Fat Fritz und der Königsinder

von Albert Silver
19.09.2019 – Fat Fritz ist ein neuartiges und starkes Computerprogramm, auf das jeder Schachspieler in der ChessBase Cloud zugreifen kann. Fat Fritz nutzt die Methoden von AlphaZero, aber auch menschliches Wissen. Das macht das Programm stark, führt zu ungewöhnlichen Ideen und einer Neubewertung vieler Eröffnungen. Ein Beispiel dafür ist der Königsinder.

Gewinnen gegen Königsindisch mit der Hauptvariante Gewinnen gegen Königsindisch mit der Hauptvariante

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Königsindisch unter der Lupe

Königsindisch ist bei vielen Spielern beliebt, aber die Engines mögen die Eröffnung nicht. Besonders skeptisch sind sie bei der Klassischen Variante, in der beide Seiten mit ihren Bauern nach vorne preschen. Zwar hat Garry Kasparov mit Schwarz mit dieser Variante eine ganze Reihe von Glanzpartien gespielt, aber die Tatsache, dass er in dieser Variante gegen seinen großen Rivalen Vladimir Kramnik nichts ausrichten konnte und die Variante deshalb ganz aufgegeben hat, bedeutete einen schweren Schlag für Königsindisch-Anhänger. Auch Engines wie Fritz, Rybka oder Houdini, die zu dieser Zeit immer stärker wurden, haben kein Vertrauen in den Königsinder. Sie beurteilen die Stellungen, die in der Klassischen Variante entstehen, als sehr günstig für Weiß. Das legt den Schluss nahe, dass der Königsinder zwar jede Menge praktische Chancen bietet, aber letztendlich keine wirklich solide Eröffnung ist.

Aber stimmt das?

book cover

Fat Fritz sieht die Dinge anders, was nicht nur daran liegt, dass es ein neuronales Netz ist, sondern auch daran, wie das Programm trainiert und entwickelt wurde. Fat Fritz sollte nicht nur das menschliche Schachwissen der Mega Database aufnehmen, sondern auch alle Eröffnungen lernen, die es gibt. Das heißt jedoch nicht, dass Fat Fritz all diese Eröffnungen gerne spielt, sondern nur, dass die Urteile des Programms über bestimmte Eröffnungen auf der Auswertung und der Analyse von Millionen von Stellungen beruhen. Und hier liegt einer der wesentlichen Unterschiede zum "Zero"-Ansatz von AlphaZero. Beim "Zero"-Ansatz spielen menschliche Urteile keine Rolle, denn das schachliche Wissen von AlphaZero beruht einzig und allein auf Partien, die es gegen sich selbst gespielt hat. Allerdings führt auch das zu Verzerrungen, nämlich zu solchen, die im Programm selber wurzeln.

Die über AlphaZero veröffentlichten Artikel und auch das hervorragende Buch "Game Changer" von GM Matthew Sadler und Natasha Regan zeigen, dass AlphaZero unglaublich stark spielt, aber eben auch auf einige Eröffnungen spezialisiert ist. Wenn AlphaZero entscheiden konnte, welche Eröffnungen er spielt, dann hat er ungewöhnlich gut abgeschnitten, aber wenn man das Programm zu größerer Vielfalt in der Eröffnungswahl gezwungen hat, waren die Ergebnisse weniger eindrucksvoll. Liegt das daran, dass einige der Eröffnungen, die AlphaZero spielen musste, als solche schlechter waren, oder liegt es daran, dass AlphaZero nicht in alle Stellungen universell gleich gut spielt? Ich vermute, die Antwort liegt irgendwo in der Mitte.

DeepMind hat Untersuchungen über den Wettkampf von AlphaZero gegen Stockfish veröffentlicht, und ein Teil dieser Untersuchungen zeigt, wie viel Zeit (in Prozent) AlphaZero im Laufe seiner Entwicklung, das heißt, in den 44 Millionen Partien, die es gegen sich selbst gespielt hat, den unterschiedlichen Eröffnungen gewidmet hat.

Hier sind drei dieser Eröffnungen:

Der Artikel, in dem diese Diagramme veröffentlicht wurden, erklärt die einzelnen Grafiken:

Die Partien im Wettkampf AlphaZero gegen Stockfish beginnen mit den bei Menschen beliebtesten Eröffnungen. Der linke Balken zeigt an, wenn AlphaZero die Ausgangsstellung mit Weiß gespielt hat; beim rechten Balken spielt AlphaZero mit Schwarz. Die Balken zeigen die Ergebnisse immer aus Sicht von AlphaZero: Siege (grün), Remis (grau) oder Niederlage (rot). Die Diagramme rechts zeigen an, wie häufig AlphaZero gemessen an der Gesamtzahl von Trainingsstunden die jeweilige Eröffnung in den Partien gegen sich selbst gespielt hat (in Prozent).

