Wesley So trainiert mit Vladimir Tukmakov

31.01.2017 – Im Juli 2016 erhielt Wesley So das Samford Fellowship Schachstipendium und seitdem feiert So einen Erfolg nach dem anderen. Er gewann den Sinquefield Cup, Olympiagold in Baku, die London Chess Classic, die Grand Chess Tour und jetzt das Tata Steel Turnier in Wijk. Vielleicht ist auch Vladimir Tukmakov für diese Erfolgsserie verantwortlich. Seit Juli 2016 unterstützt der renommierte Trainer So mit Ratschlägen, seit Dezember 2016 ist Tukmakov fester Trainer von So. Ziel der Zusammenarbeit: der WM-Titel. Mehr...

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Vladimir Tukmakov trainiert Wesley So

Von Eliseo Tumbaga

2016 war ein erfolgreiches Jahr für Wesley So. Im August gewann er den Sinquefield Cup im August und im Dezember die London Chess Classic. Außerdem gewann er bei der Schacholympiade 2016 in Baku die Goldmedaille mit der amerikanischen Mannschaft. 2016 übersprang So auch die Marke von 2800 Elo. Anfang 2017 lag er auf Platz vier der Weltrangliste.

Wesley So mit den Trophäen für den Sieg bei den London Chess Classic und den Gewinn der Grand Chess Tour (Foto:  Lennart Ootes)

Im Dezember 2016 traf Wesley So eine wichtige Entscheidung: er entschloss sich für die permanente Zusammenarbeit mit einem Trainer, der ihm helfen soll, an die Spitze der Weltrangliste zu kommen und um die Weltmeisterschaft zu kämpfen.

Doch wer ist dieser Trainer? Kein Geringerer als der ukrainische Großmeister und erfahrene Trainer Vladimir Tukmakov, der als Spieler, Trainer und Autor auf eine beeindruckende Schachkarriere vorweisen kann.

“Wir haben eine Reihe von Kandidaten in Betracht gezogen,” verriet Sos Stiefmutter Lotis Key-Kabigting. “Es gibt zwar viele gute Trainer, aber Können ist nicht alles - Temperament und Stil müssen auch passen. Wesley ist ruhig und zurückhaltend und ist seinen Weg im Leben bis jetzt ohne Trainer gegangen. Deshalb hat er sich anders entwickelt als andere, die das Glück hatten, bereits früh im Leben einen Trainer zu haben. Wesley ist es gewohnt, alleine zu arbeiten. Er mag zurückhaltend sein, aber herumkommandieren oder unter Druck setzen lässt er sich nicht. Vladimir Tukmakov ist ein Mann der leisen Töne, ein ausgesprochener Gentleman, doch bei aller äußeren Milde hat er doch innere Härte und verfügt über gewaltige Erfahrung, die Wesley So noch fehlt."

Vladimir Tukmakov und Sopiko Gurashmishvili, die Ehefrau von Anish Giri, den er früher trainiert hat. (Foto: Alina L'Ami)

Spitzentrainer können teuer sein und ohne Sponsoren oder finanzielle Unterstützung fällt jungen Profis, die den Unsicherheiten des Turnierbetriebs ausgesetzt sind, die Entscheidung für die Zusammenarbeit mit einem Trainer nicht leicht. Doch für Wesley So entschärfte sich die Situation, als er 2016 zum Stipendiat der Frank P. Samford Chess Fellowship gewählt wurde. Das Stipendium begann am 1. Juli, dauert ein Jahr und unterstützt So mit 42.000 USD.

IM John Donaldson, der Kapitän der US-Mannschaft, die in Baku Gold gewann, ist Mitglied des Komitees, das jedes Jahr einen Stipendiaten wählt. Donaldson erläutert die Hintergründe und Ziele des Stipendiums:
“Die Samford Fellowship ist das wichtigste und finanziell bedeutendste Schachstipendium in den USA und hat in den letzten drei Jahrzehnten mehr als zwei Millionen Dollar gestiftet. Es wählt die größten Schachtalente in den USA aus und ermöglicht ihnen hochklassiges Training, das Spielen in starken Turnieren und Zugang zu Trainingsmaterialien. Teil der Samford Fellowship ist auch ein monatliches Stipendium, um die Lebenshaltungskosten abzudecken, damit sich die Stipendiaten ohne finanzielle Sorgen ganz auf das Schach konzentrieren können. Seit es ins Leben gerufen wurde, hat sich das Stipendium als sehr großer Erfolg erwiesen. Viele Samford Fellows wurden starke Großmeister, Mitglieder der Olympiamannschaft und U.S. Meister… Das Potenzial der Stipendiaten wurde auf Grundlage ihres Schachtalents, ihrer Arbeitseinstellung, ihrem Engagement und ihren Erfolgen ermittelt.”

