Weltmeisterschaft 2016: Das sagen die Beobachter

10.11.2016 – Wie wird die Weltmeisterschaft in New York City? Ist die Favoritenrolle klar? Wo werden Stärken gesehen, wo die Schwächen? Viele Experten, viele Stimmen: Wir hörten uns um und fragten Schachspieler, Autoren und Präsidenten nach ihren Erwartungen und ihren Einschätzungen zum WM-Kampf von Magnus Carlsen und Sergey Karjakin in New York. Eine Umfrage. Mehr...

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Ruslan Ponomariov

Ruslan Ponomariov, Weltmeister von 2002 (der damals zwölfjährige Karjakin war sein Sekundant):
Ich halte Carlsen für den stärkeren Spieler und den klaren Favoriten in diesem Match. Aber Karjakin hat schon häufig das Glück auf seiner Seite gehabt. Und nach Brexit und Donald Trumps Wahlerfolg kann mich nichts mehr überraschen. 

Yasser Seirawan mit Kollegen bei der Blitz-WM in Berlin

Yasser Seirawan, Großmeister und vierfacher US-Champion: 
Die alte Generation hat der jungen Platz gemacht. Dies ist der erste Wettkampf zwischen etwa gleichaltrigen Spielern ohne die Namen Viswanathan Anand, Veselin Topalov oder Vladimir Kramnik. Tatsächlich waren Herausforderer und Titelverteidiger im Schnitt in der gesamten Geschichte der Weltmeisterschaften nie jünger. Magnus und Sergey sind tatsächlich “Kinder des Computerzeitalters.” Ihre Spielstärke verdanken sie auch ihrer Arbeit mit Engines und Datenbanken.
Ich finde, dass sie stilistisch recht ähnlich spielen. Beide spielen sowohl mit Weiß als auch mit Schwarz eine ganze Reihe unterschiedlicher Varianten und sind deshalb in der Eröffnung schwer auszurechnen. Beide sind hervorragende Verteidiger. Sie erkennen Gefahren weit im Voraus und sind sehr schwer zu schlagen. Beide sind gute Angreifer und verfügen über eine ausgezeichnete Endspieltechnik. Das Problem für Sergey ist, dass Magnus bei den ‘vielen vergleichbaren Stärken’ besser abschneidet. Dazu kommt noch, dass Magnus bereits in zwei Weltmeisterkämpfen Erfahrungen sammeln konnte, während Sergey in diesem Wettkampf sein Debüt feiert. Deshalb ist der Titelverteidiger für mich klarer Favorit.
 
Aber zu glauben, dass Magnus seinen Titel ‘leicht’ verteidigen kann, wäre ein Irrtum. Der Wettkampf ist kurz und geht nur über zwölf Partien. Sechs Mal Weiß, sechs Mal Schwarz. Die Eröffnungsvorbereitung wird im Wettkampf eine große Rolle spielen. Genau wie die Form der beiden Kontrahenten. Um zu gewinnen, muss Sergey Magnus in einer ungewöhnlichen Variante erwischen, mit der es Magnus vielleicht versucht. Wichtig ist auch, dass die Teams bei ihren Eröffnungsprognosen Glück haben.
Da beide beinahe gleich gut spielen, könnte der Wettkampf durch andere Faktoren entschieden werden: Nerven. Zeitnot. Fitness. Selbstvertrauen. All diese Dinge spielen eine wichtige Rolle. Magnus wird versuchen, lange Partien zu spielen, in denen er besser steht, um zu sehen, wie gut Sergey dagegen halten kann. Um ihn ‘müde zu spielen’, damit er am Tag danach zu erschöpft ist, um sich entsprechend zu revanchieren. Ich rechne mit einem guten, hart umkämpften Wettkampf, in dem derjenige, der als erster punktet, wahrscheinlich am Ende auch gewinnt.
 
