Das 3. CSS/PAL Freistilturnier: Ergebnisse der Qualifikation

03.07.2006 – Trotz sommerlicher Temperaturen und trotz Fußball-WM meldeten sich erneut über 100 Spieler aus aller Welt zum 3. PAL/CSS-Freistilturnier, das am vorletzten Wochenende mit Stichkämpfen für das Finale am 14.-16. Juli zu Ende ging. Rund 20 Titelträger lockte die spätere Aussicht auf einen der drei Geldpreise in Höhe von 8.000, 4.000 und 2.000 US-Dollar. Doch obwohl die Bedenkzeit für das Online-Turnier mit 60 Minuten pro Spieler und 15 Sekunden Bonus pro Zug diesmal menschenfreundlicher war, schaffte es am Ende wieder kaum einer der Elo-Favoriten, darunter einige gestandene Großmeister, sich gegen die Spezialisten des computergestützten Schachs durchzusetzen. Der Berliner Computerschachexperte und Fernschach-GM Arno Nickel hat näher hingeschaut und selbst teilgenommen. Hier sein Bericht. Mehr...

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Wer wird der nächste Freestyle Champion?
Die acht Finalisten für Juli stehen fest
Von Arno Nickel
 

Die Finalisten

Bereits am 16.-18. Juni hatten sich die ersten Vier des Hauptturniers qualifiziert: 1.-2. RAJLICH, das Team des bekannten Rybka-Programmierers Vasik Rajlich, und INTAGRAND, ein Engine-Spieler unter englischer Flagge, mit je 6,5 aus 8, gefolgt von 3.-4. JAZZLED (USA) und CAMPOLUNGO (Niederlande), je 6 Punkte. Zwölf Spieler mit 5,5 Punkten mussten am 24.-25. Juni in die K.o.-Stichkämpfe, unter ihnen GM Tony Kosten (mit Hiarcs) und Freestyle-Champion Zorchamp (mit Hydra), aber auch drei reine Rybka-Engines. Doch keiner der Genannten stand am Ende, aus ganz unterschiedlichen Gründen, auf der Liste fürs Finale. Statt dessen hießen die Tie-break-Sieger POWERONOFF (Deutschland), EMILV (Tschechien), ALANSACOUNT (USA) und HEDGEHOG (Schweiz). Ist das Freistil-Schach zu einer Beute der „no names“ geworden?

Sind die „no names“ auf dem Vormarsch?

Der Eindruck trügt. Zum Team RAJLICH, der selbst IM ist, gehört, wie berichtet, der russisch-polnische GM Michal Krassenkow (re.). Auch bei anderen qualifizierten Teams gibt es Hinweise auf Beteiligung von Schachmeistern, doch wollen wir hier noch nicht zuviel verraten, denn die Freestyle Teams sind nicht verpflichtet, ihre wahre oder volle Identität preiszugeben, und es gehört zu den Regeln des Freestylings, dass „alles erlaubt“ ist. Allerdings ist es ebenso guter Brauch, dass die Sieger nach dem Turnier über ihr Spiel und über ihr Team berichten. Geben wir ihnen also Gelegenheit, dies nach dem Finale selbst zu tun, bevor wir hier zur „Enthüllung“ schreiten...

Der Eindruck trügt auch deshalb, weil TONY KOSTEN (li. unten), der ein gutes Turnier spielte und im Tie-break mit 1-0 gegen GOLDBAR (Rybka 2.0, Bart Goldhorn) in Führung ging, aus Termingründen den Stichkampf nicht selbst zu Ende spielen konnte. Er hatte eine Turnierverpflichtung in der Schweiz, so dass Harvey Williamson, Beta-Tester von Hiarcs, die nachfolgenden zwei Partien allein bestreiten musste und dabei leider scheiterte. Natürlich ist seinem Gegner, dem Holländer Bart Goldhorn der Erfolg zu gönnen, doch das Finale würde sicherlich noch interessanter, wenn Hiarcs dort, zumal unter der Regie eines Großmeisters, vertreten wäre. Hoffen wir aufs nächste Mal...

