Interview mit Vladimir Kramnik

12.03.2006 – Vladimir Kramnik blickt auf ein schreckliches Jahr voller Misserfolge zurück, geprägt von Turnierabsagen und einer schlechten gesundheitlichen Verfassung. Bei seiner Absage des Turniers in Wijk aan Zee setzte er erstmals die Öffentlichkeit davon in Kenntnis, dass er seit längerem unter einer schmerzhaften rheumatischen Krankheit leide. In diesem Jahr möchte der Weltmeister im Klassischen Schach wieder angreifen. Er hofft, im Sommer vollständig genesen zu sein und hat FIDE-Weltmeister Veselin Topalov ein Angebot zu einem Wiedervereinigungswettkampf gemacht, der im September in Elista stattfinden könnte. Im November kommt es in jedem Fall zu einem Wettkampf gegen Deep Fritz. Dieser wird nicht im fernen Bahrain, sondern im Rahmen einer großen Veranstaltungsreihe in der Bonner Kunsthalle stattfinden. Die Schachfreunde in Deutschland dürfen sich auf viel Schach freuen. Im Interview mit Frederic Friedel nimmt Vladimir Kramnik zu allen Themen offen Stellung. Interview mit Kramnik...

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Interview mit Vladimir Kramnik
Von Frederic Friedel

Gesundheit

Frederic Friedel: Vladimir, bevor wir zu unserem zentralen Thema, dem Computer-Match, kommen, muss ich noch ein paar allgemeine Dinge fragen. Nach Deiner Gesundheit beispielsweise. Was ist passiert?

Vladimir Kramnik: Eigentlich spreche ich nicht gerne darüber und würde das in diesem Fall wahrscheinlich auch nicht tun. Aber wie Du wahrscheinlich weißt, kursierten irgendwann eine ganze Menge Gerüchte. Aids und Krebs waren noch die harmlosesten Dinge, die ich angeblich hatte. So kam ich zu dem Schluss, es wäre an der Zeit, den Leuten das wirkliche Problem zu erklären [ankylosing spondylitis, eine rheumatische Krankheit, die in der Wirbelsäule und den Sakroiliakalgelenken zu Arthritis führt und oft auch Entzündungen der Augen, Lungen und Herzklappen verursacht – siehe http://www.chessbase.com/newsdetail.asp?newsid=2846].

FF: Wann begann das?

VK: Bereits vor ein paar Jahren, nach 2000, aber genau diagnostiziert wurde die Krankheit erst vor drei Jahren. 2001 traten die Entzündungen und Schmerzen gelegentlich auf, aber sie waren zu ertragen. Nicht schön, aber erträglich. Anfänglich biss ich einfach die Zähne zusammen, aber dann fing es an, schlimmer zu werden. Die Ärzte sagten, das müsse behandelt werden, und es bräuchte Zeit, die Krankheit loszuwerden.

FF: Welche Wirkung hatte das auf Deine Leistungen, während einer Partie oder während eines Turniers? Hast Du Dich am Anfang gut gefühlt und wurdest dann allmählich müde oder wie war das?

VK: Nein, mit Turnieren hängt das nicht zusammen. Man fühlt sich einfach nicht wohl, vor der Partie nicht, während der Partie nicht und nach der Partie nicht. Es tut einfach weh, alles tut einem einfach weh. Es ist Arthritis, die Entzündung unterschiedlicher Gelenke. Im Falle einer Krise schmerzen etliche Gelenke dann ganz besonders, andauernd. Deshalb muss man eine Menge Schmerzmittel und entzündungshemmender Medikamente nehmen, was einen unglaublich schläfrig macht. Dabei beseitigen sie den Schmerz nicht einmal völlig, sie betäuben ihn nur.

FF: Ich musste so eine Pille auch ein paar Mal nehmen. Die sind ziemlich brutal, die haben mich einfach umgehauen. Ich erinnere mich noch an das letzte Mal, ein paar Stunden, nachdem ich aufgewacht war, schlief ich schon wieder ein …

VK: Wahrscheinlich hast Du nur eine genommen. Ich musste vier oder fünf pro Tag nehmen. Du kannst Dir vorstellen, wie das war, als ich im Superfinale in Moskau gespielt habe. Wir hatten einen Platz, wo man sich hinlegen konnte, und ich sehnte mich so danach, die ganze Zeit. Aber ich wusste, wenn ich das tun würde, wäre ich in einer Minute hinüber.

