Der Spaziergang

24.12.2005 – Im Jahr 1804 erkrankte Johan Ludwig Tieck, einer der herausragenden Vertreter der deutschen Romantik, schwer an Gicht. Nachdem er sich erholt hatte, beschloss er, eine Reise nach Italien zu unternehmen, in der Hoffnung, das südliche Klima möge dem Heilungsverlauf zuträglich sein. Von seinem einjährigen Aufenthalt brachte er eine Reihe von Reisegedichten mit, darunter "Der Spaziergang". In diesem wird eine Begebenheit beschrieben, die Tieck bei einem Ausflug nach Fiesole bei Florenz widerfuhr. Als er dort mit anderen Wanderern wegen eines Gewitters in einem Franziskanerkloster (Foto) einkehrte, wurden die Deutschen von den italienischen Mönchen zum Wettkampf herausgefordert: im Schachspiel. Diese Partie hat Tieck lyrisch verarbeitet. Ein paar Jahre später wurde die Toskana und der Kirchenstaat von Napoleon annektiert. Dieser war zwar auch ein Anhänger des Schachspiels, nicht aber der Franziskaner. Er schloss das Kloster, wie Gerald Schendel in seinem Beitrag berichtet. ChessBase wünscht allen Schachfreunden besinnliche Festtage. Tieck bei Projekt Gutenberg...Der Spaziergang...

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Ludwig Tiecks Spaziergang
Von Gerald Schendel

In der Literaturgeschichte nimmt Ludwig Tieck eine führende Rolle in der deutschen Romantik ein.



Geboren wurde der Schriftsteller Johann Ludwig Tieck (31.5.1773 Berlin - 28.04.1853 Berlin) als Sohn des Seilermeisters Johann Ludwig Tieck und seiner Frau Anna Sophie (geb. Berukin). Er hatte eine Schwester, Sophie (1775-1833), und einen Bruder, Christian Friedrich (1776-1851). Ausführliche biographische Daten zu den Geschwistern Tieck sind in der Datenbank "Deutsche Biographie" zu finden.

Von Bedeutung für das nachfolgende Gedicht sind folgende Fakten: Der von dem berühmten Bildhauer Johann Gottfried Schadow (1764-1850) sowie von Wilhelm von Humboldt (1767-1835) geförderte junge Bildhauer Friedrich Tieck erhielt 1797 ein königliches Stipendium für eine Studienreise nach Italien. Der Krieg machte diese Reise jedoch unmöglich. Im Juni 1805 erhielt Friedrich Tieck erneut ein Stipendium für einen zweijährigen Italien-Aufenthalt. Tiecks Schwester Sophie war nach einer ersten kurzen Ehe (1799-1803) geschieden, dadurch mittellos geworden und von der finanziellen Hilfe ihres Bruders Friedrich abhängig. Sie begleitete Friedrich Tieck nach Italien. Der Schriftsteller Ludwig Tieck, seit 1798 mit einer Jugendfreundin verheiratet, erkrankte im Herbst 1804 schwer an der Gicht, erholte sich dann allmählich und entschloss sich, seinen Geschwistern nach Italien zu folgen, wo er sich die Heilung seiner körperlichen und seelischen Leiden erhoffte. An der Reise nahmen ferner teil die Brüder Franz (1786-1831) und Johannes  Riepenhausen (1788-1860) sowie der Kunsthistoriker Karl Friedrich von Rumohr (1785-1843).

Ludwig Tiecks Reise dauerte ein Jahr. Wilhelm v. Humboldt war in dieser Zeit (1802-1808) preußischer Gesandter in Rom. Friedrich Tieck gehört zum Freundeskreis W. v. Humboldts. Im August 1806 kehrte Ludwig Tieck mit v. Rumohr nach Deutschland zurück.

Sein Gedicht Der Spaziergang ist während dieser Italienreise 1805/06 entstanden. Veröffentlicht wurde es erst 1823 im dritten Band seiner Sammlung Gedichte, die er von 1821 bis 1823 in Dresden herausgab. Dort befindet es sich in dem Abschnitt Rückkehr des Genesenden. Eigentlich hatte Ludwig Tieck die Absicht, diese Gedichte zu überarbeiten, doch da er während des Drucks des dritten Teils seiner Gedichtsammlung erneut erkrankte, ließ er diese flüchtig aufgezeichneten "Reiseandenken" in ihrem ursprünglichen Zustand: "Die Freunde erhalten also diese Lieder, oder kleine Begebenheiten ganz so, wie ich sie damals in ungleicher Laune aufschrieb, und vielleicht ist der Ausdruck des Momentes frischer und lebhafter, als es bei mehr Fleiß die Ausbildung des Verses, oder der hinzugefügte Reim und die geordnete Strofe zugelassen hätten."