Mit finanzieller Unterstützung im Rücken begann So vor mehr als sieben Monaten mit Tukmakov zu arbeiten, allerdings ohne ihn fest als Trainer anzustellen.

“Ich habe Tukmakov schon bei vielen Turnieren gesehen, aber nie mit ihm geredet,” erinnert sich So. “Dann haben wir ab und zu geplaudert und gegenseitig die Fühler ausgestreckt. Da ich vorher noch nie einen Trainer hatte, war ich mir nicht sicher, wie das funktionieren sollte, was von mir erwartet wurde. Aber das wurde leichter, als wir uns kennengelernt haben. Wir haben uns gut verstanden und ich habe ihn gefragt, ob er mich trainieren möchte.”

Ende 2016 gewann So die London Chess Classic und damit auch die Grand Chess Tour. Insgesamt gewann So bei den Turnieren der Grand Chess Tour 295.000 USD und einen großen Teil dieses Gewinns investiert er, um später einmal um die Weltmeisterschaft spielen zu können.

2016 war für Wesley ein gutes Jahr ((Foto:  Lennart Ootes)

"Ich halte Wesleys Potenzial im Schach für sehr hoch," erklärt Tukmakov. "Aber um im Schach ganz nach oben zu kommen, braucht man noch andere Fähigkeiten. Eine robuste Gesundheit, einen starken Charakter, die Fähigkeit, mit permanentem Stress umzugehen - um nur ein paar zu nennen. Wir arbeiten jetzt etwas länger als sieben Monate zusammen und die Zusammenarbeit erfolgt meistens über Skype, und deshalb kenne ich ihn als Person noch nicht gut genug. Aber so weit ich weiß, hatte Wesley noch nie einen persönlichen Trainer. Das hat gute und schlechte Seiten. Einerseits ist er aus eigener Kraft ein so starker und guter Spieler geworden. Andererseits sehe ich manchmal, dass er manche elementare Dinge nicht weiß. Doch diese Mängel werden durch Schachprogramme teilweise kompensiert. Ich halte seine Originalität für einen sehr viel wichtigeren Faktor. Es ist noch zu früh, um darüber zu spekulieren, welche Chancen Wesley hat, Weltmeister zu werden. Er steht erst am Anfang des Lebens im Spitzenschach, und obwohl er ein paar bedeutende Turniere gewonnen hat, muss er immer noch eine Menge lernen. Er sollte in allen Bereichen seines Berufs stärker werden und ich werde mein Bestes geben, um ihm bei dieser sehr harten, aber extrem interessanten Arbeit zu helfen."

Als Spieler hat Tukmakov in einer Zeit Erfolge gefeiert, als es noch keine starken Schachcomputer gab - als die Sowjetunion noch existierte und Schachlegenden wie Mikhail Tal, Tigran Petrosian, Boris Spassky, Viktor Korchnoi, Anatoly Karpov und Bobby Fischer die besten Spieler der Welt waren.

“Ich habe nur eine einzige Partie gegen Fischer gespielt, aber die war etwas Besonderes,” erinnert sich Tukmakov. “In Buenos Aires 1970 habe ich das erste Mal an einem wirklich starken internationalen Turnier teilgenommen. Ich habe gegen Fischer verloren, aber im Turnier bin ich Zweiter geworden - darauf bin ich immer noch sehr stolz.”/p>

Buenos Aires war ein Rundenturnier mit 18 Teilnehmern, in dem Fischer dominierte. Tukmakov wurde mit sieben Siegen und neun Remis Zweiter - seine einzige Niederlage erlitt er gegen Fischer. Mit Oscar Panno, Miguel Najdorf, Miguel Quinteros, Florin Gheorghiu, Samuel Reshevsky, Henrique Mecking und Vassily Smyslov war das Turnier stark besetzt.

