Vor 100 Jahren: München 1906

14.12.2006 – Vor 100 Jahren: München 1906 Anfang November jährte sich zum 120sten mal der Geburtstag von Nimzowitsch. Als Aaron Nêmçoviç wurde er am 7.Novemer 1886 als Sohn jüdischer Eltern in Riga geboren. Aus der eingedeutschten Schreibweise Niemzowitsch wurde später durch einen Schreibfehler im Passamt "Nimzowitsch". Schon als Neunjähriger hatte er durch sein großes Schachtalent auf sich aufmerksam gemacht. Anfang 1903 kam er als Philosophiestudent nach Berlin, verbrachte jedoch den Großteil seiner Zeit beim Schach und nicht an der Universität. 1920 übersiedelte Nimzowitsch nach Dänemark. Im Alter von nur 48 Jahren starb er 1935 in Kopenhagen an einer Lungenentzündung. Im Laufe seines kurzen Schachlebens hat sich Nimzowitsch den Ruf eines hervorragenden Theoretikers erarbeitet. Eine Reihe von Eröffnungen und Varianten tragen seinen Namen. Als seinen ersten großen Erfolg sah Nimzowitsch das Turnier München 1906 an, das er mit zwei Punkten Vorsprung vor Rudolf Spielmann gewann. Peter Anderberg würdigt in einem Beitrag die Leistung des jungen Nimzowitsch. Mehr...

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Vor 100 Jahren: München 1906 – Nimzowitschs erster Turniersieg
Von Peter Anderberg (Harmstorf)





Die Ausrichtung des 12. Kongresses des Deutschen Schachbundes in München im Juli/ August 1900 brachte dem Münchener Schachleben nach Jahren der Stagnation großen Auftrieb. Neue Schachvereine wurden gegründet, die Durchführung von Mannschaftswettkämpfen (als „Massenwettkämpfe“ bezeichnet) kam auf. Insbesondere der Münchener Schachclub von 1836 und der Schachklub Altmünchen - 1885 von ehemaligen Mitgliedern des Münchener Schachclubs gegründet - veranstalteten in den folgenden Jahren bis 1914 immer wieder kleinere Turniere und Wettkämpfe zwischen bekannten und (noch) weniger bekannten Meisterspielern, die sich vorübergehend oder für längere Zeit in München aufhielten. Als Höhepunkt dieser Entwicklung kann die Durchführung des zweiten (und umfangreicheren) Abschnittes des WM-Kampfes Lasker - Tarrasch im Jahre 1908 angesehen werden.

Im November 1906 hatte der Schachklub Altmünchen sechs Spieler zu einem doppelrundigen Turnier eingeladen, für das E. von Parish den Preisfonds von 200 Mark gestiftet hatte. Die Münchner Neuesten Nachrichten vom 8. November 1906 stellten ihren Lesern die Teilnehmer wie folgt vor:

Das Münchner Schachmeisterturnier hat am Dienstag im Schachklub „Altmünchen“ programmgemäß begonnen. Drei vom Deutschen Schachbund anerkannte Meister sind darin mit drei sehr starken Hauptturnierspielern zu einem Wettkampfe vereinigt, der über die Grenzen Bayerns hinaus sehr beachtet werden wird. Przepiorka besitzt seit 1904, Spielmann und Erich Cohn haben seit 1906 rite die Meisterwürde des DSB; Oberstleutnant Kürschner hat sich durch seinen Erfolg im Ersten österreichisch-ungarischen Armeeturnier bekannt gemacht.

Eljaschoff blieb in Koburg 1904 nur um einen halben Zähler hinter dem Meister zurück, und Nimzowitsch hat in Wien 1905 gezeigt, dass er den Meistern ebenbürtig zu kämpfen versteht.

