Über Fischer: Kasparov, Hübner, Marin

14.01.2005 – Drei aktuelle Bücher beschäftigen sich mit dem Werk des Weltmeisters von 1972, Robert James Fischer. Robert Hübner hat den analytischen Teil seiner CD über Fischer nun auch als Buch aufgelegt (Materialien zu Fischers Partien, Rattmann) und sich kritisch mit den Partien und Analysen von Fischers "60 denkwürdige Partien" auseinander gesetzt. In Mihail Marins Learn from the Legends (Quality Chess) füllt Fischer ein großes Kapitel. Soeben erschienen ist in der englischen Ausgabe der vierte Band von Kasparovs My Great Predecessors (Everyman), in dessen Mittelpunkt ebenfalls Bobby Fischer steht. Johannes Fischer (nicht verwandt oder verschwägert) stellt die drei Bücher über eines der faszinierendsten Persönlichkeiten der Schachgeschichte kurz vor. Bücher bei Schach Niggemann kaufen...Mehr...

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Nüchtern betrachtet: Kasparov über Fischer
Von Johannes Fischer

Schon lange vor seinem Erscheinen wurde Garry Kasparovs vierter Band der Serie über seine Vorgänger mit Spannung erwartet. Denn hier verrät Kasparov, was er über Bobby Fischer denkt, den wohl kontroversesten Weltmeister aller Zeiten. Zwar enthält das Buch auch Porträts von Samuel Reshevsky, Reuben Fine, Miguel Najdorf und Bent Larsen, den laut Kasparov besten Spielern des Westens, aber fast dreihundert von beinahe fünfhundert Seiten widmen sich Fischer.

Herausgekommen ist dabei der bislang vielleicht beste Band der Reihe: er bietet interessante Überlegungen Kasparovs, gründliche Analysen, umfangreiche biographische Daten und anders als die vorherigen Bände sogar eine Bibliographie. Trotzdem wird er eingefleischten Fischer-Fans wahrscheinlich nicht gefallen. Zu sachlich, zu kritisch ist der Blick, den Kasparov auf Fischer wirft. Tatsächlich scheinen die Zeiten, in denen der Schachspieler Fischer als unfehlbar galt, vorbei zu sein, und Versuche, die Person Fischer zu verehren, sabotiert der Amerikaner ja schon lange mit großem Geschick.

Nach dem Gewinn des Weltmeistertitels hielt er sich mehr als dreißig Jahre vor der Öffentlichkeit versteckt, und tauchte eigentlich nur auf um 1992 zur Zeit des Bürgerkriegs in Jugoslawien einen bizarren Wettkampf gegen Boris Spassky in Sveti Stefan und in Belgrad zu spielen oder antisemitische Hasstiraden in philippinischen Radiostationen zu verbreiten. Aber nachdem er in Japan wegen Verstoßes gegen amerikanische Embargo-Bestimmungen festgenommen wurde, sorgt er wieder für Schlagzeilen. Nun fordert die amerikanische Regierung seine Auslieferung, um ihn in den USA vor Gericht zu stellen. Kommt es dazu, drohen Fischer eine hohe Geldstrafe oder mehrjährige Haft. Als Fischer 1972 Boris Spassky schlug, fiel der Empfang freundlicher aus. Der frischgebackene Schachweltmeister wurde als Volksheld gefeiert und die Stadt New York erklärte den 22. September 1972 sogar zum Bobby Fischer Gedenktag.

Aber damals spielte Fischer noch Schach, der Kalte Krieg war im vollen Gange und Fischer der einzige westliche Spieler, der die sowjetische Hegemonie im politisch prestigeträchtigen Schach gefährden konnte. Wie stark Fischer heute ist, weiß man nicht. Die Fotos, die man in Zeitungen und im Internet sieht, zeigen einen korpulenten, gehetzt wirkenden Mann mit wirrem Bart und wirrem Blick, der nicht den Eindruck macht, als könnte er gegen Magnus Carlsen oder Hikaru Nakamura bestehen, geschweige denn gegen Anand, Kramnik oder Kasparov. Von der berühmten Fischer-Aura, die seine Gegner früher so eingeschüchtert hat, ist nichts mehr zu spüren.

