Interview mit Edzard Reuter im Neuen Deutschland

25.03.2006 – Neues Deutschland veröffentlichte in seiner aktuellen Wochenendbeilage ein Interview mit Edzard Reuter. In diesem zieht der frühere Vorstandsvorsitzende von Daimler-Benz u.a. Parallelen zwischen dem mehrzügigen Denken beim Schach und den Vorgängen im aktuellen Wirtschaftsleben im Zuge des globalen Haifisch-Kapitalismus seit Beginn der 90er Jahre, bei denen meist nur der schnelle kurzfristige Erfolg im Vordergrund steht, ohne mittel- und langfristige Nachteile zu erkennen. Im Schach sieht Reuter auch die Möglichkeit, besonders jungen Menschen Muße und Zeit zum Nachdenken zurück zu bringen. Über seinen Vater, den einstigen Regierenden Bürgermeister Berlins Ernst Reuter fand Edzard Reuter Zugang zum Schach. Als Bewunderer Emanuel Laskers ist er nun auch in der Lasker-Gesellschaft aktiv geworden. Bei der Eröffnung der Lasker-Ausstellung in Berlin war er einer der Ehrengäste. (Foto: Burkhard Lange, Neues Deutschland) Interview im Neuen Deutschland... Eröffnung der Lasker-Ausstellung...Nachdruck...

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Nachdruck mit freundlicher Genehmigung.

 

Lasker und die Lust am Denken
Ex-Daimler-Chef Edzard Reuter über Schach und Haifisch-Kapitalismus
von Michael Müller


Edzard Reuter, geboren am 16. Februar 1928 in Berlin. Ende 1933 Emigration mit Familie in die Türkei (Vater Ernst Reuter, 1948 bis 1953 Ober- bzw. Regierender Bürgermeister von Berlin). Ab 1947 Studium von Mathematik, Physik und Jura. 1957 Wechsel in die Wirtschaft, ab 1964 Daimler-Benz-AG. 1987 bis 1995 Vorstandsvorsitzender. Nachfolger Jürgen E. Schrempp revidierte Reuters Strategie vom »integrierten Technologiekonzern statt Share-Holder-Value-Kapitalismus«. SPD-Mitglied seit 1946. Verheiratet, zwei Kinder, aktiver Freizeitsportler.

ND: Sie haben Mitte der 90er Jahre Ihre Managerkarriere beendet, schreiben seither Bücher und kümmern sich um Ihre Stiftung. Seit einiger Zeit sind Sie auch in der Emanuel-Lasker-Gesellschaft aktiv. Was zieht den Ex-Daimler-Vorstandschef zum Schach?


Ehrengast Edzard Reuter mit Stefan Hansen, Vorsitzender der Lasker-Gesellschaft


Reuter: Bei aller Begeisterung für das Spiel bin ich nichts anderes als ein Schachlaie. Nicht zuletzt kann ich modernes Schach mit seinem Gegeneinander von Mensch und Maschine kaum beurteilen. Dennoch bin ich mir heute mehr denn je in einem gewiss: Kaum etwas fördert so nachhaltig und universell die Fähigkeit, über den realen wie sprichwörtlichen nächsten Zug hinaus zu denken, wie Schach.

Das klingt – folgt man dem, was auch Lasker dazu schrieb – inzwischen eher nach Binsenweisheit.

Ich halte es mehr für eine Weisheit. Eine, die das Schicksal mit manchen anderen menschlichen Weisheiten teilt, die es schwer haben sich durchzusetzen, weil es dazu den Kopf braucht. Schach ist anspruchsvoller, als nur den Mund aufzumachen. Es setzt Zukunftsdenken voraus. Und schauen Sie sich nur mal an, wie es heutzutage darum bestellt ist! Hauptsache schneller Gewinn, lautet die Devise, Konsequenzen werden lieber verdrängt. Beim Schach verliert man mit einem solchen kurzfristigen Denkansatz. Und der menschliche Fortschritt verliert so auch.

So gesehen ist dieser Fortschritt gerade kräftig am Verlieren?

Sie zielen dabei auf die so genannte Globalisierung ab, auf die Ellenbogen als Werkzeuge globaler Kurzsichtigkeit: Ja, das ist eine Entwicklung, die der Lust am Denken, diesem großen Laskerschen Prinzip, zuwiderläuft. Trotzdem bin ich sicher, dass es sich dabei nur um eine vorübergehende Epoche in der Geschichte handelt.

Das sieht der Mainstream nicht nur hier zu Lande gänzlich anders. Woher rührt Ihre Gewissheit?

