Amateurspieler verteidigen nur selten gut. Warum? Nun, Verteidigen ist oft unangenehm und anstrengend. Und Amateure spielen meist zum Vergnügen. Warum also sollten sie sich auf etwas konzentrieren, das langweilig und anstrengend ist, statt sich den angenehmeren Aspekten des königlichen Spiels zu widmen? Das Ergebnis einer solchen Denkweise ist logisch: Nicht-Profis sind in der Regel im Angriff deutlich stärker als in der Verteidigung.
Bei Profis liegen die Dinge etwas anders. Sie spielen Schach zum Vergnügen, aber bestreiten damit auch ihren Lebensunterhalt. Sie müssen einfach gute Ergebnisse erzielen, und um das zu erreichen, müssen sie alle schachlichen Fähigkeiten beherrschen – auch die unattraktiven.
In diesem Artikel möchte ich Ihnen vier Verteidigungsmethoden der Profis zeigen und vielleicht dazu beitragen, dass Sie einen anderen Blick auf die Verteidigung bekommen. Vielleicht stellen wir gemeinsam fest, dass die Kunst der Verteidigung nicht ganz so uninteressant ist.
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Das Diagramm unten zeigt eine Stellung aus der 14. Partie des WM-Kampfs zwischen Kramnik und Kasparov, der 2000 in London gespielt wurde und den Kramnik gewann. Stellen Sie sich jetzt vor, Sie wären hier Kramnik: Sie führen im Match mit 2:0 und sind nur noch wenige Schritte vom WM-Titel entfernt.
Aber in dieser Partie haben Sie die Eröffnung misshandelt und stehen nun gegen einen der gefährlichsten Spieler der Schachgeschichte schlechter. Wenn er diese Partie gewinnt, dann müssen Sie am nächsten Tag mit Schwarz gegen einen vor Energie und Optimismus strotzenden Kasparov spielen.
Was also würden Sie spielen? Wie würden Sie sich verteidigen?
Kramnik-Kasparov, WM-Kampf London 2000, Partie 14, Weiß am Zug:
Kramnik erkannte, dass Schwarz mit …Tc8–c5 über eine positionelle Drohung verfügt, mit der er langfristigen Druck auf den schwachen Bauern c4 ausüben kann. Eine solche Stellung zu verteidigen wäre anstrengend und schwierig gewesen. Daher entschied sich Kramnik, die Notbremse zu ziehen und die erste Verteidigungsmethode anzuwenden: Vereinfachung.
Mit 29.c5!? opferte er einen Bauern und nach 29…Txc5 30.Txc5 Lxf6 31.Dxf6 dxc5 hatte sich die Stellung zu einem haltbaren Endspiel vereinfacht:
Schwarz hat einen Bauern mehr. Allerdings sind beide Schwerfiguren von Weiß sehr aktiv, und es gibt mehrere Schwächen im Lager Kasparovs: der a-Bauer, der c-Bauer und – am auffälligsten – der König. Kramnik spielte den schönen prophylaktischen Zug 32.Kh2!, bereitete damit einen Turmtransfer vor und erreichte ohne große Mühe ein Remis.
Hier die vollständige Partie:
Eine weitere häufige Methode der positionellen Verteidigung ist der Aufbau einer Festung. Festungen kommen zwar gelegentlich in geschlossenen Mittelspielstellungen vor, sind aber im Endspiel deutlich häufiger anzutreffen. Warum? Der Grund ist einfach: Stehen weniger Figuren auf dem Brett, gibt es auch weniger Angreifer, die versuchen, in die Festung einzudringen, und so können selbst wackelige und dünne Mauern ihren Zweck erfüllen.
In der folgenden Stellung hatte ich ein schwieriges Problem zu lösen: Wie sollte ich den weißen König daran hindern, über den Damenflügel in mein Lager einzudringen, und dabei den b-Bauern unter Kontrolle halten?
Zilka-Markos, Slowakische Mannschaftsmeisterschaft 2020, Schwarz am Zug:
Die Hauptschwierigkeit für Schwarz liegt darin, dass sein Springer auf d6 dem eigenen König ein wichtiges Feld nimmt. Der schwarze Monarch gehört nach c6. Aber wie kommt er dorthin? Zunächst musste ein neues Feld für den Springer gefunden werden. Ich spielte 54…Sb7!, und die Partie ging weiter mit 55.Lc8 Sc5 56.b7 Sa6!.
Auf den ersten Blick ist a6 – weit entfernt vom Zentrum – ein schlechter Platz für den Springer. Entscheidend ist jedoch, dass der Weg nach c6 nun frei ist. Nach dem möglichen Versuch von Weiß 57.Kd3 Kd6 58.Kc4 Kc6 ist die Festung uneinnehmbar (siehe Diagramm unten).
Zilka-Markos, Variante
In der Partie spielte Zilka 57.Kf3 und versuchte noch weitere vierzig Züge lang, meine Verteidigung zu durchbrechen, doch meine minimalistische Festung hielt all seinen Bemühungen stand.
Werfen wir nun einen Blick auf die dritte Verteidigungsmethode, vielleicht die angenehmste: den Gegenangriff. In der Regel haben selbst unerfahrene Spieler keine großen Probleme damit, Möglichkeiten zum Gegenangriff zu finden. Schließlich ähnelt ein Gegenangriff in gewisser Weise einem „normalen“ Angriff, und wir alle sind im Schach gern aktiv, nicht wahr?
