Der Schachspieler - ein Don Quixote auf 64 Feldern?

16.11.2012 – Wenn man an einem sehr starken Turnier teilnimmt, und nicht so richtig erfolgreich ist, dann wird man nachdenklich. Besonders, wenn man sich an einem Ort befindet, der in der Geistesgeschichte Europas eine besondere Rolle einnimmt - Land und Leute, Sitten und Gebräuche die Phantasie entzünden. Die spanische Mannschaftsmeisterschaft fand diesmal in Nordspanien, in Leon statt. Hier entlang führt der Jakobsweg, "Camino de Santiago" und führt an seinem Ende zur Läuterung der Pilger. Wenn man sich im Nachhinein die Berechnungen der Schachengine Houdini zur eigenen Partie anschaut und sich erinnert, was man selbst gerechnet hat, wird man auch geläutert, findet Alina L'ami, und meint: Schachspieler sind die modernen Don Quixotes. Zur Läuterung...

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Der Schachspieler – ein verkappter Don Quixote?
Von Alina L'ami


Alle Partien wurden live übertragen und so sollte es natürlich auch sein, aber nicht immer klappt es mit der Technik.
Die Spanier hatten sich jedoch gut vorbereitet: alle vier Kämpfe der acht Mannschaften waren online zu sehen.


Nachts, zu später Stunde, in einem halbdunklen Raum, die Houdini-Engine rechnete mit optimalen Parametern – ließ ich Don Quixote wiederauferstehen! Nicht den Hidalgo aus La Mancha, sondern ein bestimmter Typus des … Schachspielers, der direkt aus Cervantes’ Buch entstiegen zu sein scheint.

Diese Einsicht war nur in León möglich, einem Ort, der in der malerischen Landschaft Nordspaniens fest verwurzelt ist. León liegt auf dem Jakobsweg (Spanisch: El Camino de Santiago), im Mittelalter neben Rom und Jerusalem eine der wichtigsten Pilgerrouten der Christen, und León machte mir ein wunderbares Geschenk: den Schlüssel zur Selbsterkenntnis.
 

Die Jakobsmuschel ist das Symbol für den Jakobsweg, den ‘Camino de Santiago’. Doch was ist der ‘Camino de Santiago’? Kurz gesagt:

1. Ein Weg (camino=spanisch für Weg),
2. der eine Pilgerroute ist. Pilgern kann man zu Fuß, auf Pferd, Esel oder Fahrrad.
3. Die Pilgerroute ist 900 km lang,
4. hat eine mehr als 1000-jährige Geschichte und Goethe hat über diesen Pilgerpfad gesagt, er hätte Europa geformt und verändert.
5. Der Pilgerpfad durchläuft Spanien von Osten nach Westen,
6. bis er schließlich in Santiago de Compostella endet,
7. wo sich (so will es der Glaube) die Überreste des heiligen Jakob befinden.
8. Der Jakobsweg gehört neben den Pilgerpfaden nach Jerusalem und Rom zu den drei wichtigsten christlichen Pilgerrouten.
9. Aber der Pfad ist bei Menschen aller Kulturen und Religionen sehr populär.
10. Und das macht ihn zum meist begangenen Pfad der Erde und zum Unesco Welterbe!

Im Laufe der Jahrhunderte hat die Jakobsmuschel mythische, metaphorische und praktische Bedeutung verliehen bekommen, wenngleich am Anfang vielleicht auch nur der Wunsch der Pilger stand, ein Souvenir mit nach Hause zu nehmen. (Siehe das Bild mit den Rucksackreisenden)


Ich selbst habe mich zwar nicht auf die 900 km lange Pilgertour begeben, aber in diesem Ort zu sein und Dutzende von Pilgern zu sehen, gab mir einen Moment der Ruhe, um … nachzudenken. Während mein Computer vergnügt am härtesten Turnier meines Lebens, der Spanischen Liga, herumrechnete, gingen meine Gedanken auf die Reise…”spät nachts und natürlich bin ich noch wach; und wofür?! – mit Sicherheit spielt dieser Bursche etwas anderes!; und wenn schon?! Vielleicht sollte ich weiter suchen…nach dem besten Zug, der besten Variante, nach Bobby Fischers Ideal, nach der Wahrheit…Was ist wahr und was ist falsch?! Was ist wirklich, eingebildet, ideal?! Was wollen wir vom Schach und warum spielen wir es?” – ein chaotisches ungeordnetes Bündel an Gedanken.


Das Siegerteam - Sestao Naturgas Energia...


mit vier Spielern über 2700! - Dominguez, Vachier-Lagrave, Giri und Fressinet...


Das fünfte Brett war ebenfalls nicht schlecht – Romain Edouard :)

 


Anish Giri, der an Brett 3 für Sestao Naturgas Energia spielte, erzielte eine sehr gute Performance: 2853!


Brett eins von Sestao Naturgas Energia: Leinier Dominguez Perez.
Der Kubaner fügte seiner Elo-Zahl von 2726 weitere 7,5 Elo-Punkte hinzu!


Die Mannschaft C.A.Solvay, die mit Harikrishna, Negi und Ganguly zur Hälfte aus Indern bestand, landete auf dem zweiten Platz. 


Ivan Cheparinov, Gabriel Sargissian und Mikheil Mchedlishvili plaudern noch ein wenig vor der Partie.


Ivan Cheparinov


Die Mannschaft von Gros Xake-Taldea landete auf dem unglücklichen 6. Platz. 


