Die Weltmeisterschaft der Frauen

22.05.2004 – Gestern fiel in Elista mit der Eröffnungszeremonie der Startschuss für die Weltmeisterschaft der Frauen. Unter den 64 Teilnehmerinnen sind zwei Deutsche. Ketino Kachiani-Gersinska spielte die erste Partie remis, Elisabeth Pähtz gewann gegen die Chinesin Pin Wang. Mit neun Teilnehmerinnen stellt Russland das stärkste Kontingent, gefolgt von China und Georgien (je 7). Ranglistenerste ist die Inderin Humpy Koneru. Die Siegerin wird das abgebildete Diadem aus Gold und Diamanten erhalten. Trotz des Umzugs von Adscharien nach Kalmückien sei die Weltmeisterschaft mit 700.000 Euro vom früheren Präsidenten Adschariens Aslan Abadschidze mitfinanziert, so die FIDE, die dann aber auch das "Center of Investment Projects and Programs" als Hauptsponsor ins Spiel brachte. Warum das vielleicht keinen Unterschied macht, welche Rolle dabei russische und dänische Geschäftsleute und außerdem Mikhail Gorbatschov spielen und warum der Hafen von Batumi auch für die Weltmeisterschaft der Frauen wichtig ist, hat Gerald Schendel recherchiert.Offizielle Turnierseite der FIDE mit Live-Partien... Fotos von der Eröffnung bei der FIDE...Dossier von Gerald Schendel...

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Gemäß dem Beschluss des FIDE-Kongresses vom 1. November 2003 hätte die Frauen-WM ursprünglich in Tiflis (Georgien) stattfinden sollen. Die FIDE erklärte auf ihrer Homepage auf einer Seite, die in der letzten Zeit immer wieder geändert und ergänzt worden ist, dass der damalige georgische Staatspräsident Eduard Schewardnadse FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow einen Orden verliehen und bei dieser Gelegenheit vorgeschlagen hat, die Frauen-WM 2004 in Tiflis zu veranstalten. Der Georgien-Besuch Iljumschinows wird durch einen Bericht der Georgian News (Quelle: Batuminews) vom 23.10.03 bestätigt. Laut FIDE hat der georgische Präsident Schewardnadse dann ein Dekret "Zur Organisierung der Frauen-WM in Tiflis" erlassen Danach kam die Entscheidung des FIDE-Kongresses für Tiflis (Datei: "History of the Women`s World Chess Championship 2004 in Elista").

Die Internet-Publikation
Georgian Messenger bestätigte in der Ausgabe vom 20. April 2004 diese Darstellung. Der damalige georgische Präsident Eduard Schewardnadse hatte der damaligen Präsidentin der georgischen Schachföderation Nino Gurieli die finanzielle Unterstützung der WM versprochen. Nach dem Machtwechsel in Georgien (23.11.03) erinnerte die FIDE die neue Administration an die Garantien der Vorgänger-Regierung. Laut Georgian Messenger ließ sich die neue Regierung zwei Wochen Zeit und gab dann bekannt, dass sie nicht genügend Geld zur Durchführung der Meisterschaft habe.

Zu Beginn des neuen Jahres wurde in der Newsline von
Radio Free Europe / Radio Liberty gemeldet (07.01.04), dass die relativ wohlhabende autonome georgische Republik Adscharien erstmals seit zwei Jahren Geld an den Staatshaushalt in Tiflis überwiesen habe (umgerechnet 1,16 Millionen Dollar). Der Führer Adschariens, Aslan Abaschidse, hatte in der Vergangenheit argumentiert, dass in dem georgischen Länderfinanzausgleich die Zentralregierung seiner Region mehr an unbezahlten Subsidien schulde als umgekehrt Adscharien Tiflis an ausstehenden Steuern. Die Finanzknappheit Georgiens war bekannt. Am 13. Januar unterzeichnete ein US-Diplomat in Tiflis ein Abkommen, in dem die Vereinigten Staaten die Bezahlung der Gehälter derjenigen Staatsbediensteten übernahm, die an einem US-Ausbildungsprogramm teilnehmen. Außerdem wurden weitere Finanzhilfen in unbekannter Höhe zugesagt (RFE/RL Newsline 14.01.04).