Mikhail Golubev, Großmeister und Autor:
Carlsens Chancen sind besser. Er ist nicht notwendigerweise talentierter, aber beständiger und widerstandsfähiger als Karjakin. Bedauerlicherweise sind Partien mit langer Bedenkzeit dieser Tage ziemlich fade. Die Weltspitze spielt gewöhnlich die sichersten Eröffnungen und ist extrem gut vorbereitet. Ich erwarte ein zähes und langweiliges Match, mit einer oder vielleicht auch zwei interessanten Partien. Das wahrscheinlichste Ergebnis ist +1 für Carlsen.
 
Daniel King, Großmeister und Autor:
Obwohl Carlsen nominell Favorit ist, glaube ich nicht, dass die Stärken, die der Weltmeister sonst regelmäßig zeigt, in diesem Wettkampf eine große Rolle spielen werden. Carlsen ist körperlich sehr fit und verfügt über große Kraftreserven, was ihm schon oft geholfen hat, in der zweiten Turnierhälfte aufzutrumpfen; aber auch Karjakin hat ein hartes Fitnesstraining absolviert und wird dem Norweger hier Paroli bieten können.
In Turnieren ist Carlsen gegen schwächere Gegner tödlich, aber hier hat er nur einen Gegner. Carlsen hat gute Nerven; das Gleiche gilt allerdings auch für den phlegmatischen Karjakin. Bei seinem Sieg im Kandidatenturnier hat Karjakin beeindruckend unaufgeregt gespielt. Obwohl Carlsen bereits zwei Weltmeisterschaftskämpfe hinter sich hat, steht er in New York doch zum ersten Mal einem Spieler seiner Generation gegenüber, und das macht diesen Wettkampf in gewisser Weise auch für Carlsen zu einer neuen Herausforderung. 
 
Außerdem wird Karjakin durch den Russischen Schachverband massiv unterstützt, sowohl praktisch als auch finanziell. Der Verband hat enge Verbindungen zum Kreml, der es allzu gerne sehen würde, wenn ein Russe den Weltmeistertitel in New York erobert und heim zu Mutter Russland bringt, wo er hingehört. Ich bin sicher, sie waren bei ihrer Unterstützung nicht geizig. Für Carlsen ist dieser Wettkampf die größte Herausforderung seiner Karriere.

Karsten Müller, Großmeister und Autor: 
Ich glaube, Carlsen hat eine 60/40 Chance, den Wettkampf zu gewinnen. Das entspricht ungefähr der Elo-Erwartung, und so überlegen ist er ja auch nicht. In seinen bisherigen Partien gegen Karjakin hat Carlsen nur ein leicht positives Score und Karjakin ist ein sehr zäher Verteidiger. Das Match ist kurz und deshalb glaube ich nicht, dass Carlsen 70/30 Favorit ist. Karjakin rechnet sehr genau, vor allem, wenn er in der Defensive ist. Ich schätze beide als sehr nervenstark ein, aber Carlsen hat auf diesem Niveau natürlich mehr Match-Erfahrung. 

Spannend ist natürlich die Frage der Vorbereitung. Karjakin wird auf konkrete Varianten sehr gut und sehr intensiv vorbereitet sein. Viel hängt natürlich davon ab, ob es Carlsen schafft, konkrete Varianten zu umgehen und ins Leere laufen zu lassen, was ihm im Laufe seiner Karriere allerdings schon oft gelungen ist. Aber klar, wenn Carlsen in einer konkreten Variante erwischt wird, dann hat er Probleme. Carlsen ist zwar auch ein sehr zäher Verteidiger, aber Karjakin ist da geradezu herausragend. Was er im Kandidatenturnier alles gehalten hat, war schon beeindruckend. 

