"Es gibt kein besseres Training, als eine Partie zu Ende zu spielen!"

22.04.2010 – Bei der Deutschen Meisterschaft in Bad Liebenzell war Igor Khenkin Favorit und sah auch bald wie der sichere Sieger aus. Doch dann kam der 18-jährige Niclas Huschenbeth aus dem Windschatten, setzte sich in der Schlussrunden an die Spitze und wurde Deutscher Meister. Im Interview mit Dr. René Gralla sieht Huschenbeth seinen Kampfgeist als Ursache des Erfolgs. Während andere ihre Partien oft schon früh Remis geben, spielt der Hamburger Schüler seine Partien grundsätzlich aus: "Es gibt doch gar kein besseres Training, als eine Partie bis zum Ende zu spielen." Zum kommenden WM-Kampf wagte der neue Deutsche Meister auch eine Prognose: "Anand liegt einen Tick vorne." Zum Interview...

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"ANAND LIEGT UM EINEN TICK VORN!"

Er ist der Shooting Star im deutschen Schach. Obwohl eigentlich nur als Nr. 16 gesetzt, hat NICLAS HUSCHENBETH aus Hamburg die Meisterschaft der Republik in Bad Liebenzell (Schwarzwald) gewonnen. Wie er den Durchmarsch schaffte und wen er bei der jetzt gestarteten WM zwischen Titelverteidiger Anand (Indien) und Topalow (Bulgarien) in Sofia vorne sieht, wollte CHESSBASE-Autor DR. RENÉ GRALLA vom 18-jährigen Abiturienten wissen.

RENÉ GRALLA: Wie fühlt sich das an, neuer Deutscher Meister zu sein? Immer noch überrascht von Ihrem Riesenerfolg?

NICLAS HUSCHENBETH: Selbstverständlich! Eigentlich hatte ich bis zur letzten Runde nicht so richtig daran geglaubt.

RG: In Bad Liebenzell fingen Sie auf der Zielgeraden sogar den Topfavoriten ab, nämlich Großmeister Igor Khenkin!

NH: Er hatte wohl darauf spekuliert, dass ich im Schlussspurt mit Schwarz gegen IM Tobias Hirneise keinen vollen Punkt holen würde, und gab seine eigene Partie Remis, während meine Partie noch lief.  

RG: Überhaupt hängten Sie eine ganze Reihe von Konkurrenten ab, die dem Rating nach nominell stärker waren. Ihre Mitbewerber haben Sie unterschätzt?

NH: Das glaube ich nicht unbedingt! Die anderen haben einfach bloß nicht so hart gekämpft wie ich. Hätte der Zweitplazierte Khenkin irgendwo doch noch mal eine Partie gewonnen, anstatt wieder ein Unentschieden zu vereinbaren, wäre er jetzt Deutscher Meister.

RG: Remisschieberei hat sich nicht ausgezahlt.

NH: Das ist eben einfach eine Sache des Charakters: ob Sie den Mut haben, auf Sieg zu spielen, oder ob Sie Angst haben, eventuell zu verlieren.

RG: Sie haben diesen Mut. Woher nehmen Sie Ihre mentale Stärke?

NH: Mir ist es einfach niemals in den Sinn gekommen, aus taktischen Gründen ein Remis anzubieten oder ein Remisangebot anzunehmen, wenn auf dem Brett noch viel passieren kann und gar nichts entschieden ist. Außerdem gibt es kein besseres Training als eine Partie zu Ende zu spielen: Wer vielleicht schon nach zwölf Zügen in das Unentschieden einwilligt, hat doch gar nichts davon!

RG: Wie geht es weiter? Sie stehen kurz vor dem Abitur - und dann?

NH: Ich werde bei der Bundeswehr in der Sportförderkompanie meinen Wehrdienst ableisten.

RG: Können Sie sich vorstellen, Schachprofi zu werden?

NH: Eher nicht. Da verdienen nur die Topleute so viel Geld, dass sich das lohnt. Ich werde erst einmal sehen, wie weit ich in der nächsten Zeit komme, bevor ich entscheide, in welche Richtung ich gehe.

RG: Nun wird in Sofia die Weltmeisterschaft zwischen Titelverteidiger Viswanathan Anand aus Indien und dem Bulgaren Wesselin Topalow ausgetragen. Wie schätzen Sie die Chancen des Herausforderers ein?

NH: Topalow ist ein großer Kämpfer. Er spielt nicht immer solide, aber gerade das macht ihn unberechenbar. Manche Turniere gewinnt er ganz überragend, und zuletzt ist er in guter Form gewesen, so hat er zu Beginn des Jahres im spanischen Linares Platz eins belegt.    

RG: Außerdem hat Topalow in Sofia den Heimvorteil.

NH: Ich weiß gar nicht, ob das unbedingt ein Vorteil ist. Falls Topalow nämlich eine Partie verliert, werden ihn doch die heimischen Journalisten sofort fragen, wie das passieren konnte. Das setzt ihn dann erst recht unter Druck. 

RG: Böse Zungen unterstellen den Bulgaren, dass sie vielleicht schmutzige Tricks für ihren Mann versuchen.

NH: Bei der WM 2006 im kalmückischen Elista zwischen dem Russen Kramnik und Topalow gab es ja tatsächlich den so genannten "Toilettenskandal" ...

RG: ... damals war Kramnik während der Partien auffällig oft auf dem WC verschwunden. So dass ihn die Bulgaren verdächtigten, heimlich auf dem stillen Örtchen womöglich per Computer die jeweilige Lage zu analysieren ...

NH: ... ich hoffe, dass der Wettkampf in Sofia ohne vergleichbare Probleme über die Bühne geht. Ich glaube aber nicht, dass wir dort etwas Ähnliches wie in Elista erleben. Diesen Imageschaden kann sich niemand leisten.

RG: Nun zu Anand. Wo sehen Sie dessen Stärken?

NH: Für ihn spricht seine große Erfahrung, er hat schon viele solcher Matches bestritten, nicht zuletzt den Gewinn des Weltmeisterschaftsduells gegen Kramnik 2008 in Bonn. Anands Stärke scheinen Zweikämpfe zu sein. Er spielt solider als Topalow, und nach Niederlagen knickt er nicht gleich ein. Ich glaube, dass Anand die besseren Nerven als Topalow hat. Eine Prognose ist schwierig, aber ich denke, dass Anand um einen Tick vor Topalow liegt.

 



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