Dann erkannte ich: wir, die Schachspieler, sind verkappte Don Quixote(-)s! Ein wirklicher Schachspieler kann sich nur auf dem Brett verständlich machen. Nicht weil wir eine psychologische Aversion gegen den Realismus hegen, nicht, weil wir Mittelmäßigkeit hassen und herausragend sein wollen (was übrigens nicht schlecht ist!) und nicht, weil wir nach der Wahrheit suchen. Sondern, weil wir unseren eigenen Traum verfolgen, wie auch immer der für jeden von uns aussehen mag.

Genau wie im Fall von Don Quixote ist die Verrücktheit des typischen Schachspielers nur eine Maske, vielleicht die einzige, um die tiefsten Fasern seines Wesens vor den heimtückischen Angriffen viel zu praktischer und realistischer Menschen zu schützen, die sich außerhalb unserer magischen Schachwelt befinden. Auch wir spielen eine ‘Rolle’, aber wir sind uns dessen vollkommen bewusst. Und trotz all der schmerzhaften Niederlagen, die wir immer wieder erleiden, treibt der Geist Don Quixotes uns immer wieder von Neuem an! Mit noch größerem Hunger als zuvor fangen wir immer wieder von vorne an.

Ganz egal, wie siegeshungrig man ist, ganz egal, wie gut die eigenen Varianten sind, manchmal laufen die Dinge einfach nicht. Vielleicht hatte Tartakower recht: “Im Schach gibt es nur einen Fehler: seinen Gegner zu überschätzen. Alles andere ist entweder Pech oder Schwäche.” Wie wahr, wie wahr, vor allem nach einer unglücklichen Niederlage in einer typischen Tartakower-Stellung.

Der Wettbewerb, an dem ich teilnahm, war sehr stark und ich kann nicht behaupten, ich wäre nicht voller Respekt für meine Gegner gewesen. Obwohl ich drei Remis ergattern konnte, liefen die letzten vier Partien nicht gut für mich. Trotz allem bin ich froh, eine solche Erfahrung gemacht zu haben! Was ohne die freundliche Hilfe meiner wunderbaren Mannschaftskollegen von Foment Martinenc Barcelona nicht möglich gewesen wäre!


Unser Team, Foment Martinenc, vor der Relegation, um unseren Mannschaftskapitän Alf zu zitieren :) 


Mit Schwarz gegen Romain Edouard

Ein großzügiges Lächeln, ein paar Küsschen auf die Wange und ein paar Worte ‘Spanglish’ reichten aus, um aufrichtigen Zusammenhalt und perfekte Komplizenschaft zu etablieren. Durch sie entdeckte ich die wahre spanische Seele (neu): spontan, warm, gefühlvoll, großzügig, schelmisch. Ich habe kein einziges hämisches Wort gehört, nicht einmal nach meiner vierten Niederlage in Folge. Keinen Stress, keinen Hass, keine Anspannung und keine Hektik, sondern nur eine Schulter, an der man sich ausweinen kann. Ich liebe diese Leute einfach!

Um auf unser Schachuniversum und unsere Träume zurückzukommen – die Welt ist das, für das man sie hält. Quixote war geistig gesund und wir sind es auch. Doch die größte Weisheit besteht darin, sie nach seinem eigenen Wunsch zu erschaffen und daran mit aller Kraft zu glauben.


 

Fotos:


Die berühmte Gaudi-Signatur findet man auch in León! Die Casa de los Botines (errichtet 1892-1893)
ist ein modernistisches Gebäude, das Antoni Gaudí entworfen hat. Später wurde es zur Zentrale der
Caja España, einer regionalen Sparkasse, umfunktioniert.


Eine Skulptur von Llorenç Matamala i Piñol, die den Drachentöter St. Georg zeigt.


¡Viva España! Nirgendwo sonst habe ich je so eine Lebenslust gesehen, vor allen bei älteren Menschen.

 


Die Spanier – gesellig und extrovertiert – empfangen einen mit offenen Armen!
Fragt man sie nach der Richtung, dann zeigen sie einem nicht nur den Weg, sondern führen einen gleich dorthin!


Hier vergnügt sich jeder bei einem Glas... was auch immer, meistens kein besonders starkes Getränk..
'Clara' ist ein typisches Beispiel: eine Mischung aus Bier und Zitronenlimonade.


Hmmm...




Leckere Speisen :)


Diese Leckereien wirken vielleicht wie unschuldige Schokolade, aber das stimmt nicht ganz...
tatsächlich habe ich hier die merkwürdigsten Geschmacksrichtungen probiert!
Bier, Essig, Olivenöl und Tomaten, mit Salz und Sonnenblumenkernen – ein köstliches Abenteuer!

 






Santa María de León Cathedral


Mihail Marin beobachtet, wie ein Einheimischer sein neuestes Buch liest ;)






Gaudis Werke im Mondschein von Barcelona.


 

Endstand

1   Sestao Naturgas Energia * 3 5 4 4 4 4 13 28.5 0
2   C.A. Solvay 3 * 3 4 10 26.0 0
3   C.A. Reverté Albox * 4 5 8 22.5 0
4   Linex-Magic Extremadura 1 * 4 3 3 8 19.5 0
5   Equigoma Casa Social Catolica 2 3 2 * 4 3 6 20.0 0
6   Gros Xake-Taldea 2 3 2 * 4 5 18.5 0
7   C.E. Foment Martinenc 2 2 3 3 2 * 3 3 16.5 1
8   C.E. Barcelona Uga 2 2 1 3 * 3 16.5 1

 

 

Alle Partien:

 

 

 

 



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