Kandidatenkämpfe in der pressefreien Zone

27.05.2007 – Heute beginnen in Elista die Kandidatenwettkämpfe. In zwei Runden à sechs Partien werden aus dem Kreis von 16 Kandidaten vier Spieler ermittelt, die beim WM-Turnier im September in Mexiko teilnehmen werden. Öffentliche Aufmerksamkeit werden die Kandidatenwettkämpfe, obwohl sportlich bedeutend, nicht erregen. Mit Elista wurde von der FIDE erneut ein Austragungsort gewählt, der weit abseits der restlichen Zivilisation liegt. Selbst die russlanderfahrensten Schachjournalisten scheuen inzwischen die mühsame Reise in diesen entlegenen Winkel der Welt. Dagobert Kohlmeyer liefert als Begründung für sein Zuhausebleiben einen Abenteuerbericht von seiner letzten Reise nach "Chess City". Mehr...

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Elista? Nein, danke...
Von Dagobert Kohlmeyer

Schachpräsident Kirsan Iljumschinow lässt die 16 WM-Kandidaten ab Pfingstsonntag nicht in einer bekannten Metropole, sondern wieder zu Hause in seinem großen Steppendorf Elista spielen.

Mit dem Ergebnis, dass kaum ein Schachreporter aus Westeuropa kommen wird, um über die Qualifikation für Mexiko zu berichten. Dagobert Kohlmeyer saß diesmal (Freitag vor Pfingsten) nicht mit in der Chartermaschine der Teilnehmer von Moskau nach Elista. In der folgenden Reportage beschreibt er seine Gründe, warum er auf die Tour in das bizarrste Land Europas verzichtet.


Schachbegeisterung in Elista

 

Insgesamt 17 Mal war ich in der Sowjetunion oder Russland. Allein zehnmal bei Schachturnieren, Weltmeisterschaften oder Olympiaden. Da konnte man viel sehen und erleben.

Zum ersten Mal betrat ich russisches Territorium im Sommer 1969. Mit einer Gruppe junger Touristen fuhren wir mit dem Zug 14 Tage lang durch den Westteil der damaligen Sowjetunion: Vilnius - Pskow - Leningrad - Minsk lautete die Reiseroute.


Russisches Bauernhaus

Es war schön und erlebnisreich. Ich freute mich, die studierte Sprache anwenden zu können und das gastfreundliche Volk Russlands persönlich kennen zu lernen. In den 1970er und 80ern folgten einige Dienstreisen, bei denen ich viel Interessantes sah und erlebte und meine Kenntnisse von Land und Leuten erweitern konnte. Nachdem ich Schachreporter geworden war, sah ich die Touren bisweilen als Hobbyreisen an. Die Zahl der Freunde und Kontakte vergrößerte sich. Ich erlebte u.a. 1994 den Grand Prix der PCA in Moskau, danach die Schacholympiade im bitterkalten Dezember des gleichen Jahres. Im Juni 1996 stand das WM-Match Karpow – Kamsky in Elista an, einige Monate später die Olympiade in Jerewan (es ging wieder über Moskau), 1998 die Olympiade in Elista, 2001 die Knockout-WM der FIDE im Kreml und ‚nebenan’ im Säulensaal das merkwürdige Botwinnik-Match zwischen Kasparow und Kramnik. Ein Jahr danach an gleicher Stelle berichtete ich von der Niederlage Russlands gegen den Rest der Welt. Trips in das riesige Land erwiesen sich immer als recht anstrengend, aber man war noch jünger und der Meinung, die Mühe lohnt sich.

Ende 2004 spielte Garri Kasparow seine letzte Landesmeisterschaft im Moskauer Hotel „Rossija“, ich war dabei.


Moskau: Basiliuskathedrale

Als der WM-Vereinigungskampf nach langem Hickhack für den Herbst 2006 nach Elista vergeben wurde, machte ich mich wieder auf den Weg. Ich dachte einfach an meine Leser und fuhr los. Nicht ahnend, wie katastrophal sich die „historische“ Veranstaltung und die Bedingungen für alle Beteiligten entwickeln würden. Nach den jüngsten Erlebnissen und Erfahrungen werde ich solche Reisen ins Ungewisse nicht mehr unternehmen.