Manchmal jedoch lässt sich ein Gegenangriff in unerwarteten Situationen organisieren. Sehen wir uns die Partie Aronian–Carlsen, Sinquefield Cup 2014, an – Weiß am Zug:
Weiß hat in einem unangenehmen Turmendspiel einen Bauern weniger. Ich glaube, die meisten Vereinsspieler würden den Turm hinter den Bauern stellen und dann einfach abwarten. Schließlich – was soll Weiß bei so wenigen Figuren auf dem Brett sonst tun?
Nun, Aronian fand eine schöne Möglichkeit zum Gegenangriff. Er spielte 52.Kg2! mit dem Plan, die schwarzen Bauern durch einen Königsmarsch über g2–h3–h4–g5–f6 anzugreifen, sobald der schwarze König zum Damenflügel geht.
Gegen schwächere Gegner hätte diese Idee wahrscheinlich zum Remis gereicht. Doch Carlsen bewies einmal mehr seine erstaunliche Technik und gewann, nachdem er seinen Gegner später im Endspiel überrumpeln konnte.
Hier die vollständige Partie:
Die letzte Verteidigungsmethode ist der Mehrheit der Vereinsspieler nahezu unbekannt. Sie hat bislang nicht einmal einen festen Namen. In unserem Buch Secret Ingredient, das ich gemeinsam mit David Navara verfasst habe, nannten wir sie Sabotage.
Sabotage ist nicht dasselbe wie ein Gegenangriff. Der Verteidiger versucht nicht, eigene Aktivität zu entwickeln. Vielmehr geht es darum, die angreifenden Figuren zu verlangsamen, meist durch das Schaffen von Mikroproblemen. Sabotage bedeutet, Sand in den Angriffsmechanismus des Gegners zu streuen.
Ding-Vachier Lagrave, Kandidatenturnier 2021, Schwarz am Zug:
Vachier-Lagraves Stellung ist wenig ansprechend. Sein König ist sehr verwundbar, und die Schwerfiguren von Weiß sind im Zentrum gut platziert. Die unmittelbare Drohung ist Te5–e6, gefolgt von einem tödlichen Damencheck auf g6.
Es gibt jedoch eine Möglichkeit, den weißen Angriff zumindest zu verlangsamen. Der Franzose spielte das energische 51…Tf7!, mit Angriff auf den anfälligen Bauern f3. Nun wird 52.Te6?? mit dem Gegenstoß 52…Txf3+ beantwortet, und Weiß muss daher neue, langsamere Angriffspläne finden.
Fünfzehn Züge später hat sich die Stellung nahezu wiederholt:
Erneut droht Ding, in das schwarze Lager einzudringen. Diesmal besteht die Hauptdrohung in De4–b7+, gefolgt entweder von einem schnellen Matt oder von erheblichem Materialgewinn. Und wieder findet Vachier-Lagrave den einzigen Zug. Diesmal wird der schwarze Monarch selbst zum Saboteur!
Schwarz spielte das mutige 66…Kf6!, das die Harmonie der weißen Streitkräfte stört. Der Turm hängt, und nach sowohl 67.Df5+ Kg7 als auch 67.Tf5+ Kg7 68.Db7+ Kh8 gibt es keinen direkten Gewinn. Die Partie endete nach 88 Zügen friedlich.
Hier die vollständige Partie:
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Ich weiß, Verteidigen ist schwierig. Manchmal ist es auch langweilig und anstrengend. Aber man kann sich darin verlieben. Schließlich ist es eine wichtige Fähigkeit, die Ihr Schach stark verbessern kann.
Ich hoffe, Sie haben durch diesen Artikel eine Vorstellung wichtiger Verteidigungsmethoden bekommen. Ich rate meinen Schülern immer, sich zu fragen: „Mit welcher Methode sollte ich mich in dieser Stellung verteidigen? Soll ich vereinfachen, eine Festung errichten, zum Gegenangriff übergehen oder eine Sabotage organisieren?“ Hat man sich für die richtige Methode entschieden, fällt es deutlich leichter, die passenden Züge zu finden.
Natürlich können (und sollten!) diese Methoden in einer Partie miteinander kombiniert werden. Karpov war derjenige, der in der Verteidigung sehr geschickt „die Gänge wechselte“: Er verband geduldiges Verteidigungsspiel mit überraschenden Gegenangriffen und wickelte gerne in schwierige Endspiele ab, die er halten konnte.
Dennoch verlieren selbst starke Spieler manchmal den Faden, wenn es darum geht, die richtige Verteidigungsmethode zu wählen. Solche „defensiven Fehlgriffe“ untersuchen wir im nächsten Teil von „Gewinnen lernen“.
Weitere Folgen von "Gewinnen lernen"...
Übertragung aus dem Englischen: Johannes Fischer
Lassen Sie uns gemeinsam lernen, wie man die besten Felder für die Dame im frühen Mittelspiel findet, wie man diese Figur auf dem Brett navigiert, wie man den Damenangriff zeitlich abstimmt, wie man entscheidet, ob man sie tauscht oder nicht, und vieles m