Eugeny Atarov: Briefe aus der russischen Gegenwart

21.01.2002 – Russland ist das "schachlichste" Land der Welt, schreibt Atarov in seinem WM-Bericht. Wie wahr! Jetzt, wo gerade in Moskau eine Weltmeisterschaft statt findet, erreichen uns die Nachrichten von dort auch aktuell und regelmäßig. Aber sonst ist der Zufluss eher dürftig. Unser Moskauer Korrespondent Eugeny Atarov will uns nun in Zukunft regelmäßig mit Briefen aus der russischen Gegenwart versorgen. Dort wird er von Schachturnieren und -begebenheiten erzählen. Doch nicht nur das: Atarov gewährt uns gleich mit seinem ersten Brief einen tiefen Blick in die russische Seele. Atarov: Briefe aus der russischen Gegenwart (1)...

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Ewgenij Artarow: Blitz, Blitz, Blitz !
Briefe aus der russischen Gegenwart (1)


Haben Sie schon einmal gehört, dass sich die Geschichte wie eine Spirale entwickelt ? Nein? Nun, es gibt diese Theorie, und von deren Richtigkeit habe ich mich erst neulich überzeugen lassen...  Vor einigen Monaten, als ich die Gelegenheit hatte André Schulz aus der Ferne kennen zulernen, haben wir verabredet, dass ich Sie alle zwei Wochen aus dem fernen und rätselhaften großen Russland mit den neuesten Schachnachrichten bekannt machen. Die erste Ausgabe meiner "Chronik" wurde einem Blitzturnier gewidmet.

Damals, in der ersten Septemberwoche, fand in Moskau das Finale des populären Blitzturniers um den Preis der Zeitung "Vechernaja Moskwa" statt. Zu diesem Turnier hat sich nicht nur fast die ganze Olympia-Auswahl Russlands sondern auch die besten Blitzspieler unserer Hauptstadt eingfunden. Leider kam dieser Bericht im September nicht bei Ihnen an, weil in der Kürze der Zeit kein Übersetzer gefunden wurde. Aber nun wagen wir einen zweiten Versuch und drehen an der Spirale der Geschichte. Und was meinen Sie, womit ich beginne?

Natürlich mit dem Blitzspiel! Weihnachten, Neujahr - das ist die nicht nur die Zeit für die Durchführung von wichtigsten Veranstaltungen sondern auch für die Entspannung (oder Unterhaltung ). In diesen zwei Feiertagswochen wurden drei ziemlich wichtige Blitzturniere geplant, davon zwei in Moskau und eines in Piter (So nennen wir Russen liebevoll unsere alte Hauptstadt St. Petersburg.) Tatsächlich fanden aber nur zwei der Turniere statt, von denen es auch nur eines verdient, näher betrachtet zu werden: Aber ich fange meine Erzählung erst einmal mit den Enttäuschungen an:

Enttäuschung Nr.1 - Das Blitzturnier findet schon seit 40 Jahren statt, der Preis von "Vechernii Leningrad " (RR "Das abendliche Leningrad") - wie Sie sehen, wird das schnelle Spiel von den Redaktionen beider Abendzeitungen verehrt… -. Auf diesem Turnier ging es immer um Leben und Tod, alles oder nichts. Die Gewinner dieses Blitzturniers waren solche ausgezeichnete Blitzspieler wie Tal, Kortschnol, Chepukaitis, und in den letzten 10 Jahren - Kochiev.Und in diesem Jahr?

Nichts dergleichen, lediglich zwei Grossmeister nahmen daran teil. Es gewann der Champion von Russland unter 20 Jahren Evgeni Schaposchnikov (RR: Der Nachname bedeutet auf deutsch "Schuster" ).


Evgeni Schaposchnikov

Sie können ihn z.B. im ICC treffen, wo er sich schnell den Ruf eines flinken und ungewöhnlichen Spielers erworben hat. Diesmal brauchte er nicht mal alle Kräfte mobilisieren, er war mit dem Abstand der beste - der zweite Preisträger blieb mit 1,5 Punkten zurück. Und das bei einem Rundturnier mit 12 Personen !!!