Ich bin aus meiner Lebenserfahrung heraus fest davon überzeugt, dass eine Menschheit, die nur das Haifischtum kultivieren und keine anderen sozialen Bindungen untereinander zulassen will als das Geld, auf Dauer weder existenzfähig noch vorstellbar ist. Daher meine Zuversicht, dass auch die Globalisierung gebändigt wird: durch Menschlichkeit, durch Rücksichtnahme, durch Solidarität. Das sind übrigens die Elemente, die sich in den Wellenbewegungen der Geschichte letztlich immer wieder behauptet haben.

Sehen Sie sich auch aktuell in Ihrer Zuversicht bestärkt?

Ja, es tauchen zunehmend ernst zu nehmende Stimmen und Zweifel auf, ob diese Art globaler Kapitalismus, wie er Anfang der 90er Jahre in den USA seinen Ausgang nahm, eine unabwendbare historische Logik hat. Die Diskussion, was zu tun ist, um zu zügeln, wird stärker und dringender.

Diskussionen allein werden wenig helfen.

Voraussetzungen für konkrete Schlussfolgerungen. Danach muss allerdings gehandelt werden. Darauf muss alles abzielen.

Welche konkreten Handlungsräume reifen da Ihrer Meinung nach heran?

Wenn Kapitalbesitzer heute am anderen Ende der Welt ein halbes Prozent mehr Rendite riechen, können sie ihr gesamtes Geld von einem Tag zum anderen dorthin transferieren und den Gewinn einstreichen. Völlig unabhängig von den Folgen, die das für die übrige Menschheit hat. Die Diskussion darüber, wie derartige ungezügelte Kapitaltransfers zu steuern sind, ist bereits sehr weit fortgeschritten. Ähnliches gilt für ein anzustrebendes vereinheitlichtes europäisches Sozialsystem, das auch den hemmungslosen Wettbewerb der Steuersysteme zügeln muss.


Edzward Reuter mit Matthias Deutschmann bei der Eröffnung der Lasker-Ausstellung


Da werden sich alle Globalisierungsgewinner kräftig dagegen- stemmen. Wie soll sich, um bei Ihren Worten zu bleiben, Lust am Denken gegen deren Ellenbogen durchsetzen?
 
Ich meine, die Antwort darauf ist recht einfach. Die Menschen werden sich vermehrt und verstärkt wehren gegen eine reine Haifisch-Version des Kapitalismus. Wir werden das alle miteinander erleben. Zumindest die europäische soziale Tradition ist viel zu stark, um auf Dauer einfach hinzunehmen, dass Arbeits- und Ausbildungsplätze künftig durch reine Geldprofite ersetzt werden. Das heißt: Da ist Denken auch in dem Sinne der Nachdenklichkeit darüber gefragt, welche Systeme auf Dauer überlebensfähig sind, auch mit Blick auf die europäische Tradition, in der wir im Gegensatz zur US-amerikanischen stehen.

Solch strategisches Denken mag formal durch Schach zu fördern sein, wird doch aber vom Zeitgeist völlig konterkariert, oder?

Wissen Sie, ich bin weit davon entfernt, ein uferloser Optimist zu sein. Schon von meiner Lebenserfahrung her bin ich keineswegs frei von Sorge, dass die europäische Tradition des Denkens, des Nachdenkens über soziale Zusammenhänge und Stärke einer Gesellschaft, ins Hintertreffen geraten könnte. Dass möglicherweise sogar Generationen heranwachsen, denen dieses Denken vollkommen schnurz ist. Denen in Fleisch und Blut übergeht, dass es immer Versager und Erfolgreiche gibt und basta. Diese meine Skepsis möchte ich überhaupt nicht verhehlen. Ich sage nur: Wenn es eine Chance gibt, dann geht sie von Europa aus. Und ich denke, es gibt genügend Ansätze dafür.

Womit wir wieder beim Schachweltmeister und Multigenie Emanuel Lasker sind. Bei seinem Prinzip der Logik und Gerechtigkeit, der Lust am Denken, beim universellen europäischen Geist. Was hat uns ein Mensch wie Lasker, Europäer und Jude, heute übers Schachspiel hinaus zu sagen?

Ich bin nicht Fachmann genug, um genau einordnen zu können, welche geschichtlichen Entwicklungsstränge mit Emanuel Lasker zu verbinden sind. Er hat ja in einer Zeit gelebt, Ende des 19. Jahrhunderts, die von einer ungeheuren Aufbruchstimmung getragen war. Die Grundgedanken der Aufklärung schienen ohne Vorbehalt die Zukunft für sich zu haben. Wenn es eine Verkörperung dessen gab, da bin ich mir nun wiederum sicher, so ist es ein Mann wie er: Europäer und nicht von ungefähr Deutscher und Jude.


Dr. Emanuel Lasker


Das war er nicht als Einziger, man denke an Stefan Zweig, Siegmund Freud oder auch Walther Rathenau. Was war das Besondere an Lasker?
 
