Ausflug in die französische Provinz
Von Eva Maria Zickelbein
Trifft man einen alten Schulfreund 10 Jahre nach dem Abitur zufällig in einer
Kneipe, stellt man für gewöhnlich schon erfreut fest, wie klein ist doch die
Welt ist. Gleiches gilt natürlich für die Schachwelt – man kennt sich und man
trifft sich – zum Bespiel in Wijk aan Zee oder in Naujac-sur-Mer!
Von Wijk aan Zee über Hamburg und London nach Naujac-sur-Mer:
In Wijk aan Zee wurde Ende November das Cultural Village Tournament
ausgetragen (früher bekannt als Sonnevanck-Turnier). Nebenbei - das IM-Turnier
erfüllte bestens seinen Zweck: Ferenc Langheinrich und Merijn van Delft
erfüllten jeweils ihre letzte Norm und werden beim nächsten Fide-Kongress den
Titel verliehen bekommen.
Einer der drei teilnehmenden Internationalen Meister hat einen wirklich
außergewöhnlichen Beruf: Jules Armas betreibt mit seiner Frau Rike Wohlers-Armas
in Naujac-sur-Mer, nördlich von Bordeaux im Médoc zwischen Atlantikküste und
Gironde-Mündung gelegen, den wohl einzigen Schachcampingplatz der Welt! Und
natürlich liegt den beiden auch das Schicksal des dortigen Schachklubs sehr am
Herzen, der mit zwei Mannschaften am französischen Spielbetrieb teilnimmt.
Naujac I plagen in der Nationale III Abstiegssorgen und neben dem bereits für
Naujac gemeldeten IM Alex Wohl engagierte Jules Armas während des Turniers in
Wijk kurzerhand Merijn van Delft für den Wettkampf von Naujac I gegen Libourne!
Und sogar die frankophile Freundin des neuen IM’s und Schreiberin dieser Zeilen
durfte nicht nur als Dolmetscherin mit…
Fünf Tage vor dem Match organisierte Rike Wohlers-Armas die gesamte Reise am
heimischen Computer: Flugtickets von Ryan-Air von Hamburg (Lübeck-Blankensee)
über London nach Bergerac und einen Mietwagen für die Fahrt von Bergerac in der
Dordogne nach Naujac-sur-Mer im Médoc. Per Email sendete sie uns die Tickets und
am Samstag, 06. Dezember, brachen wir um 7 Uhr morgens, selbst für den Nikolaus
war es noch zu früh gewesen, auf unsere 14stündige Reise nach Südfrankreich auf.
Nach eher negativen Erfahrungen mit Billigfluglinien à la AirBerlin waren wir
bezüglich Ryan-Air erst skeptisch. Als jedoch auf der ersten Flughälfte von
Hamburg nach London alles wunderbar klappte, waren wir schon bereit, unsere
Vorbehalte zu vergessen. Auf dem Londoner Flughafen Stansted zeigte sich jedoch,
dass man von derartigen Fluggesellschaften kein Entgegenkommen und keine
Flexibilität erwarten kann: Unsere Sorglosigkeit und unglaubliche Dummheit
führten dazu, dass wir trotz vierstündigem Aufenthalt in Stansted den Check-In
für unseren Anschlussflug nach Bergerac um eine Minute (!) verpassten.
Gnadenlos
wehrten die trockenen englischen Damen von Ryan-Air alle unsere
Überredungsversuche ab und wir waren gezwungen, von Bergerac auf La Rochelle
umzubuchen. Das war natürlich mit erheblichen Kosten verbunden, doch eine andere
Möglichkeit gab es nicht. Die Autovermietungsfirma Herz schlug Ryan-Air
bezüglich Kundenfreundlichkeit und Flexibilität um Längen: Problemlos buchten
Sie den gemieteten Wagen von Bergerac nach La Rochelle um und das einzige
Problem war lediglich, dass unser Opel Corsa keine Innenbeleuchtung hatte und so
das Kartenlesen während der Fahr unmöglich gemacht wurde.