FF: Schrecklich…

VK: Ja, die Krankheit ist nicht wirklich gefährlich – sie verkürzt die Lebenserwartung nicht oder ähnliche Dinge. Sie ist einfach nur sehr unangenehm und schmerzhaft. Und wenn man Woche um Woche Schmerzen hat, dann schlägt das ziemlich aufs Gemüt.

FF: Wie lange wird die Behandlung dauern? Wann wirst Du sagen können, dass Du wieder vollkommen fit bist?

VK: Die Behandlung erfordert, dass ich oft zu meinen Ärzten gehen und diesen Medikamentencocktail weiter nehmen muss. Ich weiß nicht, wie lange das dauert. Manche Leute machen in ein paar Monaten große Fortschritte, bei anderen dauert es ein halbes Jahr oder sogar ein ganzes. In meinem Fall muss ich sagen, dass ich mich definitiv besser fühle als letzten November oder Dezember. Aber ich bin immer noch weit davon entfernt, mich vollkommen okay zu fühlen.

FF: Tatsächlich weiß ich, dass Du Dich besser fühlst, denn vor kurzem wurdest Du als Zuschauer eines Fußballspiels entdeckt …

VK: Ah, davon hast Du gehört? Ja, ich hatte in London zu tun, nur einen Tag lang, und zufällig fand an diesem Tag das Spiel Chelsea gegen Barcelona statt. Über Verbindungen konnte ich ein Karte bekommen.

FF: Und wie hat es Dir gefallen?

VK: Ausgezeichnet, ich habe mich gut amüsiert, aber es war ziemlich kalt. Ich habe beschlossen, wenn ich mir das nächste Mal ein Fußballspiel anschaue, dann mache ich das im Sommer. Das Rückspiel ist diese Woche, aber das schaue ich mir im Fernsehen an. Das war genug Freiluftunterhaltung für mich.

FF: Durch Deine Krankheit hast Du eine Reihe von Turnieren verpasst und wirst noch ein paar mehr verpassen. Was planst Du als nächstes? Wirst Du in Monaco spielen?

VK: Nein, leider werde ich dort nicht spielen. Ich bin immer noch in intensiver Behandlung, die ich nicht einfach zwei Wochen unterbrechen kann. Ich wollte wirklich spielen, aber mein Arzt hat "Nein" gesagt. Er sagte, natürlich fühlen Sie sich ein bisschen besser, und es gibt positive Zeichen der Besserung, aber es kann Sie zurückwerfen, wenn Sie die Behandlung so unterbrechen. Das ist wirklich schade. Ich bin wirklich gerne in Monaco. [Seufzt] Es ist das erste Mal in zwölf Jahren, dass ich dieses Turnier verpasse. Seit 1994 habe ich dort jedes Jahr gespielt; es ist das Turnier, an dem ich am häufigsten teilgenommen habe.

FF: Wann wird man Dich wieder ohne Einschränkungen spielen lassen?

VK: Das kommt drauf an. Ich hoffe wirklich, dass sie mich im Mai entlassen, so dass ich bei der Olympiade spielen kann. Nicht nur, weil ich vollkommen geheilt sein möchte, sondern auch, weil ich darauf brenne, Schach zu spielen. Ich fühle mich sehr unwohl, so eine lange Zeit kein Schach spielen zu können.

FF: Du vermisst es …?

VK: Sehr sogar. Ich vermisse den Wettbewerb, die Atmosphäre, die Leute um einen herum, unter Leuten sein, über Schach reden. Ich fühle mich abgeschnitten.

FF: Wie verbringst Du im Moment Deine Tage?

VK: Natürlich arbeite ich weiter am Schach. Ansonsten treffe ich ein paar Freunde, mache dies und das, nichts Besonderes. Aber ich arbeite weiter, nicht sehr intensiv, aber beständig.

FF: Wie sieht es mit Dortmund aus, wirst Du an dieser Veranstaltung teilnehmen können?

VK: Oh, ja, ich glaube fest daran. Bis dahin sollte das ganz sicher möglich sein. Es wäre alles andere als lustig, wenn ich bis Ende Juli nicht spielen könnte. Bis dahin sollte die Behandlung vorbei sein.

Wiedervereinigung im September?

FF: Okay, erzähl uns etwas über den Wettkampf in Elista im September. Wie sieht die Lage aus?