“Ich habe viele Partien gegen Schachlegenden gespielt. Ich habe mehrfach an Sowjetmeisterschaften teilgenommen, und das ging nur, wenn man sich im Hauptturnier qualifizierte. Das erste Mal gelang mir das 1969, meine letzte Sowjetmeisterschaft spielte ich 1989. Ich habe 13 Mal im Finale der Sowjetmeisterschaften gespielt, dazu noch oft im Halbfinale und in der ersten Liga. Drei Mal bin ich bei den sowjetischen Meisterschaften Zweiter geworden: 1970 hinter Korchnoi, 1972 hinter Tal und 1983 hinter Karpov. In so schweren Turnieren konnte ich es mir nicht leisten, über die Größe meiner Gegner zu philosophieren - ich musste einfach kämpfen.”

Vladimir Tukmakov bei der Mannschaftsmeisterschaft der UdSSR 1973 (Foto by RIA Novost)

Die ersten großen Erfolge seiner Karriere feierte Tukmakovs in Mannschaftswettbewerben und von 1966 bis 1972 gewann er mit dem sowjetischen Team die Studentenmannschaftsweltmeisterschaft. Drei Mal war er bei der Mannschaftseuropameisterschaft dabei - 1973, 1983 und 1989 – und holte dort drei Mal Gold mit der Mannschaft und zwei Mal Gold für die beste Einzelleistung. Bei der Schacholympiade 1984 in Thessaloniki spielte er das erste und einzige Mal für die sowjetische Olympiamannschaft und gewann Gold.

“Ja, ich war ein guter Mannschaftsspieler und oft war auch das Glück auf meiner Seite - und das ist in einer Mannschaft sehr wichtig. Ich habe viele Mannschaftswettbewerbe gewonnen. Besonders bemerkenswert war der Sieg bei der Olympiade. Ich habe an Brett 4 gespielt und die UdSSR-Mannschaft wurde mit großem Vorsprung Erster und gewann Gold - ohne Karpov und Kasparov. Im gleichen Jahr spielte ich für die UdSSR beim Kampf gegen den "Rest der Welt". Wir gewannen knapp mit 20,5-19,5. Als war Ersatzspieler, aber spielte an Brett vier zwei Mal gegen Ljubomir Ljubojevic und holte 1,5-0,5. Und in der letzten Runde habe ich gegen Kortschnoi an Brett drei gespielt und mit Schwarz Remis gemacht.

“Seit meiner aktiven Zeit hat sich das Schach sehr verändert. Vor zwanzig oder dreißig Jahren konnte ein Experte einen berühmten Spieler daran erkennen, wie er gespielt hat, obwohl er seinen Namen nicht kannte. Botvinnik und Tal, Spassky und Petrosian, Karpov und Kasparov. Sie waren so verschieden, dass man ihren Spielstil, ihre Spielweise gar nicht verwechseln konnte. Die besten Spieler waren alle Individualisten. Bei der heutigen Schachelite ist das anders. Im Prinzip sind alle universelle Spieler ohne wirkliche Schwächen, aber zugleich auch ohne wirklich individuelle Eigenschaften. Es gibt eine absolute Autorität im Schach, deren Meinung niemand ignorieren kann: der Computer. Er ist viel, viel stärker als jeder Mensch und er kann das am Brett beweisen. Jeder Schachspieler akzeptiert das. Die Maschine wurde für alle Spieler zum universellen Trainer. Jetzt haben wir jetzt nur noch wenige herausragende Individualisten.

"Die Maschine wurde für alle Spieler zum universellen Trainer. Jetzt haben wir jetzt nur noch wenige herausragende Individualisten."

“Auch der Charakter des Spiels hat sich dramatisch verändert. Heutzutage kann man in der Eröffnung relativ leicht perfekt spielen - zu Hause, mit Hilfe des Computers. Aber früher oder später muss man selber spielen. Und dann sinkt das Niveau. Und das Niveau im Endspiel ist heute meiner Ansicht nach auch sehr bescheiden. Mein Ziel ist es, die spielerischen Fähigkeiten meiner Schüler so harmonisch und ausgeglichen wie möglich zu gestalten, doch dabei ihre schachliche Individulität zu bewahren. Ich weiß, das ist schwer, aber ich glaube, Schach ist immer noch ein Spiel, das von Menschen gespielt wird. Um der Beste zu sein, sollte man sich selbst treu bleiben.”