Die Mühen der Ebene


Buddhastatue

Vier Mal war ich zwischen 1996 und 2006 in der kalmückischen Hauptstadt. Die Menschen dort sind freundlich und glauben an Buddha. Das macht sie zu sympathischen Zeitgenossen. Nicht aber der Hofstaat, der Kirsan Iljumschinow umgibt und Journalisten oder anderen Besuchern des Landes das Leben schwer macht. In einer WM-Reportage aus Elista habe ich auf diesem Portal Ende September schon von der lästigen Anfahrt berichtet. Die Mühen waren jedoch gering im Vergleich zu denen meines Aufenthalts und der Rücktour.

Das Hotel Elista sieht noch so aus wie vor zehn Jahren, es ist um keinen Deut wohnlicher geworden – im Gegenteil. Die Angestellten sind mürrisch, weil unmotiviert, was bei ihrer schlechten Bezahlung nicht verwundert. Die erste Kammer musste ich ablehnen, sie war eine Zumutung. Der Zimmerpreis pro Nacht betrug mehr als ein Drittel des durchschnittlichen Monatsgehalts in Kalmückien. Die schöne Eröffnungsfeier, der spannende WM-Auftakt mit zwei ungewöhnlichen Partien und noch einige andere positive Erlebnisse ließen mich das Ungemach mehr oder weniger verschmerzen.


Zuschauer beim WM-Kampf

Nicht aber, was dann auf uns wartete und mich dazu bewog, vorzeitig die Rückreise anzutreten. Aber der Reihe nach:

Am Sonntag, dem 24. September, vor der zweiten WM-Partie zwischen Topalow und Kramnik, fliegt noch eine Maschine mit den wichtigsten VIP-Gästen der Eröffnung nach Moskau zurück. Dann geht nichts mehr. Der Luftverkehr zwischen Kalmückien und der übrigen Welt wird plötzlich ohne Vorwarnung eingestellt. Es gibt die verschiedensten Begründungen dafür. Die erste lautet: Die private Fluggesellschaft hat Probleme mit dem Zoll. Das klingt merkwürdig und wenig glaubhaft. Die zweite Version, die ich höre, erscheint sehr viel plausibler: Der kleine Flughafen von Elista genügt schon lange nicht mehr den notwenigen Sicherheitsstandards. Das kann man aus eigener Erfahrung unterstreichen. Zum Beispiel ist das Rollfeld für große Maschinen viel zu kurz. Die dritte und offizielle Version (der hiesigen Regierung) schließlich: Wir wollen den Flughafen ausbauen, damit der internationale Luftverkehr von und nach Kalmückien erweitert werden kann. Prima. Der Plan ist nicht ja neu. Aber man beginnt damit doch nicht mitten in einer Schachweltmeisterschaft, wo viele Gäste kommen sollen bzw. arbeiten müssen, so wie wir Journalisten! Wie dem auch sei, während die Partien 3 und 4 über die Bühne gehen, arbeitet der Berichterstatter ernsthaft an Haupt– und Nebenvarianten, wie er aus der uferlosen Steppe wieder zurück an den heimischen Herd kommt. Topalow und Kramnik duellieren sich inzwischen auch außerhalb des Bretts, schreiben Drohbriefe bzw. Proteste dagegen. Der traurige Psychokrieg, den Silvio Danailow beginnt, als sein Schützling mit 1:3 zurückliegt, bietet zwar viel Stoff für neue Stories, hält mich jedoch nicht davon ab, das Weite zu suchen.

Das Büro der kalmückischen Fluggesellschaft, in der gleichen Straße wie unser Hotel gelegen, ist zwei Tage lang geschlossen. Das Aeroflotbüro um die Ecke aber hat seinen Schalter stets geöffnet und freut sich über jeden Kunden. Also kauft der Schachreporter dort seine Rückflugticket nach Moskau. Nicht von Elista aus, versteht sich. Die Organisatoren bieten zumindest die „Flucht“ in die „nächste“ Großstadt nach Wolgograd an, das „nur“ 300 km entfernt ist. Von dort aus kann man weiter in die russische Hauptstadt fliegen.


Mein Flugticket

Sie stellen ein Auto bis Wolgograd. Die Limousine ist aus dem großen Fuhrpark seiner Exzellenz Kirsan Iljumschinow. Nachdem der holländische Kollege Dirk Jan ten Geuzendam (New In Chess) schon einige Tage vorher in der Nacht wegchauffiert wurde, entscheide ich mich für eine Fahrt am Tage.

