Interviews mit Ilyumzhinov und Kasparov

30.09.2010 – Nach der gestrigen Wahl zum FIDE-Präsidium, bei der Kirsan Illyumzhinov mit 95:55 Stimmen als Präsident wiedergewählt wurde, hat Radio Echo Moskvy Stellungnahmen des alten und neuen FIDE-Präsidenten und von Garry Kasparov eingeholt. Der frühere Weltmeister hatte den Herausforderer Anatoly Karpov unterschützt und zeigte sich vom Wahlergebnis enttäuscht, aber nicht überrascht. Karpov lag bei Umfragen unter Schachspielern zwar vorne, hatte aber bei der gestrigen Wahl keine reelle Chance. "Die Schachfunktionäre vertreten weder die Schachspieler, noch die Interessen des Schachs, und deshalb liegen bei diesem Wahlergebnis hier ganz andere Mechanismen zugrunde," kommentierte Kasparov das Ergebnis. Ilyumzhinov freute sich über den Sieg: "Es war für mich sehr ehrenvoll gegen zwei Weltmeister anzutreten," und hat Karpov eingeladen, als Vizepräsident dem Präsidium beizutreten. Interviews in deutscher Übersetzung...

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Stellungsnahmen:

Kirsan Ilyumzhinov, der heute zum Präsidenten des Internationalen Schachverbandes wiedergewählt wurde, schlägt Anatoly Karpov für den Posten des Vizepräsidenten der FIDE vor. Das verkündete das ehemalige Oberhaupt Kalmückiens im Interview mit Radio Echo Moskvy. Eine Reaktion von Anatoly Karpov auf diesen Vorschlag gibt es bislang nicht. Der 12. Schachweltmeister hatte allerdings die Kandidatur Ilyumzhinovs für den Posten des FIDE-Präsidenten als illegal bezeichnet und versucht, dessen Teilnahme an den Wahlen zum Oberhaupt der Föderation beim Schiedsgericht in Lausanne anzufechten.

Für Ilyumzhinov als FIDE-Präsidenten stimmten heute auf der Generalversammlung des Internationalen Schachverbandes 95 Teilnehmer des Kongresses, 55 Delegierte gaben Karpov ihre Stimme.

Interview mit Kirsan Ilymzhinov



Kirsan llyumzhinov:
Nun, es war für mich sehr ehrenvoll gegen zwei Weltmeister anzutreten: Garry Kasparov und Anatoly Karpov. Es war natürlich ein harter Kampf im Verlauf eines halben Jahres, 6 Monate lang. Nun, und die Abstimmung hat gezeigt, dass meine Arbeit, meine Tätigkeit als FIDE-Präsident und für die Vereinigung der Schachwelt eine überwältigende Mehrheit in den Ländern gefunden hat, die mich unterstützt haben. Das wichtigste ist, dass es mir gelungen ist in diesen 15 Jahren die Schachwelt zu vereinen, d.h. dass wir einen einzigen Weltmeister haben, eine Föderation. Nun, und die Tatsache, dass Karpov und Kasparov mit im Rennen um das Amt des FIDE-Präsidenten waren, hat in der Welt noch einmal das Interesse am Schachspiel vergrößert.

Korrespondent: Haben Karpov und Kasparov Ihnen gratuliert?

Kirsan llyumzhinov: Ja, natürlich. Nein, Kasparov habe ich nicht gesehen, er war nicht im Saal. Aber Anatoly Yevgenevich hat mir gratuliert.

Korrespondent: Wie sind Ihre Pläne für die nächste Zeit?

Kirsan llyumzhinov: Nun, ich habe Anatoly Yevgenevich Karpov vorgeschlagen mein Vize-Präsident bei der FIDE zu werden. Als nächstes folgen Besuche in den Ländern Lateinamerikas, Asiens, es geht um die Einbindung des Schachspiels ins Schulprogramm. Es gilt zu erreichen, dass in allen Ländern, die zur FIDE gehören, Schach ins Schulprogramm aufgenommen wird.

Korrespondent: Wie hat denn Karpov auf Ihren Vorschlag reagiert?

