"Bartok + ": Leko gegen Karpov in Miskolc

31.08.2006 – Gestern begann in der ungarischen Stadt Miskolc der Schnellschachwettkampf zwischen Peter Leko und Anatoli Karpow. In den ersten beiden Partien zeigten sich die Spieler als gleichwertig und beide Partien endeten remis. Leko, der im letzten Jahr gegen Adams mit 0:3 begann, war froh über seinen Start in diesem Match. Miskolc ist die drittgrößte Stadt Ungarns und war seinerzeit Zentrum der ungarischen Stahlproduktion. Nach der Wende brach die Produktion zusammen und die Stadtväter gingen dazu über, Miskolc als Kulturzentrum zu etablieren. Die Schachwettkämpfe mit Peter Leko passen gut zum Kulturprogramm, das den Titel "Bartok +" trägt und mit dem Motto "Kultur baut Stadt" das Ziel umreißt. Dagobert Kohlmeyer berichtet von der zauberhaften Eröffnungsfeier und dem ersten Wettkampftag. Im Gespräch mit Bürgermeister Sandor Kali stellt dieser das Kulturprogramm der Stadt vor. Turnierseite...Bericht, Partien, Interview...

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Leko prüft Schachlegende Karpow
Von Dagobert Kohlmeyer aus Miskolc

Die ersten beiden Partien zum Nachspielen...

Im Theater von Miskolc begann am Mittwoch der mit Spannung erwartete Wettkampf des ungarischen Vorkämpfers Peter Leko gegen Anatoli Karpow aus Russland. Beide Großmeister äußerten vor dem 8-Partien-Match großen Respekt voreinander. Das ehemalige Wunderkind Leko: "Karpow war immer ein Vorbild für mich. Ich bewundere sein Schachverständnis und seine elegante Spieltechnik“. Der 12. Weltmeister der Schachgeschichte kommt mit frischem Ruhm aus Zürich ans Brett. Beim Jubiläumsturnier  der Credit Suisse in Zürich teilte er vorige Woche gemeinsam mit Garri Kasparow den 1. Platz. Es war Karpows 166 Sieg in einem Einzel- oder Mannschaftswettbewerb - ein unerreichter Rekord.

Die Eröffnungsfeier im schönen Nationaltheater von Miskolc war stimmungsvoll. Künstler der renommierten Bühne zeigten mit Tanz, Akrobatik und Musik einen Querschnitt durch die Schachgeschichte. Im Foyer begrüßte ein Schachtürke die Zuschauer.

Bei der Auslosung mit Weinflaschen wählte Karpow den roten, worauf er in Partie 1 die schwarzen Figuren führte. Leko zog eine weiße Tokaierflasche, die ihm für das Auftaktspiel logischerweise die weißen Steine bescherte.

Nach dem vorjährigen Match des Ungarn gegen Michael Adams und der jetzigen Steigerung gegen Karpow spricht alles dafür, dass Miskolc sich anschickt, eine Schachtradition zu begründen und evtl. einmal Schachhauptstadt von Ungarn zu werden. Bürgermeister Sandor Kali und sein engagiertes Team im Rathaus sowie viele örtliche Sponsoren jedenfalls sind bereit, alles dafür zu tun (siehe auch unser Interview mit dem Bürgermeister). Leko Manager Carsten Hensel betonte: „Es gibt momentan nur eine Plattform in Ungarn, wo Schach auf höchstem Niveau präsentiert wird: in Miskolc!

Vorhang auf zum Match…!

Hauptschiedsrichterin ist die ungarische Großmeisterin Zsuzsa Veröci. Den ersten Zug führte Miscolc’ Bürgermeister Sandor Kali aus.


Schiedsrichterin Zsusza Veröci (Mitte)

Nach dem ersten Wettkampftag steht es 1:1. Das Auftaktspiel war eine muntere Caro-Kann-Partie, die nach 28 Zügen mit Remis durch Dauerschach endete.

Auch im Rückspiel, wo es mehr positionell zuging, wurde am Ende der Punkt geteilt. Beide Spieler konnten damit leben. Peter Leko sagte hinterher: „Auf jeden Fall war es ein besserer Start als im Vorjahr, wo ich gegen Michael Adams, ehe ich mich versah, 0:3 zurücklag. Karpow wird von seinem langjährigen Sekundanten Michail Podgajez unterstützt. Peter Lekos Coach ist sein Schwiegervater Arschak Petrosjan.


Dr. Tibor Hooz eröffnet die zweite Partie

 

"Schach ist eine ernsthafte Sache“
Interview mit dem Bürgermeister von Miskolc, Sandor Kali

Von Dagobert Kohlmeyer


Dagobert Kohlmeyer und Sandor Kali mit einem Buch von Karpow

Der Schirmherr des Matchs zwischen Karpow und Leko in Miskolc ist ein viel beschäftigter Mann. Gerade aus dem Urlaub in der Türkei zurück, empfing Bürgermeister Sandor Kali noch am gleichen Abend - zwei Tage vor Spielbeginn -beide Großmeister in seiner Stadt. Seine exzellenten Deutsch-Kenntnisse verdankt Herr Kali einem Studium in Dresden. Im Gespräch mit unserem Reporter erzählt er über seine Stadt im Wandel der Zeit sowie die Verbindung von Schach und Politik. Heute setzen die Stadtväter von Miskolc auf Hochtechnologie, Kultur und Sport.

Welches Bild prägte Miskolc in der Vergangenheit?


Sandor Kali spricht einen Toast beim Eröffnungsbankett

Wir waren 200 Jahre lang eine Stahlstadt. Die Kaiserin Maria-Theresia hatte hier einst eine Fabrik gegründet. Nach dem Zusammenbruch des Sozialismus, mit dem sowjetischen Markt als größten Abnehmer, war hier alles pleite.

