Anand: "Die unklare Lage im Schach ist ein Jammer"

18.10.2004 – In einem Interview, das in gekürzter Fassung am Samstag in Neues Deutschland erschien, hat sich Vishy Anand zu den aktuellen Themen im Schach geäußert. Der letztjährige Sportler des Jahres in Indien und diesjährige Gewinner des Schachoscars spielt erstmals seit langer Zeit wieder für Indien bei der Olympiade. Die Schachwelt brauche dringend die Wiedervereinigung, damit mehr Sponsoren angezogen werden, meint der FIDE-Weltmeister des Jahres 2000. Neben der unklaren Situation im Spitzenschach mit vielen unterschiedlichen Interessen, sieht er das allgemeine Schach aber im Aufschwung. Viele junge und spielstarke Mädchen in den Turnieren und Fotoauftritte wie die von Alexandra Kosteniuk und Maria Manakova bringen laut Anand etwas Glamour und nützen der Popularität des Schachs. In seinem Heimatland Indien, aber auch in anderen Ländern gebe es zudem viele Projekte, die die Entwicklung von Kindern und Jugendlichen mit Hilfe des Schachs fördern. Das ausführliche Interview führte Dr. René Gralla. Interview bei Neues Deutschland...Originalfassung...

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Nachdruck der Originalfassung mit freundlicher Genehmigung des Autors. Foto von Maria Manakova mit freundlicher Genehmigung von MK Deutschland. Foto von Alexandra Kosteniuk mit freundlicher Genehmigung von www.kosteniuk.com.

"Momentan haben wir nur zwei halbe Champions“



Seine Fans nennen ihn den Tiger von Madras. Viswanathan Anand, gegenwärtig der international erfolgreichste Turnierspieler und gleichzeitig die Nr. 2 der Weltrangliste hinter Garri Kasparow, ist Superstar der Schacholympiade, die seit dem 14. Oktober die Besten der Besten zu spannenden Wettläufen um Matt und Patt nach Calvià auf Mallorca gerufen hat. 138 Staaten sind noch bis zum 31. Oktober mit ihren Nationalmannschaften am Start, das ist ein neuer Rekord in der Geschichte der Denkspiele, die vor 80 Jahren in Paris 1924 Premiere gefeiert haben.

Neben diesem Mega-Event der klugen Köpfe könnte man glatt vergessen, dass parallel zum Aufgalopp des Völkerfestes auf der Balearen-Insel etwas weiter nördlich, im Schweizer Brissago und gesponsert vom Tabakhersteller Dannemann, eine so genannte WM im "klassischen" Schach entschieden worden ist, zwischen Titelverteidiger Wladimir Kramnik und seinem ungarischen Herausforderer Peter Leko. Was für Vishy Anand persönlich mehr zählt, Olympia oder die Dannemann-WM, das hat sich der Autor Dr. René Gralla vom 34-jährigen Spitzensportler aus Indien erklären lassen. Der Bundesligaprofi, der seit 1995 in Spanien wohnt und für den SC Baden-Oos auf Punktejagd geht, spricht in diesem Telefoninterview über die aktuelle Spaltung der Schachwelt, über seinen dritten Schach-Oscar und über ein besonderes Bildungsprojekt auf dem Subkontinent: Per Schulcomputer können die Kinder auch in entlegenen Dörfern Schach lernen.

Herr Anand, Sie haben bereits dreimal den Schach-Oscar gewonnen, einen Preis, den eine Jury aus Fachleuten vergibt für außergewöhnliche Leistungen im Sport. Was bedeutet diese Auszeichnung für Sie?

Für mich ist das eine wichtige Anerkennung. Besonders, wenn man berücksichtigt, dass wir momentan keinen allgemein akzeptierten Weltmeistertitel haben.

Bedauerlicherweise ist der Schach-Oscar außerhalb der Schachwelt kaum bekannt.

Man kann den Schach-Oscar natürlich nicht mit einem Hollywood-Oscar gleichsetzen. Andererseits: Es gibt auch viele andere Filmfestivals, die neben der Oscar-Verleihung Auszeichnungen vergeben. Okay, der Oscar ist der bekannteste Award, aber das bedeutet doch nicht, dass die anderen Preise im Vergleich dazu nichts wert sind.  

Müsste man die Verleihung des Schach-Oscars nicht etwas glamouröser gestalten – wie bei der Verleihung der Film-Oscars?

Ja. Es ist auf jeden Fall schön, eine richtige Zeremonie zu haben; ganz allgemein geht es dabei schließlich darum, dass mehr Menschen etwas über den Schach-Oscar mitkriegen. Allerdings denke ich, dass ein Vergleich mit Hollywood für uns als Schachspieler nicht notwendigerweise wichtig ist; Hollywood ist nun mal eine ganz andere Industrie.