Was das Endspiel betrifft, so hat Karjakin schon sehr viele extrem gute Turmendspiele gespielt. Wenn man Turmendspiele lernen will, ist es eine gute Möglichkeit, sich diese Beispiele anzusehen. Aber Magnus ist natürlich auch extrem stark und hat ein gutes Gefühl für Harmonie und Koordination der Figuren. Vielleicht ist er noch besser, wenn er ein paar mehr Figuren hat, die dann zusammenspielen können. Aber alles in allem sehe ich in Bezug auf das Endspiel letztlich ein leichtes Plus für Magnus Carlsen.

Robert Rabiega, Großmeister und Lehrer:
Magnus Carlsen ist gegen Sergey Karjakin genauso klarer Favorit wie er es gegen Viswanathan Anand war, vielleicht so 60/40.
Carlsens entscheidende Stärke ist ja, dass er Stellungen erreicht, die einfach nur unauffällig und spielbar sind. Dann versucht er, den Gegner zu überspielen. Er versteht diese Stellungen besser als andere, aber er ist auch innerlich bereit, diese Stellungen auszuspielen. Andere Spieler haben so etwas früher Remis gegeben. Diese Art Schach zu spielen kann sich auf die nächste Generation auswirken. Jetzt kann die aktuelle Generation das vielleicht noch nicht direkt übernehmen, denn diesen Stil nachzuahmen ist schwer. 

Karjakin ist in der Eröffnungsvorbereitung richtig stark. Er ist noch jung und hat sehr viel Energie. Wie jeder andere Weltklassespieler ist er universell ausgebildet. Ab einem gewissen Niveau nehmen sich die Leute in der Taktik nicht mehr so viel. Carlsen ähnelt vielleicht Bobby Fischer. Fischer hatte am ehesten in taktischen, also in komplizierten, Stellungen vielleicht kleine Schwächen – natürlich auf hohem Niveau. Karjakin muss versuchen, hochkomplizierte Stellungen zu erreichen. 

Das Problem ist wie immer die Psychologie. Es gibt wenige Spieler auf der Welt, die glauben, dass sie Carlsen wirklich schlagen können. Das könnte das Handicap von Karjakin sein. Das ist so ähnlich wie beim Kampf Fischer gegen Spassky: Spassky hatte vor dem Wettkampf einen Riesenscore gegen Fischer, aber Fischer hat vor dem Match in Reykjavik eine beeindruckende Siegesserie hingelegt. Ich würde vermuten, dass Spieler wie Wladimir Kramnik oder Fabio Caruana oder Anish Giri denken würden: „Okay; ich kann‘s schaffen und gegen Carlsen gewinnen.“ Aber Karjakin das genauso sehen kann?

Dorian Rogozenco, Großmeister und Bundestrainer

Meiner Meinung nach ist die entscheidende Frage, ob Karjakin dem großen Druck gewachsen sein wird, der während des Wettkampfs in New York auf ihm lastet. Schließlich ist dies sein erstes WM-Match. Aber zugleich hat Karjakin eigentlich sein ganzes Leben hart gearbeitet, um so ein Match zu spielen, und dieser WM-Kampf ist der Höhepunkt seiner bisherigen Karriere. In den letzten Jahren hat Sergey mehrfach gezeigt, dass er mit Druck gut umgehen kann, auch wenn es wirklich kritisch wird, aber ein Weltmeisterschaftskampf ist noch einmal etwas ganz anderes. Meiner Meinung nach ist Karjakin schachlich nicht schwächer als Carlsen, aber Magnus hat die besseren Karten, wenn es darum geht, extremen Druck auszuhalten. Meine Vorhersage lautet deshalb, dass die Chancen ungefähr gleich sind, wenn es Karjakin gelingt, sich aufs Schach zu konzentrieren und er den Druck, der auf ihm lastet (und der groß ist) abzuschütteln. Alles in allem... ich glaube, Magnus hat eine 55 zu 45 Chance zu gewinnen. Ein enges Match.

Rainer Polzin, Großmeister und Anwalt:
Ich hoffe wie alle Schachspieler auf einen spannenden Wettkampf und eine weitere Popularisierung der Schachsports. Magnus Carlsen ist für das Schach ideal. Sein Auftritt vor einigen Tagen im heutejournal des ZDF beweist das. Und nur wenige Sportler können behaupten, mit einem Film über sich in die Kinos zu kommen.

