Anand geht in Führung

06.08.2004 – Gestern starteten die Chess Classic Mainz, die von Organisator Hans-Walter Schmitt immer mehr großen Spektakel rund ums Schach entwickelt wurden. Zur Eröffnung hatte er als Ehrengäste diesmal Super-Model Carmen Kass, jetzt auch Präsidentin des estnischen Schachverbandes, Weltmeisterin Antoaneta Stefanova und den Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel zu Gast. Im "Duell der Weltmeister" führt Anand nach zwei Partien mit 1,5:0,5. Shirov verpasste in der ersten Partie einen Gewinn. Weitere Turniere sind der Gerling-Wettkampf um die Chess960-Weltmeisterschaft zwischen Svidler und Aronian, das Ordix-Open, das FINet-Chess906-Open. Zudem werden eine Menge Schaukämpfe und Simultanvorstellungen geboten. Johannes Fischer und Hartmut Metz berichten vom Auftakt. Turnierseite... Partien zum Nachspielen...Mehr...

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Schachspektakel in Mainz
Von Johannes Fischer, Fotos: Hartmut Metz

"Mir ist jedes Mittel recht, um Schach für Publikum und Sponsoren attraktiver zu gestalten" erklärte Hans-Walter Schmitt, der Organisator der Chess Classics, in Mainz am Mittwoch zum Auftakt der Veranstaltung. Schmitt setzt auf Show, Spektakel und hohe Preisgelder. Die Show lockt Zuschauer, Presse und Fernsehen nach Mainz, während die Profis vom Preisgeld träumen. So spielen 31 der Top-Hundert der Welt im Chess 960 oder Fischer-Random Open, das heute zu Ende geht. Mit dabei sind u.a. Spieler wie Etienne Bacrot, Alexander Morosewitsch, Alexander Grischuk und Ex-Fideweltmeister Ruslan Ponomarjow. So viel Großmeisterschach wirkt auf Amateure wie ein Magnet und für das Ordix Open, das am Samstag beginnt, haben sich fast 500 Spieler angemeldet.


Bacrot

Auch die Showkämpfe versprechen Spannung. Vishy Anand, von Schmitt bei der Pressekonferenz kühn als " bester Spieler der Welt" vorgestellt, tritt gegen Angriffskünstler Alexei Schirow an. Nach zwei von insgesamt acht Partien führt Anand 1,5:0,5.

Peter Swidler, nach seinem Vorjahressieg gegen Peter Leko zum Weltmeister im Chess 960 ernannt, verteidigt diesen Titel gegen den Vorjahressieger des Chess 960-Opens Levon Aronjan, einem begnadeten Blitzspieler und Dritter bei der diesjährigen Europameisterschaft. Dort steht es nach zwei Partien 1:1, die erste Partie gewann Swidler, die zweite ging an Aronjan.



Nirgendwo wird Chess 960 oder Fischer-Random so gefördert wie in Mainz und die Verhaftung des Namensgebers dieser Variante des Schachs brachte den Chess Classics zusätzliche Publicity, für die Schmitt sich bei der Pressekonferenz bei Fischer "bedankte". Zugleich wandte er sich mit einem Aufruf, das inhaftierte Schachgenie politisch zu unterstützen, an Innenminister Otto Schily. Und unter dem Motto "Free Bobby Fischer" startete Schmitt eine Unterschriftenaktion, mit der Schachspieler dem Ex-Weltmeister beistehen können.

Außerdem zeigen sich die Chess Classics dieses Jahr unerwartet modebewusst. Zu Gast ist Carmen Kass, Supermodel und seit kurzem Vorsitzende des estnischen Schachverbands.

Während sie früher Modezeitschriften mit Werbung für Dior und Versace schmückte, unterstützt sie jetzt die Bewerbung von Tallinn als Austragungsort der Schacholympiade 2008. Das bedeutet Konkurrenz für den einzigen Mitbewerber Dresden. Eine Rivalität, die sie sportlich sieht: „Dresden hat eine sehr gute Bewerbung. Wir sind keine Feinde. Wenn sie gewinnen, freue ich mich für sie. Sollten wir uns durchsetzen, freue ich mich für Estland.“

Zum Auftakt der Chess Classics musste sich Carmen Kass allerdings am Brett beweisen und in einem Blitzmatch gegen Anand und die Frauenweltmeisterin Antoaneta Stefanova antreten.

