Von der Euro zur Schacholympiade

18.04.2007 – Vladislav Tkachiev heißt der Überraschungssieger der Europameisterschaft in Dresden. Der extrovertierte Franzose mit kasachischen Wurzeln ließ etliche höher gewertete Spieler hinter sich, allerdings erst im Stichkampf. Weniger überraschend ist der Sieg von Tatiana Kosintseva im Frauenturnier. In seiner Deutlichkeit konnte dieser aber ebenfalls nicht erwartet werden. Mit 10 aus 11 und zwei Punkten Vorsprung zog sie dem restlichen Feld davon. Schwester Nadezhda komplettierte den Familienerfolg mit der Bronzemedaille. Dagobert Kohlmeyer zieht ein Resümee und sprach mit der Siegerin. Mehr...

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Euro 2007 – der Weg ist das Ziel
Wieder zwei neue Titelträger

Von Dagobert Kohlmeyer

Die These „They never come back“ behält auch nach dieser Europameisterschaft ihre Gültigkeit. Beide Titelträger sind wiederum neu, mit Tatjana Kosinzewa und Wladislaw Tkatchiev gewannen zwei, die ihr Handwerk in Russland bzw. der früheren Sowjetunion erlernt haben.

Im Damenturnier dominierte die neue Königin, im Herrenturnier gab es nach den elf regulären Runden eine Massenankunft an der Spitze.


Jakovenko schlug Volokitin in der letzten Runde

Sieben Spieler mit je 8,0 Punkten mussten darum in die Verlängerung und ermittelten den Gewinner und die Platzierten im Stechen mit verkürzter Bedenkzeit.


Dmitry Jakowenko

Mit Glück und Können entschied der Wahlfranzose Wladislaw Tkatchiev die letzte Hürde für sich. Ihn hatten vorher nur wenige auf der Rechnung.

Die Favoriten aus Russland und der Ukraine mussten zusehen, wie der Sonnyboy ihnen die Trophäe quasi auf der Ziellinie wegschnappte. Emil Sutowski hätte nach 2001 in Dresden Doppeleuropameister werden können, aber scheiterte im Tiebreakfinale. „Ich bin sehr glücklich über meinen Sieg, den ich nicht erwartet habe“, erklärte Tkatchiev, der zuvor beim starken Schachturnier im sibirischen Poikowski keine Bäume ausgerissen hatte. „Wahrscheinlich hat mir das den notwendigen Kick gegeben.

Der Europameistertitel ist der bisher größte Erfolg in meiner Karriere.“

Beste Deutsche waren Jan Gustafsson aus Hamburg und Arkadij Naiditsch aus Dortmund mit je 7,5 Punkten. Sie trafen in der Turniermitte aufeinander, und Jan servierte seinem Kollegen mit Erfolg eine theoretische Tretmine.


Jan Gustafsson

Gustafsson ist jetzt auch für den nächsten Weltcup der FIDE qualifiziert, Naiditsch hat das schon im Vorjahr durch seinen 4. Rang bei der Schach-EM in der Türkei geschafft.

Ein erfolgreiches Turnier spielten der 16-jährige Falko Bindrich aus Zittau, Georg Meier (Eppingen) und René Stern (Berlin), die alle die Großmeisternorm erfüllten.


Falko Bindrich


Georg Meier

Im Frauenwettbewerb distanzierte Tatjana Kosinzewa mit 10 Punkten das Feld um ganze zwei Zähler. Hinter der vorzeitigen Siegerin, die in Dresden 21 Jahre alt wurde, gab es harte Positionskämpfe.


Tatiana Kosinsewa

Silber holte Exweltmeisterin Antoaneta Stefanowa (Bulgarien), die Nadjeshda Kosinzewa mit 2:0 im Tiebreak bezwang. Die ältere der beiden Schwestern aus Archangelsk schmückte sich mit Bronze, womit Russland erfolgreichste Nation bei dieser Euro wurde.


Ketino Kachiani-Gersinska

Bei den deutschen Damen gab es Licht und Schatten. Während Ketino Kachiani-Gersinska mit 7,5 Punkten alle Erwartungen erfüllte und sich für die Schach-WM qualifizierte, kam Elisabeth Pähtz nach Einschätzung von Bundestrainer Uwe Bönsch mit dem Druck nicht zurecht und lief während des Turniers auch ihrer Form hinterher. 6,5 Punkte bedeuten eine klare Enttäuschung. „Sie hat in etlichen Partien das Risiko übertrieben“, sagte Altmeister Wolfgang Uhlmann, der das Geschehen täglich im Spielsaal beobachtete und die schönsten Damenpartien auszeichnete. Einmal erhielten Elisabeth, einmal Ketino und einmal Andrea Havenstein den Preis.

In Dresden war die ganze Schachfamilie Pähtz anwesend. Vater und Bruder Thomas spielten im Herrn Open mit und wurden am Schlusstag bei der Familien-Euro Zweite.

Großartig spielte die jüngste Teilnehmerin Filiz Osmanodja.

Die elfjährige  Schachelevin vom Dresdner Sportgymnasium wies gemessen an ihrem Leistungsstand die beste Performance aller EM-Teilnehmer auf. Ältester war mit 75 Jahren Karlheinz Hesselbarth aus Berlin, Zeichen dafür, welche Spannbreite Schach als Sportart bietet.

In anderen Disziplinen ist es undenkbar, dass bei einer Meisterschaft zwischen Aktiven ein Altersunterschied von fast 65 Jahren besteht.

