Arkadij Naiditsch im Gespräch

28.07.2006 – Am Samstag, den 29. Juli, beginnt in Dortmund das Sparkassen Chess Meeting. Letztes Jahr ließ Arkadij Naiditsch in Dortmund die Weltelite hinter sich und gewann sensationell vor Spielern wie Topalov, Kramnik und Svidler. Auch dieses Jahr ist Naiditsch wieder dabei. Im Interview mit Hartmut Metz verrät die deutsche Nr. 1, wie er seine Aussichten in diesem Turnier beurteilt, spricht über die Schacholympiade in Turin, sein Verhältnis zum Deutschen Schachbund, Angst- und Lieblingsgegner und verrät, warum Daniel Gormally bei der Olympiade den falschen niedergeschlagen hat.Turnierseite Dortmunder Sparkassen Chess Meeting...Zum Interview...

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Naiditsch will "eine Schippe drauflegen"

von Hartmut Metz

Deutsche Nummer eins spielt in Mainz um U20-WM im Chess960

Arkadij Naiditsch und der Deutsche Schachbund (DSB): Eine große Liebesgeschichte wird es wohl nie werden. Immerhin rauften sich die Beteiligten endlich zusammen, und der gebürtige Rigaer vertrat nach zehn Jahren in seiner neuen Heimat die deutsche Nationalmannschaft bei der Schach-Olympiade. Die Nummer 46 der Welt bewies in Turin am Spitzenbrett, dass er mit den ganz Großen der Zunft mithalten kann. Dies möchte der 20-Jährige auch wieder bei den Dortmunder Schachtagen (29. Juli-6. August) zeigen, bei denen er vor der eigenen Haustür die Elite 2005 sensationell hinter sich ließ. Anschließend tritt die deutsche Nummer eins bei den Chess Classic Mainz (15.-20. August) an. Mit Arkadij Naiditsch, der bereits mit 15 Großmeister wurde, unterhielt sich Hartmut Metz.

Frage: Herr Naiditsch, wie war es bei der Olympiade in Turin, erstmals für Deutschland zu spielen?

Naiditsch: Wir haben sicher nicht allzu gut abgeschnitten. Wir waren an Position 14 gesetzt und belegten Platz 15. Meiner Meinung nach hätten wir weiter vorne landen können. Mein eigenes Ergebnis möchte ich als gut einschätzen. Ich lag vor meiner zweiten Niederlage bei einer Performance von 2780 Elo. Letztlich lag sie knapp über 2700.

Ihr Abschneiden am Spitzenbrett war exzellent mit 6/10. Remis gegen die Ex-Weltmeister Anand und Kasimdschanow, nur Niederlagen gegen Weltmeister Kramnik und den 15-jährigen Schach-Mozart Carlsen, der Sie einmal mehr noch übertölpelte.

Gegen Carlsen läuft es gar nicht für mich. Schon in Wijk aan Zee hatte ich mit einer Qualität mehr gegen ihn verloren. In Sarajevo erging es mir kaum besser: In der ersten der zwei Partien stand ich völlig auf Gewinn und verpatzte es ins Remis.


Glück gegen Naiditsch: Der Norweger Magnus Carlsen

Liegt es am außergewöhnlichen taktischen Geschick des jungen Burschen?

Jeder hat eben Gegner, die einem besser oder schlechter liegen. Gegen Carlsen tue ich mir schwer, dafür ist Sergej Karjakin mein Lieblingsgegner. Gegen ihn habe ich 5,5/6 - normalerweise kann man die nicht holen. Er spielt gegen mich eben sehr schlecht, oder vielleicht nicht schlecht, sondern unglücklich.


Kein Glück gegen Naiditsch: Sergej Karjakin

Dann gleicht es sich für Sie wenigstens gegen die beiden Jungstars aus. Doch zurück zum Abschneiden des Teams: Ihr Fazit mit dem geteilten elften Platz klingt sehr enttäuscht.

Ich hoffte auf einen Platz unter den ersten Zehn, dass wir weiter nach vorne kommen.

Weshalb wurde Ihr Ziel verpasst?

Unserer Mannschaft fehlen Profis. Die meisten meiner Mannschaftskameraden schnitten eher durchschnittlich ab. So wird es natürlich unmöglich, ganz nach vorne zu stoßen. Man muss jedoch Verständnis für die Zwänge aller haben, die ihr Salär verdienen müssen.

Obwohl Sie seit zehn Jahren in Dortmund leben: Warum hat es so lange gedauert, bis Sie endlich für die deutschen Farben antraten? Es gab einigen Knatsch.

Zunächst einmal benötigt man einen deutschen Pass, um für Deutschland spielen zu dürfen. Den bekam ich leider spät, nach acht Jahren - das war ein bisschen unglücklich. Der DSB hätte eigentlich mehr bemüht sein müssen, meine Einbürgerung zu beschleunigen - hat aber leider nicht viel dazu beigetragen.

