"Die Männer werden immer bevorzugt" - Interview mit Elisabeth Pähtz

23.11.2008 – Für die deutschen Frauen läuft es bei der Schacholympiade derzeit nicht so toll. Auf der Setzliste mit Rang 12 und mit drei Spielerinnen unter den Top 100 müsste eigentlich mehr drin sein, als der derzeitige Platz 37. Gestern gab es ein eher mageres 2:2 gegen Luxemburg. Auch die frühere Jugendweltmeisterin Elisabeth Pähtz läuft ihrer Bestform hinterher. Im Interview mit Sebastian Siebrecht spricht sie über ihre Karriere, ihre Beziehung zum Schach und findet, dass die Frauen bei der Unterstützung durch den Deutschen Schachbund immer nur die zweite Geige spielen. Zum Interview...

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„Die Männer werden immer bevorzugt“
Interview mit Elisabeth Pähtz, Nummer 1 des deutschen Damenteams
Von Sebastian Siebrecht

Elisabeth Pähtz ist seit zweieinhalb Jahren die Nummer 1 im deutschen Damenschach und aktuell die Nummer 26 der Weltrangliste. Gestern saß sie in der vierten Runde der Olympiade gegenüber der Inderin Dronavalli Harika am Brett und spielte remis. Zuvor plauderte die gebürtige Erfurterin über ihren Werdegang, ihre Ziele, über Dresden und die Annehmlichkeiten des Schachspiels.

Frage: Wie ist Deine Beziehung zu Dresden?

Elisabeth Pähtz: Ich mag Dresden sehr, eine wunderschöne Stadt. Von 2002 bis 2005 bin ich hier zum Sportgymnasium gegangen. Und ich spiele seit vielen Jahren in der Liga für Dresden. Da ich durch die ganze Welt reise, wohne ich aber seit zwei Jahren in Berlin, da dort mehr Flugrouten vorhanden sind und ich zentraler lebe. Meine größten Erfolge, den Gewinn der U18- und der U20-Weltmeisterschaft fallen in meine Dresdner Zeit. Nach wie vor spiele in für den USV TU in der Damenbundesliga.

Wie wird man die beste deutsche Spielerin?

Ich habe das Schach von meinem Vater gelernt, mit ihm und meinem Bruder in der Jugend viele Turniere gespielt. Da ging es in den Ferien nicht an den Strand von Mallorca, sondern zum Turnier nach Gelsenkirchen. Wenn du wirklich gut werden möchtest, musst du hart trainieren und vor allem viele Turniere spielen. Je stärker die Turniere, desto besser. Auf dem Sportgymnasium in Dresden habe ich von 2002 bis 2005 mit Miroslav Shvartz und später mit Davit Lobzhanidze, der jetzt Trainer des Nationalteams ist, zusammengearbeitet.

Was war dein schönstes Schach-Erlebnis?

Das ist eine schwere Frage: Vermutlich mein WM-Titel im Jahre 2002 in Heraklion auf Kreta. Da ist der ganze Ballast und Stress von mir abgefallen. Ich war unglaublich glücklich.

Und deine schönste Partie?

Mir gefällt die Partie gegen die Inderin Subbaraman Vijayalakshmi im Jahr 2005 beim Einladungsturnier im schweizerischen Biel ganz gut.

Was ist anders, wenn du gegen Männer spielst?

Manche Männer haben Probleme damit, gegen Frauen anzutreten. Mein stärkstes „Opfer“ im Turnierschach ist Normunds Miezis – er liegt bei Elo 2557, war sogar schon einmal bei 2601. Er sitzt hier am Spitzenbrett der Herrenmannschaft von Lettland. Im Schnell- und Blitzschach waren auch schon noch Stärkere dabei, unter anderen die Nummer zwei unserer Herrenmannschaft Igor Khenkin, der auf Elo 2647 verweisen kann. Igor konnte ich schon als 16-Jährige schlagen. Und nicht nur einmal (lacht).

Welche Turniere stehen nach der Olympiade an?

Erst das ND-Turnier, ein starker Schnellschachkampf in Berlin am 4. Dezember gegen Almira Skriptschenko. Sie hat Elo 2455 und spielt für Frankreich. Andere Gegner sind Anna Zatonskih – die Ehefrau von Daniel Fridman liegt bei Elo 2440 – und die Slowenin Anna Muzychuk mit einer Elo 2508. Das Turnier habe ich die letzten beide Jahre wohl etwas zu einfach gewonnen. Es folgt Ende Januar vermutlich ein Open für Frauen in Moskau, sonst ein bisschen Bundesliga.