Die zweite Enttäuschung lag in der Absage des Weinachtsblitzturniers von KasparovChess zusammen. Das Turnier fand seit zwei Jahren statt und ist in dieser kurzen Zeit sehr populär geworden. Es war ein Elite-Rundenturnier, stets unter sehr guter Beteiligung der russischen Stars, worüber alleine schon die Siegerliste Auskunft gibt: 1999 Bareev und 2000 Schipov. Man sagt, dass das Turnier in diesem Jahr aus banalem Geldmangels ausfiel. Ich könnte auch eine eigene "Version " für die Absage vorschlagen, nur die Meinung von jemandem, der zwei Jahre hintereinander die Stars zur selben Uhrzeit zum selben Platz zusammenführte und der sich nun deshalb nicht aus der Redaktion herausbewegte, da das Turnier schon von alleine zu leben schien… Hm, vielleicht hätte ich mich darum kümmern sollen? In jedem Fall ist es schade, wir verpassten eine tolle Show.

Für diesen Verlust wurden wir jedoch durch ein tolles neues Turnier namens Nikolai Vlassov entschädigt, über das ich berichten möchte. Aber erste einmal ein wenig über den Namensgeber: Wenn Sie die "krumme Eröffnungen" mögen, wie den Grob Angriff 1.g4 oder Damenspringer-Verteidigungen nach 1.e4/d4, nämlich 1..Sc6, dann sollten Sie den Namen von Kolia Vlassov l ängst kennen. Allen anderen sei gesagt, dass es sich um einen sehr guten Spieler handelt, der sich unlängst über das Internet einen Platz für die Fide Weltmeisterschaft erkämpfte, und dort nur nach harten Kampf gegen Rustam Kasimdjanov ausschied.


Nikolai Vlassov


Die Geschichte dieses Turniers begann so. Wie Vlassov selbst erzählte, war er es einfach leid die Eigenmächtigkeiten verschiedener Turnierorganisatoren hinzunehmen und beschloss von daher, jedes Jahr an seinem eigenen Geburtstag ein Blitzturnier zu seiner eigen Ehren auszurichten. Und so hat er - das unlängst ausgerichtete mit eingerechnet - bereits 6 Turniere veranstaltet, und zwar in den Räumen des bekannten Schachklubs "Oktober". Der von Nikolai jährlich ausgelobte 1.Preis von 100 USD mag Ihnen sehr bescheiden vorkommen, aber in Russland sieht das schon anders aus. Dafür kann man schon einiges kaufen, z.B. Bier, etwa 100 Liter ungefähr.

Zu den anfangs erwähnten 100 USD kommen werden noch die Startgelder von 5 USD pro Spieler hinzugerechnet und der Preisfond wächst dann noch ein wenig, aber immer noch nicht besonders.

Nun werden Sie sich sehr wundern, welche Schachgrößen sich für diese bescheidenen Summen im Vlassov'schen Turnier ans Brett gesetzt haben: Alexander Morosevich, Sergey Shipov, Alexandra Kosteniuk, Alexander Lastin, Sergey Kiselev und Alexander Riantsev.


Sergey Kiselev

Den mit der Moskauer Blitzschachszene vertrauten möchte ich noch die Namen von Valentin Arbakov und Pavel Dvalishivili nennen. Alle kamen sie , um Kolja (RR: Kosename von Nikolai ) zum Geburtstag zu gratulieren, der allerdings schon lange zurück lag und eigentlich im November satt gefunden hatte. Aber das Turnier wurde verlegt auf die Zeit nach Ende der der Fide WM.

Das nächste Problem bestand in der hohen Teilnehmerzahl, ungefähr 40 Leute hatten sich eingefunden und an ein Rundenturnier mit 39 Partien war nicht zu denken, wiewohl unsere Schachspieler hier eine andere Turnierform als das klassische Rundenturnier nicht anerkennen. So wurden zwei Gruppen à 20 Spieler gebildet, die besten sollten sich dann im Finale treffen. Die Zusammenstellung der Gruppen erfolgte auf ganz eigene Art, wie der Vorjahressieger des Turniers, der Vize-Champion Russlands 2001, Alexander Lastin, anmerkte. In Übereinstimmung mit den Klubwertungszahlen, spielten in der einen Gruppe Morosevich, Kiselev, Ritchagov, Kosteniuk, Arbakov und Lastin, und in der anderen lediglich Shipov, Riantsev, Dvalishvili - und das war's. Jedoch merkte der dreifache Sieger des Turnieres, der ständige Blitzpartner Kasparov und Hauptexperte von KasparovChess an (RR: Shipov ist gemeint), dass die unbekannten Spieler der vermeintlich schwächeren Gruppe im Finale reihenweise die Favoriten zu Fall gebracht hatten und lediglich die ersten beiden Plätze den Favoriten vorbehalten waren.