De Bahnhof von Bordeaux
Von La Rochelle bis
Bordeaux war das auch kein Problem, doch auf den kleinen Landstraßen von
Bordeaux nach Naujac zu finden, ist wahrscheinlich schon bei Tageslicht schwer –
im Dunkeln schier unmöglich! Doch Teamchef Paul „Polo“ Sevilla rief uns alle 10
Minuten an und dirigierte uns so in die „Auberge du Chasseur“ in St. Isidore, wo
das große Mannschaftsdiner steigen sollte und wo die Spieler und Monsieur le
Président schon seit zwei Stunden auf uns warteten.

Schließlich stand „Polo“ an der Straße und winkte uns
Richtung Parkplatz des einzigen Restaurants am Platze. Nach einem ersten
Willkommenstrunk nahmen wir an einer langen Tafel Platz und das nun folgenden
Diner entschädigte uns für alle Reisestrapazen: In einer so herzlichen und
entspannten Atmosphäre habe ich in Deutschland selten ein Mannschaftsessen
erlebt!

Polo, Jean-Paul,
Merijn und Evi stoßen auf Naujac an
Für die Feinschmecker, die unter uns Schachspielern ja auch nicht ganz selten
sind, hier das Menu:
Hors d’oeuvre

« Salade de Carottes »
Rezept...
« Salade de Gesier »
Rezept...
« Oefs mimosas »
Plat principal

« Filet de boeuf au trois poivres »


« Gratin dauphinois, Asperge vert, Carottes »
Rezept...
Dessert

« Fromage »

« Glace »

« Gâteaux Forêt noire »
Dazu genossen wir natürlich ausgiebig die Weine des Médoc und nachdem die
Schachspieler entdeckt hatten, dass die Boule-Mannschaft, die an der Tafel neben
uns speiste,

mit den besten Weinen der Region ausgerüstet war, überredete
Monsieur le Président, Patrick Vidal, die Boulespieler, den ausländischen Gästen
doch einmal den „Grand-Cru“ der Region den „Château de St. Estèphe“ zum
Probieren zu geben.

Eric, Spieler von Naujac I und Geschichtslehrer,
präsentiert mit einem Boule-Spieler den berühmten St.Éstèphe.
Aus dem Probieren wurde dann eine ganze Flasche, u.a. weil
Xavier den Boulespielern einige Zauber- und Kartentricks vorführte!

Der Schachklub von Naujac nimmt mit zwei Mannschaften am Spielbetrieb teil
und hat 40 Mitglieder – eine stolze Zahl, wenn man bedenkt, dass Naujac selbst
nur 600 Einwohner hat, und Naujac-Bourg gar, das typisch französische
Dorfzentrum mit Kirche, Mairie, École und Bar, nur 120 Einwohner zählt! Patrick
Vidal errechnete während des Diners auf der weißen Tischdecke den Prozentsatz
der Mitglieder in Naujac und der Vergleich zu den 400 Mitgliedern des Hamburger
Schachklubs in der 1,8 Millionen-Metropole beeindruckte den selbstbewussten
Ingenieur natürlich keineswegs!
Nach dem ausgiebigen, fünfstündigem Diner, das schließlich um zwei Uhr
morgens an der Bar mit einem Menthe und einem Trivial-Pursuit-Spiel am Automaten
endete, fuhren wir mit George und Xavier auf den Campingplatz und nahmen unser
Mobil-Home in Augenschein:

