Wer wird der nächste Freestyle Champion?
Die acht Finalisten für Juli stehen fest
Von Arno Nickel
Die Finalisten
Bereits am 16.-18. Juni hatten sich die ersten Vier des Hauptturniers
qualifiziert: 1.-2. RAJLICH, das Team des bekannten Rybka-Programmierers Vasik
Rajlich, und INTAGRAND, ein Engine-Spieler unter englischer Flagge, mit je 6,5
aus 8, gefolgt von 3.-4. JAZZLED (USA) und CAMPOLUNGO (Niederlande), je 6
Punkte. Zwölf Spieler mit 5,5 Punkten mussten am 24.-25. Juni in die
K.o.-Stichkämpfe, unter ihnen GM Tony Kosten (mit Hiarcs) und Freestyle-Champion
Zorchamp (mit Hydra), aber auch drei reine Rybka-Engines. Doch keiner der
Genannten stand am Ende, aus ganz unterschiedlichen Gründen, auf der Liste fürs
Finale. Statt dessen hießen die Tie-break-Sieger POWERONOFF (Deutschland), EMILV
(Tschechien), ALANSACOUNT (USA) und HEDGEHOG (Schweiz). Ist das Freistil-Schach
zu einer Beute der „no names“ geworden?
Sind die „no names“ auf dem Vormarsch?
Der Eindruck trügt. Zum Team RAJLICH, der selbst IM ist, gehört, wie
berichtet, der russisch-polnische GM Michal Krassenkow (re.). Auch bei anderen
qualifizierten Teams gibt es Hinweise auf Beteiligung von Schachmeistern, doch
wollen wir hier noch nicht zuviel verraten, denn die Freestyle Teams sind nicht
verpflichtet, ihre wahre oder volle Identität preiszugeben, und es gehört zu den
Regeln des Freestylings, dass „alles erlaubt“ ist. Allerdings ist es ebenso
guter Brauch, dass die Sieger nach dem Turnier über ihr Spiel und über ihr Team
berichten. Geben wir ihnen also Gelegenheit, dies nach dem Finale selbst zu tun,
bevor wir hier zur „Enthüllung“ schreiten...
Der Eindruck trügt auch deshalb, weil TONY KOSTEN (li. unten), der ein gutes Turnier
spielte und im Tie-break mit 1-0 gegen GOLDBAR (Rybka 2.0, Bart Goldhorn) in
Führung ging, aus Termingründen den Stichkampf nicht selbst zu Ende spielen
konnte. Er hatte eine Turnierverpflichtung in der Schweiz, so dass Harvey
Williamson, Beta-Tester von Hiarcs, die nachfolgenden zwei Partien allein
bestreiten musste und dabei leider scheiterte. Natürlich ist seinem Gegner, dem
Holländer Bart Goldhorn der Erfolg zu gönnen, doch das Finale würde sicherlich
noch interessanter, wenn Hiarcs dort, zumal unter der Regie eines Großmeisters,
vertreten wäre. Hoffen wir aufs nächste Mal...
Alle jene, die Hydras Teilnahme an den Tie-breaks mit großem Interesse
erwarteten, sahen sich enttäuscht, als Zorchamp, der sich auf seiner privaten
Website zorchamp.com als begeisterter Freestyler präsentiert, überraschend nicht
antrat. Bislang ist nicht bekannt, warum das Team des Sponsors aus den
Vereinigten Arabischen Emiraten zurückzog, ob es terminliche oder andere
Umstände waren. Wir hoffen, dies in einem späteren Bericht aufhellen zu können.
Fakt ist jedoch, dass nun eine weitere markante Facette im Finale fehlen wird.
Harte Zeiten für die reinen Engines
Wie es derzeit aussieht, hat sich andererseits aber keine reine Engine
qualifiziert (wie noch beim vorigen Turnier), sondern es handelt sich
ausnahmslos um Zentaur-Spieler. Bei einem Anteil von ca. 30 automatisch
eingesetzten Engines, zumeist verschiedene Rybka-Versionen (diesmal sogar in
Dual-Versionen und teilweise mit 64bit Struktur), nur vereinzelt Shredder 10,
Fritz, Fruit und Gandalf, war das nicht ohne weiteres zu erwarten gewesen. In
der Abschlusstabelle auf playchess.com stand zwar hinter dem Servernamen des
Viertplatzierten Campolungo „Rybka 2.0 beta 2 mp“, doch hat Campolungo nur in
der ersten Runde die Engine allein spielen lassen, damit er sich das
Fußballspiel Holland–Elfenbeinküste anschauen konnte. Tatsächlich verbirgt sich
hinter dem Pseudonym ein starker Fernschachspieler, der vorhat, sich später
selbst noch zu outen. Drei reine Engine- und Rybka-Spieler sind sind immerhin
bis in die Stichkämpfen vorgedrungen, aber dort gescheitert (siehe unten). Damit
hat Patrik Schoupal, der diesmal mit seinem Team Equidistance das Finale nach
aussichtsreichem Start verpasste, Recht behalten, denn er hatte vor dem Turnier
prognostiziert, es werde sich wegen der längeren Bedenkzeit maximal eine allein
spielende Engine qualifizieren. Doch war die Entscheidung denkbar knapp, es
hätte auch anders kommen können.
