Der Englische Schachverband führt derzeit in zahlreichen unterschiedlichen Kategorien und Gruppen seine Landesmeisterschaften durch und feiert sie als die „stärkste Britische Meisterschaft seit 122 Jahren“. Damit bezieht sich der Verband auf den Beginn der im Jahr 1904. Bei der ersten Britischen Landesmeisterschaft, ausgetragen in Hastings, siegte noch William Ewart Napier, Amerikaner, aber englischer Herkunft. Die Briten interpretierten ihr Reich lange sehr großzügig und ließen noch bis vor Kurzem Teilnehmer aus den Kolonien zu.
Doch schon im folgenden Jahr begann die Zeit des Henry Ernest Atkins. Er gewann die Britische Meisterschaft 1905, ebenso 1906, auch 1907, kurz: alle britischen Meisterschaften von 1905 bis 1911 und dann noch jene in den Jahren 1924 und 1925. Damit war Atkins lange der britische Rekordmeister, bis ihn Jonathan Penrose in den 1960er Jahren überholte. Das Besondere an diesen Erfolgen war, dass Henry Atkins streng genommen nur ein Hobbyspieler war. Er wurde aber dennoch mit seiner Spielstärke zu den besten Spielern jener Zeit gezählt. Für die Zeit zwischen 1902 bis 1905 zählt der Statistiker Jeff Sonas (www.chessmetriccs.de) Henry Atkins in seiner Liste der nachttäglich errechneten historischen Elozahlen sogar zu den Top Ten der Welt mit einem Elopeak von 2700.
Henry Atkins wurde am 20. August 1872 in Leicester geboren. Sein Vater war Lehrer an der Wyggeston Boys School.
Henry Atkins lernte mit zehn Jahren Schach von seinem Bruder. Das große internationale Turnier von London 1883, mit 14 Teilnehmern doppelrundig ausgetragen, begeisterte und inspirierte den Jungen Henry Atkins, wie er später einmal erzählte. Atkins verfolgte den Verlauf des Turniers in den Zeitungen und hoffte auf einen Sieg von Johannes Zukertort, wobei ihn jede Niederlage seines Idols enttäuschte. Am Ende kam Zukertort aber dennoch mit drei Punkten Vorsprung vor Steinitz ins Ziel. Mit zehn Jahren trat Atkins der Schachgruppe der Wyggeston School bei. Seine Schwester schenkte ihm Howard Stauntons „The Chessplayer’s Handbook“ für erste theoretische Betrachtungen des Schachspiels. Atkins nahm sich Wilhelm Steinitz zum Vorbild und adoptierte seinen Stil, was ihm später in England den Spitznamen „der kleine Steinitz“ einbrachte.
Mit 15 Jahren trat Atkins in den Schachclub von Leicester ein. Zwei Jahre später war er schon der beste Spieler des Klubs und spielte an Brett eins der Klubmannschaft. Nach dem Schulabschluss studierte Atkins am Peterhouse College in Cambridge Mathematik. Er war einer der besten Studenten, spielte in der Schachmannschaft des Colleges und war hier der beste Spieler, der jemals für das Collegeteam angetreten war. In der ganzen Studienzeit verlor er bei Wettkämpfen nur eine einzige Partie. Neben dem Schach betätigte sich Atkins aber auch im Cricket und gehörte hier ebenfalls zur Auswahlmannschaft der Universität.
1895 war des Jahr des ersten großen internationalen Turniers in Hastings. Die ganze Weltelite, darunter Spieler wie Wilhelm Steinitz, Emanuel Lasker, Siegbert Tarrasch, Henry Pillsbury, Mikhail Tschigorin war angetreten und maß sich mit den besten englischen Spielern, allen voran Henry Bird und Amos Burn, 22 Spieler insgesamt.

