Wer ist Ding Liren - ein Interview

von Sagar Shah
03.10.2017 – Ding Liren, Chinas Nummer eins, ist beim World Cup Zweiter geworden und hat sich als erster Chinese überhaupt für das Kandidatenturnier qualifiziert. Als Schachspieler kennt man ihn, aber über den Menschen Ding Liren weiß man wenig. Doch in einem ausführlichen Interview gab der Großmeister jetzt Einblicke in sein Leben: Er sprach über seinen Umgang mit Geld, über Sport, Ziele, sein Studium, seine Freundin und sein Leben als Schachprofi. | Foto: Ding Liren

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Ding Liren

Ding Liren qualifizierte sich beim FIDE World Cup 2017 in Tiflis als erster Chinese für das Kandidatenturnier 2018, aber am Ende reichte es beim World Cup nur für den zweiten Platz. Im Tiebreak des Finales verlor der Chinese 0-2 gegen Levon Aronian. Nach der zweiten Partie des Tiebreaks fragte ich ihn, ob er nach dem Ende der Abschlussfeier oder am nächsten Tag 30 Minuten Zeit für ein Interview hätte.

"Aber wir haben schon nach allen meinen Partien ein Interview gemacht", meinte Ding. "Ja, das stimmt. Deshalb soll es in diesem Interview auch nicht um den World Cup oder Deine Partien gehen, sondern mehr über die Person Ding Liren." Er wirkte nicht allzu begeistert, aber sagt auch ungern "Nein".  "Okay, aber dann bitte vor der Abschlussfeier", meinte er schließlich.

Als ich sein Hotelzimmer betrat, war ich überrascht, wie ordentlich alles aussah. Das war nicht das typische Hotelzimmer eines 24-jährigen. Alles war aufgeräumt. Es gab überhaupt kein Durcheinander. So, als ob Ding Liren direkt nach der Abschlussfeier abreisen wollte. Dabei wollter er noch zwei Tage länger bleiben.

Chinas Nummer eins | Foto: Amruta Mokal

Sagar Shah (SS): Eine wichtige Frage gleich zu Beginn: Wie soll ich Dich ansprechen?

Ding Liren (DL): Liren ist mein Vorname, Ding mein Familienname. In China nennt mich jeder Ding Liren. Und sonst benutzen die Leute meistens den vollen Namen oder meinen Vornamen, aber den Familiennamen zu nehmen, ist auch okay.

(SS): Wann bist Du geboren? Und wo?

(DL): Am 24. Oktober 1992 in Wenzhou, in der Provinz Zhejiang.

SS: Und da lebst Du auch noch?

DL: Meine Eltern leben immer noch in Wenzhou. Ich bin meistens in Peking, weil ich dort studiere. Einen Kurs muss ich noch machen. Wenn ich damit fertig bin, dann habe ich auch mehr Zeit, um öfter in meinem Geburtsort zu sein.

SS: Was studierst Du?

DL: Jura. Eigentlich hätte ich schon im Juli mit dem Studium fertig sein sollen, aber ich muss noch einen Kurs absolvieren. Deshalb werde ich im Oktober wahrscheinlich wieder zurück zur Universität gehen, um den noch offenen Kurs abzuschließen. Mein Hauptziel ist es, überall zu bestehen, gute Ergebnisse sind zweitrangig.

SS: Wärest Du lieber Anwalt oder Schachprofi?

DL: Schachprofi natürlich.

SS: Warum studierst Du dann Jura?

DL: 2009, als ich beschlossen habe, Schachprofi zu werden, bin ich noch zur Schule gegangen, ich war damals in der zehnten Klasse. Aber meine Eltern waren der Meinung, ich sollte nicht nur auf Schach setzen, sondern auch noch etwas anderes lernen. Ich hatte dann die Möglichkeit, an der Peking Universität zu studieren,  einer der besten Universitäten des Landes. Ich musste keine Aufnahmeprüfung machen, sondern wurde alleine aufgrund meiner Leistungen im Schach zugelassen. Das ist eine gute Gelegenheit, um den Horizont zu erweitern, etwas Neues zu lernen. 

SS: Deine Eltern wollten, dass Du studierst, aber was ist mit Dir? Gefällt es Dir an der Uni?