Im März 2017 feiert Tukmakov seinen 71. Geburtstag und als Trainer verfügt er über eine viel Erfahrung. Zu Beginn seiner Karriere wurde er oft engagiert, um einem Spieler für eine begrenzte Zeit zu helfen.

“Ab und zu wurde ich gefragt, ob ich jemandem bei einem Turnier helfen könnte. Um nur ein paar Namen zu nennen – Vitaly Tseshkovsky beim Interzonenturnier in Manila 1976, Kortschnoi bei den Kandidatenwettkämpfen 1991, Karpov beim Weltmeisterschaftsmatsch gegen Viswanathan Anand in Lausanne 1998. Ich mochte diese Arbeit. Aber es war keine regelmäßige Arbeit. Meinen ersten offiziellen Vertrag als Trainer habe ich 2004 unterschreiben, für den Schachverband der Ukraine. So wurde ich Trainer und Kapitän für die ukrainische Herrenmannschaft bei der Schacholympiade in Calvia. Die Mannschaft war sehr jung und hat das erste Mal Gold gewonnen, wofür man mir den Titel eines FIDE Senior Trainers verliehen hat. Dieser Erfolg unseres Teams ist einer der denkwürdigsten Erfolge meiner Karriere. Übrigens gewann die Ukraine später noch einmal Gold - sechs Jahre später, in Khanty-Mansiysk, und auch da war ich Kapitän.”

Tukmakov hat außerdem mit der Nationalmannschaft Aserbaidschans gearbeitet, die bei der Europameisterschaft 2011 Silbe gewann. Von 2010 bis 2015 war er Kapitän der aserbaidschanischen Mannschaft von Socar. 2012 und 2014 gewann Socar den Mannschaftseuropameisterschaften für Vereine. Zur Zeit ist er Kapitän der holländischen Nationalmannschaft.

Tukmakov ist Autor dreier Bücher: em>Profession: Chessplayer (Grandmaster at Work), Modern Chess Preparation: Getting Ready for Your Opponent in the Information Age, und Risk & Bluff in Chess: The Art of Taking Calculated Risks.

Außerdem war er bis zum Kandidatenturnier 2016 Trainer von Anish Giri.

“Meine Zusammenarbeit mit Anish begann Anfang 2014, vor dem Turnier in Wijk aan Zee. Damals hatte er eine Zahl von 2734 und war Nummer 19 in der Welt. Zwei Jahre später war er die Nummer drei der Welt und hatte eine Zahl von 2798. Nach dem Kandidatenturnier 2016 haben wir die Zusammenarbeit beendet und er hatte eine Zahl von 2790 - damit war er die Nummer vier der Welt. Alles in allem haben wir zwei Jahre und drei Monate zusammengearbeitet. Ich empfand die Arbeit als sehr interessant und spannend. Hoffentlich hat sie auch Anish genützt.”

Wesley So ist zuversichtlich, dass er von Tukmakovs Erfahrungen und Ratschlägen profitieren wird.

“Ich mache einen Schritt nach dem anderen,” erklärte So vor dem Tata Steel Turnier in Wijk aan Zee. “Ich bin dankbar, dass 2016 so gut gelaufen ist. Ich sehe, wie nützlich die Erfahrung von Tukmakov ist. Er weiß eindeutig sehr viel mehr als ich. Und er ist freundlich und geduldig. Ein jüngerer Trainer wäre vielleicht arroganter. Tukmakov ist ein sehr freundlicher Mensch.”


Eliseo Tumbaga ist Fide-Trainer und arbeitet für die Professional Chess Trainers Association der Philippinen. Er ist Gründer und Administrator der Facebook-Gruppe Chess News & Views. In den letzten 43 Jahren hat er als Journalist, Unternehmer, Geschäftsführer und Berater gearbeitet. Aktuell arbeitet er an einer Biographie über Schachlegende Eugenio Torre.


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