Wie wirkte sich das konkret auf die Stadt aus?

Die beiden großen Betriebe mit einer Belegschaft von je 30 000 Menschen schrumpften auf zehn Prozent. Ähnlich wie es in der europäischen Geschichte anderen Regionen ging. Denken Sie nur an das Ruhrgebiet oder an Liverpool bzw. Manchester.

Was taten die Stadtväter dagegen?

Wir wollten unsere Stärken ausbauen. Neben Stahl gab es früher bei uns Maschinenbau, Chemie- und Zulieferindustrie. Kulturell und sportlich war Miskolc auch immer vorn. Jetzt haben wir eine neue Entwicklungsrichtung gewählt: die Verbindung von Tradition und Hochtechnologie. Zum Beispiel wird gemeinsam mit Russland an der Universität Miskolc ein nanotechnologisches Zentrum aufgebaut. Der Vertrag darüber ist im Februar beim Besuch von Präsident Putin in Budapest unterzeichnet worden.


"Kultur baut Stadt
“: Das Nationaltheater in Miscolc

Auch als Kulturstadt hat sich Miskolc einen Namen gemacht.

Seit der Wende handeln wir nach dem Grundsatz: "Kultur baut Stadt“. Sie prägt das Image von Miskolc. Unser Flaggschiff ist das Opernfestival. In diesem Jahr kamen schon 130 000 Besucher. Unser Theater, wo auch das Schachmatch stattfindet, ist eines der größten in Mitteleuropa. Die Idee ist „Bartok +“. Jedes Jahr kommt etwas Neues hinzu. Also Bartok plus Verdi oder Puccini zum Beispiel.

Hat Bela Bartok hier gelebt?

Nein, nein. Einen solchen Zusammenhang gibt es nicht. Aber der Komponist Bela Bartok steht als Symbol für die ungarische Kultur. Zudem gab es bei uns viele Veranstaltungen auch außerhalb des Theaters.

Wo finden sie statt?

Zum Beispiel in unserer Burg. Es ist mehr ein Schloss. Die so genannte Diosgyör war die Burg der ungarischen Königinnen. Früher war es Brauch, dass die Frauen des Königs ein Schloss geschenkt bekamen. In dieser Burg ist zum Beispiel damals die Stadtgründungsurkunde von Kosice vom König unterzeichnet worden.

Zu Ihrer Person. Hätten Sie gedacht, dass sie einmal Bürgermeister werden?


Das Spielerhotel in Miskolc

Nein. Ich habe in den 1970er Jahren in Dresden Informationstechnik studiert. Später arbeitete ich als Projektant im Bereich der technischen Akustik und Lärmbekämpfung.

Wie lange sind Sie in Ihrem politischen Amt?

Seit vier Jahren. Wir haben jetzt Neuwahlen. Ich bin Sozialdemokrat und bewerbe mich erneut um das Amt. Meine Frau ist nicht so begeistert davon, weil ich nur selten zu Hause bin. Vier Jahre lang war ich zweiter Bürgermeister in Miskolc. Dann bin ich wieder in meinen Job zurückgegangen. Ich habe auch einige Zeit in Deutschland gearbeitet. Das war in der schönen Stadt Soest bei Dortmund. Dann rief die Politik mich wieder.

Und welches Verhältnis haben Sie zum Schach?


Karpow, Bürgermeister Kali und leko

In meiner Jugend, auch an der Uni, habe ich viel Schach gespielt. Sehr viel Talent hatte ich wohl nicht. Es war Kneipenschach, das wir damals spielten. Aber es machte großen Spaß.

Nun wollen Sie in Miskolc eine Schachtradition begründen.

So ist es. Nie hätte ich früher daran gedacht, einmal so ein Turnier auszurichten. Es kam durch die freundschaftlichen Kontakte zu Peter Leko. Vor drei Jahren machte er Urlaub hier in unserer Gegend. Wir lernten uns kennen und schlossen Freundschaft. Schon das vorjährige Match Leko- Adams war ein großer Erfolg. Den größten Anteil daran hat Peters Manager Carsten Hensel.

In diesem Jahr gibt es mit Karpow – Leko ja noch eine Steigerung!


Peter und Sofia Leko

Es war mir eine Ehre und Freude, mit dem 12. Weltmeister Anatoli Karpow eine lebende Schachlegende in Miskolc zu begrüßen. Und das Nationaltheater ist eine würdige Spielstätte für das Turnier.

Sehen Sie eine Verbindung zwischen Schach und Politik

Schach ist eine ernsthafte Sache. Politik hingegen … (lacht). An erster Stelle steht das strategische Denken. Ich meine, in beiden Bereichen ist Strategie wichtig. Was Ungarn angeht, so haben wir nicht die Voraussetzungen wie vielleicht andere europäische Länder, aber das muss nicht unbedingt ein Nachteil sein. Gefragt sind deshalb Flexibilität, Kreativität und Eigenverantwortung der Menschen.

In der Politik werden wie beim Schach manchmal Bauern oder andere Steine geopfert. Mussten Sie das auch schon tun?

Ja. Ja. Aber da ich aus einem anderen Bereich, der Technik, komme, habe ich immer versucht, die Dinge sachlich zu lösen. Weil ich analytisch denke und immer das Ziel im Auge habe, dass Miskolc eine lebenswerte europäische Stadt wird. Und im Interesse dieser Sache muss manchmal ein schlechter Bauer geopfert werden.

 

Text und Fotos: Dagobert Kohlmeyer

 

 

 


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