Kommen wir zurück auf das aktuelle Problem im Schachsport, das Sie bereits eingangs angesprochen haben. Es gibt einen Weltmeister des Weltschachbundes FIDE, den Usbeken Rustam Kasimdschanow; er steht gewissermaßen in Ihrer Tradition, Herr Anand, schließlich sind ja auch Sie bereits einmal, nämlich im Jahr 2000, FIDE-Weltmeister geworden. Parallel dazu haben Kramnik und Leko ihre „Klassische“ WM in Brissago untereinander ausgetragen: Was halten Sie von dieser nach wie vor unklaren Lage in der Schachwelt?

Das ist ein Jammer. Aber okay: Das wissen wir seit nunmehr schon elf Jahren, deswegen ist es keine neue Entdeckung. Jeder versteht, dass das ein Problem ist, aber es gibt eben in der Praxis Schwierigkeiten, das Problem zu lösen. Wenigstens sollte man sich darauf verständigen, dass Schach ein großes Problem hat, so lange es nicht wieder einen einzigen Weltmeister gibt.

Allerdings ist es eben nicht so leicht, eine klare Lösung zu finden, weil beide Seiten ihre Interessen haben, und irgendwie findet der Wiedervereinigungskampf niemals statt. Aber ich vermute, eines Tages löst sich das Problem von alleine, weil eine Seite einfach zusammenbrechen wird - ohne dass überhaupt ein Wiedervereinigungsmatch ausgespielt worden ist. Die Vereinbarung von Prag 2002 sollte doch eigentlich bis heute schon längst umgesetzt sein, deswegen werden Sie merken: Diese Sache schleppt sich immer weiter.

Der Wettkampf Kramnik-Leko soll zu jenem von Ihnen erwähnten Wiedervereinigungsprozess der momentan gespaltenen Schachwelt gehört haben. Desgleichen das Match zwischen Garri Kasparow und FIDE-Champ Kasimdschanow, das nun tatsächlich für Januar 2005 in Dubai angesetzt worden ist. Das ist folglich die Umsetzung der besagten Beschlüsse, die 2002 in Prag getroffen worden sind – an denen freilich Sie, Herr Anand, aber eben gerade nicht beteiligt worden sind. Sie sind der gegenwärtig erfolgreichste Turnierspieler - und dessen ungeachtet außen vor. Was haben Sie persönlich empfunden, als Sie die Fernsehbilder aus Brissago gesehen haben? Fühlten Sie sich ausgeschlossen?

Wenn es einen wirklichen Weltmeister gäbe, würde ich mich ausgeschlossen gefühlt haben. Was wir aber jetzt haben, das sind zwei halbe Champions. Und da liegt es nun mal auf der Hand: Wenn man zwei Weltmeister hat, dann hat man gar keinen Weltmeister. Warum in aller Welt brauchen wir zwei Weltmeister?!

Man könnte natürlich argumentieren, dass Schach jetzt eben wie Boxen ist: Da gibt es auch mehrere Weltmeister. Und das schadet dem Boxen offensichtlich nicht, sondern hilft dem Sport eher – um noch mehr Sponsorengelder zu mobilisieren.

Ich denke, dass Boxen da eine Ausnahme ist. Nebenbei glaube ich nicht einmal, dass diese Lage im Boxen dem Sport wirklich gut tut; ich unterstelle, dass es auch für das Boxen besser wäre, wenn es da nur einen Weltmeister gäbe. Außerdem nehme ich nicht an, dass Schach und Boxen auf dasselbe Publikum abzielen, deswegen finde ich, dass wir überhaupt erst gar nicht in diese Richtung denken sollten. Wir sollten uns eher mit so etwas wie Billard vergleichen; das ist vermutlich die Richtung, in die Schach gehen sollte. Lassen wir uns aber auf die Kernfrage zurückkommen: Ich möchte das, was Kramnik und Leko ausgespielt haben, nicht herabsetzen, die zwei sind großartige Spieler. Aber am Ende des Tages, wenn das Match der beiden doch nicht zur Wiedervereinigung geführt hat, dann sind wir noch immer keinen Schritt weiter gekommen.

Während Kramnik und Leko ihr Treffen als „WM“ bezeichneten, sprach der Chefredakteur der offiziellen Zeitung des Österreichischen Verbandes, Hubert Ebner, mit Blick auf Brissago bloß von einem „Halbfinale“ im Prag-Prozess. Weil der Sieger aus Kramnik-Leko erst mal gegen den Sieger der Begegnung Kasparow-Kasimdschanow antreten soll.

