Vom Winde verweht

17.01.2004 – Der Wind ist eines der großen Gesprächsthemen in den Fluren und Hallen des Corus-Schachfestivals im holländischen Badeort Wijk aan Zee. Während die besten Spieler der Welt im Turniersaal spielen, müssen ihre Sekundanten schon mal entsetzt feststellen, dass ihr Schützling gerade die Varianten verwechselt hat. Doch nur nichts anmerken lassen, soll ja keiner wissen. Dann ist der Wind ein besonders dankbares Gesprächsthema. Hier ist Anna Dergachovas Bericht aus Wijk. Mehr...

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Vom Winde verweht
Von Anna Dergachova


Windig: Wijk aan Zee

Schachliebhaber aus Holland und der ganzen Welt sind bestimmt sehr glücklich über die Nachricht, die Jeroen van de Berg bei der Eröffnung des traditionellen Turnier in Wijk aan Zee bekannt gab, die Austragung des Turnier ist bis zum Jahr 2010 gesichert. Im letzten Jahr hieß es noch bis 2005. Nun aber gelang es den Organisatoren den Hauptsponsor Corus für weitere 5 Jahre zu gewinnen. Die Turniergeschichte erläuterte mir Dolf Voss, der schon seit 6 Jahren der Organisatorengruppe angehört.

Zum ersten Mal wurde das Turnier 1938 ausgetragen und seitdem, mit einer Unterbrechung im Jahr 1945 (Sie können sich schon denken warum, meinte er zu mir), 66 Mal hintereinander. 1938 hat alles mit einer kleinen Großmeistergruppe mit 4 Spielern begonnen. Heute sind es die 3 Großmeisterturniere A, B und C. Und noch 7 weitere Turniere, in denen Amateure und auch Profispieler um Gruppengewinne kämpfen.

Das System in Wijk ist sehr interessant. Man kann als Amateur ganz unten anfangen und in 10 Jahren (unter der Bedienung, dass man jedes Jahr Bester in seiner Gruppe wird) bis zum Großmeisterturnier A schaffen. Doch bis jetzt hat es wohl noch niemand geschafft. Aber viel Spaß haben diese Schachspieler trotzdem. Ich habe beobachtet, wie entspannt und freundlich die Gesichter der Amateure wirken, und das nur wenige Minuten vor Turnierbeginn. Die Menschen lesen Zeitungen, quatschen nett miteinander (und auch mit dem Gegner), wünschen sich schöne Partien usw.





Die Gesichter der Großmeister wirken dagegen weniger entspannt, ich würde sogar behaupten, teilweise etwas verkrampft. Verständlicherweise, schließlich ist dies hier ihr Job.


Van Wely, Anand


Zhang Zhong


Vladimir Kramnik


Hikaru Nakamura


Naiditsch, Stellwagen

Konzentriert und ernst werden sie im Schach schon sehr früh, wie z.B. der 13-jährige Magnus Carlsen aus Norwegen oder die 14-järige Ekaterina Lahno aus der Ukraine.


Magnus Carlsen


Ekatarina Lahno

Hätte ich über irgendein gewöhnliches Mädchen in diesem Alter geschrieben, so hätte ich sie mit Sicherheit Katja genannt. Es ist so üblich, Mädchen in diesem Alter mit einem Kurznamen zu nennen. Doch zu dieser jungen Dame passt Ekaterina viel besser. Nicht nur ihre außergewöhnliche Spielstärke, sondern auch das gesamte Auftreten zeigt bereits eine junge Dame. Manchmal aber machen die schachspielenden Großmeisterinnen  für Journalisten auch mal eine Ausnahme, und lächeln sogar in die Kamera. (Vielleicht aber nur weil sie unter der Fassade eines Fotojournalisten gerade eben ihre Kollegin entdeckt haben J).


Zhu Chen


Antoaneta Stefanova


Tea Lanchava

Die erlaubten 10 Minuten vergehen sehr schnell. Die ersten Eröffnungszüge sind gemacht. Ich bin leider kein Theoriemonster, meistens interessieren mich die Partien erst in der Zeitnotphase, wo es etwas zügiger zur Sache geht und üblicherweise ein kleiner Nervenkitzel entsteht. Deshalb verbringe ich die Zeit dazwischen im Pressezentrum.


