Carlsen vs.NFS

von André Schulz
25.06.2019 – Der Norwegische Schachbund steht vor einer Zerreißprobe. Der in Malta registrierte Wettanbieter Kindred hat dem Verband einen Sponsorenvertrag über fünf Millionen Euro angeboten. Der Verband will am 7. Juli darüber abstimmen. Carlsen ist dafür und hat jetzt einen Schachklub gegründet, um die Abstimmung in seinem Sinne zu beeinflussen.

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Carlsen gründet eigenen Schachklub

Die Gespräche über ein mögliches Sponsorship des Wettanbieters Kindred für den Norwegischen Schachverband laufen wohl schon seit einiger Zeit und könnten nun zum Abschluss gebracht werden, wenn die Mitglieder des Norges Sjakkforbund (NSF) sich dafür aussprechen. Dann erhielte der Verband insgesamt 5 Mio. Euro, verteilt auf fünf Jahre. 

Im Norwegischen Verband herrscht allerdings Uneinigkeit darüber, ob es koscher ist, dieses Angebot anzunehmen. Der Norwegische Verband soll sich nämlich in Lobbyarbeit dafür einsetzen, dass das Glückspielmonopol von Norsk Tipping in Norwegen aufgehoben und der Markt für andere Wettanbieter geöffnet wird. Die Norwegische "Lotterie- und Stiftungsaufsicht" hat den Schachverband einem Schreiben davor gewarnt, den Vertrag abzuschließen.

Magnus Carlsen ist jedoch dafür, das Angebot anzunehmen. Er argumentiert, dass mit dem Geld das Schach in Norwegen einen deutlichen Aufschwung erfahren würde. Im Hintergrund steht vielleicht aber auch die Idee, dass die Durchführung der nächsten Weltmeisterschaft damit besser finanziert werden könnte.

Zwischen den Organisatoren in Stavanger und der FIDE hat es schon in der Vergangenheit Gespräche über einen möglichen Weltmeisterschaftskampf im Heimatland es Weltmeisters gegeben, am wahrscheinlichsten in Stavanger. Allerdings wurden die Gespräche seinerzeit wegen, so hörte man, zu hoher "Nebenkosten", abgebrochen. Die inzwischen abgelöste FIDE-Führung verlangte, dass eine Menge Funktionäre auf Kosten des Veranstalters eingeladen, unterbracht, verköstigt und herumkutschiert werden sollten. Möglicherweise ist die neue FIDE-Führung in dieser Hinsicht leichter zu handlen. 

Trotzdem werden die Organisationskosten für einen Weltmeisterschaftskampf immer noch mit ca. 5 Mio Euro veranschlagt. Und nachdem Worldchess/Agon praktisch die Rechte an der Vermarktung der Weltmeisterschaften mehr oder weniger wieder abgegeben hat, sind die Organisatoren vor Ort jetzt wieder alleine dafür verantwortlich, die Kosten für die Organisation und den Preisfonds aufzubieten. Der Österreichische Schachbund, der den nächsten WM-Kampf gerne anlässlich seines 100 jährigen Bestehens durchgeführt hätte, ist deshalb ausgestiegen.

Aus dem Umfeld von Magnus Carlsen war zuletzt zu hören, dass man mit den Preisbörsen, die bei den letzten beiden WM-Kämpfen ausgelobt wurden, nicht wirklich zufrieden war. Tatsächlich wurde nur die garantierte Summe von 1 Mio Euro für beide Spieler angeboten. Frühere Preisbörsen für Schachweltmeisterschaftskämpfe lagen da deutlich höher. Der Geldsegen von Kindred könnte also auch helfen die Kampfbörse für den nächsten WM-Kampf zu erhöhen.

Magnus Carlsen greift nun selber massiv in die Abstimmung ein, indem er einen eigenen Schachklub gegründet hat und hofft, noch vor der Abstimmung 1000 Mitglieder zusammen zu bekommen - die ersten 1000 Mitglieder brauchen keinen Beitrag zu bezahlen. Mit diesen 1000 Mitgliedern wäre der Carlsen-Club nicht nur der mit Abstand größte Schachverein in Norwegen, ihm würden auch 40 Stimmen für die Abstimmung am 7. Juli zugestanden. Der ganze norwegische Verband hat insgesamt nur 4000 Mitglieder. Ganz billig kommt das den neuen Schachklub allerdings nicht, denn er muss für die 1000 Mitglieder trotzdem die Jahresgebühren an den Verband (500 Kronen) abführen. Das wären also 500.000 Kronen, fast 60.000 Euro.

Auf der Websseite des "Offerspill Sjakklub established 2019" wirbt Carlsen selber im Video für den Beitritt und erläutert die Motive der Aktion.

 

 

Artikel bei NRK...

Norwegischer Schachbund bei Facebook...

 



Themen: Schachpolitik

André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
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Verges Verges 27.06.2019 01:11
Magnus ist der beste Schachspieler auf diesem Planeten und so stark wie eine Deep Learning-Maschine mit TPUs der 6. Generation nach 5 Minuten Selbstlernen im Jahre 2025 ;-)
Schon interessant, wenn man bedenkt dass frühere Großmeister und Gelehrte über die unendliche Kreativität des menschlichen Geistes schwadroniert haben und selbst namhafte Menschen mal meinten, ein Computer würde niemals einen Menschen schlagen. Das einzige was uns hervorhebt, ist und bleibt das Bewusstsein.
Carlsen hat recht, Zeit alte Strukturen aufzubrechen. Klar will die Norsk Tipping ihr Monopol verteidigen. Das zum Schaden der Glücksspieler, die wegen fehlender Konkurrenz schlechtere Quoten erhalten.
wok wok 26.06.2019 10:24
Er ist halt ein schlaues und geschäftstüchtiges Kerlchen. 60 T€ zu investieren, um einen erheblichen Anteil der 5 Mio. € abzusahnen ist keine große Überlegung wert, wenn man keine Skrupel hat.
rollinghills rollinghills 26.06.2019 04:21
Eine Lücke im Reglement, die der norwegische Schachbund hoffentlich noch rechtzeitig beseitigen kann. Was Carlsen da macht zeigt mal wieder, was für eine Art von Mensch er ist.
Herbert Christmann Herbert Christmann 26.06.2019 02:22
Normalerweise stimme ich dem DoktorM nicht zu, DoktorM ist mir oft zu negativ eingestellt.
Aber hier hat er vollkommen recht.
So wie der Artikel sich liest, geht es dem Weltmeister -hoher Wahrscheinlichkeit nach- um sein eigenes Interesse.

Was soll das, demokratische Regeln aushebeln, um in die eigene Tasche zu wirtschaften.
Ich hoffe, dass der Plan nicht aufgeht.
DoktorM DoktorM 26.06.2019 02:05
Und auf einmal wird Carlsen noch ein großes Stück unsympathischer. Es gibt Dinge, die macht man einfach nicht.
Umumba Umumba 26.06.2019 11:41
Demokratische Abstimmungen (wie die im Norwegischen Schachverband) zu kaufen zu versuchen, ist irgendwie nicht so cool. :/
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