte ich ihn 1958 in Portoroz, wo er sich für das Kandidatenturnier qualifizierte. Weil ich Bobby sehr gut kannte, kamen wir prima miteinander zurecht. Er hat mir aber nie einen Cent für meine Arbeit bezahlt. Niemals!

Warum?

Fischer glaubte, dass er es verdient, meine Dienste gratis in Anspruch zu nehmen. Auch nach Reykjavik steckte Bobby das ganze Preisgeld ein und gab mir nichts. Ich bekam nur vom USA-Schachverband etwas. Fünf Dollar für die Stunde. Bobby war nicht gerade freigiebig. Aber ich habe ihn sehr gemocht und es so akzeptiert. Weil ich wollte, dass er Weltmeister wird.

Fischer, Lombardy, Leipzig 1960

Viele Zeitzeugen haben mir bestätigt, dass dieser Wunsch ihn schon sehr früh beseelt hat.

Richtig. Als ich ihn das erste Mal im Manhattan Chess Club traf, fragte ich ihn nach seinem Ziel: „Ich will Weltmeister werden“, antwortete er. Da war er gerade elf Jahre alt.

Stimmt es, dass er 1972 in Island nicht mit Ihnen analysieren wollte und vorgeschlagen hat, lieber Bowling zu spielen?

Nein, diese Story ist frei erfunden.

War Fischer psychisch krank?

Nicht unbedingt. Ich bin müde von all den Leuten, die sich für Psychologen halten. Als studierter Psychologe glaube ich nicht, dass ein Mensch verrückt sein muss, wenn er nicht mit mir übereinstimmt. Wenn jemand eine andere Meinung hat, ist er dann geistig krank? Ich glaube das nicht.

War er schizophren?

Ich weiß es nicht, weil ich kein Psychiater bin. Bobby bekam schon mit, was um ihn herum geschah. Sicher misstraute er vielen Menschen. Mir aber gab er etwas, was ich nicht von ihm erwartet hatte. Er schenkte mir sein Vertrauen. Anderen Leuten gegenüber, die er nicht mochte, konnte er sich sehr deutlich und ablehnend äußern. Je öfter er das tat, umso mehr wurde er für verrückt erklärt.

Warum hat Fischer 1975 nicht seinen Titel gegen Karpow verteidigt? Fürchtete er ihn?

Nein, das war nicht der Grund. Bobby Fischer trat nicht zu dem Wettkampf an, weil seine Bedingungen nicht akzeptiert wurden. Die früheren Weltmeister der Schachgeschichte, ob Steinitz, Lasker, Capablanca oder andere, diktierten alle die Bedingungen für ihren jeweiligen Herausforderer. Kein Champion spielte damals, wenn seine Forderungen für ein WM-Match nicht erfüllt wurden. Genauso verhielt sich Fischer.

Die Zeiten haben sich aber geändert. Nach dem zweiten Weltkrieg übernahm doch die FIDE die Regie. Seit 1948 organisiert sie alle WM-Kämpfe und stellt die Regeln auf.

Stimmt, aber sie tanzte damals lange Zeit nach der Pfeife der Sowjetunion, die große Macht in der Föderation hatte. Sie behandelten Fischer nicht richtig, der so viel für das Renommee des Schachs getan hat. Die Champions aus Russland, zum Beispiel Botwinnik, taten immer, was sie wollten. Fischer jedoch wurde als verrückt bezeichnet, als er dies ebenfalls tun wollte. Dabei hatte er zu 110 Prozent Recht.

Mit Fridrik Olafsson

Verfolgen Sie heute noch das Schachgeschehen?

Ja klar.

Was halten Sie von Magnus Carlsen?

Der Junge ist ein großes Talent und ein sehr guter Spieler. Aber er ist nicht Fischer.

Wird er Anand im November schlagen und neuer Schachweltmeister?

Ich weiß es nicht. Keiner kann das vorhersagen.

Die Schachwelt hat sich sehr verändert. Denken wir nur an die Computer. Fischer mochte sie nicht sehr. Wie ist Ihre Meinung zu elektronischen Schachprogrammen?

Was soll ich sagen. Wir können uns mit ihnen nicht messen, genauso wenig, wie wir gegen einen Ferrari um die Wette laufen können. In einer Zwei-Minuten-Partie ist der Mensch gegen ein Schachprogramm chancenlos. Bekommt er aber sieben Minuten auf der Uhr, steigen seine Aussichten erheblich. Ich habe das ausprobiert.

Mit Borislav Ivkov

Mit welchem Slogan würden Sie für Schach werben?

In Amerika lieben alle Slogans. Ich überhaupt nicht. Deshalb habe ich darüber noch nicht nachgedacht.

Was bedeutete das Treffen der Schach-Legenden über 75 Jahre in Dresden für Sie?

Es war eine großartige Sache. Voriges Jahr habe ich noch nichts davon gewusst. Über die Einladung in diesem Sommer hab ich mich sehr gefreut. Es war ganz wunderbar, die früheren Kollegen zu treffen.

Von links nach rechts: Borislav Ivkov, Mark Taimanow, Organisator Dirk Jordan, Robert Hübner, Jewgeni Wasjukow, Boris Spasski (vorn), Klaus Darga, Hajo Hecht, William Lombardy, Yair Kraidman, Burkhard Malich, Andreas Dückstein, Fridrik Olafsson, Wolfgang Uhlmann, Rainer Maas (Pegasus), Michael Ohletz (ZMDI)

Von Dagobert Kohlmeyer 

 


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