Ihr Partner dabei war Jens Beutel, seines Zeichens Mainzer Oberbürgermeister, Förderer der Chess Classics, Schachfan und starker Amateur.



Reizvoll sind solche Geschlechterkämpfe immer, aber trotz einer Zeitvorgabe von drei Minuten wurde schnell deutlich, dass Kass und Beutel keine Chance hatten. Stefanova und Anand spielten konzentriert, sicher, schnell, aber ruhig, und trotz der geringen Bedenkzeit von nur zwei Minuten und einer Sekunde Zuschlag pro Zug, hatten sie das Geschehen jederzeit unter Kontrolle.

Stefanova gewann all ihre Partien und Anand gab nur ein Remis ab, weil der Gentleman in ihm durchbrach. In seiner ersten Partie gegen Carmen Kass bot er Remis an, obwohl die Estin die Zeit bereits überschritten hatte und Anand in zwei Zügen hätte Matt setzen können. Freundlich lächelnd sagte sie "Thank you" und nahm das Geschenk an.



Gegen Jens Beutel kannte Anand jedoch kein Pardon. Der Mainzer Bürgermeister kam direkt aus einer Sitzung und musste erst einmal auf Schach umschalten. Dennoch leistete er verbissen Widerstand. Aber nachdem er einmal einen Springerzug von Anand übersehen hatte, gab er sofort auf und seufzte er wie viele Schachspieler in ähnlichen Situationen "Ach – Sd6 habe ich nicht gesehen" und fügte noch hinzu: "Ich bin kein Blitzer". Auch Carmen Kass trug ihre Niederlagen mit Fassung. Gut gelaunt plauderte sie nach Ende der Partien mit Stefanova und Anand und tauschte Nettigkeiten aus.

Richtig dramatisch wurde es bei diesen Blitzpartien nur einmal. Da eilte der Schiedsrichter zu schnell zum Spieltisch und fiel mit lautem Knall von der Bühne. Schnell und unversehrt war er jedoch wieder auf den Beinen und die Show konnte weitergehen. Und das tut sie bis Sonntag. Morgen beginnt das Ordix Open. Es sind noch Plätze frei.

 


Arthur Jussupov

Gentleman Anand macht Schönheit schönes Geschenk
Frosch quakte am Brett von Carmen Kass
Von Hartmut Metz

„Ich konnte nichts mehr denken. Mein Herz raste - ich vergaß alle Vorbereitung“, berichtete Super-Model Carmen Kass von ihrer Blitzpartie gegen Viswanathan Anand. Der Zeitvorteil der Präsidentin des Estnischen Schachverbandes von fünf gegenüber zwei Minuten (plus zwei bzw. eine Sekunde pro ausgeführten Zug) schwand zusehends. Als Carmen Kass einen Bauern fraß und feststellte, dass das schlecht war, schaute die Grazie den Inder fragend an. Der schmunzelte - wie die ganze Partie über - und sagte ihr, sie dürfe den Zug gerne zurücknehmen. Der erfolgreichste Schachspieler auf dem Globus zeigte sich bis zum Schluss ganz als Gentleman: Als er in zwei Zügen matt setzen konnte und Carmen Kass die Zeit überschritt, bot er ein Remis an! Das war aber auch das einzige Geschenk, das der „Tiger von Madras“ an diesem Tag gab. Die restlichen Blitzpartien gegen den Mainzer Oberbürgermeister Jens Beutel, den Sponsor von Vizemeister SC Baden-Oos, Wolfgang Grenke, Frankfurt-West-Altmeister Ferdinand Niebling, Internet-Gewinner Stefan Hütte (er ersteigerte das Recht für 500 Euro) und Vincent Bremer (ebenfalls Internet-Ersteigerer) gewann Anand. Jens Beutel wollte noch unbedingt eine Zusatzpartie spielen und verlor auch diese.

