Streit im DSB- Leistungssport: Stellungnahme von Georg Meier

03.03.2017 – In einem Offenen Brief hat Bundestrainer Dorian Rogozenco auf Konflikte in der Leistungssportkommission des Schachbundes aufmerksam gemacht und einige Punkte dazu benannt. Nationalspieler Georg Meier stellt in einer eigenen Stellungnahme seine Perspektive dar und beklagt das Fehlen einer konstruktiven Diskussionskultur.

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Liebe Schachfreunde,

Im offenen Brief des Bundestrainers vom 2.März, werde ich in Punkt 2 namentlich und in Punkt 5 implizit erwähnt.

Zitat:

2.[...] Zu seiner 1. Kommissionssitzung im Juni 2016 in München erschien Thomas Luther in Begleitung des Nationalspielers Georg Meier. Er kritisierte meine Zweitnominierung für die Dortmunder Schachtage 2016 mit der Begründung, dass es sich bei dem Nominierten um einen "schwachen Spieler“ handeln würde. [...]

5.[...] Die Atmosphäre im Team während der Olympiade in Baku ließ ebenfalls zu Wünschen übrig. Vielleicht bedingt durch die Querelen im Vorfeld im Rahmen der KL-Sitzung, siehe Punkt 2. Es ging so weit, dass ein Nationalspieler den von mir nominierten Eröffnungstrainer ignorierte und auch Abstand von seinen Mannschaftskollegen nahm. [...]

Ich möchte aus meiner Perspektive zur erwähnten Kommissionssitzung und dem relevanten Kontext Stellung nehmen.

Anlässlich eines Simultans in Moosburg am 12.Juni 2016 nutzte ich die Gelegenheit ein Wochenende in München zu verbringen. Am 8.Juni wurde ich erstmals von Thomas Luther kontaktiert, der mir erklärte, dass er Kontakt und Austausch mit den Nationalspielern suche um deren Interessen in die Arbeit der Kommission besser einfließen lassen zu können. Wir kamen ins Gespräch und er lud mich ein in Ismaning b. München an der KL-Sitzung am 10.Juni teilzunehmen um meine Kritik an intransparenten Nominierungsverfahren vortragen zu können. Ich stehe im Konflikt zwischen dem Bundestrainer und dem Leistungssportreferenten auf keiner Seite.

Meine Kritik an der Nominierung für Dortmund war nicht personenbezogen, trotzdem wurde von Teilnehmern der Sitzung gegen meine Einwände immer ein Vergleich zwischen Rainer Buhmann und mir bemüht. Mein Vorschlag nachvollziehbare Kriterien als Leitlinie für Nominierungsentscheidungen zu diskutieren und bei Konsens zu verabschieden (auch als Basis der Motivation für die Spieler auf Ziele hinzuarbeiten), während man dem Bundestrainer weiterhin die Kompetenz überließe Grenzfälle zu entscheiden sowie begründete Ausnahmen vorzuschlagen, wurde totgeschwiegen.

Ebenso wird mein Vorschlag die Nationalspieler zumindest über deren Vorschläge in die Findung eines geeigneten Team-Sekundanten zu involvieren seit 2015 ignoriert. Ich habe dem Bundestrainer bereits in 2015 erklärt warum ich GM E.Romanov als ungeachtet für diese Position erachte und dass es für mich keinen Nutzen hätte nur für ein Turnier mit ihm zusammenzuarbeiten. Jeder Spieler hat andere Bedürfnisse und Erfahrungen und kann diese Personalie unterschiedlich bewerten, allerdings zeigte der Bundestrainer im persönlichen Gespräch Verständnis für meine Argumente und überrascht mich nun umsomehr mit seiner öffentlichen Anklage.

Mein Umgang mit Nationalmannschaftskollegen war in Baku nicht anders als bei früheren Mannschaftsturnieren, während die Beziehungen untereinander besser sind als bei der Mannschaft in 2011.

Ich befürchte dass der Bundestrainer sich und die Öffentlichkeit darauf vorbereitet mich nicht mehr für die Nationalmannschaft zu nominieren, damit ich ihn nicht weiter mit konstruktiver aber unwillkommener Kritik belästige.

Was mir bei der erwähnten Sitzung der Kommission Leistungssport auffiel, ist das Fehlen einer konstruktiven Diskussionskultur. Sowohl der Bundstrainer als auch der Referent für Leistungssport konnten nicht von Argumenten „ad hominem“ – Diskreditierung des Gegenübers als Argument – lassen. Gleichzeitig wurden Verweise auf eigene Qualifikationen und Erfolge angeführt als würden sie Argumente in einer Sache stärken. In den Themen die ich ansprach konnte sich kein sachlicher Diskurs durchsetzen.

