Verlässt Naiditsch den DSB?

von André Schulz
21.05.2015 – Arkadij Naiditsch steht möglicherweise vor einem Verbandswechsel, offenbar in den aserischen Verband. Beim Schachbund war man auf den möglichen Weggang Naiditschs bereits vorbereitet. In den vergangenen Jahren hat es vielfach Querelen zwischen dem Spitzenspieler und Verbandsfunktionären gegeben. Amtlich ist der Wechsel bisher allerdings noch nicht. Mehr...

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Wenn es eine Konstante im Bereich Leistungssport des Deutschen Schachbundes gab, dann waren es die Konflikte zwischen dem einzigen Weltklassespieler im Deutschen Schachbund Arkadij Naiditsch und seinen verschiedenen Ansprechpartnern im DSB. Naiditsch, der als Jugendlicher auf seinem Weg zum Spitzenspieler vom DSB im Zuge der Sonderförderung einige Jahre mit mehreren Tausend Euro jährlich gefördert wurde, äußerte sich in der Vergangenheit öffentlich abfällig gegenüber dem damaligen Bundestrainer Uwe Bönsch, aber auch gegenüber anderen Funktionsträgern des DSB und war auch in der direkten Kommunikation mit den DSB-Vertretern alles andere als diplomatisch. In den von ihm angesprochen Dingen hatte Naiditsch durchaus nicht immer unrecht, aber der Stil, in dem er seine Anliegen vortrug, verursachte bei seinen Gesprächspartnern Kopfschütteln. Und auf Turnieren war sein Verhalten abseits des Brettes bisweilen schlicht unprofessionell.

Bei den Streitigkeiten ging es auch ums Geld. Bei der Schacholympiade 2010 in Khanty-Mansiysk boykottierten die A-Spieler den Verband mangels ausreichender finanzieller Vergütung. Dieser Streit konnte später beigelegt werden und 2011 gewann das Team sogar die Goldmedaille bei der Mannschafts-Europameisterschaft.

Arkadij Naidtsch

Im Hinblick auf die Schacholympiade 2016 in Baku ist der aserische Schachverband, der dank seines Sponsors, der staatlichen Mineralölfirma Socar, mit reichlich Geldmitteln gesegnet ist, offenbar zur Zeit damit beschäftigt, ein möglichst schlagkräftiges Team aufzustellen. In Schachkreisen kursierte das Gerücht, der aserische Verband hätte sogar versucht Fabiano Caruana anzulocken und ihm 400.000 Dollar für den Verbandswechsel geboten. Der Italo-Amerikaner hat sich aber für den US-Verband entschieden - angeblich für die Hälfte des Geldes. Im Deutschen Schachbund wurde schon länger vermutet, dass auch Naiditsch ein Angebot eines anderen Verbandes, nämlich Aserbaidschan, vorliege und er deshalb versuchte, durch neue Angriffe auf den DSB und seine Funktionäre seinen Rauswurf zu provozieren.

In der letzten Kongressbroschüre heißt es im Bericht des Referenten für Leistungssport Klaus Deventer, inzwischen Vizepräsident Sport:

"Außerhalb des Schachbretts gab es dagegen leider wieder Ärger. [...] Arkadij Naiditsch lehnte es ab, zum Mannschaftsfoto zu erscheinen, obwohl er dazu vertraglich verpflichtet war. Bereits im Vorjahr hatte er im Zusammenhang mit der Mannschafts-EM in mehreren Punkten gegen seinen Spielervertrag verstoßen. Im Dezember setzte Arkadij dann in kurzer Folge drei E-Mails mit beleidigendem Inhalt ab. Erschien der Beweggrund zunächst rätselhaft, kann nun angenommen werden, dass er damit seinen Rauswurf provozieren wollte, um einen Vorwand für den von ihm betriebenen Föderationswechsel geliefert zu bekommen. Tatsächlich hatte das Präsidium auf Vorschlag der Kommission Leistungssport beschlossen gehabt, Arkadij aufgrund der genannten Vorfälle in 2015 nicht für die Nationalmannschaft zu berücksichtigen. Bevor dies aber kommuniziert wurde, verdichteten sich die Wechselgerüchte zu einer konkreten Wechselabsicht. Offiziell ist ein Antrag auf Föderationswechsel zum Zeitpunkt der Abfassung dieses Berichts noch nicht gestellt. Nach Lage der Dinge ist aber davon auszugehen, dass uns Arkadij Naiditsch verlässt. Das ist spielerisch für unsere Nationalmannschaft und für den DSB ein herber Schlag. Er ist momentan unser einziger Weltklassespieler, der zuletzt sogar gleich zwei Mal innerhalb eines halben Jahres den Weltmeister in einer Turnierpartie bezwingen konnte. Ihm haben wir auch maßgeblich die Goldmedaille bei der Mannschafts-EM 2011 zu verdanken. Angesichts der unendlichen Geschichte von Ausfällen und Beleidigungen gegenüber Funktionären und auch Spielern mag dennoch vielleicht nicht bei jedem ein Gefühl von Trauer aufkommen."