Die Stichkämpfe
Hier die Ergebnisse der Stichkämpfe, wobei die kursiv markierten
Rybka-Engines diesmal aus technischen Gründen (es kam zuvor wiederholt zu
Programmabstürzen) nicht vollautomatisch spielten, sondern die Züge per Hand
eingegeben wurden.
1. Runde:
EL SHADDAI vs PAKman 2:0
Tony Kosten vs Goldbar 1:2
Hedgehog vs Ciron-Randori 1,5:0,5
Bychamp II vs Zor_champ +:-
2. Runde
Poweronoff vs Bychamp II 1,5:0,5
Eve®est vs Hedgehog 0,5:1,5
EmilV vs Goldbar 1,5:0,5
Alansacount vs EL SHADDAI 2:1
Ein Wort zum Stichkampfmodus. Die Stichkämpfe bestanden aus zwei Matchrunden.
In der ersten Runde hatten die Plätze 5 bis 8 aus dem Hauptturnier ein Freilos.
Sie spielten in der zweiten Runde gegen die vier Sieger aus den
Stichkampfduellen von Platz 9 bis 16. Gespielt wurden Minimatchs über zwei
normale Partien mit 60 Minuten pro Spieler und einem Zeitbonus von 15 Sekunden
je Zug (9 gegen 16, 10 gegen 15 usw.). Im Falle eines Unentschiedens wurde eine
weitere Partie angesetzt, in der Weiß (der höher gesetzte Spieler) gewinnen
musste, während Schwarz mit 15 Minuten weniger auf der Uhr ein Remis zum
Weiterkommen reichte. Zu dieser dritten Partie ist es in den acht Stichkämpfen
nur in zwei Fällen gekommen, einmal gewann Weiß, ein anderes Mal Schwarz. Dieser
Modus stellte eine deutliche Verbesserung gegenüber dem vorangegangenen Turnier
da, als die Stichkämpfe mit wesentlich kürzeren Bedenkzeiten (dafür aber mehr
Partien) ausgetragen worden waren und damit die reinen Engine-Spieler bevorteilt
hatten. Noch besser wäre es natürlich, ganz ohne Stichkämpfe auskommen zu
können, doch erscheint dies im Zweifelsfall sportlicher als Qualifikationsplätze
nach der Buchholz-Wertung zu vergeben.
Zum Turnierverlauf
Der Turnierverlauf selbst stand im Zeichen eines zähen Ringens mehrerer
Spieler bzw. Teams, die den besten Start erreichten und ihren Punktevorsprung
mehr oder weniger sicher über die Runden brachten. So konnten sich Rajlich (ein
tschechisch-polnisches Team) und Jazzled (USA) in der letzten Runde
gegeneinander mit einem Remis begnügen, während Poweronoff (Deutschland) seine
bis dahin sichere Position durch eine Niederlage gegen Intagrand (England)
einbüßte und sich erst noch im Stichkampf gegen Bychamp II (Brasilien) beweisen
musste.
Ein Start nach Maß mit einem Hattrick gelang ebenfalls dem schon von früheren
Turnieren bekannten Team Eve®est (Türkei), doch das Aus folgte in den
Stichkämpfen gegen Hedgehog (Schweiz). Wer sich hinter dem siegreichen „Igel“
versteckt, dürfte eine der spannenden Fragen des Finales werden, zumal auch mein
eigenes Team Ciron-Randori im Stichkampf die scharfe Klinge dieses Meisters zu
spüren bekam. Allerdings machten wir auch eine andere wichtige Erfahrung: Im
Team zu spielen, ist nicht unbedingt effektiver als allein zu spielen. Nur bei
einer strikten Aufgabenteilung macht es wirklich Sinn, und gerade daran haperte
es bei uns diesmal ausgerechnet in den Stichkämpfen. Das nächste Mal wird man
wohl Ciron, meine Wenigkeit, und Randori alias Silvo Lahtela, wieder getrennt am
Start sehen, wenngleich wir das Ereignis gemeinsam, das heißt am selbem
PC-Standort, genießen wollen.
