Frauenbundesliga: Schwäbisch Hall gewinnt Spitzenspiel

von André Schulz
31.01.2018 – Am vergangen Wochenende war unter anderem der Hamburger Schachklub einer der Gastgeber der Doppelrunde in der Frauenbundesliga und begrüßte die Top-Teams aus Schwäbisch Hall (aktueller Meister) und Deizisau. Am Samstag wurde das Spitzenspiel Erster gegen Zweiter ausgetragen. Eine gute gelegenheit zu einem kleinen Streifzug durch die Hamburger (Frauen-) Schachgeschichte.

Schach Nachrichten


ChessBase 14 Download ChessBase 14 Download

ChessBase 14 ist die persönliche Schach-Datenbank, die weltweit zum Standard geworden ist. Und zwar für alle, die Spaß am Schach haben und auch in Zukunft erfolgreich mitspielen wollen. Das gilt für den Weltmeister ebenso wie für den Vereinsspieler oder den Schachfreund von nebenan.

Mehr...

Schach in Hamburg

Fotos, wenn nicht anders angegeben: André Schulz

Das organisierte Schach hat in Hamburg eine lange Tradition. Der Hamburger Schachklub wurde schon im Jahr 1830 gegründet und ist damit der zweitälteste und noch existierende Schachklub Deutschlands. Er ist auch einer der ältesten der Welt. Der älteste noch existierende Schachklub in Deutschland ist die 1826 gegründete Berliner Schachgesellschaft, die heute noch im Verein Berliner Schachgesellschaft 1827 Eckbauer weiterlebt. Ohne den Berliner Schachfreunden zu nahe treten zu wollen: Der Hamburger Schachklub von 1830 ist heute mit großem Abstand der bedeutendere Verein. Mit etwa 600 Mitgliedern ist der HSK der größte Schachverein Deutschlands. Auch in der Sportgeschichte der Hansestadt ist man stolz auf den Verein. Nur die Hamburger Turnerschaft von 1816 ist noch älter als der Hamburger Schachklub. Das Hamburger SK ist allerdings in Hamburg nicht der einzige Verein, der das Schach hochhält. Im Hamburger Schachverband sind nicht weniger als 40 Schach-Vereine organisiert. Und parallel gibt es auch noch 35 Betriebssportgruppen, die im Wettkampf Schach spielen.

100 Jahre Hamburger Schachklub

Das Vereinsleben war zumeist den Männern vorbehalten. Frauen hatten entweder ihre eigenen Vereine oder mussten sich den Zugang zu den allgemeinen Sportvereinen erst erkämpfen. Anlässlich des 100-jährigen Geburtstages wurde 1930 in Hamburg eine Schacholympiade organisiert. Parallel fand auch eine Schachweltmeisterschaft der Frauen statt. Ein Frauenschachturnier, das 1927 am Rande der 1. Schacholympiade von London ausgetragen wurde, hatte der 1924 gegründete Weltschachbund FIDE im Nachhinein zu einer Frauen-Weltmeisterschaft erklärt. Die drei Jahre später durchgeführte Weltmeisterschaft der Frauen in Hamburg war somit die zweite in der Geschichte des Frauenschachs. Vera Menchik war damals allen anderen Frauen im Schach weit überlegen und hatte das Turnier in London 1927 mit 10,5 aus 11 gewonnen. Sie reiste also als große Favoritin nach Hamburg. Hier nahmen nun nur noch fünf Frauen teil, das Turnier wurde doppelrundig gespielt. Vera Menchik verlor aber gleich ihre erste Partie gegen die Hamburgerin Walli Henschel, die vermutlich dem Hamburger Schachklub angehörte. Weltmeisterin wurde Menchik dann aber trotzdem. Dies war die einzige Partie, die Menchik jemals bei einer Weltmeisterschaft verloren hat.

 

Frauenbundesliga

Noch nicht ganz 100 Jahre später ist das Schachspiel bei Mädchen und Frauen noch nicht so weit verbreitet wie bei den Männern, hat aber im Vergleich zur Zeit noch vor 30 oder 40 Jahren deutlich an Beliebtheit gewonnen. Es gibt sogar eine richtige Profiszene, Frauen, die als Schachspielerinnen oder als Trainerinnen vom Schach leben können. Meist kommen sie aus Osteuropa, wo Schach in der Gesellschaft traditionell einen höheren Stellenwert hat. In Deutschland ist das Leben als weiblicher Schachprofi eher schwierig. In Deutschland ist aber die Schach-Organisation gut und so gibt es eine Schachbundesliga der Frauen, seit 1991. Und es gibt sogar eine Zweite Bundesliga der Frauen.

Am vergangenen Wochenende war der Hamburger Schachklub, der sich neben seiner allgemeinen Bundesligamannschaft auch noch ein Frauenteam leistet und der Frauenbundesliga seit Gründung angehört, einer Gastgeber der dritten Doppelrunde. In der Frauenbundesliga spielen 12 Teams an je sechs Brettern nach dem gleichen Schema, nach dem auch die Bundesliga ihre Wettkämpfe bestreitet. Es gibt also drei Spielorte. Dort empfangen der Heimverein und sein "Reisepartner" zwei Gastmannschaften. Die "Einzelrunde", in der die Reisepartner gegeneinander spielen, wird irgendwo terminlich angehängt. 