Alle jene, die Hydras Teilnahme an den Tie-breaks mit großem Interesse erwarteten, sahen sich enttäuscht, als Zorchamp, der sich auf seiner privaten Website zorchamp.com als begeisterter Freestyler präsentiert, überraschend nicht antrat. Bislang ist nicht bekannt, warum das Team des Sponsors aus den Vereinigten Arabischen Emiraten zurückzog, ob es terminliche oder andere Umstände waren. Wir hoffen, dies in einem späteren Bericht aufhellen zu können. Fakt ist jedoch, dass nun eine weitere markante Facette im Finale fehlen wird.

Harte Zeiten für die reinen Engines

Wie es derzeit aussieht, hat sich andererseits aber keine reine Engine qualifiziert (wie noch beim vorigen Turnier), sondern es handelt sich ausnahmslos um Zentaur-Spieler. Bei einem Anteil von ca. 30 automatisch eingesetzten Engines, zumeist verschiedene Rybka-Versionen (diesmal sogar in Dual-Versionen und teilweise mit 64bit Struktur), nur vereinzelt Shredder 10, Fritz, Fruit und Gandalf, war das nicht ohne weiteres zu erwarten gewesen. In der Abschlusstabelle auf playchess.com stand zwar hinter dem Servernamen des Viertplatzierten Campolungo „Rybka 2.0 beta 2 mp“, doch hat Campolungo nur in der ersten Runde die Engine allein spielen lassen, damit er sich das Fußballspiel Holland–Elfenbeinküste anschauen konnte. Tatsächlich verbirgt sich hinter dem Pseudonym ein starker Fernschachspieler, der vorhat, sich später selbst noch zu outen. Drei reine Engine- und Rybka-Spieler sind sind immerhin bis in die Stichkämpfen vorgedrungen, aber dort gescheitert (siehe unten). Damit hat Patrik Schoupal, der diesmal mit seinem Team Equidistance das Finale nach aussichtsreichem Start verpasste, Recht behalten, denn er hatte vor dem Turnier prognostiziert, es werde sich wegen der längeren Bedenkzeit maximal eine allein spielende Engine qualifizieren. Doch war die Entscheidung denkbar knapp, es hätte auch anders kommen können.

Die Stichkämpfe

Hier die Ergebnisse der Stichkämpfe, wobei die kursiv markierten Rybka-Engines diesmal aus technischen Gründen (es kam zuvor wiederholt zu Programmabstürzen) nicht vollautomatisch spielten, sondern die Züge per Hand eingegeben wurden.