VK: Das ist nicht ganz klar. Vielleicht weißt Du mehr darüber als ich. Ich meine, von meinem Standpunkt aus ist es klar, ich habe mehrfach erklärt, dass ich bereit bin, zu spielen, bereit bin, zu verhandeln, jederzeit und an jedem Ort. Ich habe nie verstanden, warum wir wir nach dem Angebot, das wir im November gemacht haben, nicht gespielt haben [ http://www.chessbase.com/newsdetail.asp?newsid=2744 ]. Ich habe nie ganz verstanden, warum es abgelehnt wurde.

FF: Und das Angebot der FIDE in Elista zu spielen?

VK: Ich weiß noch immer nicht, welchen Standpunkt genau Topalov vertritt. Jetzt kommt es sehr auf ihn an. Bis jetzt habe ich in dieser Angelegenheit von seiner Seite noch keine klare Aussage gehört.

FF: Also bist Du bereit zu spielen? Wenn es zu einer Einigung kommt und das Match organisiert wird, dann spielst Du im September gegen Topalov und dann wieder gegen den Computer im November?

VK: Ja, definitiv. Natürlich wird das ziemlich schwer werden, aber ich bin bereit dazu. Mein Plan ist, im Sommer vollkommen genesen zu sein. Dann kann ich mich vorbereiten und beide Wettkämpfe spielen. Das ist eine ernste Sache, aber ich glaube, ich werde voll und ganz bereit sein. Aber im Moment bin ich immer noch ein wenig verwirrt. Die Zeit läuft, alle sprechen über das Topalov-Match, alle sind neugierig, aber es gibt keine klare Antwort. Es wäre großartig, wenn Veselin eine klare Aussage machen würde. Wenn er nicht spielen will, dann sollte er das sagen, da wir dann zumindest nicht unsere Zeit vergeuden. Er hat San Luis letzten Oktober gewonnen und ich glaube, es gab ausreichend Zeit, um sich zu entscheiden. Ich würde es wirklich begrüßen, wenn er ein klares Statement zu seiner Haltung in dieser Angelegenheit abgeben würde.

Der Computerwettkampf

FF: Okay, kommen wir zum aktuellen Thema. Du spielst bald ein weiteres Match gegen einen Computer. Eins hast Du bereits gespielt, 2002 in Bahrain, und Unentschieden gemacht. In der Zwischenzeit sind die Programme sehr viel stärker geworden und die Computer, auf denen die Programme laufen, sehr viel schneller. Dein Gehirn, glaube ich, ist weder größer noch schneller geworden. Also, wie also schätzt Du Deine Chancen ein?

VK: Ich weiß das wirklich noch nicht. Ich weiß allerdings ganz sicher, dass ich Chancen habe, sonst würde ich das Match nicht spielen. Es wäre einfach uninteressant. Für mich ist das Spielen gegen den Computer eine sehr ernste Herausforderung. Ich glaube, dies ist eine der letzten Möglichkeiten für einen Menschen, die Maschine zu schlagen. Ich glaube, der Computer ist Favorit und zwar in jedem Match gegen jeden Menschen. Sie sind wirklich unglaublich stark geworden. Aber wir befinden uns immer noch an einem geschichtlichen Zeitpunkt, an dem es eine Chance gibt. Ich weiß, dass ich eine Chance habe. Ich glaube, ich kann Bahrain als sehr gute Lehrstunde nutzen, da ich dort eine Menge Erfahrung gesammelt habe. Das wird mir für den Wettkampf in Bonn helfen. Aber natürlich weiß ich, dass es bei den Computern keinen Stillstand gab, und dass sie sich kontinuierlich entwickeln. Ich kann sehen, wie Fritz besser und besser wird.

FF: Also hast Du das Gefühl, der Außenseiter in diesem Match zu sein. Ist das ein Vor- oder ein Nachteil?

VK: Tatsächlich war das genauso, als ich gegen Kasparov gespielt habe. Alle haben gesagt, dass er der Favorit war, und dass hat mich überhaupt nicht gestört. Vielmehr gilt: Je größer die Herausforderung, desto größer meine Motivation. Auch wenn ich denke, dass meine Chancen wahrscheinlich ein wenig schlechter sind als die des Computers, fühle ich mich deswegen weder entmutigt noch ängstlich. Ich weiß aus der Erfahrung mit Garry, dass ich einen solchen Wettkampf gewinnen kann, also warum sollte ich das nicht noch einmal können? Ich bin sehr zuversichtlich, dass ich dem Computer wirklich einen ernsthaften Kampf liefern kann, und ich wäre unglaublich glücklich, wenn mir ein Sieg gelingen würde. Weil das vielleicht der letzte Sieg eines Menschen über den Computer ist.