Schachlich sehe ich Magnus Carlsen im Vorteil. Er ist meines Erachtens gerade dann besser, wenn Stellungen außerhalb der gewöhnlichen Strukturen auf das Brett kommen. Da wirkt Karjakin häufig nicht so sicher. Und Carlsen verwertet gute Stellungen auch außergewöhnlich gut. Leicht wird es aber nicht. Die beiden kennen sich ja schon seit Kindheitstagen und Karjakin wird die Schwächen von Carlsen, sollte es die überhaupt geben, am ehesten ausmachen können. Und wann gewinnt in Amerika schon mal der Favorit ...

Mein persönlicher Favorit ist Magnus Carlsen. Denn vor langer Zeit hat er für die Schachfreunde zwei Partien in der Bundesliga gespielt. Ein Wochenende im Willy-Brandt-Haus, welches ich nicht vergessen werde.

Karjakin und Carlsen habe ich jeweils erstmals beim Europapokal für Vereinsmannschaften Anfang der 2000er in Griechenland gesehen. Beide waren damals schon enorm stark. Aber ich habe natürlich nicht damit gerechnet, dass sie mal gegeneinander um die WM-Krone kämpfen.

Arno Nickel

Arno Nickel, Fernschachgroßmeister und Verleger:
Wenn man den Wettbüros folgt, geht Carlsen als klarer Favorit ins Rennen. Doch spielen bei einer Weltmeisterschaft eine Reihe von Faktoren mit hinein, die kaum vorhersehbar sind. Wie gut haben die jeweiligen Teams gearbeitet, und über welche Ressourcen verfügen sie? Das Interesse der Russen, endlich die Krone wieder in ihr Großreich zurückzubringen, ist in den letzten Jahren beträchtlich gestiegen, so dass man vermuten darf, Karjakin wird eine viel größere und zielgenauere Unterstützung von Experten aller Art, einschließlich Sportwissenschaftler, Psychologen und Mediziner bekommen, als sie Carlsen möglich ist, unabhängig davon, ob der sie sich überhaupt wünscht oder für sinnvoll hält. Das Match wird letztlich auf der psychologischen Ebene entschieden. Wem gelingt es als erstem, den Gegner nachhaltig zu verunsichern und sich selbst in Bestform zu bringen? Das muss nicht in der Wahl der Eröffnungsvarianten verankert sein, auch wenn dies die erste wichtige Weichenstellung ist. Gerade gegen Carlsen sind alle Phasen des Spiels gleich wichtig. Möglich, dass Karjakin in der Rolle des Herausforderers über sich hinauswachsen kann. Möglich aber auch die schlichte Annahme, dass Carlsen am Ende wieder einiges mehr gesehen haben wird als sein Gegner.

 
Herbert Bastian, Präsident des Deutschen Schachbundes: 
Ich erwarte einen ausgezeichnet vorbereiteten Sergey Karjakin, der zunächst einmal darauf setzen wird, Carlsen nervös zu machen und zu provozieren. Bei Carlsen rechne ich mit Startschwierigkeiten wie schon so oft. Er wird immer besser in das Match finden und seine Anfangsnervosität bezwingen, wenn Karjakin seine ersten Überraschungen verbraucht hat. Das Drumherum wird viel Gesprächsstoff liefern, einerseits wegen des innovativen Vermarktungskonzepts von Agon, andererseits, weil ein Russe in Amerika den Titel zurückholen will.
Um Weltmeister zu werden, musste man in der Vergangenheit immer ein neues Element einbringen, mit dem eine Schwäche des Gegners ausgenutzt wurde. Und man durfte möglichst nicht mit dem amtierenden Weltmeister auf dessen Parkett tanzen. Carlsen spielt sein eigenes Schach abseits ausanalysierter Pfade, er stützt sich weniger auf Theorievarianten. Bei Karjakin fällt mir kein persönliches Merkmal ein, mit dem er dem Weltschach seinen eigenen Stempel aufdrücken könnte. Aber ich halte ihn für sehr diszipliniert, dies könnte im Wettkampf einen Vorteil gegenüber dem experimentierfreudigeren Carlsen bedeuten. In Turnieren führt das zwar zu soliden Resultaten, aber selten zu Ausreißern nach oben. Also wahrscheinlich ein sehr knapper Sieg für Carlsen, den ich für den besseren Spieler halte.
 