Fischers Aura

Wie überwältigend Fischers Ausstrahlung damals war, illustriert ein Zitat aus Mihai Marins schönem Buch Learn from the Legends: Chess Champions at their Best, das vor einigen Wochen auf den Markt kam. Darin untersucht der rumänische Großmeister Stärken und stilistische Eigenheiten berühmter Schachspieler: Rubinsteins Kunst im Turmendspiel, Aljechins Endspiele mit Dame und Turm, Botwinniks präzise Anmerkungen, Tals Spiel mit Turm gegen zwei Figuren, Petrosians Qualitätsopfer, Karpovs Meisterschaft in Endspielen mit ungleichfarbigen Läufern, Fischers Liebe zum Königsläufer und Kortschnois schachliches Denken jenseits aller Schablone.

Auf jeder Seite spürt man Marins Schachleidenschaft, ganz besonders jedoch, wenn er erzählt, wie er sich dem Schach der von ihm verehrten Spieler genähert hat. Über Fischer schreibt er: "1972 war ich sieben Jahre alt und ... der Umstand, dass ich unter dem Zeichen eines solchen herausragenden Ereignisses aufwuchs, war eine sichere Garantie, dass mein gesamtes Leben eng mit dem Schach verbunden sein würde. Wie hätte ich je ernsthaft erwägen sollen, einen anderen Beruf zu ergreifen, nachdem mir eine solch wunderbare Sicht auf das Spitzenschach vergönnt war? ... Leider machte sich wie so oft im Leben auch die Kehrseite der Medaille bemerkbar. Fischers einzigartige Ergebnisse wie auch das Niveau seines Spiels übten später einen lähmenden Einfluss auf mich aus. Schaute ich mir seine Partien an, war ich fest davon überzeugt, dass niemand der Perfektion je wieder so nahe kommen würde. ... Als mir später ... bewusst wurde, wie wichtig das Studium der Klassiker ist ... stand ich vor einem paradoxen psychologischen Problem. Ich konnte die Partien jedes großen Schachspielers der Vergangenheit eingehend studieren, aber Fischer unterzog ich nie einer gründlichen Untersuchung. ... Ich fühlte mich für eine solch gewagte intellektuelle Herausforderung einfach nicht gerüstet." (Mihai Marin, Learn from the Legends: Chess Champions at their Best, Quality Chess, 2004, S. 181-182).

Komplexe Analysen

Robert Hübner hingegen scheint die Scheu vor kritischer Betrachtung großer Spieler fremd zu sein. So war er auch der erste, der Fischers Buch Meine 60 Denkwürdigen Partien, das vielen Schachspielern als Nonplusultra der Analysekunst galt, kritisch unter die Lupe nahm. Das Ergebnis seiner Studien veröffentlichte er auf einer ChessBase-Monographie über Fischer und später dann noch einmal in Buchform unter dem Titel Materialien zu Fischers Partien. Die CD enthält allerdings neben Hübners Analysen noch 936 Fischer-Partien, 462 davon kommentiert, 44 Turnier- und Wettkampfberichte und jede Menge historisches Film- und Fotomaterial.

Hübner kommt zu dem Schluss, dass "Fischer sich bei freiem Figurenspiel besonders wohl fühlt. Hier kann sich seine größte Stärke – Präzision bei der Berechnung konkreter Varianten – am besten entfalten". Dennoch, so Hübner, wird "die Kraft des Angriffs und die Bedeutung der Initiative von Fischer nicht selten überschätzt; dementsprechend unterschätzt er die Verteidigungsmöglichkeiten".

Auf Hübners und anderen Analysen aufbauend rückt jetzt Kasparov, unterstützt von seinem Computer, seinem ehemaligen Trainer Alexander Nikitin und Trainerguru Mark Dvoretsky, Fischers Partien zu Leibe. Von Fischers berühmter Damenopferpartie gegen D. Byrne im Lessing-Rosenwald Turnier in New York 1956 bis zu Partien gegen Spassky aus dem Wettkampf von 1992 unterzieht dieses schlagkräftige Analysequartett charakteristische Partien aus Fischers gesamter Schachlaufbahn einer gründlichen Analyse. Natürlich geht Kasparov dabei auch auf Fischers 60 Denkwürdige ein und wer komplizierte Analysen mag, der wird sich freuen, zu sehen, wie Kasparov Hübners Arbeit aufgreift, würdigt und gelegentlich verbessert.

Einig sind sich Hübner und Kasparov darüber, dass Fischers Gegner es ihm oft zu leicht gemacht haben und heutige Großmeister sich nicht so einfach abfertigen lassen würden. Allerdings erstickt die Fülle der Varianten, mit denen sie diese Ansicht untermauern, oft die Leichtigkeit des Spiels von Fischer, und auch wenn diese Analysen dem schachlichem Erbe des 11. Weltmeisters gerechter werden als unreflektierte Bewunderung, so mildern sie dennoch das Vergnügen, zu sehen, wie Fischer seine Gegner vom Brett fegt.

