US-Patent-No 4 884 255

31.01.2008 – Im Jahr 1988 meldete Robert Fischer seine "Fischer-Uhr" mit der Nummer  4 884 255 in den USA zum Patent an. Seine Idee bestand darin, dass ein Spieler zu seiner Grundbedenkzeit für jeden Zug eine Zeitzugabe erhält, so dass eine gewonnene Partie nicht mehr allein durch Zeitnot verloren werden würde. Dieses Prinzip ist heute auch in den elektronischen Uhren der Enscheder Firma DGT integriert. Doch alle Versuche von DGT, mit dem Patentinhaber in Kontakt zu treten, verliefen ergebnislos. Im Interview mit Dr. Rene Gralla für das Neue Deutschland erzählt DGT-Vorstand Albert Vasse außerdem, wie es zur Entwicklung der DGT-Uhren und Bretter kam und welche Produkte als nächstes geplant sind.Interview beim Neuen Deutschland...Nachdruck...

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Das Interview erschien in

 

Nachdruck mit freundlicher Genehmigung

 

DER HERR DER UHREN
Fotos: Jeroen van den Belt

Sie sorgen dafür, dass die Schachwelt richtig tickt -  jedenfalls was die technischen Abläufe betrifft. Die im niederländischen Enschede beheimatete Firma Digital Game Technology (DGT) ist weltweiter Marktführer für elektronische Turnieruhren und intelligente Schachbretter, die Partien aufzeichnen, indem die Spieler ihre Figuren auf mit Sensoren präparierte Felder setzen. Während der Spielwarenmessen Nürnberg 2008 vom 7. bis 12. Februar wird DGT ein System vorstellen, dass Schachberichterstattung wie im Fernseh-Sportstudio ermöglicht. ND-Mitarbeiter DR.RENÉ GRALLA hat mit DGT-Vorstand ALBERT VASSE (49) unter anderem darüber gesprochen, ob das Organisationskomitee der diesjährigen Schacholympiade in Dresden auf die Erfahrungen von DGT zurückgreift.

ND: Wie kann Ihr elektronisches Brett erkennen, welche Figuren sich  in eine bestimmte Richtung bewegen?

ALBERT VASSE: Unter dem Schachbrett ist eine Antennenfolie angebracht, und jede Figur trägt in sich einen Miniempfänger zur Identifikation auf einer eigenen Frequenz. Durch die Folie wird Strom geschickt, und  anschließend beginnt jede Figur auf ihrer eigenen Frequenz wie eine Stimmgabel zu singen. Die Frequenz wird von der Identifikationsfolie ausgelesen, sie ortet die Frequenz am konkreten Platz auf dem Schachbrett, und diese Information wird fünfmal pro Sekunde weitergeleitet an einen Computer. Der Rechner transformiert die gemeldeten Positionen sowie die Änderungen von der einen Position zur anderen in Partieabläufe.

ND: Kann das Brett auch Regelwidrigkeiten erkennen?

VASSE: Illegale Züge werden ebenfalls registriert ...


Albert Vasse mit Evgeny Bareev in Maastricht

ND: ... quasi ist das GPS auf dem Brett ...

VASSE: ... könnte man sagen (lacht). Die Maschine analysiert anhand der übermittelten Daten, ob sich  die jeweiligen Manöver logisch in die bisher registrierten  Zugfolgen einfügen oder herausfallen. Allerdings sind wir abhängig davon, wie exakt die Spieler ihre Steine auf das Brett setzen. Falls eine Figur, was in extremer Zeitnot gelegentlich vorkommt, genau auf der Grenze zum Beispiel zwischen f7 und f6 landet, dann kann der Rechner mit aller Logik der Welt nicht mehr entscheiden, wo genau die betreffende Einheit steht.

ND: Elektronische Schachbretter und digitale Turnieruhren, die ebenfalls zur Angebotspalette von DGT gehören, sind keine alltäglichen Produkte. Wie haben Sie diese Marktlücke entdeckt?

VASSE: Als ich Anfang zwanzig alt war, bin ich durch Nordafrika getrampt, wie das damals eben so üblich gewesen ist. Nach meiner Rückkehr beschloss ich, auf eine normale gesellschaftliche Karriere zu verzichten und mich stattdessen auf meine alte Jugendliebe zu konzentrieren, nämlich Schach. Damals schlug ich sogar Internationale Meister, und das hat übrigens den bis heute  nachwirkenden Langzeiteffekt gehabt, dass mein aktuelles ELO-Rating bloß knapp unter 2000 Wertungspunkten liegt, obwohl ich inzwischen keine ernsten Turnierpartien mehr bestreite. Beinahe zeitgleich hatte mein jetziger Partner bei DGT, Ben Bulsink, Mitte der 80-er Jahre elektronische Schachuhren konstruiert; die waren beinahe perfekt, aber zunächst noch zu teuer und damit praktisch unverkäuflich. Dann aber stellte Bobby Fischer beim Revanchematch gegen Boris Spasski 1992 in Jugoslawien seine eigene digitale "Fischer-Uhr" vor, die, ausgehend von einer bestimmten Basiszeit  für die ganze Partie, pro gespieltem Zug einen zusätzlichen Zeitbonus gab. Im selben Jahr wurde in Monaco das erste "Amber"-Turnier im Schnellschach ausgetragen, und das war folglich der richtige Zeitpunkt, das Uhrenprojekt von Ben Bulsink, das er eigentlich fast schon begraben hatte, wieder aufzugreifen. Ich sprach ihn  deswegen an und schlug ihm einen zweiten Anlauf vor. 1992 gründeten wir DGT, und im Mai 1994 haben wir unsere ersten Uhren auf den Markt gebracht. Die Entwicklung der elektronischen Bretter hat 1996 begonnen, und die feierten ihre Premiere 1998 während der Schacholympiade im kalmückischen Elista.