Was den Kampf um den ersten Platz anging, so fand der fast ausschließlich zwischen den beiden Alexandern - Lastin und Riantsev - statt, die noch bis vor kurzem als Trainer und Schüler zusammen arbeiteten und jetzt als beinahe gleichwertige Partner in einem Turnier spielen. Beide gewannen überzeugend ihre Vorgruppen. Lastin gewann die Morosevitsch &Co Gruppe mit dem Resultat von 17/19, der andere gewann mit 16/19 vor seinem ärgsten Verfolger Shipow. Das Finale fand nach dem Scheveninger System statt, so dass die Teilnehmer aus einer Gruppe nicht mehr gegeneinander spielen musste. Und so stellte sich heraus, dass zu Beginn des Finales Pawel Dvalishvili die Wertung anführte, obwohl er gar nicht soviel Punkte erreicht hatte, aber gegen die Finalteilnehmer hervorragend gepunktet hatte. Im folgenden nahmen die Dinge ihren normalen Lauf und die beiden Alexander zogen einsam ihre Runden, und bereits eine Runde vor Schluss hatte sich einer von beiden - Lastin - den Sieg gesichert.


Alexander Lastin
Turniersieger

Und wissen sie auch, was ihm den Sieg beschert hat? Nun darauf kommen Sie niemals…Lastin beobachtete einmal, wie sich Sergei Rublevski während des Septemberturnieres - welches bei bestem Sonnenschein an der frischen Luft stattfand - vor den störenden Sonnenstrahlen mit einer Kappe schützte und das Turnier glatt gewann. Und wenn auch im Oktober Klub keine Sonne scheint - eher im Gegenteil, es war stockduster - nahm Sascha (RR Kosename für Alexander ) während des ganzen Turniers nicht seinen Talisman ab, eine Mütze, die alle Teilnehmer der Fide WM erhalten hatten. Nun so denke ich , haben sie mich gut verstanden: Sobald sie sich zum Blitz spielen versammeln, sollten sie unbedingt nach einer Kopfbedeckung greifen, die Methode ist erprobt und wirkt.


Epilog

von Alexander von Gleich

Atarovs Bericht ist nicht nur witzig geschrieben, er hat darin auch alles hinein gepackt, was die russische Seele hören will:

Es dreht sich um die Intelligenzija (Schachspieler). Turniere wurden angesagt und nicht durchgeführt - Betrug! Welcher Russe ist nicht schon mal betrogen worden? Nun haben wir Stoff für endlos lange Streitgespräche: Früher war alles besser, heute hingegen....! Der große Schmerz wird dann dazu führen, dass man nach einem Fläschchen (Wodka) Ausschau hält...

Doch halt, der Artikel geht weiter und nimmt eine ungewöhnliche Richtung: Der Held erscheint und entspricht nicht dem klassischem Vorbild: 1...Sc6. Das hört man nicht gerne in Russland, denn es gilt die Gesetze der russischen Schachschule zu beachten, die von Tschigorin stammen, der etwa so dogmatisch wie Tarrasch war.
 
Aber der Held hat es zu was gebracht (Fide WM) und stiftet ein Turnier, der Preis beträgt 100 USD.

So schlecht sind die Zeiten also schon, man kommt wieder zu dem Punkt alte Zeiten zurück und schaut nun doch mal nach dem Fläschchen. Und wie richtig, denn nun geht es Schlag auf Schlag, ein Betrug reiht sich an den anderen: die Helden Morosevitsch etc. spielen für 100 USD Preisgeld, es kann nicht mit rechten Dingen zu gehen. Der Turniermodus erweckt weiteres Misstrauen, warum spielt nicht jeder gegen jeden: Zeit spielt doch in Russland keine Rolle?

Der Verdacht, dass es nicht mit rechten Dingen zu ging, wird weiter genährt: die Auslosung scheint nicht korrekt zu sein. Der Skandal ist da. Und nun führt auch noch ein Georgier (Dwalischwili ), Betrug ! Allein der Ausgang des Turniers mag versöhnen, der Veteran hat gewonnen, glückselig wird das Fläschchen geleert.

Und auch die Erklärung stimmt: die Mütze war's, alle Russen sind abergläubisch, nun fällt einem jeden eine persönliche Begebenheit ein, mit fortschreitendem Genuss von Wodka werden die Erzählungen immer fantastischer, an Fantasie und Verschwörungstheorien herrscht kein Mangel in Russland.
 


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