Dresden hatte mit der Euro 2007 eine gute Möglichkeit, sich für die Schacholympiade im nächsten Jahr fit zu machen. Dann werden es mit etwa 1 600 Spielerinnen und Spielern dreimal so viele Teilnehmer sein wie diesmal. Das stellt weitaus höhere Anforderungen an alle Beteiligten. - Nach dem Turnier ist vor dem Turnier. Wo noch Baustellen liegen, erläuterten Chairman Dirk Jordan und seine Mannschaft auf der abschließenden Pressekonferenz. Reserven gibt es vor allem in der Internetpräsenz und bei der Live-Übertragung der Partien, räumten sie ein. Alles in allem aber war die Euro zweifellos ein großer Erfolg, der über Sachsen und Deutschland hinaus auf unsere Sportart und auf die schöne Stadt Dresden aufmerksam machte.

Zur Euro 2007 gab es keine Miss-Wahl. Meine Favoritinnen wären diesmal auch keine Schachspielerinnen gewesen.
 




Die letzte Miss Euro in Dresden: Anna Sharevich

 

Ich hätte meine Stimme drei Frauen gegeben, ohne die das Großereignis nicht so gut über die Bühne gegangen wäre. Es sind Beatrix Wolf, Katja Breuer und Antje Jurke vom Organisationsbüro der Schacholympiade.

 


Beatrix Wolf und Katja Breuer

 

Katja war einfach überall, kümmerte sich um VIP-Gäste, Hotelunterbringung, Reisepläne etc. Beatrix war die Seele des Orgbüros und immer ansprechbar. Sie sorgte u. a. auch dafür, dass ein gewisser Schachjournalist nicht verhungerte oder verdurstete.

 

 

Praktikantin Antje, das Euro-Plakat-Girl, ist mit vielen Talenten gesegnet. Ein Juwel, das man in Dresden ganz festhalten sollte.

 

 


Antje Jurke

 

Aber das wissen Dirk Jordan und Jörn Verleger sicher besser als ich.

 

„Ich spiele, wie es die Stellung erfordert“
Interview mit Europas Schachkönigin Tatjana Kosinzewa
Von Dagobert Kohlmeyer

Die russische Großmeisterin Tatjana Kosinzewa war bei dieser Schach-EM eine Klasse für sich. Mit 10 Punkten aus elf Partien gelang ihr ein sensationelles Ergebnis. Nachdem sich ihr Traum vom Europameisterinnentitel vorzeitig erfüllt hatte, fragten wir die 21-jährige Jurastudentin nach dem Geheimnis ihres Erfolges.

Was empfinden Sie nach dieser Glanzleistung mehr: Freude oder Müdigkeit?

Es dominiert die Freude über den Titel. Was ich geschafft habe, realisiere ich wohl erst in einigen Tagen.

Warum waren Sie bei dieser EM nicht zu schlagen?

Ich versuchte so zu spielen, wie es die Stellung erfordert und habe meinen Gegnerinnen nur wenige Angriffsmöglichkeiten geboten. 

Welche Partie war Ihre schwierigste in Dresden?

Die Duelle in der ersten und achten Runde, wo ich komplizierte Situationen mit Glück und Geschick retten konnte.

Und Ihr bestes Spiel?

Besonders zufrieden bin ich mit meiner Partie gegen Elina Danielan aus Armenien.

Obwohl sie schon vorzeitig Europameisterin waren, haben Sie in der letzten Runde voll auf Sieg gespielt.

Ich tat es für meine Schwester. So hatte sie im Kampf um die Medaillen eine Konkurrentin weniger.

Wie erklären Sie Ihren Leistungssprung in den letzten Jahren?

Nachdem Garri Kasparow seine Karriere beendet hat, fragten wir dessen Trainer Juri Dochojan, ob er uns nicht betreuen möchte. Er hat zugesagt, und seitdem verbesserte sich unser Spiel.

Wo trainieren Sie?

An verschiedenen Orten. Manchmal kommt Juri zu uns nach Archangelsk, oder wir fahren zu ihm nach Moskau. Vor Schacholympiaden und  Weltmeisterschaften gibt es Trainingslager, die der russische Verband finanziert.

Ihre nächsten Pläne?

Nach einer kurzen Erholungspause folgt die Mannschafts-WM der Frauen, die im Mai erstmalig in Jekaterinenburg ausgetragen wird. Vorher trainieren wir in Sotschi.

Garri Kasparow ist bei einer Anti-Putin-Demonstration in Moskau verhaftet worden. Was sagen Sie dazu?

Mein Vater, meine Schwester und ich waren schockiert über diese Nachricht. Zum Glück ist Kasparow wieder frei. Ich akzeptiere, dass er in die Politik gegangen ist, denn im Schach hat er alles erreicht.

Was taten Sie hier bei der Euro in Ihrer Freizeit?

Wir sind viel in der Stadt unterwegs gewesen, haben die Frauenkirche und andere Sehenswürdigkeiten besichtigt sowie einige Sachen gekauft.

Wird Dresden im kommenden Jahr eine gute Olympiade ausrichten?

Ich denke, dass diese schöne Stadt ein sehr guter Ort für das Turnier der Nationen ist. Nach zweimal Silber und einmal Bronze bei Schacholympiaden würde ich hier mit dem russischen Damenteam gern Gold holen.


Fotoimpressionen aus Dresden:


Claudia Eckhardt und Anna Sharewitsch
 

 

 

 

 

 

 


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