Das geht in anderen Sportarten flotter.

In der Tat, das ginge flotter.

Der Zwist ist ausgeräumt und Sie sehen sich bereit für weitere Großtaten im deutschen Team?

Ich freue mich bereits auf die Olympiade 2008 in Dresden! Ich hoffe darauf, dass ein paar junge Spieler nachrücken, um eine Mannschaft zu haben, die etwas erreichen kann. Nur ein Team zu stellen, das mit dem olympischen Gedanken "Dabei sein ist alles" antritt, ist mir zu wenig.

Mit Levon Aronjan wären die Aussichten darauf rosiger. Der Berliner war auch kurzzeitig für den Deutschen Schachbund gemeldet. Nicht auszudenken, wenn der Weltranglistendritte auch wie Sie für das Team von Bundestrainer Uwe Bönsch antreten würde - so gewann Aronjan mit seinem Heimatland Armenien Gold bei der Olympiade.

Mit ihm würde unsere Mannschaft natürlich ganz anders abschneiden, das hat Levon in Turin gezeigt. Er ist ein guter Kerl und wollte für Deutschland spielen. Meiner Meinung nach ist auch da viel falsch gelaufen.


"Ein guter Kerl". Levon Aronian, der in Berlin lebt und für Armenien spielt.

Immerhin steckte Aronjan für Sie die Prügel ein bei der Olympiade: Hätte Daniel Gormally bei der Schach-Olympiade nicht Sie attackieren müssen? Aronjans Tanz mit der attraktiven Australierin Arianne Caoili ließ den liebes- und alkoholtrunkenen britischen Großmeister ausrasten. Wie man sich erzählt, begleiteten Sie jedoch Caoili mit zur Bermuda-Party.


Umkämpft: Arianne Caoili

Naiditsch (lacht): Das hat mich auch überrascht, schließlich war ich während des ganzen Turniers mit Arianne unterwegs. Für Gormallys Attacke bestand überhaupt kein Grund. Er hat sich wie ein englischer Hooligan im Fußballstadion benommen. Es hätte jeden treffen können, aber ausgerechnet der arme Levon war sein Opfer! Bei mir hätte es Gormally ruhig versuchen können - ich mache seit fünf Jahren Karate!


Daniel Gormally: Stark genug für fünf Jahre Karate?

Bleibt die brennende Frage für Schach-Deutschland: Ist unser bester Spieler nun auch mit der hübschen Australierin liiert?

Wir kennen uns schon seit zehn Jahren von Weltmeisterschaften. Wir spielten bereits in Bad Wiessee gegeneinander, als ich 13 und sie zwölf war. Wir finden uns beide sehr sympathisch.

Wollte Arianne Caoili nicht nach Deutschland kommen und hier studieren?

Ja, in Frankfurt - sie hat aber vieles vor.

Zurück zu den Damen auf dem Brett: Bei den Chess Classic Mainz treffen Sie am 15. und 16. August (ab 15 Uhr) in der Chess960-Junioren-WM auf Pentala Harikrishna. Wie bewerten Sie Ihre Chancen in den acht Partien? 2005 lagen Sie hauchdünn im Open vor dem indischen Großmeister.

Im Vorjahr spielte ich nicht besonders bei den Chess Classic. Ich möchte schon noch eine Schippe drauflegen. Auf Harikrishna bin ich noch nie in einer Turnierpartie getroffen. Auch wenn er in der Weltrangliste knapp vor mir liegt als Nummer 25, betrachte ich mich nicht als Außenseiter. Ich gehe positiv in das Duell. Die Aussichten dürften ungefähr ausgeglichen sein. Er hat sich in den letzten Jahren stark verbessert.


Pentala Harikrishna

Kommt Ihnen Chess960 entgegen oder sehen Sie sich eher als Spieler, der Vorteile in der Eröffnung herauskitzelt?

Für mich persönlich sehe ich Vorteile ohne Eröffnungstheorie. Heutzutage besteht ein großer Teil der Arbeit darin, sich mit Eröffnungen zu beschäftigen, Neues zu finden und sich all das auch noch zu merken. Das ist ganz schön schwierig! Bei Chess960 fallen diese Aspekte raus, man setzt sich ans Brett und spielt. Ich mag Chess960, obwohl ich es für eine ganz andere Art von Schach halte. Es hat jetzt nichts mit Poker im Casino zu tun, aber Chess960 erscheint mir irgendwie doch wie ein anderes Spiel.

Parallel treten zudem Vlastimil Hort und Lajos Portisch in der Senioren-WM sowie Ihr weibliches deutsches Pendant, die Erfurterin Elisabeth Pähtz, bei den Damen gegen die russische Weltranglistendritte Alexandra Kosteniuk an. Ihre Prognosen für die Clerical Medical Chess960-Weltmeisterschaften?