Loek Van Wely und Vladimir Chuchelov

Dort trifft man hin und hier die Sekundanten. Sie schauen gespannt auf die Monitore und ballen ihre Hände zu Fäusten. Ich verstehe schon, warum sie alle etwas nervös sind. Gute Vorbereitung ist die halbe Miete, gelungene oder misslungene Eröffnung kann auf diesem Niveau schon die Partie kosten. Doch von ihren Gesichtern kann man natürlich nichts ablesen. Die Lippen sind aufeinander gepresst. Alles ist hoch geheim, natürlich. Die Kommunikation miteinander verläuft ungefähr so: „Heute ist aber sehr kalt, nicht wahr?“. „Oh ja, und auch windig. Ich wurde fast vom Winde verweht“.

Mit mir sind sie manchmal etwas offener. Z.B. erfahre ich manchmal, dass der eine oder anderer Schützling eine bestimmte Variante verwechselt hat, und damit die dreistündige Analyse zunichte gemacht hat. „Mir passiert es ständig, in jeder zweiten Partie vergesse ich etwas Wichtiges. Als ich angefangen habe Tschigorin zu spielen, endete der erster Versuch mit 1. d4 d5 2.c4 Sc6 3. Sc3 e6..., versuche ich dann den Trainer zu trösten. „Du bist ja auch kein Supergroßmeister, oder?“ - bekomme ich dann als Antwort zu hören. Doch manchmal gelingt es mir auch die großen  Schachköpfe  mit einer interessanten Studie zu beschäftigen. Dieses mal war es keine Studie, sondern meine eigene Spanisch-Partie aus Böblingen, die ich mit einer Springer-Opfer in 16 Zügen gewann.


Danailov und Tregubov analysieren den Spanier

Nachdem GM Silvio Danailov  (Sekundant vom GM Veselin Topalov) zusammen mit GM  Pavel Tregubov (Sekundant vom Vladimir Kramnik) eine Zeit lang ohne Erfolg versucht hatten, die Variante zu widerlegen, mussten sie zugeben, dass die Idee sehr interessant sei. Natürlich hätte ich an dieser Stelle das  Lob einsammeln und ein ganz wichtiges Gesicht machen können, doch ich gab zu, dass die Idee von Paul Keres stammte und nur noch nie gespielt wurde. 

Die Ehefrauen warten dann geduldig auf ihre Gatten und verbringen die Zeit damit, alte Fotos anzuschauen, und zu raten, wer das wohl sein könnte. Weil die beiden Ehefrauen Margarita Bologan und Sofia Leko aber noch viel zu jung sind, um manches Gesicht zu identifizieren, helfe ich ihnen gern.


Sofie Leko und Margarita Bologan


Frau Timman

Leider gab es in den ersten Runden des A-Turniers einige Remispartien, ohne dass es zu großen Aufregungen kam. Dafür konnte ich dann aber bei den Analysen lauschen. Es ist immer interessant, wie weit die Großmeister rechnen können und wie sie die Stellungen einschätzen und wer mehr versteht, oder wer während der Partie Gespenster sah.


Bologan und Kramnik

Doch das häufigste, was ich auch dort hörte, war die Beschwerde über starken Wind in Wijk und Bemerkungen wie, "ich könnte einen freien Tag gebrauchen" (wohl gemerkt ich kam gerade nach einem freien Tag, also war es wohl ein Witz). Also auch hier, das alte Versteckspiel. Bloß nicht zuviel verraten.


Zhun Chen und Stefanova bei der Analyse, Al-Modhiaki schaut zu

Am Abend besuchte ich dann einen Italiener – kann ich nur empfehlen. Ich meine eventuellen Besuchern, da es alle Schachspieler längst wissen. Ich bin mittlerweile sehr taktvoll geworden, deshalb keine Bilder, die die Privatsphäre von Menschen verletzen könnten.


Franzose beim Italiener: Laurent Fressinet (re.)


Familie Carlsen

In der letzten Woche fahre ich noch einmal dorthin. Vielleicht wird es dann spannender.     

 

 

 


Themen Corus
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