FF: Die Fritz-Programmierer sind nicht besonders froh, gegen Dich zu spielen. Sie würden andere Gegner vorziehen, da sie Dich für einen besonders unangenehmen und schwierigen Gegner halten. Weißt Du warum?

VK: Ich glaube, das liegt an meinem Stil. Ich glaube auch, dass ich gegen den Computer einer der unangenehmsten Gegner sein könnte. Weil mein Stil stärker auf positionellen Grundlagen beruht, auf Endspielen – ich glaube, ich verrate kein Geheimnis, wenn ich behaupte, dass ich im Endspiel ziemlich gut bin. Dies sind Schwachstellen des Computers. Ein sehr kombinatorischer Spieler, der auf seine Rechenkünste vertraut …

FF: Oder ihre Rechenkünste…

VK: Ja, genau, wie Judit. Diese Spieler haben gegen Computer sehr viel weniger Chancen, da sie den Kampf im Rechnen ohnehin verlieren. Mein Spiel beruht nicht auf dem Rechnen, so dass ich trotz all der Pluspunkte des Computers auch ein paar Trümpfe halte. Es gibt ein paar sehr starke Spieler, die keinen Trumpf gegen Computer haben, aber ich glaube, ich habe ein paar und ich werde versuchen, sie einzusetzen.

FF: In Bahrain hast Du gegen Fritz ein dramatisches Opfer gebracht. Das war reine Berechnung.

VK: Ja, Partie sechs. Du weißt, dass der Computer ziemlich einschüchternd wirkt, aber ich habe einen gewissen Selbstrespekt als Schachspieler. Wenn ich denke, dass ein bestimmter Zug der beste ist, und auch wenn ich begreife, dass es nicht klug ist, ihn gegen einen Computer zu spielen, dann muss ich ihn dennoch machen. Es ist sehr leicht, seinen Selbstrespekt zu verlieren, wenn man absichtlich schlechtere Züge macht. Es fällt mir sehr schwer, mich dazu zu zwingen. Damals habe ich gedacht, das Springeropfer ist sehr interessant, mir gefiel es, also habe ich so gespielt, obwohl ich wusste, dass es sehr riskant ist. Natürlich war das die falsche Entscheidung, weil mich der Computer im Rechnen geschlagen hat.

FF: Das ist also die größte Gefahr für Dich: Du könntest einen sehr guten Zug sehen und ihn spielen, auch wenn es gewagt ist, so etwas gegen eine Maschine zu tun.

VK: Natürlich. Man kann eine Partie nicht gewinnen, wenn man überhaupt nicht rechnet. Natürlich kann man versuchen, Stellungen zu erreichen, in denen das Variantenrechnen nicht so wichtig ist wie positionelle Überlegungen, aber man kann keine Partie gewinnen, wenn man überhaupt keine Varianten rechnet. Da Computer hier so unglaublich stark sind, besteht immer die Möglichkeit, dass man überspielt wird, wenn die Partie dieses Stadium erreicht. Aber man muss sich auf den Rechenkampf vorbereiten und ich muss in der Lage sein, Varianten sehr gut zu berechnen.

FF: Tatsächlich hast Du schon ein paar sehr schöne taktische Partien gegen Computer gewonnen…

VK: Ja, wie in Dortmund 2000. Aber das waren andere Zeiten. Man kann keine Partien mehr gewinnen, wenn man alle seine Figuren auf die g-Linie stellt und den gegnerischen König Matt setzt. Das funktioniert nicht mehr. Programme wie Fritz verstehen jetzt, was man macht. Alles ist ganz anders, selbst im Vergleich zu Kasparovs Wettkampf gegen Deep Blue. Fritz ist ganz anders als Deep Blue, man kann nicht mehr die gleiche Strategie anwenden, man kann nicht mehr die gleichen Dinge tun. Man muss sich anpassen, die Entwicklung der Programme verfolgen, schauen, in welche Richtung sie gehen. Genau wie die Programmierer die Entwicklung der Schachspieler verfolgen und sich auf sie vorbereiten. Es ist das gleiche. In dieser Hinsicht gleicht die Vorbereitung der Vorbereitung auf einen Weltmeisterschaftskampf. Man schaut sich alle verfügbaren Partien des Gegners an, man versucht zu sehen, wo er sich verbessert hat, wo er Schwächen hat, findet Veränderungen, die vor kurzem gemacht wurden. Fritz entwickelt sich ziemlich dynamisch, ich kann das sehen.