Welche Ziele hast Du noch?

Ich will in die Top Ten der Frauen. Auch wenn ich gerade etwas schlechtere Resultate hatte, habe ich dieses Ziel nicht aufgegeben. Und für die Olympiade: Ich möchte vor heimischen Publikum meine Elo-Zahl verbessern.

Du bist bei der Bundeswehr angestellt.

Ja. Bis zum 30. April 2009 bin ich noch bei der Sportfördergruppe, bei der ich ein Zeitsoldatengehalt erhalte. Das erleichtert mir die Vorbereitung und die Auswahl der stärksten Turniere immens. Bei starken Turnieren bekomme ich zudem zumeist Hotel und Essen bezahlt. Bei ganz besonderen auch ein zusätzliches Startgeld wie zum Beispiel im Sommer im russischen Krasnatourinsk.



Wieviel Olympiaden hast Du bisher gespielt, was ist das Besondere?

Bisher habe ich 1998 in Elista in der südrussischen Teilrepublik Kalmückien, 2000 in Istanbul, 2002 in Bled, 2004 auf Mallorca und 2006 in Turin gespielt. Am besten hat es mir in Slowenien gefallen, aber Turin war auch schön. Die Eröffnungsfeier in Dresden war die beste, die ich je gesehen habe.

Was machst du sonst während des Turniers?

Ich telefoniere viel (schmunzelt). Vorgestern bin ich mit Davit Lobzhanidze für seine Frau Rosen kaufen gegangen, selbst habe ich mir ein paar Stiefel gegönnt. Wenn es klappt, möchte ich in die Karaoke-Bar. Meine Lieblingssongs sind „Ein bisschen Frieden“ von Nicole und „These boots are made for walking“ von Nancy Sinatra (lacht).

Was fasziniert dich am Schach?

Die Kriegsführung. Es ist ähnlich wie bei meiner Ausbildung bei der Bundeswehr. Erst werden die Bauern geopfert, die stärkste Figuren werden geschützt. Der Gegner versucht diese abzuschießen. (zeigt Kriechübung, da sie selbst bei der Bundeswehr nur ein „Bauer“ ist).

Wie ist dein Verhältnis zur Presse?

Gut. Meistens sind die Leute nett. Jetzt ist es ein wenig stressig wegen der Olympiade. Vor ein paar Tagen wollte ein Reporter von der Deutschen Welle unbedingt Fernsehaufnahmen machen. Ich sollte mir am Montag oder Dienstag drei Stunden Zeit nehmen – direkt vor der Olympiade. Ich sagte ihm nach Rücksprache mit unserem Nationaltrainer, das funktioniere nicht. Und da wurde der Typ frech. Er meinte, ich sei unprofessionell. Er kannte noch nicht einmal den Namen unseres Trainers. Wer hier unprofessionell arbeitet, kann sich jeder selbst ausmalen. Ich werde auch manchmal während einer laufenden Partie angesprochen, das ist sehr störend. Sonst macht es Spaß, auch wenn Reportagen und Portraits für mich manchmal sehr anstrengend sind.

Was liegt dir sonst auf dem Herzen?

Ich bin Aktivensprecherin im Deutschen Schachbund. Mir fällt immer die Ungleichbehandlung von Männern und Frauen im Schach und insbesondere in unserem Schachbund auf. Ich weiß, dass Geldmangel herrscht. Aber immer werden die Männer bevorzugt, das ist ungerecht. Als es darum ging, einen zweiten Trainer zu verpflichten, haben die Männer mit Christopher Lutz natürlich einen starken Großmeister bekommen. Bei Frauen ist dafür keine Position vorgesehen, obwohl es vorher ausgemacht wurde.

Du bist selbst aktiv geworden.

Wir haben mit Marta und Keti zwei weitere Spielerinnen in den Top 100 der Welt. Als vom Schachbund nichts kam, habe ich mich selbst um einen zweiten Trainer bemüht, den Georgier Davit Shengelia gewonnen, der in Wien lebt und mit mir im Herren-Bundesligateam in Berlin spielt. Hier sollte Davit dann bei der Jugendnationalmannschaft wohnen, das wäre eine halbe Stunde von unserem Hotel entfernt gewesen. Das hätte die Vorbereitung erheblich erschwert. Ich bin deswegen mit meiner Mannschaftskollegin Sarah in ein Doppelzimmer gezogen, so dass Davit nun doch ein Zimmer in unserer Nähe hat.    

Interview: S. Siebrecht

 

 

 

 

 



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