1. Runde:

EL SHADDAI vs PAKman 2:0

Tony Kosten vs Goldbar 1:2

Hedgehog vs Ciron-Randori 1,5:0,5

Bychamp II vs Zor_champ +:-

2. Runde

Poweronoff vs Bychamp II 1,5:0,5

Eve®est vs Hedgehog 0,5:1,5

EmilV vs Goldbar 1,5:0,5

Alansacount vs EL SHADDAI 2:1

Ein Wort zum Stichkampfmodus. Die Stichkämpfe bestanden aus zwei Matchrunden. In der ersten Runde hatten die Plätze 5 bis 8 aus dem Hauptturnier ein Freilos. Sie spielten in der zweiten Runde gegen die vier Sieger aus den Stichkampfduellen von Platz 9 bis 16. Gespielt wurden Minimatchs über zwei normale Partien mit 60 Minuten pro Spieler und einem Zeitbonus von 15 Sekunden je Zug (9 gegen 16, 10 gegen 15 usw.). Im Falle eines Unentschiedens wurde eine weitere Partie angesetzt, in der Weiß (der höher gesetzte Spieler) gewinnen musste, während Schwarz mit 15 Minuten weniger auf der Uhr ein Remis zum Weiterkommen reichte. Zu dieser dritten Partie ist es in den acht Stichkämpfen nur in zwei Fällen gekommen, einmal gewann Weiß, ein anderes Mal Schwarz. Dieser Modus stellte eine deutliche Verbesserung gegenüber dem vorangegangenen Turnier da, als die Stichkämpfe mit wesentlich kürzeren Bedenkzeiten (dafür aber mehr Partien) ausgetragen worden waren und damit die reinen Engine-Spieler bevorteilt hatten. Noch besser wäre es natürlich, ganz ohne Stichkämpfe auskommen zu können, doch erscheint dies im Zweifelsfall sportlicher als Qualifikationsplätze nach der Buchholz-Wertung zu vergeben.

Zum Turnierverlauf

Der Turnierverlauf selbst stand im Zeichen eines zähen Ringens mehrerer Spieler bzw. Teams, die den besten Start erreichten und ihren Punktevorsprung mehr oder weniger sicher über die Runden brachten. So konnten sich Rajlich (ein tschechisch-polnisches Team) und Jazzled (USA) in der letzten Runde gegeneinander mit einem Remis begnügen, während Poweronoff (Deutschland) seine bis dahin sichere Position durch eine Niederlage gegen Intagrand (England) einbüßte und sich erst noch im Stichkampf gegen Bychamp II (Brasilien) beweisen musste.

Ein Start nach Maß mit einem Hattrick gelang ebenfalls dem schon von früheren Turnieren bekannten Team Eve®est (Türkei), doch das Aus folgte in den Stichkämpfen gegen Hedgehog (Schweiz). Wer sich hinter dem siegreichen „Igel“ versteckt, dürfte eine der spannenden Fragen des Finales werden, zumal auch mein eigenes Team Ciron-Randori im Stichkampf die scharfe Klinge dieses Meisters zu spüren bekam. Allerdings machten wir auch eine andere wichtige Erfahrung: Im Team zu spielen, ist nicht unbedingt effektiver als allein zu spielen. Nur bei einer strikten Aufgabenteilung macht es wirklich Sinn, und gerade daran haperte es bei uns diesmal ausgerechnet in den Stichkämpfen. Das nächste Mal wird man wohl Ciron, meine Wenigkeit, und Randori alias Silvo Lahtela, wieder getrennt am Start sehen, wenngleich wir das Ereignis gemeinsam, das heißt am selbem PC-Standort, genießen wollen.

Einen hervorragenden Start legte ebenfalls der englische GM Tony Kosten mit 3,5 aus 4 hin, bis ihm in der 5. Runde Rajlich gegen seinen b3-Sizilianer eine empfindliche Niederlage beifügte, ansonsten hätte er die Qualifikation gut unter Auslassung der Stichkämpfe schaffen können. Dies war von Anfang an nicht das Turnier des Freestyle Champions Zorchamp, der nach einem Auftaktsieg eine Durststrecke von fünf Remisen zu beklagen hatte, bevor ihm mit hängender Zunge der Anschluss an das Führungsrudel gelang. Ein überaus solides und letztlich erfolgreiches Turnier gelang dem Tschechen EmilV, was nicht als „Emil der Fünfte“ zu lesen ist, sondern für den Namen Vlasak Emil steht. Seinem account kann man entnehmen, dass er ein ganz ordentlicher Blitzspieler ist. Jedenfalls war er schon früher durch gute Platzierungen aufgefallen, und diesmal ist der Knoten endlich geplatzt und damit vertritt er diesmal die tschechischen Farben anstelle von Equidistance, mit denen er befreundet ist – ein kleiner Trost für letztere!

