Bauen Sie sich ihren eigenen "Fat-Fritz-Computer"

08.12.2020 – Wer eine leistungsstarke Schachspiel-und Analysemaschine, zum Beispiel für Fat Fritz, haben will, kann sich im Handel umschauen, findet dort aber nicht unbedingt das Richtige. Man kann sich seinen Rechner aber auch maßgeschneidert selber zusammenstellen. Und spart dabei auch noch etwas Geld. Roger Lorenz gibt eine Anleitung.

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Von Roger Lorenz

Wie man sich einen eigenen Fat Fritz-Computer baut

Kein Mensch braucht Covid 19 und die damit verbundenen Einschränkungen. Nun kann man sich die Realität nicht aussuchen, sondern muss versuchen, das Beste daraus zu machen. Ich persönlich habe dieses Jahr die Gelegenheit ergriffen, einige persönliche Projekte anzugehen, die ich bisher aus Zeitgründen liegen gelassen habe.

Eines dieser Projekte ist Computer-Schach. Natürlich benutze ich seit über 25 Jahren Engines zur Analyse (ich glaube, Fritz 3 war meine erste Engine). Und sicherlich haben mir die Engines dabei viele Male vor Augen geführt, was für ein Patzer ich bin. Aber für mich hatte sich gefühlsmäßig viele Jahre wenig getan. Klar wurden die Engines immer stärker. Für mich war das aber reines Number Crunching, also das stumpfe Durchrechnen von Zahlen, das immer weiter optimiert wurde. Das änderte sich dann aber Ende 2017, als AlphaZero die Bühne betrat. Neuronalen Netzen bin ich zum ersten Mal während meines Informatikstudiums in den 80er begegnet. Daher faszinierte mich die Tatsache, dass AlphaZero diese verwendet und damit so erfolgreich war. Das ließ mich den Vorsatz fassen, mich mit dem Thema intensiver zu beschäftigen.

Der Corona Lockdown hat mir nun zeitlich die Möglichkeit gegeben, dieses Vorhaben in die Tat umzusetzen. Mein erster Gedanke war es, selbst Leela (auch Lc0 genannt) auf meinem Mac ans Laufen zu bringen. Nachdem ich dann bei der praktischen Umsetzung auf eine Reihe von Problemen gestoßen bin und die Recherche in diversen Foren mich überzeugten, dass das zwar möglich ist, aber eine Menge Zeit kosten würde, habe ich einen anderen Plan gefasst. In der neuen Fritz 17 Version ist Leela bereits integriert. Daher habe ich beschlossen, mir Zeit und Frust zu sparen, und mir diese Version zugelegt. Mir war natürlich klar, dass damit auch eine neue Hardware Anschaffung einhergeht. Ohne einen PC mit einer aktuellen Nvidia Grafikkarte (siehe auch https://de.chessbase.com/post/fat-fritz-welche-grafikkarte-braucht-man) macht die neue Fritz Version sicherlich keinen Spaß.

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Jetzt stand ich vor der Frage, ob ich mir einen fertig konfigurierten PC kaufe, oder mir selbst einen Rechner zusammenbaue. Am Ende habe ich mich für die zweite Variante entschieden. Die Gründe waren zum einen die Lust mal wieder selbst einen Rechner zusammenzubauen (mein letzter Zusammenbau war eine Apple II Nachbau!) und natürlich auch die Erkenntnis, dass in den nächsten Jahren, die Anforderungen der Engines an die Hardware sich ändern werden. Da habe ich natürlich die Hoffnung, dass ich bei meinem Eigenbau gezielt einzelne Komponenten austauschen bzw. ergänzen kann.

Für die Auswahl der einzelnen Komponenten für einen Selbstbau kann man eine Menge Zeit verbrauchen. Das ist mir auch so gegangen. Am Ende haben mir zwei Dinge geholfen. Zum einen habe ich mich bei der Auswahl der Komponenten von diesem Artikel https://en.chessbase.com/post/your-chess-computer-buyer-s-guide leiten lassen. Zusätzlich habe ich noch den Online-Konfigurator eines Versandhändlers verwendet. Letzteres gibt einem zu einen ein Gefühl dafür, wie teuer es ist, eine Komponente (z.B. die CPU) durch eine andere zu ersetzten. Und zum anderen wird dadurch auch sichergestellt, dass die Komponenten nachher auch kompatibel sind.

Nachdem ich mir so die Komponenten ausgewählt hatte, bin ich dann auf Schnäppchenjagd gegangen. Dabei hatte Glück, denn ein großer Elektro-Discounter hatte just an dem Wochenende ein spezielles Angebot (Mehrwertsteuer geschenkt). So füllte sich dann mein Warenkorb recht schnell.