Profis gegen Amateure

Die "Platzhirsche" der Liga sind in etwa die gleichen wie in der allgemeinen Liga, also Baden-Baden, die Filiale Deizisau, Schwäbisch Hall, außerdem aber auch noch der SC Bad Könighofen. Das Team des Hamburger SK ist im Vergleich zur Rolle des HSK in der Männer-Bundesliga eher stärker einzuschätzen. Hier spielen die deutschen Nationalspielerinnen Sara Hoolt, Judit Fuchs und Filiz Osmanodja. Mit Monika Socko, Sara Kademalsharie und Atousa Pourkashiyan kann man bei Bedarf internationale Top-Spielerinnen in die Waagschale werfen und es gibt einige starke Spielerinnen, die in Hamburg zuhause sind, wie Diane Baciu oder Lyubka Genova. Aus dem großen Pool des Hamburger Schachnachwuchs entwickeln sich auch immer wieder neue Talente, aktuell z.B. Teodora Rogozenco.

Das Hamburger Team ist zwar stark, deutlich stärker sind jedoch die oben genannten Profimannschaften. Titelverteidiger Schwäbisch Hall ist bis Brett sechs mit Spielerinnen mit Elozahlen über 2400 besetzt. Und bei Baden-Baden weisen die Spielerinnen der oberen Bretter sogar Elozahlen über 2500 auf. Damit ist die OSG Baden-Baden natürlich Top-Favorit, hat aber wie alle Vollprofimannschaften das Problem, dass die Spielerinnen an den Bundesliga-Terminen nicht immer zur Verfügung stehen, sondern bei anderen Events aktiv sind. Im Frauenschach sind das beispielsweise Grand Prix-Turniere, Blitz- und Schnellschachweltmeisterschaften, die K.o.-Weltmeisterschaften oder, gerade aktuell, ein stark besetztes Open wie das Tradewise Gibraltar Schachfestival.

Ein Schachheim in Hamburg

Der Hamburger SK hat sich vor einigen Jahren in der Schellingstraße ein eigenes Heim geschaffen. Dort ist jeden Tag Spieltag. Oder es wird in der angeschlossenen Schachschule Hamburg trainiert. Für Wettkämpfe der (Männer-)Bundesliga ist das Haus zu klein, aber für die zwei Wettkämpfe mit je sechs Brettern der Frauenbundesliga reicht der große Raum im ersten Stockwerk aus. Aus dem Nebenraum heraus, wo die Bibliothek des Vereins untergebracht ist, werden die Partien auch live ins Internet übertragen, so wie sich das für einen Bundesligakampf gehört. Im Erdgeschoss ist Platz zum Analysieren, außerdem befindet sich hier die allgemeine Versorgungsecke für Zuschauer und Begleiter. Die Spielerinnen werden im Spielsaal mit einem kleinen Buffet separat versorgt. 

 

Thomas Woisin, der neue Präsident des Hamburger SK, begrüßt die Gäste. Hinten Andreas Albers, Kapitän des Hamburger Teams

Die dritte Doppelrunde der Frauen-Bundesliga

Die dritte Doppelrunde der Frauenbundesliag war auf die drei Spielorte Hamburg, Leipzig und Erfurt verteilt. In Leipzig, einem weiteren magischen Ort der deutschen Schachgischte, denn hier wurde 1877 der Deutsche Schachbund gegründet, empfing der SV Allianz Weißblau Leipzig mit seinem Reisepartner, den Rodewischer Schachmiezen den SC Bad Königshofen und den SV Hofheim. 

Mit Karina Szczepkowska-Horowska und Klaudia Kulon ist Leipzig an den ersten beiden Brettern mit zwei starken polnische Gastspielerinnen besetzt. Es gibt auch Profis im Team, aber auf anderem Gebiet: Prof. Dr. Grit Kalies ist Autorin von Romanen und Gedichtbänden und zudem Dozentin für Physikalische Chemie und Mischphasen- und Grenzflächenthermodynamik an der Hochschule für Technik und Wirtschaft Dresden. Schach betreibt sie nur all Hobby. Bei Allianz Leipzig besetzte sie am Wochenenden Brett fünf. Ein Brett dahinter spielte Dr. Anita Just, Koordinatorin für Elektrische Impedanztomographie an der Uni-Klinik Göttingen. Anita Just ist die Tochter der einstigen DDR-Nationalspielerin Gabriela Just, von Beruf Ärztin, die mit der DDR-Mannschaft in den Jahren 1966, 1969 und 1972 an drei Schacholympiaden teilnahm und dabei 1966 in Oberhausen Mannschafts-Bronze gewann. Leipzig kassierte jedoch am Samstag gegen SV Hofheim eine knappe und am Sonntag gegen den SC Königshofen eine klare Niederlage. Besser lief es für die Partnerinnen der Rodewischer Schachmiezen, die mit Nationalspielerin Melanie Lubbe, eine gebürtige Leipzigerin, an Brett zwei ihre prominenteste Mitspielerin haben. Die Miezen gestalteten beide Kämpfe 3:3, wobei das Unentschieden gegen Königshofen wohl als Überraschung zu werten ist.