Ich tippe bei den Senioren auf Portisch. Hort ist kaum noch aktiv, während Portisch hie und da an Turnieren teilnimmt. Von der Elo-Zahl her steht bei den Damen außer Frage, dass Kosteniuk stärker ist. Im Chess960 hat sie vermutlich geringere Vorteile gegenüber Elisabeth.



Anschließend mischen Sie in Mainz auch wieder im FiNet Chess960 Open (17.-18. August) und dem Ordix Open (19.-20. August) mit? Vor allem im Ordix Open trumpften Sie auf.

Ich begann mit 6/6. Dann verlor ich mit einer Mehrfigur eine ganz wichtige Partie gegen Aronjan. Meine Chancen hängen natürlich auch vom Teilnehmerfeld ab. Das ist allerdings stets hochkarätig. Ich möchte wieder unter die ersten Zehn kommen. Mehr kann man bei der Vielzahl der starken Gegner kaum sagen.

Der 19-jährige Radjabow trifft vom 17. bis 20. August bei der Grenke Leasing Rapid-WM auf Viswanathan Anand. Sie waren als deutsche Nummer eins ebenfalls im Gespräch. Hätten Sie sich diese Herausforderung gegen den weltbesten Schnellschachspieler zugetraut?

Gegen die lebende Schnellschach-Legende anzutreten, ist für jeden Spieler etwas Besonderes. Allein das wäre schon ein schönes Erlebnis. Wie das ausginge, ist die andere Frage. Ich habe vor einiger Zeit auf Korsika Vishy gefragt, ob er irgendein Schnellschach-Match verloren hat. Er dachte kurz darüber nach und meinte dann: "Ich weiß es nicht genau." Dass er dann auf Korsika im Finale gegen Vadim Milov den Kürzeren zog, war eine Sensation. Er ist der Beste im Schnellschach, man kann ihn nur schwer schlagen.

Wie weit sehen Sie sich noch von Anand oder den Top Ten entfernt?

Ich finde, ich habe mich im vergangenen Jahr gesteigert und gut gespielt. Schwächer agierte ich bei der russischen Mannschaftsmeisterschaft und in Sarajevo. Ich trainiere jedenfalls fleißig dafür, die 2700-Elo-Grenze zu knacken. Sollte mir das gelingen, muss ich weitersehen, ob ich Einladungen zu Topturnieren erhalte und einen Sponsor finde, um mir einen eigenen Trainer leisten zu können. Die 2700-Schallmauer traue ich mir bis Ende des Jahres zu.

Vor den Chess Classic Mainz stehen die Dortmunder Schachtage an. Im Vorjahr sorgten Sie mit Ihrem Sieg vor den Weltmeistern Wladimir Kramnik und Wesselin Topalow sowie Peter Leko und Michael Adams für Furore. Ist diese Sensation zu wiederholen?

Naiditsch (lacht): Ich bin bestimmt erneut nicht der Favorit, zumal ich viermal Schwarz und nur dreimal Weiß habe. Dennoch glaube ich, ein gutes Turnier absolvieren zu können. Ich spiele in Dortmund, in meiner Heimatstadt, sehr, sehr gerne und gebe alles. In solchen Turnieren kann ich unheimlich viel lernen. Ich bin froh, dass ich diese Möglichkeit habe, daran teilzunehmen. Es ist ein schönes Gefühl für mich, in der Opern-Halle anzutreten.

Kramnik scheint sich von seinen gesundheitlichen Problemen etwas erholt zu haben. Bei der Olympiade bewies er auch gegen Sie alte Klasse. Ist der sechsfache Rekordsieger nun wieder Favorit in Dortmund?

Aronjan spielt auch mit, er ist enorm stark und kann jedes Turnier gewinnen. In Dortmund kann jeder jeden schlagen. Kramnik gehört aber gewiss zu den Sieganwärtern. Ich denke, die Chancen von Aronjan sind allerdings nicht schlechter als die von Kramnik.

Lassen Sie uns einen letzten Ausblick wagen: Zweitligist TSV Bindlach-Aktionär führten Sie ins deutsche Oberhaus. Was trauen Sie Ihrem Team, das mit den Großmeistern Navara, Baklan, Bischoff, Bezold und Baramidze aufgerüstet wurde, in der Bundesliga zu?

Wir haben meines Erachtens eine sehr gute Mannschaft, das gilt auch für das Management mit Klaus&Klaus, Klaus Steffan und Klaus Mühlnikel. Mir macht es Spaß, für den Verein zu spielen. Dort stimmt alles, die Atmosphäre, der Teamgeist. Ich hoffe, dass wir um die ersten drei Plätze kämpfen.

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