Im Laufe der Monate Februar und März 2004 begannen die Spannungen zwischen Adscharien und Tiflis zuzunehmen. Mitte März begab sich der Moskauer Bürgermeister (und Ehrenbürger Georgiens) Juri Luschkow nach Batumi zu seinem Freund Aslan Abaschidse, um seine brüderliche Verbundenheit zu demonstrieren. Einer der Begleiter Luschkows war ein bekannter Geschäftsmann, ein gewisser Herr namens Grigori ("Garri") Lutschanskij.

Am 17. März meldeten mehrere Nachrichtenagenturen, dass die Nationalbank Georgiens gegen die Bank in Batumi vorgehen werde, über welche die Transaktionen der adscharischen Führung erfolgt seien. Sämtliche Bankoperationen in Adscharien seien unterbrochen worden, sämtliche Bankkonten mit Verbindungen zur adscharischen Führung seien eingefroren worden. Gegen zehn hochrangige Angehörige der adscharischen Führung (darunter befand sich nicht Aslan Abaschidse) wurde Anklage erhoben - unter anderem wegen Beteiligung an Mord, Waffen- und Drogenhandel (Quelle u.a.:
Rosbaltnews).

Laut FIDE erhielt die georgische Schachföderation am 31. März 2004 ein Schreiben von dem zuständigen Minister Georgi Gabaschwili, worin die georgische Regierung bedauert habe, dass sie nicht in der Lage sei, die WM in Tiflis aus dem Staatshaushalt zu finanzieren, dass sie es aber begrüßen werde, wenn die WM an einem anderen Ort in Georgien mit Hilfe von Sponsoren durchgeführt werde.

Wenn man nur die im Mai von der FIDE veröffentlichte Geschichte des Turniers liest, könnte man den Eindruck haben, als sei nun erst, nach dem Schreiben des georgischen Sportministers vom 31.03.04, Aslan Abaschidse ins Spiel gekommen. Tatsächlich war aber schon in der FIDE-Vorstandssitzung Ende Februar von einer Alternative die Rede: entweder Tiflis oder Batumi, auf Einladung von Aslan Abaschidse. Wie auch immer - der Weg schien Ende März frei zu sein.

Es geht in der Veranstaltung um einen Preisfonds von 450.000 USD. Da mit dem Preisfonds Gebühren an die FIDE verbunden sind und auch die Organisation Geld kostet, wurden in den Medien unterschiedliche Zahlen genannt. Mal war von 500.000 USD die Rede, mal von 550.000 USD... Der Georgian Messenger schrieb in der Ausgabe vom 20. April: "Um das Turnier unter idealen Bedingungen durchzuführen, sind 670.000 USD erforderlich." Durch eine Aufrundung der zuletzt genannten Zahl kommt man zu den 700.000 USD, mit denen der Co-Präsident der georgischen Schachföderation Surab Asmaiparaschwili nach der Verlegung der WM von Batumi nach Elista am 30. April zitiert wurde.

Ein Vorvertrag wurde am 9. April in Batumi zwischen Aslan Abaschidse und der FIDE-Führung abgeschlossen. Das berichtete u.a.
Georgian Sports.

Erst der förmlichen und öffentlichen Vertragsunterzeichnung in Batumi am 15. April folgte ein internationaler Protest des Außenministeriums und des Sportministeriums in Tiflis. Über die harsche Reaktion und die Begründung des Protests war man selbst in Tiflis überrascht. Der Georgian Messenger schrieb am 20. April, dass der Hinweis darauf, dass man in Tiflis nicht die Sicherheit der Spielerinnen in Batumi gewährleisten könne, eher eine Maßnahme in einem "Informationskrieg" zwischen dem Zentrum und der Region sei, aber mit der Existenz einer realen Gefahr nichts zu tun habe. Seit 1998 habe Adscharien 7 Schachturniere durchführt, und die Sicherheitsmaßnahmen in diesen Turnieren seien angemessen gewesen. Der wirkliche Grund sei der, dass die Zentralregierung Abaschidse nicht das internationale Prestige gönne, das mit dieser Veranstaltung verbunden sei.