Der mexikanische FIDE-Meister Abel Davalos unter dem Servernamen Abeljusto hat wieder einen undankbaren Platz in Lauerstellung zum Vorderfeld. Vielleicht beim nächsten Mal... Neben ihm finden sich mit Noritano und Stabiloboss zwei bekannte mehrfache deutsche Fernschach-IMs, Dieter Gutsche und Dr. Matthias Kribben. Sie sind beileibe nicht die einzigen Fernschachspieler im weiten Feld, wo schon traditionsgemäß auch Ex-Weltmeister und FIDE-IM Michail Umanski zu finden ist, wie immer als verwegener Advanced Chess Spieler mit der nicht allerstärksten Hardware. Interessanterweise hatte sich auch ein weiterer deutscher Weltklasse-Fernschächer erstmals unter die Freestyler begeben, doch wollen wir ihm auch für zukünftige Turniere Gelegenheit geben zu „wildern“, bevor seine Identität eventuell gelüftet wird. Es gelang ihm noch nicht der Sprung ins Finale.

Mit offenem Visier kämpfte, wie gehabt, der tschechische GM Petr Hába, der nur gegen Alansacount in der 3. Runde den kürzeren zog und die Stichkämpfe knapp verpasste. Bei ansteigender Tendenz sollte er es vielleicht nächstes Mal schaffen.

Erstmals dabei war der israelische GM Arthur Kogan, der das Turnier recht kämpferisch durchzog und erst in der 6. Runde seine Hoffnungen auf das Finale durch eine Niederlage gegen Zorchamp (Hydra) begraben musste. Verstärkte Präsenz zeigte diesmal der indische Weltklasse-GM Krishnan Sasikiran (Elo 2692), der zwar wiederum nicht das ganze Turnier durchspielte, aber immerhin sechs Partien absolvierte. Seine arithmetische Reihe von 0, 0, 1, 1, 0, 0 hätte er ruhig noch weiter fortsetzen können...

Weitere bekannte Namen und Titelträger finden sich im Feld, worin sich schon ein gutes Stück Kontinuität und wachsende Bekanntheit des Freestylings widerspiegelt.

Verbindungsabbrüche

Die Bedenkzeit-Regelungen wurden allgemein für gut befunden und werden sicherlich auch beim nächsten, dem 4. PAL/CSS-Freistilturnier im Herbst (Termin noch nicht bekannt) Anwendung finden. Ein großes Problem für manche Teams sind noch Verbindungsabbrüche. Wenn sie über die neueste Server-Software verfügen, lässt sich die Partie in der Regel automatisch wieder starten. Im Falle älterer Versionen muss jedoch der Turnierleiter die Partien quasi von Hand wieder starten, was sowohl zeitaufwendig ist als auch allerhand Nerven kostet, da es manchmal mit vielen Fehlversuchen „bestraft“ wird. Deshalb jetzt schon der Rat an die passionierten Freestyler: Legt euch jeweils die neueste Version von playchess.com zu, damit es nicht zu solchen Problemen kommt. Zuletzt wurde seitens der Turnierleitung angedroht, künftig prinzipiell keine Partien mehr von Hand zu starten, sondern den Verursacher quasi zu nullen. Ich werde diesen sensiblen Punkt noch einmal speziell nachfragen und in einem künftigen Artikel für hoffentlich endgültige Klarheit sorgen. Denkbar wäre es auch, solche und beliebige andere Fragen in einem Freestyle-Newsletter zu behandeln. Falls daran Interesse besteht, bitte eine e-mail-Adresse an arnonickel@web.de senden.

Ausblick

Es gibt weitere Ideen zur Verbesserung der Turnierregeln und des Turniermodus, doch warten wir zunächst den Ausgang der Finalrunde vom 14. bis 16. Juli ab. Wenn man von einem Favoriten sprechen kann, dann ist es sicherlich das Rajlich Team. Doch dürfte der Ausgang wie beim ersten Finale im April wieder hart umkämpft sein und erst in der letzten Runde entschieden werden.
 

Abschlusstabelle...

Partien zum Download...

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