Ich habe nur den Erfahrungshintergrund eines Treffens, doch angesichts des offenen Briefes scheint es naheliegend dass diese Situation zu einer persönlichen Fehde ausgeartet ist. Beim Treffen in Ismaning wurde Thomas Luther bereits isoliert und wenn dieser Trend beibehalten wurde überrascht es mich wenig dass die Arbeit der Kommission Leistungssport eher destruktiv als konstruktiv ausfällt – man eher gegeneinander als miteinander arbeitet.

Ich hoffe dem Leser einen hilfreichen Einblick aus meiner Perspektive vermittelt zu haben. Auf welche Schultern wieviel Schuld fällt ist von der Seitenlinie nicht zu entscheiden, aber ich bin überzeugt dass beide Seiten im sich nun entladenden Streit Fehler begangen haben.  

Georg Meier, 3.März 2017, Stockholm


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hockeyplayer hockeyplayer 05.03.2017 07:40
Das kommt mir irgendwie bekannt vor. Es sieht so aus, dass sich die Situation im Leistungsschach trotz des Wechsels des Bundestrainers nicht verbessert, eventuell sogar verschlechtert hat.
Die von Herrn Meier beschriebenen Schwierigkeiten hatte auch ein gewisser Arkardij Naiditsch, der letztendlich die Konsequenz daraus gezogen hat, und nun für Aserbaidjan spielt.
Die Strukturen im Schach sind ganz offensichtlich so unbeweglich, dass so etwas wie eine Diskussionskultur überhaupt gar nicht entstehen kann. Eine Organisation wie der Deutsche Schachbund, der seine Schwerpunkt im Schul- und Seniorenschach sieht, ist genau deshalb auf der Ebene des Leistungssports nicht konkurrenzfähig.

Transparenz, wie sie jetzt von Herrn Meier vorgetragen wurde, wird vermutlich genau die Konsequenzen haben, die Herr Meier in seinem Offenen Brief erwähnt hat. Oder um die Situation sprachlich pikant auszudrücken: Herr Meier wird zum Buhmann (sic) des Deutschen Schachbundes aufgrund des obigen Offenen Briefes.
Die Lösung dieses Problems liegt m.E. beim BMI (Bundesministerium des Innern) als Geldgeber des Deutschen Schachbundes. Nur unter der Androhung einer massiven Kürzung der staatlichen Unterstützung wird sich beim Deutschen Schachbund etwas ändern. Diesen Plan scheint das BMI aber gerade nicht zu verfolgen, während sich hingegen andere Sportarten mit drohenden Mittelkürzungen in Folge der Olympischen Spiele 2016 in Rio befassen müssen.

Folglich werden die Strukturen und Prioritäten im Deutschen Schachbund so erhalten bleiben wie sie jetzt sind. Vielleicht besteht für Herrn Meier die Möglichkeit demnächst für die Niederlande zu spielen. Damit wäre beiden Seiten gedient, das Problem aber nicht gelöst.
ulricus ulricus 04.03.2017 06:02
besser als DoktorM kann ich den nicht so gänzlich transparenten Vorgang nicht kommentieren. Es sieht wirklich so aus, als
könne die Diskussionskultur auf dieser Ebene des Schachlebens klar verbessert werden. Ich frage mich auch, ob nicht die
Spieler, die ja allesamt schon ausgewiesene Könner sind, ihren Trainer auswählen oder zumindest darüber mitbestimmen sollten. Denn wenn zwischen Spieler und Trainer keine absolute Harmonie herrscht, ist doch alles bloß vergebliche Bemühung und schade um das Geld und die Zeit.
DoktorM DoktorM 04.03.2017 03:32
Und schon sieht die Sache anders aus als beim ersten offenen Brief. Wenn das mit der fehlenden Diskussionskultur stimmt, dann sollte man das mangelhafte Personal austauschen. Warum es beim Schach keine sachlich eindeutigen Kriterien für eine Nominierung gibt, ist mir ein Rätsel. Wenn einem gar nichts Besseres einfällt, nimmt man die Elozahl. Und niemand kann sich beschweren. Beim Schach werden deutsche Spieler nicht reich. Daher ist es umso absurder, wenn wegen ein paar Tausender mehr oder weniger, die bei einer Nominierung oder Nichtnominierung herauskommen, so ein Brimborium veranstaltet wird. Man könnte z.B. auf einen Bundestrainer verzichten, dessen Gehalt auf die nominierten Spieler verteilen, die damit selbst einen Trainer finanzieren, wenn sie einen benötigen.
flachspieler flachspieler 04.03.2017 10:44
Dank an Georg Meier für den konstruktiven Beitrag.
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