FF: Also wirst Du Dich sehr ernsthaft vorbereiten?

VK: Ich habe noch nicht angefangen, vor allem wegen des theoretisch möglichen Wettkampfs gegen Topalov, der meine Pläne stark beeinflusst. Aber wenn erst einmal alles klar ist, fange ich an, mich sehr ernsthaft auf mein Match gegen den Computer vorzubereiten.

FF: Tatsächlich kennst Du Deinen Gegner Fritz bereits sehr gut, glaube ich.

VK: Ja, ich nutze das Programm täglich.

FF: Warum Fritz? Es gibt noch andere starke Programme.

VK: Nun gut, zunächst einmal habe ich keine anderen Engines. Aber das liegt auch daran, dass ich 2002 das Match gegen Fritz gespielt und ich mich an dieses Programm gewöhnt habe. Ich verstehe das Programm wirklich gut, und ich weiß, wann ich seinem Urteil vertrauen kann. Aber auch andere Schachspieler, Spitzenspieler, mit denen ich rede, ziehen es anderen Schachprogrammen vor. Das heißt wahrscheinlich, dass sie denken, es ist ein bisschen besser als andere.

FF: Oder einfach nur die Macht der Gewohnheit. Was ist mit gewaltigen, parallelen, gigantischen Hardware-Maschinen…

VK: Du meinst Hydra? Ich kenne das Programm nicht allzu gut, aber mir scheint es nicht sehr viel besser als andere Programme zu sein. Ich habe den Wettkampf gegen Adams gesehen, der ziemlich furchteinflößend war, weil es keinen Kampf gab, nicht eine einzige Chance für den Menschen. Aber ich glaube, in gewisser Weise war dies Mickeys Fehler, denn er hat sich nicht ausreichend vorbereitet. In einem Wettkampf gegen einen Computer ist Vorbereitung sehr wichtig, absolut entscheidend. Wahrscheinlich hat Mickey das Programm nicht ernst genug genommen. Er sah mein Unentschieden gegen den Computer, und er hat gesehen, wie Kasparov es in New York ebenso gemacht hat, und wahrscheinlich dachte er, das wäre nicht so schlimm. Aber ich weiß tatsächlich sehr gut, dass die Dinge schrecklich schief gehen können, wenn man nicht sehr gut vorbereitet ist.

Die Arbeit mit Computern

FF: Seit wann arbeitest Du mit Computern? Wann hast Du das erste Mal einen Computer angeschaltet und Schach damit gemacht?

VK: Ich glaube, das war 1993, ganz zu Beginn des Jahres, auf einer Art “366” Computer. Ich weiß die Details nicht, nur dass er sehr langsam war. Ich wollte lernen, wie man einen Computer benutzt. Mit Fritz habe ich 1995 ernsthaft zu arbeiten begonnen. Ich erinnere mich, dass dies nach meinem Wettkampf gegen Kamsky geschah. Während meiner Vorbereitung habe ich keinerlei Schachprogramm benutzt. Ich glaube, Kamsky hat dies bereits gemacht, und das war der Grund, warum ich die erste Partie verloren habe. Ich habe sie aus der Eröffnung heraus verloren, nach einem unglaublichen Computerzug, der am Brett sehr schwer zu finden oder zu widerlegen ist. Dann war mir klar, dass es ein großer Vorteil ist, mit einem Computerprogramm zu arbeiten. Nach dieser Erfahrung begriff ich, dass es wahrscheinlich Zeit für mich war, Fritz auf meinem Computer zu installieren.

FF: In der Rückschau auf Deine Arbeit mit Computern, würdest Du sagen, Du bist glücklich darüber, dass sie aufgetaucht sind? Ist es gut, dass sie Schach spielen können und es so gut können? Oder ist das eine Entwicklung, die schlecht für das Spiel ist?