Das Schachturnier in Hastings war ein Wettbewerb von Weltgeltung, begründete eine lange Tradition und gehörte zu den Klassikern der Schachgeschichte. Dank seiner Erfolge während der Studienzeit erhielt Henry Atkins eine Einladung für das parallel durchgeführte Kandidatenturnier, bei dem immerhin der Ungar Geza Maroczy, der Niederländer Rudolf Lomann, der Deutsche Wilhelm Cohn oder der Engländer John Owen (Owen’s defence, 1…b6) mitspielten, alles bekannte Meister jener Zeit. Atkins erreichte hinter Maroczy den zweiten Platz, war damit bester britischer Spieler und wurde mit dem Titel „Amateurmeister von Groß Britannien“ geschmückt.
1896 wurde Atkins in die britische Auswahlmannschaft für einen Fernwettkampf gegen die USA berufen. Das Match wurde an zehn Brettern über das Transatlantik-Kabel ausgetragen. England gewann 4:3 nach Siegen. Auch Atkins gehörte zu den Gewinnern. Das Match wurde bis 1911 jährlich ausgetragen und mit Atkins spielte mit einer Ausnahme im Jahr 1909 alle diese Wettkämpfe mit.
Ende der 1890er nahm Atkins mit sehr gutem Erfolg an einer Reihe von kleineren Turnieren teil. Einen großen Erfolg feierte er 1899 bei einem Amateurturnier in Amsterdam, wo er bei 16 Teilnehmern alle Partien und das Turnier mit vier Punkten Vorsprung gewann. 1902 nahm Henry Atkins auch am 13. DSB-Kongress in Hannover im Meisterturnier teil. Hier hatte er viele Spieler der Weltelite als Gegner und belegte mit 11,5 Punkten aus 17. Partien hinter Janowski und Pillsbury den 3. Platz.
Es sind vor allem diese beiden Turniere, im Amsterdam und in Hannover, die sich in der statistischen Auswertung von Jeff Sonas niederschlagen, der Atkins in dieser Zeit als Nummer Sechs der Welt sieht.
Schon im Jahr 1898 hatte Henry Atkins eine Stelle als Mathematikdozent am Northampton College angenommen. 1902 wechselte er an die Wyggeston School, bevor er 1909 ans Huddersfield College ging, wo er Rektor wurde. Dort blieb er bis zu seiner Pensionierung 1936. Seine beruflichen Verpflichtungen erlaubten Atkins immer weniger zeitaufwändige Turnierteilnahmen, besonders im Ausland. So beschränkte er sich ab 1904 auf Turnier in England und hier im Wesentlichen auf die Landesmeisterschaften, die während der Ferien im Sommer stattfanden.
1904 wurde die English Chess Federation gegründet und führt seitdem die Britischen Landesmeisterschaften durch, die erste gleich 1904. Bei seiner Premiere teilte Atkins noch den ersten Platz mit William Ewart Napier, unterlag dann aber knapp im folgenden Stichkampf, der mit vier Partien aber erst im Januar des Folgejahres stattfand.
Im Sommer 1905 sorgte Atkins bei der zweiten Britischen Landesmeisterschaft für klare Verhältnisse und gewann mit 1,5 Punkten Vorsprung. Im Jahr darauf gewann Henry Atkins die Meisterschaft mit einem Punkt Vorsprung vor Reginald Pryce Michell. 1907 holte Atkins seinen dritten Titel, wieder mit einem Punkt Vorsprung vor Michell. Bei seiner Titelverteidigung 1908 gewann Atkins wieder mit 1,5 Punkten Vorsprung, diesmal vor William Ward.

Foto: Tunbridge Wells Chess Club
Außer den Britischen Meisterschaften spielte Atkins keinerlei andere Turniere. Umso bemerkenswerter waren seine Leistungen bei den Landesmeisterschaften. 1909 musste sich Atkins den ersten Platz mit Joseph Henry Blake teilen, gewann aber den Stichkampf. Bei seinem sechsten Titelgewinn 1910 war Atkins wieder alleiniger Turniersieger mit einem Punkt Vorsprung vor Frederick Yates.
Für seinen siebten Titelgewinn in Folge benötigte Atkins dann erneut einen Sieg im Stichkampf, gegen den punktgleichen Yates.
In den Jahren 1912 und 1914 spielte Henry Atkins noch zwei Länderkämpfe gegen die Niederlande mit, jeweils im April. Atkins gewann drei der vier Partien und spielte eine remis.
Der Beginn des Ersten Weltkrieges beendete dann praktisch alle größeren Schachaktivitäten in Europa. Nach Ende des Krieges kam das Schachleben in England im August 1919 mit einem Victory Congress in Hastings wieder in Gang. Es war ein größeres Schachfestival mit mehreren Turnieren. Der Star des Masters-Turnier war Raul Capablanca, der das Turnier auch überlegen mit 10,5 Punkten aus 11 Partien gewann. Auch Atkins sollte an diesem Turnier teilnehmen, sagte aber aus gesundheitlichen Gründen kurzfristig ab.
Im Juli 1922 organisierte der Britische Schachverband dann in London ein bedeutendes internationales Turnier, zu dem viele Weltklassespieler eingeladen wurden. Capablanca gewann auch dieses Turnier, mit 1,5 Punkten Vorsprung. Unter den 16 Teilnehmern befand sich auch Henry Atkins, der nach langer Turnierabstinenz sein Interesse am Schach wiedergefunden hatte. Atkins landete mit 6 Punkten auf Platz 10, zwischen Yates und Euwe.