Ich denke, da ist etwas dran, zu einem gewissen Grad. Es muss endlich gelingen, diese Vereinigungstitelrunde zu beenden. Es ist erstaunlich, dass wir uns mittlerweile glücklich schätzen können, wenn wir das bis 2006 schaffen. Obwohl eigentlich davon ausgegangen worden war, bis 2004 fertig zu werden - so dass die ganze Sache allmählich ziemlich lächerlich wird. Und in der Zwischenzeit sagen immer mehr Sponsoren: „Schach?! Nein, vergesst es, lasst uns etwas anderes machen.“ Und das ist wirklich nicht sehr hilfreich.

Möglicherweise gibt es eine andere Wendung. Garri Kasparow führt die internationale Ratingliste an. Neuerdings ist zu hören, dass ein Match zwischen Ihnen, Herr Anand, und Kasparow geplant sein soll. Ist da was dran?

Nein. Es gibt sicher immer viele Diskussionen, Angebote werden signalisiert – aber Konkretes liegt nicht auf dem Tisch.

Die Schachwelt würde sehr gerne eine Begegnung zwischen der Nr. 1 der ELO-Liste, Garri Kasparow, und dem erfolgreichsten Turnierspieler Anand sehen.

Nun ja, ich meine, dass ist sowieso die Richtung, in die das Schach geht. Wenn wir nicht bald wieder einen gemeinsamen WM-Titel für alle Spieler haben, dann wird man vermutlich Ad-hoc-Matches organisieren müssen. Aber okay: Schach hat eine interessante Geschichte, und es gibt nicht nur schlechte Nachrichten. Die schlechte Nachricht ist das Durcheinander um den WM-Titel. Auf anderen Gebieten sieht alles viel besser aus: Wir haben eine beträchtliche Zahl junger Spieler, und viele Mädchen sorgen für viele Meldungen in den Nachrichten. Und diese Mädchen bringen ein wenig Glamour in das Spiel. Außerdem entwickelt sich Schach gut im Internet; das ist ein Medium, das wir nutzen können, um Schach zu promoten. Daher sage ich, dass auch erfreuliche Dinge im Schach geschehen. Okay, der Eindruck ist zwiespältig: Auf der einen Seite verschwinden die traditionellen Turniere, aber auf der anderen Seite haben wir aber auch sehr viele neue Schnellturniere und ähnliche Geschichten.

Aus Sicht der Medien sind Schnellturniere eine wirklich gute Idee. Die Menschen heute können sich als Zuschauer nicht mehr so viel Zeit nehmen: Sie brauchen Action, darum geht es. Es gibt Spieler, die diesen Trend kritisieren; aber im Schnellschach liegt doch eine gute Chance, Schach für das allgemeine Publikum spannend zu machen.

Ja, auf jeden Fall. Als Sport muss man auch für breite Kreise attraktiv sein. Man muss viele Zuschauer anziehen, und beim klassischen Schach ist dieses Potenzial immer sehr beschränkt, auf jeden Fall für die Sieben-Stunden-Partien - es sei denn, die Begegnungen sind sehr spannend. Ich kann Ihnen für viele Turniere das passende Beispiel nennen: Ein Tag ist sehr spannend, sechs Tage sind langweilig, dann ist wieder ein Tag spannend – obwohl die Spiele immer weiter gehen. Das ist schon problematisch – während im Schnellschach die Wahrscheinlichkeit für aufregende Kämpfe größer ist.

Dagegen argumentieren manche Turnierprofis, das Niveau der Partien im Schnellschach sei nicht hoch genug. Ist das notwendigerweise so? Es kann ja auch im Schnellschach wirklich nette Spielabläufe geben!

Genau. Was macht denn das Besondere am Klassischen Schach aus? Sie haben da mehr Zeit zum Nachdenken, keine Frage, aber ich finde nicht, dass sich die Qualität vom Schnellschach so stark abhebt. Wenn Sie die ersten Schnellpartien, die wir in modernen Turnieren gespielt haben, vergleichen mit den Matches, die wir heute austragen – jetzt, nachdem wir uns an das Format gewöhnt haben -, dann sehen Sie: Die Qualität hat sich erheblich verbessert. Ja, im Schnellschach bluffen die Leute häufiger, Sie nehmen mehr Risiken auf sich, aber mein Gott, das ist es, was wir im Sport brauchen! Und davon brauchen wir noch mehr!