Mobil-Home auf dem Campingplatz La Rochade –
dank Heizung auch im Winter zu bewohnen!
Und da die französischen Mannschaftskämpfe sonntags auch ein sehr viel
humanere Anfangszeit als in Deutschland haben (14 statt 9 Uhr!), konnten wir
richtig ausschlafen und gestärkt durch ein leckeres Frühstück, zubereitet von
George Daniel und Xavier im Haus von Rike und Jules, zum Treffpunkt der beiden
Teams auf dem Marktplatz von Hourtin fahren. Dort trennten sich dann aber unsere
Wege, da Naujac I in Libourne antreten musste und Naujac II beim Eisenbahnverein
ASPOM in Bordeaux. Naujac I plagt Abstiegssorgen, deshalb wurde neben Merijn van
Delft auch noch der Internationale Meister Alex Wohl eingesetzt, der mit seiner
französischen Freundin Françoise angereist war und am dritten Brett spielte der
rumänische Trainer George Daniel Dinu, der bei Rike und Jules auf dem
Campingplatz wohnt. Da es nicht erlaubt ist, mehr als drei neu gemeldete Spieler
einzusetzen, spielte ich am Spitzenbrett der zweiten Mannschaft in Bordeaux. Wir
verteilten uns auf die diversen Autos und fuhren im herrlichen Sonnenschein
durch das Médoc.
Viele Abschnitte der Pinienwälder waren
verwüstet, da es im letzten Winter fürchterliche Stürme gegeben hatte. Da ich
die wunderschöne Gegend bisher nur aus vielen Sommerurlauben kannte, war es
wirklich interessant zu sehen, wie die Landschaft und die Dörfer im Winter
aussehen!
Unser Wettkampf in Bordeaux verlief anfangs nach Plan: Nachdem mein Gegner
Bernard Font ausgiebig die Mannschaftskarten studiert hatte, setzte er sich
zurück ans Brett und entkorkte 5....Le7, um nach 6. d5 den Bauern e5
einzustellen. Er spielte ziemlich lustlos noch 14 Züge weiter, bevor er mir zum
1:0 für Naujac die Hand herüberreichte.
|
Zickelbein (2138) -
Font (1770)
Nationale V ASPOM-Naujac Hamburg, 07.12.2003
1.e4 e5 2.Sc3 d6 3.f4 Sf6 4.Sf3 Sc6 5.d4

5...Le7? 6. d5 +- |
Dann allerdings ging’s erst einmal anders herum: Alle Kids im Team, neben
Léna Armas, der 10jährigen Tochter von Rike und Jules, verloren auch noch ihre
Freunde, die Geschwister Eleonore (13) und Pierre-François (8) Tron.

Léna Armas hält viel von deutschen Schulen.
Nur
Eleonore hatte Lust, ihre Partie noch mit mir zu analysieren, die anderen
spielten lieber draußen Kriegen und Verstecken und warteten sehnsüchtig auf die
Abfahrt Richtung Naujac. Das sollte allerdings noch etwas dauern, denn die
Erwachsenen ließen sich mehr Zeit: Nachdem wir durch Siege von Christian Scipion
und Teamchef Jean-Paul Teyssier zum 3:3 ausgleichen konnten, brachte uns Guy van
Eeckhout mit einer tödlichen Springergabel in Führung. Schließlich lief noch die
Partie am vierten Brett von Georges Berenge: Ein wilde Partie, in der es hin und
her gegangen war und die George schon einige Male klar für sich hätte
entscheiden können, dauerte fast vier Stunden: Beide Spieler spielten das
schließlich entstandene Endspiel sehr schnell, darauf bedacht, die Zeit nicht zu
überschreiten. Dass sie schon lange über dem 40. Zug waren und noch eine
dazubekommen hatten, war in der Aufregung untergegangen... Bei diesem 5:3 für
Naujac war das einzig Blöde, wie Léna Armas sofort bemerkte, dass alle Kinder
verloren, die Erwachsenen aber gewonnen hatten.
Auf der Heimfahrt setzten mir die Kids die Nachteile des französischen
Schulsystems auseinander – im Vergleich zu Deutschland natürlich vor allen
Dingen der lange Tag bis 16 oder 17 Uhr und danach noch viele Hausaufgaben –
meine Argumente wie die tollen „Ecoles maternelles“, die langen Ferien oder auch
die Ergebnisse der Pisa-Studie konnten sie nicht überzeugen. Léna Armas hatte
außerdem von Mutter Rike gehört, dass die deutschen Kinder zwar weniger zur
Schule gehen, aber trotzdem genauso viel lernen wie die französischen Kinder
(...)!
Im Auto erfuhren wir per Handy vom Erfolg der ersten Mannschaft in Libourne:
Der 5:1-Erfolg (Remisen werden in Frankreich nicht gezählt) ist ein wichtiger
Schritt in Richtung Klassenerhalt!
Merijn van Delft beendete seine erste Partie für Naujac mit einer netten
kleinen Kombination:
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Berard (2140) - van Delft (2402) [B42]
Nationale III Libourne-Naujac, 07.12.2003
34.Lxh3
Dxa3 35.Kf2

35...Txe3!
36.Dxe3 Ld4 37.Ta1 Lxe3+
38.Ke1 Dxa1+ 0–1
Ganze Glanzpartie zum Nachspielen... |
Und natürlich mussten die Siege der beiden Teams erst einmal gefeiert werden:
Patrick Vidal wartete zu diesem Behufe in der Naujacs „Bar de l’Union“,
natürlich stilecht gegenüber der Kirche am Dorfplatz gelegen. Nachdem alle
versammelt waren und die Kids zu Hause abgeliefert waren, gab’s eine kleine
Ansprache und dann Pernod für die Kenner und Heineken für die Banausen.