Es fällt auf, dass Aaron Nimzowitsch zu jener Zeit noch nicht als „Meister“, sondern als „Hauptturnierspieler“ galt. Anfang 1903 war er von Königsberg nach Berlin übergesiedelt. Im Hauptturnier des Deutschen Schachbundes in Coburg 1904 vermochte er nur einen Mittelplatz zu belegen. Von Wien aus begab sich Nimzowitsch im April 1905 nach München, um - wie es in der Münchener Zeitung vom 29.04.1905 hieß - „dieses Semester an einer hiesigen Hochschule Vorlesungen zu hören“. Ob es dazu tatsächlich gekommen ist, darf als durchaus fraglich angesehen werden. In seiner Autobiographie erinnert sich Nimzowitsch vielmehr an das „ewige Herumreisen von einem Schachcafé zum anderen“ und an den „unregelmäßigen Lebensstil“. In diese Periode fällt auch sein Misserfolg im Meisterturnier B des Barmer Schachkongresses 1905 (15.-16. Platz mit 6 Punkten aus 17 Partien). Selbst der sonst so joviale Georg Marco attestierte bei einer seiner Verlustpartien „mangelhafte Entwicklung der weissen Steine und ihres Führers“ (Der Internationale Schach-Kongress des Barmer Schach-Vereins 1905, S. 316). Im Oktober 1905 immatrikulierte Nimzowitsch sich in Zürich, von wo aus er am Münchener Turnier 1906 teilnehmen sollte.



Kommen wir zum Turnierverlauf:

Runde 1 (6. November 1906)
Cohn - Eljaschoff 1:0
Nimzowitsch - Spielmann ½:½
Przepiorka - Kürschner 1:0

Nimzowitsch gegen Spielmann

Bereits in der Startrunde des Turniers trafen der spätere Sieger und der Zweitplazierte aufeinander. Nach interessantem Geplänkel endete die Partie mit Remis durch Zugwiederholung.

Runde 2 (8. November 1906)
Eljaschoff - Kürschner 1:0
Spielmann - Przepiorka 0:1
Cohn - Nimzowitsch 0:1

Cohn gegen Nimzowitsch


Nimzowitsch gewann gegen Cohn ein Damenendspiel, das er später als „eines der besten Endspiele meines Lebens“ bezeichnen sollte.
 

Runde 3 (9. November 1906)
Nimzowitsch - Eljaschoff ½:½
Przepiorka - Cohn 1:0
Kürschner - Spielmann 0:1


Przepiorka gegen Cohn


Runde 4 (10. November 1906)
Eljaschoff - Spielmann 0:1
Cohn - Kürschner 1:0
Nimzowitsch - Przepiorka ½:½

In seiner Partie gegen Przepiorka wandte Nimzowitsch den nach Maroczy benannten Sizilianisch-Aufbau (mit c2-c4) gegen die Drachenvariante an. Er konnte die schwarze Dame gewinnen, musste dabei jedoch zuviel Material hergeben. Im weiteren Partieverlauf ließ Przepiorka allerdings stark nach, so dass Nimzowitsch schließlich Dauerschach herbeiführen konnte.

Eljaschoff gegen Spielmann
Nimzowitsch gegen Przepiorka


Runde 5 (13. November 1906)
Przepiorka - Eljaschoff 0:1
Kürschner - Nimzowitsch 0:1
Spielmann - Cohn 0:1

Przepiorka gegen Eljaschoff
Spiemann gegen Cohn


Zwischenstand nach der Hinrunde:
1.-2. Nimzowitsch und Przepiorka je 3 ½ Punkte,
3. Cohn 3 Punkte,
4.-5. Spielmann und Eljaschoff je 2 ½ Punkte,
6. Kürschner 0 Punkte.

Runde 6 (16. November 1906)
Eljaschoff - Cohn 1:0
Spielmann - Nimzowitsch 0:1
Kürschner - Przepiorka 0:1

Eine der bekannteren Nimzowitsch-Partien. Als Nachziehender in einem Falkbeer-Gegengambit (mit der Neuerung 3...c6) opferte er gegen Spielmann eine Leichtfigur und konnte die unterentwickelte Stellung des Weißen förmlich zermalmen.