Ich möchte wenigstens die Steppe sehen und einige Aufnahmen machen können. Vor zehn Jahren sind wir schon mal mit dem Präsidenten nachts per Auto durch die Einöde gerast, von Stawropol nach Elista, weil das Flugwetter keine Landung in der kalmückische Hauptstadt zuließ. Damals konnte man wegen der Dunkelheit keine Eindrücke sammeln. Es ist ein sonniger Morgen, als wir Elista mit seinen 120 000 Einwohnern verlassen. Vorbei am geschlossenen Flughafen hinaus in die Ferne…

Die Steppe in Südrussland ist riesig. Unendliche Weite, wohin das Auge auch blickt. Eine schnurgerade Straße, die nach Norden führt, goldgelbes Gras. An vielen Stellen ist es von der Sommersonne verbrannt. Gnadenlose Hitze flimmerte wochenlang über dem Land. Sie hatten hier im Sommer über 40 Grad im Schatten. Im Winter waren es hingegen bis zu 35 Grad minus! Extreme Temperaturschwankungen, die wir bei uns so nicht kennen. Kaum ein Baum oder Strauch ist zu sehen. Dafür viele Schafherden am Horizont. Dieses Jahr wurde in Kalmückien eine MiIlion Schafe produziert, erzählt der Fahrer Sergej.  Die Leute lieben Fleisch, sind wie ihre mongolischen Vorfahren Weltmeister im Hammelessen.

Die Steppe zieht sich hin. Sergej kennt die Mühen der Ebene. Und beinahe jedes Schlagloch auf der Piste nach Wolgograd. Er zählt schon lange nicht mehr, wie oft er seine Chefs die mehr als 300 Kilometer durch die Einöde zum Airport nach Wolgograd oder zurück gefahren hat. Hinter uns im Wagen sitzt Sergejs Tochter, Ökonomiestudentin.

Sie nutzt die Gelegenheit zur Ausfahrt mit ihrem Vater. Die 21-Jährige ist seit einem Jahr mit einem Gewichtheber verheiratet und möchte später mal im Management einer großen Firma arbeiten. Auf halbem Weg machen wir Station und trinken einen Kaffee. Etwa alle 30 Kilometer gibt es solche privaten Tankstellen, wo man auch einkehren kann. Ein Liter Benzin kostet in Russland derzeit 20 Rubel, das sind etwa 60 Cent.


Fahrer Sergei mit seiner Tochter

Kühe weiden am Rande des Asphalts. Sie laufen auch in aller Ruhe über die Piste, wenn ein Auto heranrast. Die Tiere wollen zur anderen Seite, wo das Gras noch nicht abgefressen ist.

Ein Reiter kommt uns entgegen. Kein Kalmücke, eher ein Mann aus dem Kaukasus. Er hält sein Pferd an, wir haben ein neues Fotomotiv in schöner Vormittagssonne.


Steppenreiter

Steppe, nichts als Steppe. Wo hört die Ebene auf? Nach einer leichten Kurve taucht plötzlich vor uns die Grenze zu Russland auf. Keine richtige, kein Schlagbaum, keine Uniformen. Die Markierungen stehen nur noch symbolisch dort. Kontrolliert wird auf dem Landweg nicht mehr, die Kalmücken gehören zu Putins föderalem Reich und sind treue Untertanen. „Bei uns leben fast 90 Nationalitäten friedlich zusammen, vor allem Kalmücken und Russen, aber auch viele Leute aus dem Kaukasus. Es gibt keine Überfälle oder gar Terroranschläge“, meint der Fahrer. Das buddhistische Land sei die friedlichste Region in ganz Russland. Von der Opposition gegen Iljumschinow erzählt er nichts, er chauffiert ja seit vielen Jahren die Mitglieder der Regierung.

Im Kessel von Stalingrad

Wolgograd kommt näher. Bäume und Sträucher werden mehr. Wir fahren durch Siedlungen mit typisch russischen Häuschen. So haben sie schon ausgesehen, als der Zar noch regierte. Es scheint, als sei hier die Zeit stehen geblieben. Kaum haben wir das Ortsschild passiert sehen wir links auf einem Haus das Abbild einer Katjuscha.

