Warum spielen wir Schach?

29.04.2009 – Diese und eine ganze Reihe weiterer Fragen diskutiert Jörg Seidel in seiner Anfang des Jahres erschienenen Aufsatzsammlung „Metachess. Zur Philosophie, Psychologie und Literatur des Schachs“. Erstmals veröffentlicht wurden diese Aufsätze auf der gleichnamigen Webseite, die es sich zum Ziel gesetzt hat, eine gegenseitige Befruchtung des Schachspiels mit den Geisteswissenschaften zu fördern. Das Schachspiel, so Seidel, brauche eine Betrachtung von außen, es sei „zu wichtig und zu schillernd, um es den gemeinen Spielern und Großmeistern überlassen zu können.“ Das sind starke Worte, und wer so schreibt, wird Gewichtiges vorzubringen haben. Etwas mehr...

Jörg Seidel: Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs

Rezension von Steffen Giehring

Seidels Buch „Metachess“ ist über 400 Seiten stark. Ein Aufsatz, den Seidel als Fragment bezeichnet, soll an dieser Stelle exemplarisch vorgestellt und kritisch unter die Lupe genommen werden. Eine wirkliche Rezension des Seidelschen Werkes ist das also beim besten Willen nicht, aber dem einen oder anderen Interessierten vermag diese Besprechung vielleicht eine Orientierungshilfe zu geben.

Der Aufsatz trägt den Titel „Beitrag zu einer spekulativen Metapsychik des Schachs. Ein Fragment“. Nein, nicht „Metaphysik“, sondern „Metapsychik“, das ist kein Tippfehler. Für alle, die mit diesem Titel nicht viel anfangen können - worum geht es? Seidel will die Frage beantworten, warum wir überhaupt Schach spielen. „Warum ausgerechnet Schach?“ wäre vielleicht auch ein passender Titel gewesen.

Zu Beginn liefert Seidel einen Abriss verschiedener Antworten, die diese Frage in der Literatur gefunden hat, gelangt aber zu der Auffassung, dass all diese Versuche das Defizit aufweisen, nicht zum Wesen des Schachspiels vorzudringen. Es „muss eine wesenhafte Attraktion geben“, und schon sieht er die Philosophie auf dem Plan. Gänzlich unklar aber bleibt, woher diese Notwendigkeit eines Wesenhaften hergeleitet wird. Wenn Seidel von der Diversität der Motivationen meint darauf schließen zu können, dass es einen allen Motivationen gemeinsamen Kern geben müsse, so befindet er sich auf brüchigen Eis. (In Wittgensteins Spätphilosophie findet sich z.B. eine prominente Kritik einer ähnlichen Argumentationsstruktur. Dort wird der Forderung, es müsse ein allen Spielen Gemeinsames geben (denn sonst würden sie ja nicht alle als „Spiel“ bezeichnet werden), mit der Aufforderung begegnet, sich unvoreingenommen die verschiedensten Spiele vor Augen zu führen und zu schauen, ob sich ein allen gemeinsames Merkmal finden lässt – was im Fall der Spiele bekanntlich nicht der Fall ist.)

Doch zurück zu Seidel. Wenn es schon nicht notwendigerweise eine „wesenhafte Attraktion“ des Schachspiels gibt, so ist es ja nicht ausgeschlossen, dass es sie gibt. Eine erste Annäherung unternimmt Seidel unter Rückgriff auf Tarraschss Ausspruch, dass „das Schach […] die Fähigkeit [habe], den Menschen glücklich zu machen“. Welche Form des Glücks wird hier gemeint sein? Tarrasch zog in seinem Bonmot eine Parallele zwischen dem Schachspiel und der Liebe und Musik. Das legt den Schluss nahe, dass es hier nicht um das Glück einer konkreten Wunscherfüllung (z.B. das Gewinnen einer Partie oder eines Turniers), sondern um das Glück eines erfüllten Augenblicks gehen soll, der sich im Vollzug des Spiels einstellt. (Zur Vertiefung empfohlen: Martin Seel: „Versuch über die Form des Glücks“). Seidels erste Bestimmung lässt sich insofern wiefolgt zusammenfassen: Wir spielen Schach, weil wir im Vollzug einer – „geglückten“ - Partie Momente des Glücks erleben.