In Erfurt empfingen Medizin Erfurt und der SK Lehrte die Karlsruher Schachfreunde und den immerwährenden Top-Favoriten auf alle Mannschaftstitel im deutschen Schach, die OSG Baden-Baden. Das Grenke Team hatte im Dezember gegen Königshofen einen Punkt abgegeben und ist deshalb zur Zeit nur Zweiter hinter Schwäbisch Hall. Der direkte Vergleich, dann wohl das Endspiel um die Meisterschaft, steht allerdings noch aus. Am Wochenende musste die OSG erneut mit dem "B-Team" antreten - die Bretter eins bis sechs fehlten komplett. Anna Zatonskich an Brett eins führt das Team jedoch zu zwei klaren Siegen. Die junge Mannschaft des SK lehrte, mit Fiona Sieber und Lara Schulze an den Spitzenrettern, hatte gegen Baden-Baden keine Chance, besiegte aber die Karlsruher SF. Am Spitzenbrett kämpften die beiden Schülerinnen Annmarie Mütsch und Fiona Sieber um den ganzen Punkt.

Nun nach Hamburg. Hier fand das Spitzenspiel des Spieltages statt, der aktuelle Erste, Schwäbisch Hall, traf auf den aktuell Zweiten, den Hamburger SK.

Hanna Marie Klek mit Karsten Straub (Deizisau), dahinter Marta Michna und Ulla Hielscher (Kiel)

Beide Mannschaften waren mit fünf Siegen in die Saison gestartet. Da einige der Spielerinnen beim Tradewise Open in Gibraltar aktiv sind, fehlten beiden Mannschaften einige Kräfte. Beim HSK war dies vor alle Sara Hoolt. Bei Schwäbisch Hall sind Nino Basiashvili und Sabine Vega in Gibraltar am Start. Die Haller kamen ohne ihre ersten drei Bretter - man kann aber nicht sagen, das sie daduch geschwächt auftraten. Lela Javakishvili besetzte das erste Brett.

Das Spitzenspiel am Samstag war umkämpft, am Ende nahmen die Gäste die Punkte mit. Judit Fuchs gewann zwar für Hamburg gegen Irina Bulmaga, aber Karina Ambartsumova und Iva Videnova machten die Angelegenheit an den Brettern fünf und sechs für Schwäbisch Hall klar. Am Sonntag gewann Hamburg dann knapp gegen Deizisau. Die Doppelbauern aus Kiel verloren ihre beiden Kämpfe gegen Schwäbisch Hall und Deizisau klar. 

Das Team von Schwäbisch Hall (Foto: Thomas Marschner)

Partien aus Hamburg

 

 

Stand nach sieben Runden

Währen im ersten Stock der Schach-Dino Hamburger SK um Punkte gegen Schwäbisch Hall und den ersten Tabellenplatz kämpfte, konnte man sich in der "Küche" das Spiel des Fuball-Dinos Hamburger SV bei RB Leipzig anschauen. Der Hamburger SV kämpft ja seit einigen Jahren fast schon traditionell gegen den Abstieg. Diesmal gab es aber gegen den Favoriten ein 1:1. Im Fußball ist Hamburg nicht spitze. Im Schach aber schon. Dafür sorgt seit 1830 nicht zuletzt der Hamburger SK.

Zwischen Süßigkeiten und Bananen. Hier spielt Fußball mal nicht die erste Geige

 

Hamburger Schachverband...

Betriebssportverband Hamburg, Schach...

Frauenbundesliga, Ergebnisdienst...

Frauenbundesliga bei Schachbundesliga...

 



André Schulz, seit 1991 bei ChessBase, ist seit 1997 der Redakteur der deutschsprachigen ChessBase Schachnachrichten-Seite.
Discussion and Feedback Join the public discussion or submit your feedback to the editors


Diskutieren

Regeln für Leserkommentare

 
 

Noch kein Benutzer? Registrieren

André André 02.02.2018 12:22
@Longus: Toll! Danke für die Recherche und Ergänzung!
Longus Longus 01.02.2018 05:07
Im Bericht wird Walli Henschel als "vermutliches" Mitglied des HSK benannt. Unsere Chronik weist aber aus, das Frau H. nach einem Mitgliederverzeichnis seit 1922 Mitglied im HSK war. In den Folgejahren werden ihre schachlichen Aktivitäten im HSK in dieser Chronik mehrfach erwähnt, u.a. auch das Turnier mit V. Menchik im Jahr 1927. Bei der Feier zum 100-jährigen Jubiläum des HSK am 10.05.1930 trug mit einem Gesangsstück zum Gelingen des Festes bei. Also: volles Mitglied! - Im Jahr 1932 wird sie in der Chronik zum letzten Mal erwähnt.
1