Die legendäre Wunderwaffe (siehe Foto) trug damals erheblich dazu bei, dass die Sowjetarmee nicht nur die Schlacht um Stalingrad gewann, sondern den zweiten Weltkrieg überhaupt. Etwas weiter an einer Brücke hängt ein großes Transparent, auf dem die drei Namen der Stadt stehen: Zaryzin, Stalingrad, Wolgograd. Jeder von ihnen markiert eine Epoche der Geschichte.

Der Flughafen ist klein, es gibt nur wenige Hinweisschilder, die den Weg zum Airport zeigen. Sergej kennt sich gut aus und fährt den kürzesten Weg. Meine beiden Begleiter bringen mich noch zum Check In, wo eine unangenehme Überraschung wartet. Die Leute in Uniform machen Theater, weil angeblich ein Stempel auf meinem Einreisezettel fehlt. Einer verschwindet mit meinem Pass, um Meldung zu machen. Dann muss ich erst einmal alles Mögliche ablegen und auch meine Schuhe ausziehen. Sie filzen mich gründlich. Nach der Kleidung kommt das Notebook an die Reihe, dann die Tasche mit den Digitalkameras sowie der Koffer. In jede Ecke wird geschaut. Dann erscheint der Mann mit dem Pass wieder. „Wo waren Sie? Was haben Sie in Elista gemacht?“ Ich sage es ihm. – „Warum fehlt der Stempel? Das ist eine Verletzung der Gesetze:“ Der junge Soldat ist höchstens 25, führt sich aber auf wie ein alt gedienter Feldwebel. „Ich muss Ihnen eine Strafe aufbrummen.“ Proteste meinerseits lässt er nicht gelten. „Sie sind nicht das erste Mal hier und kennen die Regeln!“

Ich verstehe: Ich bin hier im Kessel von Stalingrad. Wütender Protest hat wohl keinen Sinn. Nach einigen Sekunden sehe ihn an und sage leise: „Ich dachte, ihr habt inzwischen dazugelernt, wie man friedliche Gäste behandelt. Es ist nicht meine Schuld, dass ich den Umweg über Wolgograd nehmen musste.“  Die Zeit drängt, ich muss zum Flugsteig. Nach einigem Hin und her gibt er den Weg frei und lässt mich passieren. Das wäre geschafft. Nur weg von hier. Nach knapp zwei Stunden Flug landen wir in Scheremetjevo 1, wo die Inlandflüge in Moskau ankommen. Mein nächstes Pech: Ich bin zu schnell draußen, mein Bekannter, ein Schachmeister, jedoch wartet drinnen. Nach dem frischen Erlebnis in Wolgograd kann und will ich nicht mehr durch die Kontrollen zum Ankunfts-Gate zurück. Bis wir beide uns finden, geht eine weitere Stunde verloren. 


Haus in Wolgograd

„Warum tut man sich das an?“, frage ich mich und beschließe: „Das war meine letzte Reise nach Elista. Mögen dort künftig noch so wichtige Schachevents oder andere Spektakel anstehen, ich bleibe zu Hause!“ Ein Direktflug nach Moskau ist vielleicht noch zu ertragen. Aber dann muss schon ein Mega-Event stattfinden und der Papst auf dem Roten Platz heiraten…!

Und so wird Ihr Berichterstatter, liebe Leser, zum ersten Mal seit einem Dutzend Jahren ein Schachevent in Elista von dieser Bedeutung nicht besuchen. Auch andere Fachkollegen aus Deutschland fahren nicht hin. Kaum einer aus Westeuropa wird sich auf den Weg in die Steppe machen. Ich betone ausdrücklich: Dies hat nichts mit dem kalmückischen Volk zu tun, das sich immer als reizvoller Gastgeber erwies. Die geschilderten Begleitumstände sind es, die uns alle abschrecken. So wird sich die Berichterstattung über die gewiss interessanten Kandidatenmatches wohl auf die Internetübertragung der Partien beschränken. Auch der Guru der russischen Schachjournalistik Alexander Roschal fehlt in Elista. Der Herausgeber der Moskauer „Schachrundschau - 64“ ist am Montag gestorben. Adieu Alexander, adieu Elista!

 


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