DL: Nun, mir gefällt mein Studentenleben gut, aber die Zeit vor den Prüfungen ist hart. Manchmal beginnt ein Kurs schon morgens um acht und normalerweise stehe ich erst um neun oder zehn Uhr auf! Und manchmal verpasse ich auch Kurse, weil ich Schachturniere spielen muss. Aber meine Noten sind meistens gut. Meistens hole ich zwischen 70%-80% der möglichen Punkte, aber bestimmte Themen habe ich noch nicht abgehakt, also muss ich bei denen noch einmal von vorne anfangen.

Ding Liren mit einem Kommilitonen! | Foto: Ding Liren

SS: Was sind Deine Eltern von Beruf?

DL: Mein Vater ist Elektroingenieur und meine Mutter arbeitet als Krankenschwester im Krankenhaus.

Ding Liren mit seinem Vater Ding Wenjun und seiner Mutter Ye Xiaoping. Geschwister hat Ding Liren nicht. | Foto: Ding Liren's archives

SS: Wie hast Du Schach gelernt?

DL: Ich war so klein, dass ich mich nicht mehr genau daran erinnere. Aus Zeitungsausschnitten und durch Erzählungen weiß ich jedoch, dass ich vier Jahre alt war, als meine Mutter und ihre Freundinnen der Meinung waren, ihre Kinder sollten Schach lernen. Also sind sie mit uns in einen Schachverein gegangen. Wenzhou ist eine Schachstadt. Die ehemalige Frauenweltmeisterin Zhu Chen stammt aus Wenzhou und Xie Jun und Kortschnoi haben hier einmal einen Wettkampf gespielt. Ein guter Ort, um Schach zu spielen. Am Anfang hatte ich die gleichen Trainer, die auch Zhu Chen hatte. Chen Lixing war mein erster Trainer und im Schachverband von Wenzhou ist er sehr berühmt.

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SS: Was waren Deine ersten Erfolge und wie bist Du besser geworden?

DL: Als ich jung war, habe ich in den Schulferien im Sommer und im Winter am Li Chengzhi Cup teilgenommen. Das ist das stärkste Turnier für Teenager, das es in China gibt. Ich habe sehr gut abgeschnitten und jedes Mal gewonnen. Ich habe in allen Altersklassen gespielt — U10, U12, U14, usw. Ich habe daran teilgenommen, bis ich 18 oder 19 war. Beim Li Chengzhi Cup habe ich gegen Spieler aus ganz China gespielt und das Turnier hat meine Entwicklung als Schachspieler und mein schachliches Können sehr gefördert.

Ein noch sehr junger Ding Liren nach dem Sieg im Li Chengzhi Cup! | Foto: Ding Liren

SS: Wer waren Deine größten Konkurrenten im Li Chengzhi Cup?

DL: Yu Yangyi und Wei Yi sind im Moment die größten Talente in China. Aber ich bin zwei Jahre älter als Yu Yangyi und Wei Yi ist viel jünger als ich. Damals waren Wang Chen, Ma Qun und Gao Rui meine Konkurrenten. Heute bewegen sie sich alle im Bereich zwischen 2550 und 2650 Elo.

SS: Und Du hast fast 2800. Warum, glaubst Du, dass hast Du eine so steile Schachkarriere gemacht und bist besser geworden als alle anderen chinesischen Spieler?

DL: Ich arbeite hart und ich liebe das Schach. Und ich spiele nicht gerne Videospiele! [Lacht]

Ding Lirens Erfolgsrezept! | Foto: Amruta Mokal

SS: Im Gegensatzu zu Wang Hao!

DL: Aber er spielt interessante Spiele! Nicht die, die jeder spielt. Normalerweise spielen die Leute Videospiele (denkt nach)... Ich weiß nicht, wie ich das sagen soll... wie sie jeder spielt!

SS: Warum spielst Du keine Videospiele?

DL: Ich finde sie langweilig. Deshalb kann ich mich aufs Schach konzentrieren. Außerdem habe ich selber keine Schüler und so mehr Zeit, um mein Schach zu verbessern. Ich glaube, Yu Yangyi, Wei Yi und ich haben die besten Chancen und den größten Ehrgeiz, um im Schach mehr zu erreichen.

SS: Zum Beispiel Weltmeister zu werden?

DL: Das steht auf einem anderen Blatt, das ist weit entfernt. Aber wir könnten in naher Zukunft ein paar Rekorde brechen.

SS: Beim World Cup 2017 hast Du definitiv ein paar Rekorde gebrochen.

DL: Ja, das stimmt. Aber im Finale habe ich nicht gut gespielt. Hätte ich den World Cup gewonnen, so wäre das ein überzeugendes Ergebnis gewesen.