Carsten Schmidt, Präsident des Berliner Schachverbandes:
Ich denke, dass der WM-Kampf auf Augenhöhe ablaufen wird. Die Kontrahenten sind ungefähr im gleichen Alter, sodass die körperliche Fitness, wenn beide es richtig angehen, keine große Rolle spielen wird.

Magnus Carlsen ist natürlich mittlerweile dank gutem Management eine Marke, die für den Schachsport immens wichtig ist. Ich wüsste nicht, wie ein neuer Weltmeister Karjakin von der allgemeinen Presse angenommen werden würde. Carlsen steht ja mittlerweile fast täglich in irgendeiner Zeitung, irgendeinem Blog (außerhalb der Schachmedien).

In jedem Fall ist es der richtige Weg, Schachwettkämpfe in Weltstädten stattfinden zu lassen, da es hier viele Schachfans als Zuschauer gibt. Die eher konsumentenunfreundliche, kommerzielle Liveübertragung wird so wenigstens etwas abgefangen. Mein Tipp: Carlsen gewinnt nach knappem Verlauf mit +2.
 
Ullrich Krause, Präsident des Schachverbandes Schleswig-Holstein:
Ich habe den Namen Magnus Carlsen zum ersten Mal im Jahr 2001 gehört, als sein damaliger Trainer Simen Agdestein, der zu der Zeit auch Mitglied der Lübecker Bundesligamannschaft war, sich beim Essen nach einem Mannschaftskampf etwa so über ihn äußerte: "Ich habe schon vielen Kindern Schach beigebracht, aber mit diesem Jungen ist es etwas Besonderes." Fünfzehn Jahre später kann man diese Aussage nur bestätigen. Es gibt nicht viele Sportarten, die so einen lässigen und sympathischen Weltmeister haben und ich halte ihn für einen echten Glücksfall für das Schach! Sergey Karjakin ist zwar ein würdiger Herausforderer, aber trotzdem wünsche ich mir, dass Magnus Carlsen den WM-Kampf gewinnt, und ich denke auch, dass er der Favorit ist. Aber bei zwölf Partien ist natürlich alles möglich.

Elisabeth Pähtz, Jugendweltmeisterin von 2002 und Juniorenweltmeisterin von 2005:
Ich denke, Carlsen wird dieses Match gewinnen. Er ist einfach der stärkere Spieler und besitzt zudem mehr Matcherfahrung. Vielleicht liegen Karjakins größte Hoffnungen in der Eröffnung. Holt er da aber nichts, wird er im Mittel- oder im Endspiel das Nachsehen haben.
 
Jörg Hickl, Großmeister und Anbieter von www.schachreisen.eu:
Der jährliche Blick in die Schachglaskugel verrät mir: Wieder einmal nichts!
Prognosen bei einem so kurzen Match abzugeben, ist nahezu unmöglich. Bei 24 Runden wäre es für mich klar Carlsen, und natürlich liegt er auch jetzt (Elo-)rechnerisch vorn.
Doch treten Stärken und Schwächen in einer Wettkampfsituation oftmals in den Hintergrund – die Psyche und zuweilen auch das Glück spielen eine wichtigere Rolle. Schnell kann so etwas wie eine amerikanische Wahl ausgehen.
Trotzdem fällt es nicht leicht, auf den Underdog zu setzen – also 60 Prozent Carlsen! 