Einen hervorragenden Start legte ebenfalls der englische GM Tony Kosten mit
3,5 aus 4 hin, bis ihm in der 5. Runde Rajlich gegen seinen b3-Sizilianer eine
empfindliche Niederlage beifügte, ansonsten hätte er die Qualifikation gut unter
Auslassung der Stichkämpfe schaffen können. Dies war von Anfang an nicht das
Turnier des Freestyle Champions Zorchamp, der nach einem Auftaktsieg eine
Durststrecke von fünf Remisen zu beklagen hatte, bevor ihm mit hängender Zunge
der Anschluss an das Führungsrudel gelang. Ein überaus solides und letztlich
erfolgreiches Turnier gelang dem Tschechen EmilV, was nicht als „Emil der
Fünfte“ zu lesen ist, sondern für den Namen Vlasak Emil steht. Seinem account
kann man entnehmen, dass er ein ganz ordentlicher Blitzspieler ist. Jedenfalls
war er schon früher durch gute Platzierungen aufgefallen, und diesmal ist der
Knoten endlich geplatzt und damit vertritt er diesmal die tschechischen Farben
anstelle von Equidistance, mit denen er befreundet ist – ein kleiner Trost für
letztere!
Der mexikanische FIDE-Meister Abel Davalos unter dem Servernamen Abeljusto
hat wieder einen undankbaren Platz in Lauerstellung zum Vorderfeld. Vielleicht
beim nächsten Mal... Neben ihm finden sich mit Noritano und Stabiloboss zwei
bekannte mehrfache deutsche Fernschach-IMs, Dieter Gutsche und Dr. Matthias
Kribben. Sie sind beileibe nicht die einzigen Fernschachspieler im weiten Feld,
wo schon traditionsgemäß auch Ex-Weltmeister und FIDE-IM Michail Umanski zu
finden ist, wie immer als verwegener Advanced Chess Spieler mit der nicht
allerstärksten Hardware. Interessanterweise hatte sich auch ein weiterer
deutscher Weltklasse-Fernschächer erstmals unter die Freestyler begeben, doch
wollen wir ihm auch für zukünftige Turniere Gelegenheit geben zu „wildern“,
bevor seine Identität eventuell gelüftet wird. Es gelang ihm noch nicht der
Sprung ins Finale.
Mit offenem Visier kämpfte, wie gehabt, der tschechische GM Petr Hába, der
nur gegen Alansacount in der 3. Runde den kürzeren zog und die Stichkämpfe knapp
verpasste. Bei ansteigender Tendenz sollte er es vielleicht nächstes Mal
schaffen.
Erstmals dabei war der israelische GM Arthur Kogan, der das Turnier recht
kämpferisch durchzog und erst in der 6. Runde seine Hoffnungen auf das Finale
durch eine Niederlage gegen Zorchamp (Hydra) begraben musste. Verstärkte Präsenz
zeigte diesmal der indische Weltklasse-GM Krishnan Sasikiran (Elo 2692), der
zwar wiederum nicht das ganze Turnier durchspielte, aber immerhin sechs Partien
absolvierte. Seine arithmetische Reihe von 0, 0, 1, 1, 0, 0 hätte er ruhig noch
weiter fortsetzen können...
Weitere bekannte Namen und Titelträger finden sich im Feld, worin sich schon
ein gutes Stück Kontinuität und wachsende Bekanntheit des Freestylings
widerspiegelt.

Verbindungsabbrüche
Die Bedenkzeit-Regelungen wurden allgemein für gut befunden und werden
sicherlich auch beim nächsten, dem 4. PAL/CSS-Freistilturnier im Herbst (Termin
noch nicht bekannt) Anwendung finden. Ein großes Problem für manche Teams sind
noch Verbindungsabbrüche. Wenn sie über die neueste Server-Software verfügen,
lässt sich die Partie in der Regel automatisch wieder starten. Im Falle älterer
Versionen muss jedoch der Turnierleiter die Partien quasi von Hand wieder
starten, was sowohl zeitaufwendig ist als auch allerhand Nerven kostet, da es
manchmal mit vielen Fehlversuchen „bestraft“ wird. Deshalb jetzt schon der Rat
an die passionierten Freestyler: Legt euch jeweils die neueste Version von
playchess.com zu, damit es nicht zu solchen Problemen kommt. Zuletzt wurde
seitens der Turnierleitung angedroht, künftig prinzipiell keine Partien mehr von
Hand zu starten, sondern den Verursacher quasi zu nullen. Ich werde diesen
sensiblen Punkt noch einmal speziell nachfragen und in einem künftigen Artikel
für hoffentlich endgültige Klarheit sorgen. Denkbar wäre es auch, solche und
beliebige andere Fragen in einem Freestyle-Newsletter zu behandeln. Falls daran
Interesse besteht, bitte eine e-mail-Adresse an
arnonickel@web.de senden.
Ausblick
Es gibt weitere Ideen zur Verbesserung der Turnierregeln und des
Turniermodus, doch warten wir zunächst den Ausgang der Finalrunde vom 14. bis
16. Juli ab. Wenn man von einem Favoriten sprechen kann, dann ist es sicherlich
das Rajlich Team. Doch dürfte der Ausgang wie beim ersten Finale im April wieder
hart umkämpft sein und erst in der letzten Runde entschieden werden.
Abschlusstabelle...
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