Biographisches

Auch der biographische Teil fällt nüchtern aus. Sachlich stellt Kasparov bei der Schilderung von Fischers Karriere vom Wunderkind zum exzentrischen Weltmeister, seinem Rückzug vom Schach und seinem kurzen Comeback 1992, Erfolge und Misserfolge gegenüber. Er kommt zu dem Schluss, dass Fischer Ende der sechziger Jahre keineswegs stärker als Spassky war und die Fischer-Legende eigentlich erst in den siebziger Jahren beginnt. Tatsächlich führt Kasparov Fischers Rückzug vom Interzonenturnier in Sousse 1967 auf die Angst des Amerikaners vor einem Kandidatenwettkampf gegen Spassky zurück.

Auch in einem nie zustande gekommenen Wettkampf gegen Karpov bewertet Kasparov die Chancen Karpovs als höher: "Ich habe das Gefühl, Karpov hätte tatsächlich gute Chancen gehabt zu gewinnen. ... Wie hätte es [Fischer] denn tatsächlich schaffen können, Karpov zu überwältigen? Schließlich gewann Fischer oft, indem er offensichtliche Fehler seiner Gegner ausnutzte, aber solche Fehler waren untypisch für Karpov und bei ihm hätte ein solches Spiel keinen Erfolg gehabt. Bereits in seiner Jugend stellte er seine Gegner vor Probleme und die Größe dieser Probleme hätte für den Amerikaner unerträglich sein können. ... Mir scheint, als ob Fischer einfach nicht wusste, wie er gegen Karpov kämpfen sollte" (S. 474).

Für Kasparov liegt Fischers größte Leistung darin, dass Fischer das Schach professionalisiert hat. "Er war der erste wirkliche Schachprofi! Ich möchte seine Vorgänger nicht als Amateure bezeichnen, aber im sowjetischen Schach mit seiner staatlichen Förderung herrschte der Geist des Kollektivismus, während Fischer die Grundlage für einen individuellen Professionalismus legte." (S.206) Aber dieser Professionalismus, so Kasparov, hätte es ihm in einem Kampf gegen Karpov schwer gemacht, "da er es mit jemandem zu tun gehabt hätte, der die Früchte von [Fischers] Revolution geerntet hatte. ... [Fischer] selbst trat die Lawine los – und sie vernichtete ihn...." (S.206-207).

Eine Überraschung zum Schluss

Kasparovs Fazit lautet, dass Fischers Talent größer war als seine Persönlichkeit, und dass er unter dem von ihm geschaffenen Druck am Ende zerbrach. So bedauert Kasparov, dass Fischer nach seinem Sieg in Reykjavik durch "extreme Egozentrik, Infantilismus und eine Entrücktheit vom wirklichen Leben" (S.470) die Chance nicht genutzt hat, Schach in großem Stil zu fördern, Sponsoren zu gewinnen und das Spiel populär zu machen.

Aber so faszinierend Kasparovs Ausführungen über Fischer auch sind, so erklären sie doch nicht, warum Fischer zu seiner Zeit eine solche Begeisterung und Euphorie für das Schach ausgelöst hat. Und so gut es ist, dass Kasparov die Beschäftigung mit dem schachlichen Erbe Fischers auf eine sachliche Grundlage stellt, so wird er dem Mythos Fischer durch diese nüchterne Darstellung doch nicht ganz gerecht. Aber immerhin wartet nach aller Kritik an dem legendären Amerikaner gut versteckt am Ende des Buches noch eine Überraschung auf den Fischer-Fan. Kasparov schreibt: "Viele halten Robert Fischer für den besten Schachspieler des 20. Jahrhunderts" und konzediert bescheiden: "Möglicherweise ist das so" (S.490).

Garry Kasparov, My Great Predecessors, Part IV, Everyman 2004, 496 S., 39,40€.
Mihai Marin, Learn from the Legends, Quality Chess 2004, 312 S., 26,99€.
Robert Hübner, Weltmeister Fischer, ChessBase CD, Hamburg 2003, 29,99€.
Robert Hübner, Materialien zu Fischers Partien, Rattmann 2004, 334 S., gebunden, 21,90€.


Hanon Russell spricht mit Kasparov über Band IV der Predecessors....
Webseite, die Kasparovs Predecessors Projekt gewidmet ist...

 

 

 

 



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