Kein Erbarmen zeigte Weltmeisterin Antoaneta Stefanowa. Die Bulgarin bezwang alle sechs genannten Gegner. Kass hatte so viel Spaß, dass sie zweimal gegen Stefanowa antrat und in der ersten Partie rund 40 Züge durchhielt. "Sie ist so nett und süß", erklärte die 25-jährige Estin bezüglich ihrer gleichaltrige Kontrahentin. Offenbar verstanden sich die beiden Schönheiten blendend, denn nicht nur vor und nach den Partien unterhielten sie sich den Tag über lange und lachten gemeinsam. "Ich habe Anand zugeflüstert, er solle aufgeben, wenn er mir einen Gefallen tun will", alberte das völlig ohne Allüren auftretende Super-Model nach den drei Blitzpartien und ergänzte, "wenn er nicht remisiert hätte, hätte ich ihn natürlich geschlagen!"

Im Ernst ergänzte sie dann: "Das war eine einmalige Erfahrung für mich. Er war so nett, mir einen halben Punkt zu schenken." Aruna, die Ehefrau von Anand, zeigte sich nicht eifersüchtig, dass ihr Göttergatte mit einem Super-Model ans Brett ging. "Ab und zu spielen wir auch ein bisschen Schach", erklärte sie verschmitzt. Richtig gehend einen "Kick" aus dem Schachspiel zieht die estnische Schach-Präsidentin. "Ich habe erst vor ein paar Tagen auf dem ICC gespielt", berichtete Carmen Kass, dass sie unter zwei Namen im Internet spielt. Gelernt hat sie das Denkspiel von ihrem Vater, der Schachlehrer war. "Mit meinem Bruder und meiner Schwester haben wir heiße Turniere ausgefochten", erinnert sich die in Los Angeles lebende 25-Jährige.

Bleibt noch zu klären, warum plötzlich ein Frosch am Brett von Kass und des "Tigers von Madras" quakte! Es handelte sich schlicht um die falsche Taktik! Pressechef Hartmut Metz hatte vorgeschlagen, das Handy des ebenfalls in Mainz weilenden Ex-Weltmeisters Ruslan Ponomariow zu organisieren. Er war nämlich der erste Großmeister, der durch ein Handy-Klingeln eine Partie verlor gegen Jewgeni Agreest. "Das stecken wir in Vishys Tasche und ich rufe dann an. Dann haben Sie gewonnen", schlug Metz Carmen Kass vor. "Prima Idee", scherzte diese mit. Ganz vergessen hatte sie aber, ihr Handy auszuschalten. Plötzlich fing es nämlich in ihrer Handtasche an zu quaken, als sie gegen Anand antrat. Ihr Handy wurde von Schiedsrichter Sven Noppes rasch entsorgte, während der "Tiger von Madras" breit grinste.



Mensch vs. Machine Match: 1-1
Aronian vs. The Baron

Levon Aronian und das niederländische Schachprogramm The Baron von Richard Pijl (Bild) trennten sich mit zwei Remis bei der Weltpremiere im Chess960 Match Mensch gegen Maschine. Vielleicht war Großmeister Aronian der erste Großmeister, der falsch rochierte, zumindest vergaß er in der ersten Partie die genaue Chess960 Regel für den Königs-Turmtausch am Damenflügel. Das 1-1 ist ein gutes Ergebnis eines Amateurprogramms gegen den ELO - Riesen und WM-Herausforderer Levon Aronian. Richard Pijl verlies die Bühne stolz: sein Programm war ein ebenbürtiger Gegner.