Kirsan llyumzhinov: Er denkt darüber nach. Unsere Besprechung, unsere Beratungen haben schon begonnen. Denn ich habe ihm ja gerade auf der Generalversammlung der FIDE den Vorschlag gemacht.

29. September 2010 Radio Echo Moskvy

http://www.echo.msk.ru/guests/1657/


Interview mit Gary Kasparov

Gary Kasparov: Verstöße gab es von Anfang an. Generell gesehen verliefen sie in einer Atmosphäre der totalen Einschüchterung der Delegierten. Was solle sonst für bedeuten, wenn man den afrikanischen Delegierten und ihren Mannschaften droht, die Rückfahrkarten nach Hause nicht zu bezahlen. Die Versammlung selbst begann mit gröbsten Verfahrensverstößen. Sie hier alle aufzuzählen würde sehr lange dauern. Von einer Diskussion am Anfang konnte wirklich nicht die Rede sein. Die Vertreter hatten keine Möglichkeit etwas zu sagen. Illyumzhinov, der die Sitzung leitete, hat seinen Vorsitz einfach dazu benutzt, um den Vertretern des anderen Lagers das Wort abzuschneiden, d.h., unseren Verbündeten.

Er führte zeitweilig selbst Wahlkampf, nutzte Zeit und Mikrofon – beides in seinen Händen – um einige wichtige Probleme anzusprechen. Unsere Hinweise auf diese Verfahrensfehler wurden permanent ignoriert, ebenfalls alle Versuche, die Wahl wieder in ein normales, geregeltes Fahrwasser zu bringen. Und natürlich fand dies alles in einer unglaublichen Atmosphäre der Einschüchterung zustande. Die Leute, generell aus allen Ländern  und besonders aus den afrikanischen, asiatischen und südamerikanischen Staaten, fühlten sich natürlich äußerst unwohl. Deshalb kann man vermuten, dass sie sie sogar bei einer geheimen Abstimmung aus Angst nicht gegen Ilyumzhinov stimmen würden.

Korrespondent: Garry Kasparov, Wie verhalten Sie sich zu folgendem Vorschlag von llyumzhinov? Er hat sich an Karpov gewendet und ihm vorgeschlagen Vize-Präsident der FIDE zu werden.

Garry Kasparov: Das weiß ich nicht, das entscheidet Karpov. Nun, ich meine, dass der Wahlkampf, den wir geführt haben, im Allgemeinen darauf ausgerichte war, zu zeigen, auf welche Weise Illyumzhinov den Verband leitet. Und das die FIDE so das Schachspiel ins Verderben führt. Deshalb kann ich mir nur sehr schwer vorstellen, dass Karpov bereit sein wird, einen Teil dieses Mechanismus zu werden.

Korrespondent: Würden Sie denn einen solchen Vorschlag annehmen?

Garry Kasparov: Natürlich nicht. Ich glaube, dass die Fortsetzung von Ilyumzhinovs Amtszeit dem Schachspiel in der Tat den Todesstoß versetzen wird, weil das organisierte Schach sich schon lange nicht mehr weiter entwickelt und auf der Stelle tritt. Und ich glaube, dass die heutigen Wahlen leider zeigen, dass im organisierten Schach kein Wille für Veränderungen  vorhanden ist. Der Vorschlag der Veränderung, mit dem Karpov in den Wahlkampf gegangen ist, wurde von den Schachfunktionären  – gelinde gesagt – sehr kühl aufgenommen. Man muss dabei wissen, dass die Schachfunktionäre nur sehr bedingt die wirklichen Schachfreunde vertreten, Ich glaube, dass jede in Russland durchgeführte Umfrage, solche wie hier bei „Echo Moskvy“, immer  die gleichen Zahlen ergeben hätte – nämlich 95% für Karpov. Die Ergebnisse bei den Schachspielern sind – fast auf der ganzen Welt – ähnlich. Aber die Schachfunktionäre vertreten weder die Schachspieler, noch die Interessen des Schachs, und deshalb liegen bei diesem Wahlergebnis hier ganz andere Mechanismen zugrunde.

29. September 2010 Radio Echo Moskvy

http://www.echo.msk.ru/programs/beseda/714377-echo/

 

Fotos: chess.at

 

 

 

 


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