Als Aslan Abaschidse am 30. April auf Vorschlag von Kirsan Iljumschinow der Verlegung der WM von Batumi nach Elista zustimmte, nannte Adjara TV dies eine
"männliche Entscheidung", die FIDE sprach auf ihrer Homepage am 2. Mai von einem "persönlichen Geschenk" von Aslan Abaschidse.

Die Formulierung "persönliches Geschenk" konnte so aufgefasst werden, als sei Aslan Abaschidse als Privatmann der alleinige Sponsor, eher also Mäzen der WM.

Der Beitrag der FIDE zur Geschichte des Turniers bietet eine andere Darstellung des Sachverhalts. Schon vor seiner Zusage, das Turnier zu übernehmen, habe Aslan Abaschidse mit möglichen Sponsoren und einflussreichen Geschäftsleuten gesprochen. In der Unterredung am 30. April habe er den FIDE-Vertretern gesagt, er habe seine Sponsoren überzeugen können, die vereinbarte Unterstützung auch bei einer Verlegung der WM zu gewähren - zum Wohle des Schachs und zum Wohle des Ansehens Georgiens als einer Schach-Supermacht.

Nach dem Abflug Aslan Abaschidses nach Moskau (6. Mai) stellte der
Sport Express Kirsan Iljumschinow in einem von FIDE am 10. Mai veröffentlichten Interview die Frage, wer nun die WM sponsern werde, und erhielt die Antwort, adscharische Gönner würden ihr Sponsoring-Angebot nicht zurückziehen; georgische Schachenthusiasten hätten bereits 500.000 USD auf das FIDE-Konto überwiesen.

Die FIDE übermittelte eine Presseerklärung des kalmückischen Organisationskomitees unter der Leitung von Waleri Bowajew. Das Komitee hatte demzufolge am 8. Mai getagt und sich mit dem Logo (Sergei Badendajew) und dem Pressezentrum (vermutlich Alexander Roschal) beschäftigt. FIDE-Präsident Kirsan Iljumschinow hatte Geurt Gijssen zum Hauptschiedsrichter ernannt. Die Sponsoren waren anscheinend kein Thema.

Die russische Nachrichtenagentur REGNUM (
http://regnum.ru) berichtete am 13. Mai über ein Treffen des kalmückischen Organisationskomitees am 11. Mai. Die vorbereitenden Arbeiten für die Veranstaltung waren anscheinend schon weitgehend abgeschlossen. Am Ende des Artikels wird in einem Satz auf die Sponsoren eingegangen. Erwähnt werden die Aktionäre des Hafens von Batumi.

Diese Aussage ist insofern bedeutsam, als viele Leute glauben, dass die Familie Abaschidse ihren Reichtum aus dem Ölterminal in Batumi bezog. In einem Interview mit dem Nachrichtenmagazin DER SPIEGEL wird der amtierende georgische Präsident Michail Saakaschwili zu der Feststellung: Adscharien ist aber auch wirtschaftlich unverzichtbar für Sie: Es ging um den wichtigen Hafen Batumi und den Grenzübergang zur Türkei. mit der Aussage zitiert: Ja, aber alle Einnahmen kassierte bislang eine einzige Familie. (DER SPIEGEL 20-2004, S. 111)