Yannick Pelletier, Großmeister: 
Keine Frage, der Norweger ist klarer Favorit. Aber der Herausforderer verfügt auch über ein paar Trümpfe, die ich wie folgt zusammenfassen würde.
Zunächst einmal wird er von seinem Schachverband und der russischen Regierung unterstützt. Karjakin hat unendlich viele Möglichkeiten, seine Vorbereitung zu gestalten – mit Trainern, Psychologen, usw., was immer er sich wünscht. Carlsen ist in der Eröffnung zwar vielseitig und variabel, aber in dieser Phase der Partie könnte sich Karjakin trotzdem einen Vorteil sichern. Außerdem ist der Russe ein zäher Verteidiger. Diese Zähigkeit könnte sich gegen Carlsens berühmte Technik als sehr nützlich erweisen.
Die ersten Partien des Wettkampfs könnten sich ebenfalls entscheidend sein, denn der Norweger hat zu Beginn von Turnieren oft Schwierigkeiten, seinen Rhythmus zu finden.
Und seit Karjakin zehn ist haben viele (und er selbst natürlich auch) in ihm einen möglichen zukünftigen Schachweltmeister gesehen. Und manchmal werden Kindheitsträume wahr!
Doch trotz alledem ist Carlsen einfach der bessere Spieler. Wenn es nicht zu tiefen Formkrisen, Krankheit und anderen Überraschungen kommt, dann glaube ich, dass Carlsen Karjakin schlagen kann. Mein Tipp lautet 6.5-4.5 für Carlsen.

... und wie sehen Sie die Chancen von Magnus Carlsen und Sergey Karjakin? Nutzen Sie unsere Kommentarfunktion und teilen Sie uns Ihre Einschätzung mit.


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Roggenossi Roggenossi 11.11.2016 09:46
Die größte Chance für Karjakin besteht in der Kürze des Matches. Ein Funken Glück, und er wird gewinnen. Und der Herausforderer hat einen psychologischen Vorteil: Denn der Titelinhaber hat mehr zu verlieren.

Ich denke die Wahrscheinlichkeit steht Fifty-Fifty mit einer großen statistischen Schwankungsbreite :-) Also ich möchte hier wirklich keinen Cent verwetten...
WolfgangR WolfgangR 11.11.2016 08:45
Da beide Spieler dem gleichen Jahrgang angehören, und ca. 80 ELO-Punkte Differenz eine „Hausnummer“ sind, könnte der Wettkampf „eindeutig“ verlaufen; aber

- auch Aljechin gewann gegen die „Schachmaschine“ Capablanca

- Bobby Fischer gewann mit der dritten Matchpartie erstmals gegen Boris Spassky obwohl sein Score gegen Spassky zuvor schlechter war …

- Tarrasch konnte sein Denken den Erfordernissen gegen Lasker nicht anpassen; offenbar ist es nicht ausschließlich wichtig, immer den besten Zug am Brett zu finden, sondern den für den Gegner unangenehmsten!

- Botwinnik konnte den WM-Titel sogar zweimal!! zurückerobern

Wie angedeutet ist vieles im Schach möglich. In diesem Match ist der Ausgang durchaus völlig offen. Beide Spieler sind hochmotiviert und möge der bessere gewinnen!

Magnus hat es in einem wichtigen Punkt einfacher: Er muss keine Partie gewinnen. Wenn er alle Partien unentschieden gestaltet, ist das für ihn ausreichend. Alleine das ist schon ein riesiger Vorteil für ihn als Titelverteidiger! Bei zwölf Partien ist das einfacher als bei 24 oder 34 Partien!
flachspieler flachspieler 11.11.2016 01:23
Der Sieger dürfte am Ende mindestens einen 2-Punkte-Vorsprung haben, egal ob es Carlsen oer Karjakin ist. Ich tippe eher auf Karjakin, weil Carlsen schon ein bisschen satt ist.
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