Albert Vasse bei der Schacholympiade in Calvia (Foto: Straub)

ND: DGT hat also an Vorarbeiten von Bobby Fischer angeknüpft. Haben Sie auch direkt mit dem exzentrischen Exweltmeister verhandelt?

VASSE:  Nein. Wir haben versucht, über Mittelsleute in Kontakt mit Bobby Fischer zu treten, aber leider ist es uns nie gelungen, den Mann zu treffen.   

ND: Fischer hat seine eigene Uhr 1988 patentieren lassen ...  

VASSE:  ...  ja, unter der US-Patent-Nr. 4 884 255. Und er wusste natürlich, dass die DGT-Uhren das Fischersystem integriert haben. Dennoch hat er nie auf unsere Versuche reagiert, mit ihm ins Gespräch zu kommen. Und andererseits hat er uns auch nicht unter Berufung auf sein Patent dazu aufgefordert, die Finger von der Sache zu lassen. 


Albert Vasse

ND:  Vor wenigen Tagen ist Bobby Fischer auf Island gestorben ...

VASSE: ... und der Tod passt zur Legende: 64 Jahre alt ist Fischer geworden, und das ist exakt die Zahl der Felder auf dem Schachbrett. Schon zu Lebzeiten war Bobby Fischer ein Mythos, nun ist er erst recht zum Mythos geworden.

ND: Wie viele elektronischen DGT-Bretter und -Uhren sind weltweit im Einsatz?

VASSE: Seit unserer Betriebsgründung haben wir etwa 300.000 Digitaluhren verkauft. Von den elektronischen Brettern haben wir zwischen 8000 und 10.000 Sets ausgeliefert; wir operieren eben in einem Nischenmarkt. Ein Brett mit Figuren plus Software kostet in Deutschland zwischen 370 und 500 Euro.     


Die DGT-Gründer Ben Bulsink and Albert Vasse

ND: Sie sind Monopolist: Turnierveranstalter greifen meist auf Ihr Sortiment zurück.

VASSE: Nicht zwangsläufig: Immerhin gibt es eine Konkurrenzfirma aus St. Petersburg, die hin und wieder bei Wettbewerben präsent ist.

ND:  Mit Blick auf die diesjährigen Schacholympiade Dresden wird offenbar an einer eigenen sächsischen Technik gearbeitet. 

VASSE: Es scheint, als man dort wirklich noch immer versucht, eine Alternative zu bauen. Grundsätzlich habe ich nichts dagegen, das ist ein offener Markt.  Uns wurde von Dresdner Seite bisher keine Gelegenheit geboten, die DGT-Bretter zu präsentieren, um zu demonstrieren, was dieses System leistet.

ND: Die DGT-Bretter haben sich seit Jahren bewährt. Wie beurteilen Sie den Versuch, für die Schacholympiade 2008, mit der sich das deutsche Schach der Welt von seiner besten Seite zeigen will, eine erst neu entwickelte Hardware und Software einzusetzen?

VASSE: Für mich ist es sehr fragwürdig, ob ein Brett, das noch bei keinem großen Turnier getestet worden ist, bis zur Olympiade derart optimiert werden kann, dass auch die unvermeidlichen Kinderkrankheiten überwunden sind. Wenn das gelingen sollte, sage ich: Hut ab!

ND: Zur Spielwarenmesse Nürnberg bringen Sie eine Innovation namens "Foidos".

VASSE:  Das ist ein System, bei dem wir sechs bis acht Kameras zur Dokumentation eines Spiels einsetzen.

ND: Wie bei der modernen Fußballberichterstatttung?

VASSE: Ja. Allerdings hat "Foidos" einen besonderen Clou: Hier entscheidet kein Regisseur im Studio, unter welchem Blickwinkel Sie das Geschehen verfolgen, sondern der Nutzer zu Hause wird zu seinem eigenen Regisseur. Sie haben Zugriff auf alle Videostreams, auf Kommentare und Chat und natürlich auch auf die Partie als solche, und Sie können sich aussuchen, wie Sie die Bilder auf Ihrem eigenen Monitor mixen.  

ND: Enschede, wo Ihre Firma beheimatet ist, wurde am 13. Mai 2000 von einer Katastrophe getroffen: 23 Menschen starben, als eine Feuerwerkskörperfabrik in die Luft flog. Anschließend haben Sie vorbildliches bürgerschaftliches Engagement bewiesen ...

VASSE: ... neben meiner Arbeit für DGT übernahm ich den Vorsitz des Interessenvereins für die Opfer des Unglücks. Und wir haben es geschafft, dass wir in 95 Prozent der Fälle den Betroffenen helfen konnten 

 

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Weitere Infos:  www.dgtprojects.com 

 

 

 


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