An den dramatischen Verhandlungen, die zu dem Entschluss Aslan Abaschidses führten, nach Russland ins Exil zu gehen, waren dänische Geschäftsleute beteiligt, an die man zuerst denken sollte, wenn es um das Ölterminal in Batumi geht: Jan Bonde Nielsen (
Greenoak Group) und Mogens Hansen (Direktor des Ölterminals). Die dänische Jyllands-Posten berichtete darüber am 6. Mai und bezog sich dabei auf einen Beitrag der Moscow Times vom 31. März: Adzharia's Fortunes Lure New Masters von Simon Ostrovsky. Auch die Frankfurter Allgemeine Zeitung schöpfte am 6. Mai aus dieser Quelle: Mit Geschick und Größenwahn, von Markus Wehner. Das Ölterminal in Batumi gehört der Firma Naftrans, in der wiederum um 80 Prozent dem dänisch-britischen Unternehmer Jan Bonde Nielsen, 6,6 Prozent der Schweizer Firma ENR Russia Invest (dahinter steht u.a. die Opel-Familie) und 11 Prozent der Great Circle Capital Ltd. gehören - eine Overseas Private Investment Corporation (OPIC), die der US-Regierung untersteht.

Um das klare Signal auszusenden, dass seine Position in der georgischen Ölindustrie durch die politischen Vorgänge der vergangenen Wochen nicht erschüttert wurde, hat Jan Bonde Nielsen in einer Pressekonferenz am 13. Mai 2004, der ersten, die jemals im Ölterminal von Batumi stattfand, die Gründung einer neuen Transportfirma, Petrotrans Ltd. bekanntgegeben. Petrotrans wird auf Wunsch der georgischen Handelskammer in Tiflis registriert sein. Das Ölterminal gehört weiter der Firma Naftrans, die in Zypern registriert ist. Während eine georgische Nachrichtenagentur Naftrans als eine "zu 100% ausländische" Firma bezeichnete, nannten die
Copenhagen Post am 14. Mai und der Georgian Messenger am 17. Mai Details: an Naftrans sind beteiligt zu 78,6% Jan Bonde Nielsen, zu 10,6% Great Circle Capital, zu 6,6% ENR Russia Invest und zu 4,2% ein lokaler Partner, Guram Gogitidse. Jan Bonde Nielsen und Guram Gogitidse kontrollieren das Unternehmen durch ein 50-50-Jointventure, Greenoak Holdings Ltd., das auf Zypern registriert ist.

Jan Bonde Nielsen wies Berichte zurück, er habe Waffenkäufe für Aslan Abaschidse getätigt. Der Georgian Messenger berichtete, als man Nielsen nach geschäftlichen Beziehungen zu Aslan Abaschidse und dessen russischen Freunden Juri Luschkow und Garry Lutschanskij fragte, habe Nielsen gesagt, es gebe keine.

Andererseits haben nach Aussage Abaschidses (Moscow News 31.3.04) weder Luschkow noch Lutschanskij geschäftliche Interessen in Adscharien.

Was also veranlasste Lutschanskijs
"Center of Investment Projects and Programs" zum Auftritt als "Generalsponsor" der Frauen-WM in Elista? Welche Beziehung besteht zu dem seit 1999 aktiven Rosinternetfond, der unter dem Vorsitz von Michail Gorbatschow die nicht-kommerzielle Verbreitung des Internets in Russlands zum Ziel hat, und in Elista als "Sponsor" auftritt?

In Deutschland reicht die Erwähnung des Namens "Gorbatschow", um alle kritischen Fragen verstummen zu lassen. Im Internet findet man wilde Spekulationen über die Firma Nordex, die Lutschanskij 1989 zur Zeit Gorbatschows in Wien gegründet hat. Aber die Londoner Times erhielt im Jahr 2001 juristische Belehrungen, was man gemäß englischem Recht über Dr. Grigory Loutchansky publizieren darf und wozu keine Veranlassung besteht ("no duty to publish").

Der in Elista bei der Frauen-WM tätige Sponsorenpool bleibt mysteriös. Vielleicht war hier jedoch der bekannte kalmückische Humor am Werk?

Gerald Schendel / 21.05.2004

 

 


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