Das erste dieser drei Diagramme zeigt, dass AlphaZero die ersten drei Züge, die zum Königsinder führen können, relativ selten gespielt hat. Sogar die Caro-Kann Verteidigung (Diagramm 3) gefiel ihm besser. Auch die Ergebnisse, die AlphaZero gegen Stockfish 8 mit den königsindischen Eröffnungszügen erzielt hat, waren alles andere als umwerfend - AlphaZero hat mit Schwarz seltener gewonnen, aber häufiger verloren oder Remis gemacht als in anderen Eröffnungen. Bei Fat Fritz sieht das ganz anders aus. In meinen Testpartien gegen Stockfish 10, die unter ähnlichen Bedingungen gespielt wurden, erzielt Fat Fritz im Königsinder deutlich bessere Ergebnisse als das insgesamt doch sehr beeindruckende Programm.

Bei meinen Testpartien, in denen der klassische Königsinder gespielt wurde, gewann eine frühere Version von Fat Fritz mit Weiß und mit Schwarz.

 

Hier sind ein paar Schlüsselstellungen, die besonders auffällige Unterschiede in der Bewertung zeigen: _REPLACE_BY_ADV_2

 

Der letzte weiße Zug war 21.Kh1 und über die Bewertung dieser Stellung sind Stockfish und Fat Fritz deutlich anderer Meinung. Stockfish, der mit Schwarz spielt, glaubt, dass er besser steht, und bewertet die Stellung mit -0.83, aber auch Fat Fritz glaubt an sich und hält die weiße Stellung mit +2.02 fast schon für gewonnen!

 

Sechs Züge später fängt Stockfish an, Einsicht zu zeigen, und ist ebenfalls der Meinung, dass Weiß besser steht, wenn auch nur mit einem Wert von +0.25. Fat Fritz gibt der eigenen Stellung eine Wertung von +3.29. Wenn man sich die Stellung genauer anschaut, dann ist schwer zu verstehen, warum Stockfish so sorglos ist. Fat Fritz sieht die Dinge anders und das Ergebnis spricht hier für sich.


In der zweiten Partie, in der die Programme die Eröffnung mit vertauschten Farben wiederholt haben, sehen wir, wie Fat Fritz der Stellung die Dynamik verleiht, nach der sie verlangt.

 

Hier spielte Schwarz 20…Sxe4! und diesen taktischen Schlag hat Stockfish unterschätzt. Fat Fritz hat den Zug alleine gefunden hat, allerdings sollte man darauf hinweisen, dass er bereits in etlichen Fernschachpartien gespielt wurde und auch GM John Nunn ihn bereits probiert hat.

Unterschiedlicher Auffassung waren die Programme auch über eine Stellung, die ein paar Züge später entstand:

Fritz 16

Sehen Sie das? Fritz 16 freut sich schon auf Sie! Und Sie werden mit dem neuen Fritz auch viel Spaß haben. Freuen Sie sich auf viele packende Partien und Siege mit "Easy Play" und der "Assisted Analysis"!

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Hier kommt es zu einem Fall, den viele Spieler kennen werden: die berühmt-berüchtigte Bewertung 0.00. Stockfish 10 hat die Stellung schon eine ganze Weile als 0.00 bewertet und auch in den nächsten Zügen ändert er diese Bewertung nicht. Fat Fritz gefällt die schwarze Stellung jedoch zunehmend und sieht Schwarz mit einer Bewertung von  -1.22 klar im Vorteil. Ein paar Züge später schwenkt auch Stockfish um und sieht Schwarz bis zum Ende der Partie klar im Vorteil.

Allerdings möchte ich mit den gezeigten Beispielen keineswegs behaupten, dass der Königsinder besser für Schwarz oder sogar gewonnen ist. Allerdings bin ich der Meinung, dass diese Beispiele zeigen, dass die Eröffnung prinzioiell gesund ist, und dass Fat Fritz ein sehr viel besseres Verständnis für die Anforderungen und Möglichkeiten königsindischer Strukturen hat als die meisten anderen Engines. Eröffnungen mit Hilfe von Fat Fritz zu analysieren, kann zur Entdeckung einer ganzen Reihe von verborgenen Schätzen führen - im Königsinder und in anderen Eröffnungen.

Übersetzung aus dem Englischen: Johannes Fischer

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Albert Silver ist Redakteur und Autor. Er lebt in Rio de Janeiro in Brasilien.
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