SS: Aber ins Kandidatenturnier zu kommen ist ein großer Erfolg. Wusstest Du, dass Du nach Eugenio Torre und Vishy Anand erst der dritte Spieler aus Asien bist, der sich je für das Kandidatenturnier qualifiziert hat?

DL: [Lächelt] Das wusste ich nicht.

SS: Wie sieht ein normaler Tag im Leben Ding Lirens aus, wenn er nicht zur Uni geht?

DL: Ich mache nicht gerne Pläne. Ich beschäftige mich mit Schach, wenn ich dazu Lust habe. Ich stehe meistens zwischen 9 und 10 Uhr morgens auf. Ich bin abends meist lange wach und gehe meistens erst gegen 1 Uhr nachts zu Bett. Nach dem Frühstück schaue ich mir an, welche neuen Partien am Tag vorher gespielt wurden. Die Partien finde ich mit 2700chess.com oder The Week in Chess. Wenn ich interessante Partien finde, spiele ich sie nach und versuche, sie gründlicher zu analysieren. Wenn ich mit der Durchsicht der neuesten Partien fertig bin, ist es meistens schon Zeit fürs Mittagessen. Danach mache ich ganz gerne eine Pause. Abends treibe ich gerne ein bisschen Sport oder spiele mit Freunden Basketball. Danach spiele ich online und oft schaue ich mir auch Live-Partien an. Außerdem bin ich Fußballfan und schaue mir gerne Spiele an. Und bevor ich schlafen gehe, lese ich noch gerne oder höre etwas Musik. Ich glaube, so ungefähr sieht ein normaler Tag für mich aus.

SS: Welche Musik hörst Du gerne?

DL: Ich mag chinesische Musik, vor allem Folksongs. Meine Lieblingssänger im Englischen sind Damien Rice und Passenger. Sie haben einen ähnlichen Stil.

Ein Lieblingssong von Ding Liren ist Beautiful Birds von Passenger

SS: Was sind Deine Lieblingssportarten?

DL: Fußball und Basketball. Meine Lieblingsteams sind Bayern München und Juventus Turin. Einen Lieblingsspieler habe ich aber eigentlich nicht, denn die Spieler wechseln oft den Verein und dann ist es schwierig, ihre Spiele zu verfolgen. Ich habe Lieblingsteams, aber keine Lieblingsspieler.

SS: Ding, hast Du eine Freundin?

DL: [Lächelt] Ja. Sie ist Schachspielerin, aber nicht besonders stark. Manchmal spielen wir in Peking zusammen. Aber ihren Namen möchte ich nicht verraten.

Ding Liren smiling

Enttäuschung für die weiblichen Fans von Ding Liren?! | Foto: Amruta Mokal

SS: Okay. Wer ist Dein bester Freund in der Schachwelt?

DL: In der Nationalmannschaft ist Wei Yi mein bester Freund. Beim World Cup haben wir uns ein Zimmer geteilt. Ein sehr guter Freund von mir ist auch Wan Yunguo, aber im Moment spielt er nicht sehr viel. Er verbringt viel Zeit damit, Kindern Schachunterricht zu geben. Aber bei der Chinesischen Liga können wir uns auf den neuesten Stand bringen. Nach jedem Ligamatch spielen wir zusammen Basketball.

Als Spitzenspieler sind Wei Yi und Ding Liren Rivalen, aber abseits des Bretts sind sie gute Freunde! | Foto: Amruta Mokal

SS: Stimmt es, dass die chinesische Regierung Deine Turnierkosten und die Turnierkosten der anderen chinesischen Spieler übernommen hat, und dass ihr dafür euer Preisgeld abgeben müsst?

DL: In diesem World Cup mussten wir uns selber organisieren und unsere eigenen Kosten übernehmen und natürlich können wir dann auch das gesamte Preisgeld behalten.

SS: Du bist also froh über diese Entwicklung?

DL: Ja, ich glaube, das ist gut. Jeder in China wünscht sich solche Verhältnisse. Wir verdienen wenigstens mehr. Sie [der chinesische Schachverband - Red.] kann nicht alles kontrollieren.

SS: Als Zweiter des World Cups hast Du 64.000 US-Dollar bekommen. Was willst Du mit dem Geld machen?

Ding Liren mit dem Siegercheck (von den 80.000 US-Dollar Preisgeld gehen 20% an die FIDE) | Foto: Amruta Mokal

DL: Nach Abzug der Übernachtungskosten bleiben etwa 60.000 US-Dollar übrig. Das ist viel Geld. Ich werde es meiner Mutter geben, so wie ich es immer mache.