Patrick Vidal, Paul Sevilla, George Dinu und Noël Noleau feiern
das 5-1 der ersten Mannschaft.

Hat’s den auch Wirtsleuten Spaß gemacht!?
Nationale III, Groupe IV
Naujac 5 - 1 Libourne
m WOHL Aleksandar H. 2379 1 - 0 DUFEAL Julien 2145
f VAN DELFT Merijn 2402 1 - 0 BERARD Serge 2140
DINU George Daniel 2221 X - X BAUDOIN Stephane 1970
VOIRIN Xavier 1930 0 - 1 AUNEAU Dominique
1950
MARTIN Eric 1840 X - X
GUICHENEY Pascal 1880
NOLEAU Noel 1871 X - X QUEYROI
Daniel 1790
BASTIN Stephane 1910 1 - 0 CASTAING-RODE Sandrine 1780
SEVILLA Paul 1760 1 - 0 NIVET Gildas
1650
ARMAS Lara-Maria 1680 1 - 0 NIVET Patrick 1500
Pl. Equipe Pt d. p. c.
1 Pau Henri IV 12 16 22 6
2 Bayonne Adour 10 15 22 7
3 Bordeaux ASPOM I 10 4 17 13
4 Mérignac
10 2 14 12
5 Mont-de-Marsan 8 0 14 14
6 Bordeaux-Echecs III 7 -2 15 17
7 Libourne
7 -4 12 16
8 Naujac
6 -6 11 17
9 Saint Junien 6 -16 6 22
10 Bordeaux ASPOM II 4 -9 10 19
Den restlichen Abend verbrachten wir mit Analysen und Abendessen auf dem
Campingplatz: Xavier und George kochten und Merijn analysierte die Partien:

Merijn, Noël, Xavier und
George analysieren.

Noël und Merijn analysieren Noëls „Holländer“...

Allroundtalent Xavier schneidet professionell Zwiebeln.

„Blitz“, der Hund von Familie Armas, hat das alles nicht
sonderlich interessiert...
Am nächsten Tag hatten wir sogar noch Gelegenheit, ans Meer zu fahren, bevor
wir nach einem leckeren Déjeuner von Xavier und George diesmal wirklich von
Bergerac über London zurück nach Hamburg flogen!








Ligue Aquitaine Nationale V
Groupe Centre-Ouest
Pl. Equipe Pts d. p. c.
1 GUJAN ECHECS 9 16 19 3
2 NAUJAC II 9 12 18 6
3 BORDEAUX ASPOM IV 7 7 15 8
4 BORDEAUX ECHECS 7 5 13 8
5 MERIGNAC B 7 -3 8 11
6 TRESSES 3 -9 7 16
7 CREON B 3 -13 5 18
8 LIBOURNE 3 -15 4 19


Nationale V: ASPOM – Naujac

NAUJAC 5 - 3 BORDEAUX ASPOM
1B ZICKELBEIN Eva-Maria 2134 1 - 0 FONT Bernard 1770 1N
2N TEYSSIER Jean-Paul 1730 1 - 0 HUI BON HOA Edmond 1690 2B
3B VAN EECKHOUT Guy 1740 1 - 0 RIVIERE Florent 1580 3N
4N BERENGE Georges 1590 1 - 0 BARAT Jean-Claude 1570 4B
5B ARMAS Lena 1360 0 - 1 MARCHAND Etienne 1420 5N
6N TRON Eleonore 1140 0 - 1 NAFATI Abdelaziz 1499 6B
7B TRON Pierre-Francois 1220 0 - 1 DUPERIER Bernard 1290 7N
8N SCIPION Christian 1090 1 - 0 MICHON Catherine 1130 8B





Camping La Rochade