Foto: BCM, Oktober 1924
Zwei Jahre später, im August 2024 nahm Atkins auch wieder an den Britischen Meisterschaften teil und gewann mit einem halben Punkt Vorsprung vor seinem alten Konkurrenten Yates. Von den elf Partien gewann Atkins sieben, spielte dreimal remis, musste aber gegen Reginald Michell auch eine Niederlage quittieren. 1925 verteidigte Atkins erfolgreich den Titel, diesmal blieb er ohne Niederlage, gewann acht Partien und spielte erneut drei Partien remis. Yates wurde wieder Vizemeister. Es war Atkins neunter Landesmeistertitel, aber auch seine letzte Teilnahme – vorerst.
Zwei Jahre später, im Juli 1927 war London der Austragungsort der ersten offiziellen Schacholympiade, die damals aber noch nicht so bezeichnet wurde.

London 1927
Der neunfache britische Meister Henry Atkins wurde ans erste Brett der englischen Mannschaft gesetzt, gefolgt von Frederick Yates, George Allan Thomas, Reginald Michell und Edmund Spencer. Sechszehn Viererteams bewarben sich um die Medaillen. Gespielt wurde im Modus jeder gegen jeden.
Die Verbände nahmen den Wettbewerb durchaus ernst und schickten starke Spieler ins Feld. Allerdings hatte die FIDE festgelegt, dass nur Amateure, keine Berufsspieler, teilnehmen sollten, wobei die Grenzen jedoch recht unscharf gezogen waren. Die Ungarn kamen mit Maroczy am Spitzenbrett, die Österreicher mit Ernst Grünfeld, die Deutschen mit Siegbert Tarrasch und Richard Reti spielte für die nach dem Krieg neu geschaffene Tschechoslowakei. Ungarn gewann die Goldmedaille, vor Dänemark. Die Namen der dänischen Spieler sind außerhalb Dänemarks heute nicht mehr so bekannt, aber das dänische Team war sehr stark. Holger Norman-Hansen an Brett zwei war mit 12 Punkten aus 15 Partien zusammen mit George Alan Thomas der beste Spieler des Turniers. Dank der Leistung von George Alan Thomas holte England Bronze. Atkins kam am Spitzenbrett auf 7 Punkte aus 12 Partien, was ein solides Ergebnis war.
Vor der Schacholympiade 1928 in Den Haag gab es einen Streit um den von der FIDE geforderten Amateurstatus der Spieler. Die USA meldeten ein Team mit Spielern, deren Amateurstatus zumindest fraglich war. England trat deshalb aus Protest nicht an. Gold ging erneut an Ungarn. Das US-Team wurde Zweiter vor Polen.
1930 besetzte England ihr ersten Brett mit ihrem neuen Star, Sultan Khan. Er war schon 1928 zusammen mit Sir Umar Hayat Khan aus British-Indien nach London gekommen und war schon der beste Spieler Indiens, wo allerdings nach etwas anderen Regeln gespielt wurde. Sultan Khan brauchte etwas Zeit, um sich den europäischen Regeln anzupassen und war bald auch der beste Spieler Groß Britanniens. Bei den Schacholympiaden 1930 in Hamburg, 1931 in Prag und 1933 in Folkstone vertrat Sultan Khan England am ersten Brett. 1933 ging er mit Sir Umar zurück in seine Heimat. Für die Schacholympiade 1935 in Warschau reaktivierte der Englische Schachverband seinen Rekordlandesmeister Henry Atkins, der inzwischen aber schon 63 Jahre alt war. Atkins besetzte Brett vier eingesetzt und kam 6 Punkten aus 13 Partien noch einmal zu einem soliden Ergebnis. Wie bei den Schacholympiaden zuvor kam England aber nicht in die Medaillenränge.

Foto: Theo F Gidden, Wikipedia
Henry Atkins letzter Eintrag in die Turnierannalen stammt aus dem Jahr 1937. Zum elften Mal nahm er an den Britischen Landesmeisterschaften teil. Zu seinem zehnten Titelgewinn reichte es nicht mehr, aber Atkins belegte noch einen guten 3.-5. Platz.
1950 ernannte die FIDE Henry Atkins zum Internationalen Meister.
Henry Edward Atkins starb am 31. Januar 1955 in Huddersfield, im Alter von 82 Jahren.