Seine universelle Bedeutung, ohne ihn über andere stellen zu wollen. Als überragender Schachspieler seiner Zeit, als ein hoch gebildeter Mann, natürlich getragen von seinen mathematischen Neigungen, also ein von Logik beseelter Mensch, dabei gleichzeitig tief in der europäischen Geisteskultur wurzelnd.

Billigen Sie Schach den Rang eines pädagogischen Elements zu, und wenn ja: Hätte Schach heute noch eine Chance, dem auch praktisch gerecht zu werden?
 
Ich glaube ja, in beiderlei Hinsicht. Was den pädagogischen Effekt angeht, so wäre Schach auch einer Wiederentdeckung der in unserer Zeit verloren gegangenen Muße dienlich. Ohne sie kann es nämlich weder Lust am Denken, geschweige denn verantwortungsbewusstes strategisches Denken geben. Als Gegenbeispiele sei nur auf die Computerspiele und Gameboys verwiesen, mit denen schon den jungen Menschen die Ruhe des Nachdenkens abgewöhnt und durch hektisches Handeln ersetzt wird. Schach hätte sehr wohl die Potenz, wieder mehr Nachdenken ins Leben vor allem junger Menschen zu bringen.

Wie ließe sich dieser Ansatz praktisch stärker befördern?

Ich bin weit davon entfernt, hier etwa der Emanuel-Lasker-Gesellschaft etwas ans Herz zu legen. Aber langfristig, wenn sie sich weiter so entwickelt und auch das angestrebte europäische Schachzentrum in Berlin weiter Gestalt annimmt, könnte sie dahingehend ausstrahlen. Auch mit Anregungen in das Schulwesen, in das gesamte Ausbildungswesen hinein. Das halte ich als Mitglied dieser Gesellschaft für erstrebenswert und durchaus auch für realistisch.



Wann haben Sie begonnen, Schach zu spielen?

Ich habe in relativ jungen Jahren von meinem Vater die Grundkenntnisse mitbekommen. Und das ging dann ganz normal weiter im Spiel mit Altersgefährten, mit Schachbüchern, mit Nachspielen von Partien. Erst spielerisch, später dann bewusst, habe ich das als eine fabelhafte geistige Schulung erlebt.

War Ihr Vater, Ernst Reuter, ein guter Schachspieler?

Aus meiner Sicht schon. Solange er sich das zeitlich leisten konnte, hat er wohl immer wieder gern gespielt. Wie sich herausstellte sogar im Konzentrationslager Lichtenburg. Ganz zufällig ist bei einer Aufräumaktion in einem Privathaus bei Darmstadt unlängst ein Schachbrett mit seinem Namenszug gefunden worden. Und zwar von der Enkeltochter Wilhelm Leuschners, der auch im KZ Lichtenburg war. Schach hat also ganz offensichtlich dazu beigetragen, dass die beiden Genossen und Partner ihre Widerstandsfähigkeit in Situationen größter körperlicher und geistiger Erniedrigung erhalten konnten.

Hatten Sie selbst in Ihrer beruflichen Karriere Zeit und Muße, um Schach zu spielen?

Nein, da ging es mir so ähnlich wie mit meinem Türkisch, das ich in der Emigrationszeit gelernt hatte. Ich hatte später keine Zeit mehr oder besser: Ich habe sie mir nicht genommen, was mir heute Leid tut. Literatur, Theater und Oper gingen gerade noch. Und dann mag es auch einfach daran gelegen haben, dass ich niemanden mehr kannte, der auch gerne Schach gespielt hätte.

Vielleicht deshalb, weil Sie unter den deutschen Top-Managern als Außenseiter galten: Vater bekannter Sozialdemokrat, Sie selbst SPD-Mitglied, dann noch stark kultur- und literaturinteressiert?

Wer sagt von sich schon gern, dass er ein Außenseiter gewesen ist. Ich hoffe vielmehr, dass im Grunde genommen viele wie ich gedacht und gefühlt haben.

Das klingt nach insgeheim vergeistigtem, vielleicht gar noch zartbesaitetem Managertum. Die heutige Erfahrung ist da allerdings eine andere.

Ich sprach von der Hoffnung, dass Leute im Grunde wie ich dachten und denken. Die, die heute den Haifisch-Kapitalismus betreiben, sehen Verantwortung offenbar anders. Dennoch will ich allgemein eine Lanze für historische Lernfähigkeit brechen. Und konkret auch für viele mittelständische Unternehmer, die wir gar nicht kennen, vor denen man aber nur den Hut ziehen muss. Unter ihnen gibt es nämlich Persönlichkeiten, die wahrlich anders denken als die Globalisierungs-Manager. Manche von ihnen spielen übrigens auch gut Schach.

Interview: Michael Müller

 

 

 

 

 


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