VK: Nun gut … es ist nicht schlecht für das Schach, es ist einfach nur schlecht für die Schachspieler [lacht]. Man muss verstehen, dass wir zehn Mal mehr arbeiten müssen als vorher, weil die Menge an Informationen so groß ist. Außerdem muss man sehr viel präziser sein als früher, wenn man Stellungen analysiert. In der Vor-Computer-Ära hatte man bestimmte interessante Ideen, Züge, die gut aussahen, und das war genug. Die Vorbereitung war erledigt, man ging los und spielte den Zug. Die Vorbereitung dauerte im Wesentlichen zwei Stunden. Jetzt dauert die gleiche Sache fünf Stunden oder mehr. Man muss alle Partien seines Gegners durchsehen, dann muss man alles durchsehen, was in der Variante, die man spielen möchte, passiert ist. Dann schaut man sich an, was Fritz zu den Ideen sagt, die man hatte, und dann versucht man, all das zu erinnern. So arbeitet man viel härter.

FF: Was bedauerlich ist?

VK: Nein, das ist normal. Es gibt gewisse Entwicklungen, wissenschaftliche Fortschritte, die wir nicht aufhalten können. Ich habe damit überhaupt keine Probleme. Es gibt auch gewisse Punkte, die sehr positiv sind. Computer machen es viel leichter, die eigenen Partien zu analysieren und herauszufinden, wo man Fehler gemacht hat. Das ist sehr gut für die eigene Entwicklung. Man muss die eigenen Partien nicht wochenlang analysieren, man kann sehr schnell herausfinden, wo die eigenen Schwächen sind und wie man sie beseitigen kann. Zweitens fällt es sehr viel leichter, sich Wissen anzueignen, das Wissen, das nötig ist, um auf sehr hohem Niveau zu spielen. Ich erinnere mich noch, wie ich früher mit Büchern gearbeitet habe, Enzyklopädien, und es viel mehr Zeit gekostet hat, irgendetwas zu finden, sich einfach theoretisches Wissen anzueignen. Jetzt geht das viel schneller, und ich glaube, das ist einer der Hauptgründe, warum Schach jünger und jünger wird. Ich bin ziemlich sicher, dass dies an den Computern liegt.

FF: Verbessern Computer den Spielstil? Werden Turniere, vor allem auf höchstem schachlichen Niveau, interessanter oder sind sie langweiliger?

VK: Ich weiß nicht, ob Computer den Spielstil verbessern, ich weiß, dass sie ihn ändern. Schach wurde zu einem anderen Spiel, man kann sagen, dass Computer die Schachwelt verändert haben. Das ist ziemlich klar.

FF: Auf welche Weise? Sind Partien im Spitzenschach spannender oder weniger spannend, sind sie gewagter oder weniger gewagt, sind sie interessanter oder weniger interessant?

VK: Das ist sehr subjektiv. Ich als Profi habe eine Sicht auf die Dinge, und ich nehme an, Amateure haben eine ganz andere Sicht. Für mich sind die meisten der im Spitzenschach gespielten Partien interessant. Selbst ein kurzes Remis kann sehr oft interessant und entscheidend für eine bestimmte Variante sein. Doch die Partien selbst haben sich sehr verändert. Es gibt viel mehr Taktik, sehr viel mehr Komplikationen. Heutzutage muss man dank der Computer komplizierte Stellungen anstreben, wenn man irgendetwas in der Eröffnung haben möchte. Vor allem, wenn man gewinnen möchte. Das geht nicht, indem man einfach eine etwas bessere Stellung bekommt und seinen Gegner langsam erdrückt. Gut, tatsächlich geht das, aber es wird zunehmend schwieriger. Also streben die Leute Komplikationen an. Man kann das in den aktuellen Turnieren sehen, wie jetzt gerade in Morelia/Linares. Die meisten der Partien werden in großen Komplikationen entschieden.

FF: Das klingt, als wäre Schach interessanter geworden.

VK: Ja, das kann man so sagen, wenn dies dem eigenen Geschmack entspricht. Ich selbst genieße pure Positionspartien ebenso sehr wie die komplizierten. Aber Amateure und Schachfans lieben natürlich wilde Komplikationen und Kombinationen, was ich verstehen kann. Für mich ist das Niveau das wichtigste im Schach. Wenn eine Partie auf einem sehr hohen Niveau gespielt wird, dann ist es mir nicht so wichtig, ob sie kompliziert oder trocken ist, in beiden Fällen bereitet mir die Partie großes Vergnügen. Wenn eine Partie sehr kompliziert ist, mit vielen Opfern, aber auch einer Menge Fehlern, dann kann ich sie nicht so sehr genießen. Für mich ist das also mehr eine Frage der Qualität und weniger des Stils der Partie. Ich glaube, das gilt für die meisten Spitzenspieler.