Diese Bestimmung bleibt freilich noch weit im Unverbindlichen und wird bei manchem Schachspieler auf Zustimmung stoßen. Substantieller wird es hingegen bei der Bestimmung dessen, woraus sich diese als für das Schachspiel spezifisch postulierten Erfahrungen von Glück speisen sollen. Denn hierfür greift der Autor auf einen etwas angestaubten und zudem wenig beeindruckenden erkenntnistheoretischen Apparat zurück, für den sich im Laufe der neuzeitlichen Philosophie die Bezeichnung „Solipsismus“ etablierte. Dieser Auffassung zufolge befindet sich der Mensch in einer „wesenhaften Einsamkeit“ (Seidel). Nur seine eigenen Gedanken, Empfindungen und Wahrnehmungen sind ihm zugänglich. Andere Menschen gehören stets in den Bereich der Erscheinungen und bleiben prinzipiell Unbekannte. Sprache ist dem Solipsismus zufolge ein gegenüber dem Bewusstsein stets defizitäres Medium, mit dem sich der Mensch um ein prinzipiell nur zu erhoffendes Verständnis bemüht (denn woher soll ich wissen, was ein Anderer mit den von mir gewählten Worten verbindet?).

Als Solipsist ist Seidel bei seinem Versuch, das Wesen des Schachspiels zu begreifen auf die Methode der Introspektion angewiesen, d.h. er richtet seine Aufmerksamkeit auf das, was sich quasi in seinem Bewusstsein während einer Partie abspielt. Sein innerer Erlebnisbericht lässt sich wiefolgt zusammenfassen: Zunächst erfolge in einer Schachpartie eine geradezu paradigmatische Zuspitzung der menschlichen Grundsituation auf das Ich und dessen „radikale Einsamkeit“ (Seidel). Doch gerade diese wird – ausgerechnet, möchte man sagen – in der Schachpartie aufgehoben. Wie soll das gehen? In der „geglückten“ Partie entwickle sich ein „Dialog zwischen den Spielern; er drückt sich nicht primär in Zügen, Plänen, Finten aus. Es ist ein schweigsamer Dialog der gegenseitigen Anerkennung als nahes DU, als je eigenes ICH, es ist ein beredetes Schweigen, dessen Botschaft die ontologische Gewissheit beinhaltet, selbst ein Anderer zu sein“. Diese im „rauschähnlichen“ Zustand erlebte Vereinigung mit dem Anderen beschreibt Seidel zudem gar als Offenbarungssituation und scheut sich nicht, den „Spielsaal in gewisser Weise zum Ersatz des Kirchenschiffs“ zu erklären.

Was ist von alledem zu halten? Vom Standpunkt des gemeinen Schachspielers aus und vor dem Hintergrund der eigenen Erfahrungen wirken Seidels Ausführungen reichlich überfrachtet. Von einem philosophischen Standpunkt aus ist erst einmal gar nicht verständlich, warum es so einen wesenhaft beglückenden Kern des königlichen Spiels überhaupt sollte geben müssen. Vor allem aber bietet der Verweis auf einen ominösen „schweigsamen Dialog“, dessen Inhalt und Kommunikationsform im Dunkeln bleibt, sehr wenig Substanz und ist zur Überwindung eines solipsistischen Welt- und Selbstverständnisses sicherlich ungeeignet. Wortschöpfungen wie „Verstärkersituation“, „Stimmungsglocke“ etc. erweisen sich dabei als sachlich wenig hilfreich und wirken sprachlich zumindest gewagt. Wer dem Solipsismus verfallen ist, der wird in der philosophischen Literatur des 20.Jhs. mit Sicherheit geeignetere Rezepte finden als im Schachspiel.

Jörg Seidel: „Metachess. Zur Philosophie, Psychologie und Literatur des Schachs“ ist im Charlatan-Verlag erschienen.


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