SS: Du behältst nichts von dem Geld für Dich?

DL: Nein, ich brauche das Geld nicht. Ich will mir keine Dinge kaufen, die teuer und Luxus sind. Ich lebe gerne einfach. Ja, manchmal möchte ich in ein Restaurant gehen und gut essen, aber auch da achte ich darauf, dass es nicht zu teuer ist. Als Wei Yi hier war, haben wir manchmal einfach Instantnudeln gegessen und waren damit sehr zufrieden. 

Ding Liren ist kein Freund luxuriöser Kleidung. Er trägt das, worin er sich wohlfühlt. | Foto: Amruta Mokal

Beim diesjährigen Grand Prix in Moskau hat mich meine Mutter begleitet und für mich gekocht. Meistens einfach Nudeln oder Reis und so hatte ich mehr Zeit, um mich aufs Schach zu konzentrieren.

SS: Erzähl uns etwas über Xu Jun, der Dich bei diesem Turnier als Trainer betreut hat.

Ding Lirens Trainer Xu Jun war mmer an seiner Seite | Foto: Amruta Mokal

DL: Er ist Trainer des Chinesischen Schachverbands und wir verstehen uns sehr gut. Normalerweise hilft er Wei Yi und mir. Er stammt aus der gleichen Provinz wie Wei Yi. Er ist ein Trainer der alten Schule und trägt Varianten, die er mir dann zeigt, gerne in ein Notizbuch ein. In der vierten Partie mit klassischer Bedenkzeit im Finale gegen Aronian kannte er die Variante mit ...Ld7 im Ragosin, die Aronian auch schon gegen Grischuk gespielt hat. Aber er hat dann vergessen, mir das zu erzählen. Während der Partie hat er das sehr bedauert, aber zum Glück konnte ich Remis halten. Er war erleichtert. Ihn während eines so langen Turniers dabei zu haben, war sehr hilfreich und eine große Unterstützung.

Viele chinesische Spieler wie Ni Hua, Bu Xiangzhi und andere haben mir während des Turniers geholfen. Nicht mit der Arbeit an bestimmten Eröffnungsvariaten, aber sie haben mir gute und vernünftige Ratschläge gegeben. Der Trainer Li Wenliang, der jetzt mit seiner Frau in den USA lebt, hat mir während des Turniers ebenfalls geholfen. Eine Menge Leute haben zu meinem guten Abschneiden beigetragen und ich bin ihnen sehr dankbar.

SS: Glaubst Du, Dein Leben wird sich nach Deinem Erfolg im World Cup ändern?

DL: Nein, das glaube ich nicht. Vielleicht hätte es sich ein wenig verändert, wenn ich das Turnier gewonnen hätte. Du hast ja gesehen, wie umlagert der Turniersieger Aronian nach der letzten Partie des Wettkampfs war. Der Zweitplatzierte ist immer ein bisschen allein. Aber das ist natürlich ganz normal.

SS: Aber ich bin gekommen und habe Dich interviewt! (Lacht)

DL: [Lacht] Vielen Dank. Ich glaube, mein Können hat nicht ausgereicht, um dieses Turnier zu gewinnen und ich war nach dem Halbfinale erschöpft. Ich konnte nicht mein bestes Schach spielen. Aber mein Ergebnis ist sehr akzeptabel.

SS: Welches Ziel hast Du im Schach?

DL: Ich will einfach hart arbeiten und mich weiter verbessern. Ich mag es nicht, mir im Schach Ziele zu setzen, wie zum Beispiel die Weltmeisterschaft zu gewinnen. Im Moment ist das sehr weit entfernt. Ich werde versuchen, glücklich und im täglichen Leben guter Dinge zu sein und dann mein schachliches Können zu zeigen. Ich möchte ein bisschen anders sein als der Durchschnitt.

SS: Und wie schaffst Du das?

DL: Indem ich im Schach etwas Außergewöhnliches erreiche!

Amruta Mokal, Ding Liren und Sagar Shah

Übertragung aus dem Englischen: Johannes Fischer



Sagar Shah ist ein junger Internationaler Meister aus Indien. Er ist zugleich ausgebildeter Wirtschaftsprüfer und würde gerne der erste indische Wirtschaftsprüfer sein, der Großmeister wird. Sagar berichtet leidenschaftlich gerne über Schachturniere, denn so begreift er das Spiel, das er so liebt, besser. Aus Leidenschaft für das Schach betreibt er auch einen eigenen Schachblog.
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