Dazu habe ich dann bei einem großen Online Versandhändler noch einen AMD Ryzen 5 3400G 4,2GHz AM4 6MB Cache Wraith Spire für 135€ gekauft. In Summe kam ich so auf 840€. Sicherlich nicht die preiswerteste Lösung, aber wenn ich den gleichen Rechner bei einem Versandhändler konfiguriert und bestellt hätte, wäre es über 1.000€ gewesen. Und wenn man das nötige Kleingeld hat, kann man auch sicherlich das doppelte ausgeben.

Ein Wort noch zu der Grafikkarte, die ja den Hauptanteil an dem Preis hat. Ich muss gestehen, dass ich schon eine RTX 2060 im Warenkorb hatte (für ca. 250€). Der Rabatt hat mich dann aber verführt, doch die RTX 2070 Super zu nehmen.

Bevor ich jetzt den Zusammenbau beschreibe, noch ein paar Anmerkungen zu den Komponenten, die ich nicht gekauft habe:

  • Windows 10 Lizenz: Konnte ich von einem anderen Rechner, den ich zukünftig als Linux-Server verwende, übernehmen
  • Spezieller Ventilator für die Kühlung der CPU: Der bei der von mir ausgewählten CPU mitgelieferte Ventilator reicht mir aktuell aus, so dass ich dafür keine Notwendigkeit gesehen habe. Sollte ich später meine Einschätzung ändern, kann ich da immer noch nachrüsten.
  • Große HDD Festplatte: Der neue Rechner soll wirklich nur für Schach verwendet werden (und vielleicht für das eine oder andere Spiel 😊). Für Video- und Musik-Sammlungen habe ich bereits einen File-Server in meinem Heimnetz stehen.
  • DVD-Laufwerk: Benötige ich nicht: die Fritz-Version habe ich mir als Download gekauft, die Windows-Installation lief über USB-Stick.
  • WLAN-Adapter: Der Rechner wird bei mir im Heimnetz klassisch per Netzwerkkabel angeschlossen
  • Monitor, Maus und Tastatur: Hatte ich bereits

Nachdem alle Komponenten geliefert wurden, sah es in meinem Arbeitszimmer so aus:

Vorne links ist das Herzstück meines neuen Rechners, das Mainboard zu sehen. Die Grafikkarte findet man vorne rechts und im Hintergrund ist das Gehäuse zu sehen.

Als nächstes habe ich mir dann das Werkzeug zurechtgelegt. Mehr als die hier gezeigten Werkzeuge habe ich beim Zusammenbau auch nicht benötigt.

Für die eigentliche Arbeit habe ich mir dann Hilfe bei Youtube geholt, wo es unzählige Zusammenbau-Anleitungen gibt. Mein Tipp ist es, sich da eine Anleitung auszusuchen, die das gleiche Mainboard verwendet. Denn das Mainboard ist entscheidend dafür, wie der Zusammenbau funktioniert.

Also im ersten Schritt das Mainboard ausgepackt. Trotz Youtube Hilfe habe ich während des Zusammenbaus – vollkommen untypisch für mich – auch immer in das Handbuch des Mainboards geschaut. Das war wichtig, da in den Youtube Videos manchmal einige Details (wie z.B. der Anschluss des CPU Ventilators) nicht so genau erkennbar sind.

Als nächstes habe ich mir dann die CPU und den mitgelieferten Lüfter zurechtgelegt.

Der Einbau der CPU war der einfachste Part. Absolut idiotensicher; man kann die CPU gar nicht falsch einsetzen.

Der Ventilator wird dann auf die CPU aufgesetzt. Auch dieses prinzipiell kein Problem. Ich hatte allerdings – wie bereits angedeutet – Schwierigkeiten, die richtigen Anschlüsse für die Stromversorgung zu finden und musste diese später ändern.

Die nächsten Schritte – SSD und Hauptspeicher einbauen – gingen zügig und ohne Probleme von der Hand. Eine Anmerkung zum Hauptspeicher. Auf dem Mainboard gibt es vier Slots, um den Speicher einzusetzen. Davon benutze ich aktuell zwei und kann später problemlos den Speicher verdoppeln.

Und als nächstes konnte ich dann schon das Mainboard in das Gehäuse einsetzen.

Weiter ging es mit dem Netzteil. Der eigentliche Einbau und der Anschluss des Mainboards an das Netzteil waren einfach.

Aber nach dem anschließenden Einbau der Grafikkarte wurde es komplizierter. Die Grafikkarte selbst war schnell eingesetzt.

(s. Teaserbild oben)

Aber den richtigen Stromanschluss zu finden und dann das entsprechende Kabel an die richtige Stelle zu führen, hat schon etwas Zeit gekostet.