In Asien gibt es noch eine zweite Schachvariante, die chinesische Version, das Xiangqi. Chinaschach wird von vorneherein schneller gespielt, bei Turnieren gibt es oft nur eine Stunde Bedenkzeit pro Partie, das führt dazu, dass Angriffe ohne Zaudern rasant vorgetragen werden. Da ist das Schach ein richtiger Kampf, und deswegen gehört in China das Schach dann auch zur Volkskultur. Und selbst wenn dabei ein paar Fehler mehr vorkommen: So what, das ist das Leben!

Ja, exakt. In welchem Sport werden keine Fehler gemacht?! Ich bin nicht der Ansicht, dass man das klassische Schach völlig abschaffen sollte; wer aber behauptet, Schnellschach habe eine geringe Qualität, der geht an der Sache vorbei.

Sprechen diese Überlegungen dann nicht auch für die Politik des FIDE-Präsidenten Kirsan Iljumschinow, bei der WM des Weltschachbundes nur 90 Minuten für eine ganze Partie anzusetzen?

Die Zeitregelung der FIDE ist deswegen ein Problem, weil sie weder das eine noch das andere ist: Sie ist einerseits nicht schnell - aber andererseits bleibt Ihnen nicht mehr genug Zeit zum nachdenken. Deswegen ist es vermutlich besser, wenn man weiterhin die zwei Formate hat: das Schnellschach und das klassische Schach, das Letztere mit der bekannten Bedenkzeit von zwei Stunden für 40 Züge.

Oder sollte man die Bedenkzeit noch radikaler abkürzen?

Ja, man könnte auch radikaler sein: vielleicht eine Stunde für die ganze Partie.

Was dem üblichen Limit des Chinaschachs entspräche …

… aha. Ja.

Herr Anand, Sie sind nun der Publikumsmagnet bei Schacholympia 2004 auf Mallorca. Bisher hatten Sie es stets abgelehnt, bei Schach-Olympiaden zu starten. Was hat Sie bewogen, Ihre Meinung zu ändern?

Mein Haupteinwand hat sich gegen das System gerichtet, wie die Paarungen ermittelt und die Resultate bewertet werden. Es spielt nicht jeder gegen jeden, sondern nach einer Art von „Schweizer System“ treffen nur Sieger auf Sieger undsoweiter; die Ergebnisse am Ende sind ziemlich willkürlich, und das mag ich grundsätzlich nicht so sehr. Aber inzwischen habe ich meine Meinung geändert: Meine Vorbehalte sind geblieben, das Format hat sich nicht geändert, nichts hat sich geändert. Aber nun spiele ich einmal mit, und ich werde sehen, wie das ist.

Sie sind schon zum zweiten Mal „Sportler des Jahres“ in Ihrer Heimat Indien. Das ist erstaunlich; in anderen Ländern werden auf diese Weise normalerweise nur Fußballer oder Vertreter anderer Massensportarten gefeiert. Sind die Menschen in Indien schlauer als anderswo - weil sie ein derart großes Interesse für Schach zeigen?

Ich kann so etwas nicht behaupten, diese Aussage wäre zu generell. Auf jeden Fall bin ich aber sehr glücklich, dass die Öffentlichkeit in Indien Schach akzeptiert und unterstützt. In Indien ist Schach ein Sport, der ständig an Bedeutung gewinnt, und wir bekommen viel Aufmerksamkeit in den Medien.

Die Wurzeln des Schachs liegen in Indien: Rührt die besondere Wertschätzung für das Spiel daher?

Das ist möglich.

Sie unterstützen ein Projekt, das Schach in die Schulen bringen soll, gerade auch zu Gunsten von Kindern aus den weniger privilegierten Schichten. Können Sie das etwas genauer erklären?

Die Kernaktivität meines sportlichen Sponsors, des „National Institute of Information Technology“ (NIIT), ist die IT-Ausbildung an öffentlichen Schulen. Computer-Training gehört mittlerweile zum Curriculum, das NIIT organisiert den Unterricht, und in tausenden von Schulen steht wenigstens ein Rechner, oft mit Anschluss an das Internet ...

... und so werden dann die berühmten „Computer-Inder“ fit gemacht, von denen unsere Medien berichten ...

... auf jeden Fall trägt das dazu bei, ja. In Indien gelten Computer als Mittel, um die große Mehrheit der Bevölkerung beschleunigt an die moderne Welt heranzuführen. Unser Projekt heißt „Mind Champions Academy“, und wir nutzen die Infrastruktur des NIIT, um Schach zu unterrichten. Schließlich hat das NIIT viele Computer in Schulen aufgestellt, und zahlreiche dieser Schulen befinden sich in sehr abgelegenen Dörfern, die wir mit dem Auto oder auf andere Weise niemals erreichen könnten. Und warum eigentlich wollen wir Schach unterrichten? Viele Studien zeigen, dass Kinder, die Schach lernen, an der Universität ihre Leistungen steigern. Erstes Zwischenergebnis: 70.000 Kinder in den Altersgruppen sieben bis 15 Jahre sind jetzt bereits so weit, dass sie bei Turnieren starten können. Unser Ziel ist es, am Ende bis zu eine Million Jugendliche zu erreichen. Und eine Menge neuer Talente zu entdecken.