„In einer Minute falle ich tot um“, erklärte Peter Swidler nach seinem Chess960-Simultan an 20 Brettern. 17:3 Punkte, vier Remis sowie einen ganzen Punkt gegen Björn Weick vom SC Frankfurt-West gab der Russe, ab. Das sei ein „gutes Resultat, nein, ein sehr gutes“, korrigierte sich Swidler. Das Simultan sei unglaublich schwer gewesen, weil viele seiner Gegner „meine Züge nachmachten. Das war nicht fair“, ulkte der Chess960-Weltmeister, um dann ein positives Fazit zu ziehen, „das Simultan war eine gute Vorbereitung auf mein Duell gegen Levon Aronjan.“


Das Duell der Weltmeister
Viswanathan Anand vs Alexei Schirow


        1 2 3 4 5 6 7 8 Summe
Anand   ½ 1
Schirow ½ 0



Runde 1
Alexej Schirow schüttelte unzufrieden den Kopf. Das Remis mit Weiß war nicht nach seinem Geschmack. Doch mit nur noch 40 Sekunden auf der Uhr fügte sich der Wahl-Spanier gegen Viswanathan Anand ins Remis. Nach dem Turmschach auf a3 musste Schirow den Turm tauschen, da ansonsten er und nicht der Inder matt gegangen wäre, wenn Weiß Kh2?? zieht. Ein spannender Auftakt!

Runde 2
Viswanathan Anand ging im zweiten Duell mit 1,5:0,5 in Führung. Lg4 geißelten beide Spieler als Fehler. Nach einem Qualitätsopfer verwertete der Inder die zwei Bauern, die er dafür erhielt. Alexej Schirow beklagte die vergebene Chance zum Auftakt. Stand zunächst der Inder mit Schwarz besser, kam Schirow durch die riskanten Bauernzüge g4 und h4, "die vielleicht verlieren", auf. Als Anand dann das Turmschach auf a3 gab, wollte Schirow nicht f3! anstatt Tg3 riskieren. "Das hätte aber gewonnen", befand der Spanier in der Pressekonferenz.

Gerling Match
Chess960 Weltmeisterschaft - Swidler vs Aronjan

        1 2 3 4 5 6 7 8 Summe
Swidler 1 0 1
Aronjan 0 1 1



Runde 1
Peter Swidler kam gegen Levon Aronjan früh zu großem zeitlichen Vorteil. Teilweise hatte der Russe neun Minuten auf der Uhr, während dem WM-Herausforderer nur noch ein paar Sekunden blieben. Das war zu wenig, um ein schwieriges Endspiel mit Minusbauer zu retten.



Runde 2
Die Rollen waren im zweiten Vergleich genau umgekehrt verteilt. Diesmal bestimmte Aronjan die Partie. "Ich wurde überspielt", gestand Swidler. Er beklagte sich über eine falsche Schiedsrichter-Auskunft des Vorjahres. Die habe dazu geführt, dass er die Rochade so wie damals ausführen wollte. Sie war aber nicht erlaubt, weil der König dann über ein bedrohtes Feld rochiert hätte - aber nur der Turm darf das. Daher 1:1 nach zwei Partien.

8 Partien Schnellschach:
25 Min./Partie + 10 Sek./Zug

Donnerstag, 5.8. Runde 1+2
Freitag, 6.8. Runde 3+4
Samstag, 7.8. Runde 5+6
Sonnstag, 8.8. Runde 7+8
Rundenbeginn: 18.30h und 20.00h


Beim Chess960 weisen nach dem ersten Tag drei Spieler die Idealpunktzahl auf: Artur Jusspow (SG Solingen), der Franzose Etienne Bacrot und der Russe Michail Kobalija. Mit Luke McShane (England), Wadim Swagintsew (Russland) und Zoltan Almasi (Ungarn) folgen mit 4,5 Zählern. Nicht ganz zufrieden zeigten sich nach fünf Runden Ruslan Ponomarjow (4) und der enttäuschte Alexander Morosewitsch (3,5). Der Ex-Weltmeister und der Weltranglistenvierte hatten dann auch nur noch das wichtigste Match des Abends im Kopf: ihren Zweikampf! Im Blitz wollten die beiden zehn Chess960-Duelle austragen. Der Einsatz ist dabei nicht gering mit 50 Euro pro Duell!


 



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