Auf den Spuren des Genies

18.07.2003 – Die Monographie-CD „Paul Morphy – Genie und Mythos“ liefert, was bislang fehlte: eine konzentrierte Beschäftigung mit dem schachlichen Denken Paul Morphys aus modernen Sicht. Der erste inoffizielle Weltmeister der Schachgeschichte nahm in seinem Spiel einflussreiche Prinzipien und Methoden vorweg, die noch heute beeindrucken. Morphys opferbereite Rafinessen sprechen besonders Leser an, die sich das taktische Verständnis des modernen Schachs erschließen. Mehr...

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„Paul Morphy – Genie und Mythos“ ist ein imposanter Versuch, schachliches Genie zu ergründen und in moderne Ansätze, Motive und Themen zu übersetzen. Das Autorenteam der CD geht der Frage nach, worin Morphy seinen Zeitgenossen überlegen war, nimmt leitmotivisch den Erkenntnisgewinn vorweg, den der Leser der CD erzielen kann. GM Karsten Müller, GM Rainer Knaak und Thomas Eichhorn versammeln auf dieser CD aus der Reihe „Chessbase-Monographie“ eine Biographie, zwei Spielerporträts, viele zeitgenössische Bilder, sowie eine Taktikdatenbank und über 450 Morphy-Partien.
1837 kam Paul Morphy als Sohn eines begüterten Elternhauses mit europäischer Abstammung im Schmelztiegel der Atlantikmetropole New Orleans zur Welt. Das begabte Wunderkind machte zunächst durch seine Simultanvorstellungen von sich Reden. Morphy hatte bereits ein Anwaltsdiplom in der Tasche, als er im Herbst 1857 auf dem ersten amerikanischen Schachkongress in New York auftrat und erste, glänzende Siege feierte. Seine Erfolge auf dem New Yorker Schachkongress ließen keinen Zweifel: Der junge Paul Morphy war der beste Spieler der Neuen Welt und hatte alle Talente, die Schachwelt Europas zu begeistern und zu zerrütten.
Morphys Spiel zeichnete ein konsequenter Gewinndrang aus. Die Figuren galten Morphy auf dem Schachbrett wenig, wenn er nur seine Chance erkannte, das gegnerische Spiel durch ein taktisches Opfer zu attackieren. Zahlreiche Partien Morphys, die meistens zu seinen Gunsten entschieden wurden, zeugen von diesem kreativen Opferdrang. Es war die Zeit als Schachspieler wie Duellanten gegenüber saßen, Materialgleichheit schien eine Nebenrolle zu spielen, wenn eine aktive, Spiel beherrschende Position erreichbar war. Und Morphy wusste die Schwächen seiner Gegner auszunutzen wie kein anderer, was ihm den Ruf eines Genies eintrug.
Auf dieser CD gilt es aber nicht, das Genie Morphy zu entdecken. Der interessierte Leser dieser Monographie lernt am meisten von Morphys taktischem Gespür und seinen zeitlosen Opferideen. Morphy spielte oft schnell und spitzfindig. Er zelebrierte – wie nach ihm vielleicht nur noch Michail Tal – ein kampfbetontes, opferbereites Schach der hohen Schule. Auf der von Karsten Müller eingerichteten Trainingsdatenbank mit zahlreichen Taktikübungen im Stile Morphys, die zum selbstständigen Lösen von Schlüsselsituation einlädt, kann man ausdauernd auf den Spuren dieses Schachvordenkers wandeln.
Die – teils kommentierten – 473 Partien auf der CD bieten reichlich Stoff, um Morphys kurzes, aber intensives Spielerleben, das von der inoffiziellen Weltmeisterschaft gekrönt war, in seinen Facetten kennen zu lernen. Obwohl Morphy nur wenige Niederlagen gegen einen Repräsentanten der alteuropäischen Schachschule hinzunehmen hatte, mussten sich europäische Meisterspieler der damaligen Zeit wie Johann Loewenthal, Louis Paulsen oder Adolf Anderssen nacheinander Morphys zeitlos dramatischen Spielattacken beugen. Morphy galt während seiner kurzen Schachkarriere als einer der besten Schwarzspieler der Welt, der nur drei Verluste als Nachziehender zu verzeichnen hatte. Für diese drei war ein heute unbekannter französischer Spieler namens Jules Arnous de Riviere verantwortlich. Er ist auch derjenige, der Morphy die meisten Verluste als Weißer zu zufügte. Von Morphys Sturm-und-Drang-Phase auf den Schachbühnen Europas gilt es am meisten zu lernen. Morphy entdeckte viele neue Eröffnungsmotive, experimentierte als Vorden-ker der Sizilianischen Verteidigung mit dem Eröffnungszug 1…c5 als Antwort auf 1.e4 und erarbeitete sich mit manch anderem sehenswerten Einfall ein breiteres Eröffnungsrepertoire, als es unter Schachmeistern damals üblich war.
Paul Morphys Leben wird in späteren Jahren durch keine Erfolgsstory gekrönt, wie Thomas Eichhorn, Autor des biographischen Querschnitts auf der CD und Morphy-Biograf, eindrucksvoll schildert. Noch keine 30 Jahre alt, beschließt Morphy arroganterweise, nur noch Vorgabepartien zu spielen, verliert schließlich neben zahlreichen Partien Muße und Lust am Schach. Ende der sechziger Jahre des 19. Jahrhundert befindet sich der inoffizielle Weltmeister von einst bereits in einer psychischen Krise, aus welcher er sich nicht mehr erholt.
Eine Fehleistung Morphys spricht Kasparov in einem der wenigen Kommentare von ihm auf der CD an: Morphy hat die Chance verpasst, sein explosives Schachwissen weder seinen Zeitgenossen noch der Nachwelt zu vermitteln. Kurz vor seinem Tode besuchte ihn Wilhelm Steinitz in New Orleans. Der spätere österreichische Schachweltmeister gilt als einer der ersten, der die Tak-tikideen á la Morphy an die Wiege des modernen Schachs im 20. Jahrhundert legte.
von Ralf Blittkowky

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