FF: Eine letzte Frage: Was ist es für ein Gefühl, wenn ein Schachfan mit einer Elo von vielleicht 1400, der Deine Partie am Computer verfolgt hat, hinterher zu Dir kommt und darauf hinweist, dass Du ein Fehler gemacht oder einen Gewinn im 32. Zug ausgelassen hast? Oder dass Du ein forciertes Matt in 16 Zügen übersehen hast?

VK: Ja, das ist tatsächlich ein Problem. Ich finde das nicht so schlimm – weißt Du, ich bin ein sehr einfacher Mensch und an Kritik gewöhnt. Aber man bekommt das Gefühl, dass die Leute den Respekt vor den Schachspielern verlieren. Natürlich ist es sehr gut und sehr vergnüglich für die Schachliebhaber, ein Programm an ihrer Seite zu haben, mit dem sie die Partien verfolgen können und so wirklich eine klare Vorstellung zu haben, was gerade passiert. Auch ohne Kommentator kann man Fritz anschalten und die Züge mehr oder weniger verstehen. Aber manchmal bekommen Amateure, vor allem die, die selbst nicht besonders aktiv sind, das Gefühl, dass wir nicht besonders gut spielen, dass wir die ganze Zeit Fehler machen, dass wir zwanzig Minuten für einen Zug brauchen, den Fritz in ein paar Sekunden findet. Sie bekommen vielleicht den Eindruck, dass die Spitzenspieler überhaupt gar nicht so stark sind. Aber das stimmt nicht. Es ist eine Illusion. Mit einem Computer an der Seite ist es sehr leicht, Urteile zu fällen, aber wenn man alleine am Brett sitzt, sieht die Sache ganz anders aus. Tatsächlich glaube ich, dass das generelle Niveau heute höher ist als je zuvor, aber weil Computer jeden Fehler so schnell und leicht zeigen, kann der Eindruck entstehen, es sei niedriger. Früher wurde jeder komplizierte Zug, jedes interessante Opfer mit großem Beifall und Enthusiasmus aufgenommen. Heute schaltet man einfach seinen Fritz an, und man kann sehen, was los ist, ob der Zug geht oder nicht. So ist meine einzige Bitte an Schachamateure, uns, die professionellen Schachspieler, nicht zu streng zu beurteilen. Wir sitzen am Brett und wir können nicht Millionen von Zügen pro Sekunde berechnen. Wir brauchen Zeit und wir können Fehler machen. Aber das heißt nicht, dass Spitzenspieler keine großen Schachspieler sind. Es ist einfach so, dass man bessere Instrumente hat, um zu analysieren, was sie tun. Vielleicht wirkt die Aura früherer Spieler glanzvoller als die der heutigen Spieler, aber das liegt daran, dass man kein Programm wie Fritz hatte, das einem all die Löcher in ihren Partien zeigt.

FF: Also kann der Computer sich schädlich auf das Image der Spieler auswirken?

VK: Das scheint die Schlussfolgerung aus dem letzten Teil unserer Unterhaltung zu sein. Aber wir müssen sehen, dass der Computer sehr viel mehr Begeisterung für das Spiel weckt. Es gibt viel mehr Zuschauer, was die direkte Folge davon ist, dass die Leute verstehen, was gerade passiert. Das ist definitiv eine positive Entwicklung. Dennoch, als Schachplayer spüre ich manchmal ein bisschen Nostalgie für die guten alten Zeiten, als man sich in ein oder zwei Stunden vorbereiten konnte, um sich dann auszuruhen und Bücher zu lesen. Man kam mit einem frischen Gefühl zur Partie, da man nicht seitenweise Varianten erinnern musste. Das ist nur die Nostalgie eines älteren Schachspielers – ich glaube, jüngere Spieler kennen dieses Gefühl nicht, und verstehen vielleicht nicht, worüber ich rede. Aber ich erinnere diese Zeit noch und sie war sehr schön, auf ihre Weise.

 

 

 

 

 

 



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