(Materialien zum ordentlichen Bundeskongress des Deutschen Schachbundes am 16. Mai 2015 in Halberstadt, S. 89)

Transfers von Spielern von einem Verband in einen anderen sind durchaus üblich. Meist sind weniger starke Spieler betroffen, aber auch gute Großmeister verlassen bisweilen ihren Heimatverband. Vor der letzten Schacholympiade wechselte beispielsweise Liviu-Dieter Nisipeanu vom rumänischen Schachbund in den DSB und spielt nun in der deutschen Nationalmannschaft, ein Vorgang der relativ geräuschlos vor sich ging. Nisipeanu lebte lange Zeit in Deutschland und hat eine deutsche Mutter, weshalb der Wechsel auch nicht besonders befremdlich wirkt.

Liviu-Dieter Nisipeanu

Für Aufregung sorgte im letzten Jahr indes der Wechsel von Kateryna Lagno vom ukrainischen Verband in den russischen. Dies war mit politischen Nebentönen verbunden, hatte aber vor allem private Gründe. Da der russische Verband Lagno noch bei der Schacholympiade Tromsö in seiner Frauen-Nationalmannschaft einsetzten wollte, zögerte er die Meldung der Spielerinnen hinaus bis die Norweger die Geduld verloren und das russische Frauen-Team wegen nicht fristgerechter Meldung ausschließen wollte. Die FIDE schritt dann ein und glättete die Wogen.

Kateryna Lagno

Mit Wesley So wechselte im vergangenen Jahr ein absoluter Weltklassespieler vom philippinischen Schachverband in den US-Verband. Die USCF sammelt schon seit Jahren Spitzenspieler wie kein zweiter Verband. Greencards und Stipendien locken Schachgroßmeister und -großmeisterinnen in größerer Zahl in die USA, mancher wird dort sesshaft und einige sind so stark, dass sie in der Nationalmannschaft spielen können. Nach dem Wechsel von So, der tatsächlich inzwischen in den USA lebt, allerdings nicht die US-Staatsbürgerschaft besitzt, meldete die USCF kürzlich einen weiteren spektakulären "Neuzugang": Fabiano Caruana. Der Weltranglistenzweite ist in Miami geboren und wegen seiner italienischen Wurzeln und, weil er inzwischen in Europa lebte, zum italienischen Verband gewechselt. Nun wird er für die US-Nationalmannschaft spielen, die mit ihm, So und Nakamura drei Topten-Spieler in ihren Reihen hat.

Fabiano Caruana

In der Frankfurter Allgemeinen Zeitung beschäftigte sich gestern Stefan Löffler mit dem Verbandswechsel von Arkadi Naiditsch. Möglicherweise steht der Wechsel von Naiditsch zum aserischen Verband bevor, amtlich ist er bisher aber nicht. Während in anderen Sportarten ein solcher Transfer gar nicht möglich ist, wenn ein Spieler schon für die Nationalmannschaft eines Landes gespielt hat, ist der Weltschachbund in dieser Frage liberaler. Er erlaubt diesen, wenn ein Spieler seinen ständigen Wohnsitz in einem anderen Land nimmt. Als Transfergebühr erhebt die FIDE eine generelle Pauschale von 250 Euro, zudem noch eine weitere Gebühr bei Titelträgern. Für Großmeister beträgt sie 5000 Euro. In der Regel ist der Transferwechsel mit einer zweijährigen Sperrfrist versehen, in der der Spieler nicht für seinen neuen Verband spielen kann. Der alte und der neue Verband können sich aber mit Hilfe einer finanziellen Entschädigung einigen und der frühere Verband kann dann auf die Sperrfrist verzichten. Für Spitzenspieler empfiehlt die FIDE eine "Ablösegebühr" von 50.000 Euro.

Wenn Naiditsch tatsächlich den DSB verlässt, dann verliert der DSB seinen besten Spieler. Mit Alexander Donchenko, Mathias Blübaum, Dennis Wagner und Rasmus Svane klopfen aber auch einige viel versprechende junge Spieler an die Tür der Nationalmannschaft.

 

Transferliste der FIDE für 2015...

Artikel in der FAZ: Aserbaidschan kauft Deutschlands besten Spieler...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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duderino duderino 23.05.2015 04:16
Halte ich so auch für die beste Lösung. Menschlich kein Verlust für den DSB. Hoffentlich zahlt der deutsche Staat nicht noch irgendwelche Sozialleistungen, den versteuern wird er sein Einkommen hier wohl kaum.
Mclanda Mclanda 22.05.2015 12:50
Zu Arkadij Naiditsch: Reisende sollte man nicht aufhalten. In Deutschland sollte er jedoch nie wieder eine Einladung erhalten.
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