Spielmann gegen Nimzowitsch

Runde 7 (17. November 1906)
Kürschner - Eljaschoff 0:1
Przepiorka - Spielmann 0:1
Nimzowitsch - Cohn 1:0


Przepiorka gegen Spielmann
Nimzowitsch gegen Cohn

Runde 8 (20. November 1906)
Eljaschoff - Nimzowitsch 0:1
Cohn - Przepiorka 1:0
Spielmann - Kürschner 1:0
Nimzowitschs Nachzugspartie gegen Eljaschoff hat in der Schachliteratur so gut wie keine Beachtung gefunden. Beeindruckend, wie er - gegen jedes Dogma - nahezu ausschließlich durch Bauern- und Damenzüge die Schwächen der weißen Stellung auszunutzen vermag und eine Kurzpartie gewinnt.

Cohn gegen Przepiorka
Eljaschoff gegen Nimzowitsch


Runde 9 (22. November 1906)
Spielmann - Eljaschoff 1:0
Kürschner - Cohn 0:1
Przepiorka - Nimzowitsch 0:1

Besondere Beachtung verdient die Partie Przepiorka - Nimzowitsch, dürfte es sich hierbei doch um die in Vergessenheit geratene erste Turnierpartie überhaupt handeln, in der die anfangs des 21. Jahrhunderts wieder beliebte „Rigaer Variante“ der Spanischen Partie zur Anwendung kam. Seinen Namen trägt dieses Abspiel nach einer durch Telegraph ausgetragenen Fernpartie der Berliner Schachgesellschaft gegen den Rigaer Schachverein aus den Jahren 1906 bis 1908. Simon Alapins Behauptung in der Wiener Schachzeitung 1910 (S. 218), dass die Münchener Turnierpartie „schon sehr lange vor der Korrespondenzpartie Berlin - Riga“ gespielt worden sei, trifft allerdings nicht zu, da die Fernpartie bereits am 13.Oktober 1906 begonnen hatte und Emil Schallopp in seiner Schachkolumne in der Norddeutschen Allgemeinen Zeitung vom 25.11.1906 berichten konnte, dass die Partie bereits bis 10. Kh1 vorangeschritten war. Przepiorkas Zug 10. Kf1 erwies sich als verfehlt, was damals natürlich noch nicht allgemein bekannt sein konnte.

Spielmann gegen Eljaschoff
Przepiorka gegen Nimzowitsch
 

Runde 10 (24. November 1906)
Eljaschoff - Przepiorka ½:½
Nimzowitsch - Kürschner 1:0
Cohn - Spielmann 0:1
Ein inkorrektes Figurenopfer Cohns konterte Spielmann geschickt und sicherte sich damit den zweiten Platz.


Cohn gegen Spielmann




Alle übermittelten Notationen, alle Resultate...

(Die verwendeten Partiekommentare entstammen zeitgenössischen Quellen)


So also kam Nimzowitschs erster Turniersieg zustande, an den er sich in seiner Autobiographie als „ungeheuren Erfolg“ erinnert.
Auch die als kritisch bekannte Redaktion des Deutschen Wochenschachs fand lobende Worte:

[Nimzowitsch] ... hat ganz hervorragend gespielt und bewiesen, dass er auch in jedem größeren Meisterturnier mit großen Ehren bestehen wird.
(Deutsches Wochenschach, 09.12.1906, S. 427)


Verwendete Literatur

Deutsche Schachzeitung 1906/07
Deutsches Wochenschach 1906/07
Süddeutsche Schachblätter 1907
Wiener Schachzeitung 1910

Allgemeine Zeitung 1906
Münchner Neueste Nachrichten 1906/07
Münchener Zeitung 1905/06
Norddeutsche Allgemeine Zeitung 1906
Unser Hausfreund (Sonntagsblatt des Hannoverschen Courier) 1906/07

125 Jahre Münchener Schachclub 1836-1961 (München 1961)
Der Internationale Schach-Kongress des Barmer Schach-Vereins 1905 (Barmen 1905/06)
Gero H. Marten, Aron Nimzowitsch. Ein Leben für das Schach (Hamburg 1995)
Aaron Nimzowitsch, Wie ich Großmeister wurde
in: A. Nimzowitsch, Die Praxis meines Systems (Ludwigshafen 2006), S. 343-396.


 

 

 

 

 

 

 

 

 

 

 


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