Der Spaziergang

Den Berg, der den Florentinern
Immerdar vor Augen schwebt,
Sind wir heut erstiegen,
Das alte Fiesole zu besuchen.
In dem Kloster dort erlabten uns Gebilde
Von Giotto und dem frommen Johann,
In der Bücher Pracht.
Doch endlich sind wir höher geklimmt,
Zur Spitze hinauf,
Wo unter Cypressen
Einsam das Kloster der Franziskaner ruht.

Ein kalter Wind durchsaust die Berge,
Nach dem Gewitter ist die Gegend trübe,
Weit umher ergeht sich hier der Blick
Ueber Felsen weg durch Thäler hin,
Und zu den Füßen liegt Fiesole und Florenz.


Fiesole - Blick auf den Dom von Florenz

Wie wir mit den Mönchen gespeist,
Erbietet man sich zu unserm Ergetzen,
Da das Wetter rauh und unfreundlich,
Mit uns Schach zu spielen.
Meine Gefährten treten beschämt zurück,
Und ich, überrascht, als der Einzige
Der die Kunst versteht und übt,
Erbiete mich, der Landsmannschaft Ehre zu retten.
Doch selbst seit der Kindheit
Hab' ich kaum den Stein berührt,
Und nie hab' ich mehr von der Weisen Ergötzung
Gefaßt als nur die Züge.
Der klügste, gewandteste Pater wird mir
Als Feldherr gegenüber gestellt,
Ein feiner Kopf, so freundlich-schön
Wie man ihn wohl auf alten Bildern sieht.

Der Kampf beginnt: -
Und ich, nur in Aengsten,
Nicht gleich die schlimmsten Blößen zu geben,
Ziehe, im Zagen mit zaudernden Unwissen,
Und rings die andern,
Alte wie Junge
Erwundern mein kluges, feines Spiel,
Der Feldherr selber
Weiß kaum sich zu wehren,
Und ich verstehe selbst von meinen Listen nichts.
Lob auf Lob, Bewundrung, laute,
Ermuthigt mich, und trunken, erhitzt
Such' ich mir eines Planes bewußt zu werden.
Schon giebt man den Pater verlohren,
Und ich strebe tantalisch vergeblich
Zu sehn, die Einsicht nur etwas zu gewinnen,
Doch nur mechanisch rückt der Finger die Holzgestalten.

Man sagt, in drei Zügen sei ich der Meister,
Da verläßt plötzlich der Genius den Blinden,
Und lautes Gelächter statt der Ehrfurcht
Umschallt und beschämt mich,
Denn wie ich rücke spiel' ich mich selber
In wenigen Zügen matt,
Und rings die Versammlung
Begreift so wenig
Die hohe List, wie jetzt die Einfalt.

So erzählt man, daß der große Condé
Als Meister begann
Und beschloß als Schüler.

[Quelle: Ludwig Tieck, Gedichte, Bd. 3 (1823), S. 261-262; zitiert nach Die digitale Bibliothek der deutschen Lyrik, Frankfurt/M. 2003, S. 70456]

Abschließend noch einige Anmerkungen zu diesem Gedicht. In den Jahren 1807/08 annektierte Napoleon die Toskana und den Kirchenstaat. Das von Ludwig Tieck erwähnte Franziskanerkloster wurde geschlossen, da Napoleon die Mönchsorden auflöste. Als das ehemalige Kloster 1817 weltlicher Benützung zugeführt wurde, waren viele der ursprünglich dort aufbewahrten Kunstschätze verteilt auf Kirchen in Florenz und Kunstgalerien. Das Gebäude wurde um 1900 umgebaut und dann während des zweiten Weltkriegs schwer beschädigt. Die Renovierung 1950 erwies sich als derart kostspielig, dass das Ziel, dort eine private Luxusresidenz zu errichten, aufgegeben wurde. Aus der Villa wurde ein Luxus-Hotel, das seit 1982 zur Kette der Orient-Express-Hotels gehört. In der Nähe befindet sich das European University Institute.

Mit dem "frommen Johann" meinte Tieck den italienischen Maler Guido di Pietro (ca. 1395-1455). Dieser nahm bei seinem Eintritt in den Dominikanerorden den Namen Giovanni (Johannes) an und ist Kunsthistorikern als "Fra Angelico" bekannt. 1984 wurde Fra Angelico selig gesprochen - man nennt ihn auch Beato Angelico.

"Der große Condé" ist eine Bezeichnung für Louis II. von Bourbon, Prinz von Condé (1621-1686). Er war ein bedeutender Heerführer und erhielt 1675 den Oberbefehl über die französische Armee in Deutschland. Der große Condé schätzte das Schachspiel. H. F. Massmann schrieb in seiner Geschichte des mittelalterlichen, vorzugsweise des deutschen Schachspieles (1839; S. 8): "Prinz Condé pflegte zu sagen: 'Wer ein guter General werden wolle, müsse mit dem Schachspiele beginnen'" und verwies auf das Werk Divertissemens innocens, contenant les règles du jeu des échets, du billard, de la paume, du palle-mail, et du trictrac, das 1696 erschien.


 

Gerald Schendel / 24.12.2005


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