Am Ende musste dann auch noch das PC-Gehäuse mit dem Mainboard verbunden werden. Das ist erforderlich, damit die Ventilatoren im Gehäuse mit Strom versorgt werden und die Schalter am Gehäuse (Ein/Aus, Reset, …) funktionieren. Auch das war etwas knifflig, die richtigen Anschlüsse zu finden und dann die Kabel vernünftig durch den Innenraum des Gehäuses zu führen.

Aber schlussendlich war ich auch damit erfolgreich. Danach konnte ich dann den Rechner das erste Mal anschalten und wurden mit einem bunten Farbenspiel belohnt.

Der Hardware-Zusammenbau war damit abgeschlossen, die Arbeit aber noch nicht vollständig getan. Die detaillierte Beschreibung der weiteren Schritte würde den Umfang dieses Artikels sprengen, so dass ich diese hier nur stichpunktmäßig aufzähle.

Auch hierzu findet man bei Bedarf unzählige Anleitungen im Netz.

  • Monitor, Tastatur, Maus und Netzwerkkabel anschließen
  • Erstmaliges Starten des Rechners; dieses führt den Benutzer in das BIOS-Menü, wo die Einstellungen so geändert werden müssen, dass der Rechner das nächste Mal über USB gebootet werden soll (Ich wurde hierbei darauf hingewiesen, dass der Ventilator nicht richtig an das Stromnetzteil angeschlossen waren)
  • Erstellen eines bootfähigen USB-Sticks mit Windows 10 und starten des Rechners mit dem eingesteckten USB-Stick (da es am Gehäuse eine Reihe von USB-Anschlüssen gibt, muss man hier ggf. etwas Rumprobieren, bis der USB-Stick auf dem richtigen Anschluss steckt)
  • Installation von Windows nach Anleitung; am Ende muss der persönliche Windows 10 Key eingegeben werden. In der Regel muss im Anschluss Windows noch aktualisiert werden
  • Installation und Updates der Treiber für das Mainboard und die Grafikkarte
  • Download von Chessbase und Fitz 17 von der Chessbase Download Seite; auch hier wird die Installation mit dem persönlichen Key abgeschlossen.

Zusätzlich habe ich mir als zweite Engine Stockfish 12 installiert, um bei der Analyse immer eine zweite Meinung zu haben. Stockfish ist eine freie Software und kann von der entsprechenden Homepage heruntergeladen werden.

Die von mir ausgewählte AMD Ryzen CPU kann 8 Threads parallel verarbeiten. Da Fat Fritz 17 maximal 2 Threads verwendet, kann ich die anderen 6 Threads Stockfish zuweisen, ohne dass sich die beiden Engines in die Quere kommen.

Fazit

Ich war überrascht, wie einfach der Zusammenbau funktioniert hat. Bis auf die erwähnten Anschlussschwierigkeiten lief alles problemlos. Für den Hardware-Zusammenbau habe ich 4 Stunden benötigt. Die gleiche Zeit habe ich dann anschließend noch für die Windows und Chessbase Installationen benötigt. Wesentlich mehr Zeit habe ich vorab für die Auswahl der Komponenten benötigt. Ein Grund dafür war sicherlich, dass ich mich in die Materie erst einmal arbeiten musste.

Ein weiterer positiver Aspekt war, dass es Spaß gemacht hat. Das lag natürlich auch daran, dass alles gut funktioniert hat. Aber ich hatte während des Zusammenbaus auch immer das Gefühl, dass man wenig falsch machen konnte.

Disclaimer

Der vorliegende Artikel ist keine Anleitung, in der alle Details beschrieben werden. Vielmehr soll der Artikel dem Leser ein Gefühl dafür geben, wie es ist, wenn man selbst einen Rechner zusammenbaut. Sollte sich der eine oder andere Leser auch dazu entscheiden, meinem Bespiel zu folgen, so wird sie oder er im Internet ausreichend Anleitungen finden, um die benötigten Detailinfos zu bekommen und das Vorhaben zum Erfolg zu führen.

Weiterhin kann ich selbst nicht abschließend beurteilen, wie gut meine Komponentenauswahl wirklich war. Die Komponenten funktionieren ohne Probleme miteinander und die ersten Tests zeigen, dass die erwartete Geschwindigkeit – in Nodes/Sekunde gemessen – erreicht werden. Aber ob die RTX 2070 Super Grafikkarte wirklich den Mehrpreis gegenüber einer RTX 2060 wert ist, wird sich erst zeigen müssen. Weiterhin gibt es AMD Prozessoren, die ca. 50% teurer sind als der von mir ausgewählte Prozessor, dafür aber bei ungefähr gleicher Taktung die doppelte Anzahl von Threads ermöglichen (für Fat Fritz nicht relevant, da dieser nur 2 Threads benötigt; für Stockfish aber sicherlich ein Faktor). Da gibt es sicherlich viele Stellschrauben, mit denen man das System optimieren kann und wo jeder seine eigenen Entscheidungen treffen muss.


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