Ist Schach eine Möglichkeit für Kinder aus armen Familien, Profisportler zu werden und sozial aufzusteigen?

Definitiv. Und das ist eines der Dinge, die mich am Projekt am meisten begeistern: wirklich nachhaltige Erfolge zu erzielen, weil die Teilnehmerzahlen unserer „Mind Champions Academy“ so groß sind. Schach kann wirklich eine Karriere sein.

Wie alt waren Sie, Herr Anand, als Sie Schach gelernt haben?

Sechs Jahre.

Wenn Schach tatsächlich eine Karrierechance ist: Sind Sie selber Millionär, Herr Anand?

Über solche Dinge pflege ich nicht zu reden.

Indien ist eine Kinonation, die Bollywood-Produktionen sind weltweit ein Begriff. Können Sie sich vorstellen, auch mal einen Film zu drehen – so wie es Ihnen die amtierende Europameisterin Alexandra Kosteniuk vorgemacht hat?


Alexandra Kosteniuk

Für neue Ideen bin ich immer offen, im Moment liegt mein Fokus jedoch auf Schach. Aber, wenn wir gerade bei Alexandra Kosteniuk sind: Was die Mädchen heute tun, ist sehr interessant. Gerade auch das, was Maria Manakowa gemacht hat (- von der russischen Großmeisterin sind in einem Magazin freizügige Fotos veröffentlicht worden, Anm. der Red.-): Ich kann nicht sehen, was falsch daran sein soll. Diese jungen Frauen beweisen, dass es im Schach nicht allein um alte Männer geht, die dasitzen und rechnen. Schach ist ein junger Sport, Schach ist ein glamouröser Sport: Wir müssen auch diese Aspekte herausstreichen. Gerade Alexandra Kosteniuk ist ein ausgezeichnetes Vorbild für andere Mädchen; die können etwas von ihr lernen.


Maria Manakova
 

Schach braucht Glamour, keine Frage …

… moderner Sport ist ohne Glamour nicht konkurrenzfähig.

Und wenn Maria Manakowa sogar Sex ins Schach bringt: warum denn nicht!?

Ja, warum nicht! In jedem anderen Sport funktioniert das, warum also nicht auch im Schach!

Junge Frauen wie Alexandra Kosteniuk und Maria Manakowa tun gleichzeitig auch etwas dafür, die Mit-Schachspieler zu erziehen. Sie zeigen, wie wichtig es ist, dass man sich als Schachspieler um sein äußeres Erscheinungsbild kümmert. Auf dem Top-Level wissen das die Sportler; aber besucht man ein ganz normales Turnier, dann ist es oft ein Schock, wie die Spieler dort herumlaufen.

Zwei Dinge sind wichtig in unserem Sport. Erstens geht es natürlich um eine erstklassige Performance; aber zweitens müssen Sie auch ein gutes Image projizieren.

Die Schachspieler – und ich meine die Männer - sollten sich deswegen bei Turnieren auch gut anziehen. In der japanischen Schachvariante Shogi ist es unmöglich, dass Profis so nachlässig daherkommen wie in unserem Schach manche Sportler, mit zerbeulten Hosen oder Pullovern. Shogi-Profis tragen immer Anzüge, und wahrscheinlich nicht zuletzt auch deswegen genießt Shogi größtes Ansehen in Japan. Vielleicht brauchen wir einen Dress-Code für unsere Schachturniere?

Ja, wahrscheinlich. Obgleich ich meine, dass es am wichtigsten ist, gut auszusehen; jeder muss nicht unbedingt das Gleiche anziehen. Eine gewisse Vielfalt ist gut – aber es gibt natürlich einen Unterschied zwischen Individualität und der Tatsache, wie ein Tramp auszusehen.

Insofern besteht kein Zweifel daran, dass Sie, Herr Anand, äußerst smart sind. Sie haben viele weibliche Bewunderer. Was sagt Ihre Frau Aruna dazu? Wird sie manchmal eifersüchtig?

(Lacht) Meistens begleitet sie mich zu Turnieren. Deswegen ist alles okay.


Interview: Dr. René Gralla

 

 

 


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