18.06.2019 – Aleksandra Goryachkina leistete sich gestern beim Kandidatenturnier in Kasan ihre erste und einzige Niederlage gegen Mariya Muzychuk. Am Turniersieg ändert das nichts. Die junge russischen Großmeisterin spielt im Herbst gegen Ju Wenjun um die Weltmeisterschaft. | Fotos: Turnierseite (Eteri Kublashvili)
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Erste und einzige Niederlage für Goryachkina
Das war's also. Das erste Kandidatenturnier für Frauen seit 1997 ist Geschichte. Es endete gestern in Kasan mit der 14. und letzten Runde nach einem doppelrundig gespielten Turnier mit sieben Spielerinnen.
Warum diese lange Pause, seit 1997? Als Kirsan Ilyumzhinov seinerzeit zum FIDE-Präsidenten gewählt wurde, war es eine seiner Ideen, die Weltmeisterschaften in möglichst kurzen Intervallen in einem K.o.-Turnier durchzuführen. Das Format stieß bald auf heftigen Widerstand, da zu viel Zufall und Tagesform bei den Ergebnissen eine Rolle spielte. 2004 wurde die letzte offene K.o.-Weltmeisterschaft ausgetragen (mit Rustam Kasimdzhanov als FIDE-Weltmeister). Die Frauen zeigten sich duldsamer und hielten das Format eigentlich bis zum Schluss aus. Einzig Yifan Hou murrte öffentlich, nachdem zusätzlich zur K.o.-Lotterie im jährlich Wechsel noch ein Wettkampf eingeführt wurde. Die beste Frau der Welt gewann den Titel, dann verlor sie ihn wieder im K.o.-Turnier, sie gewann ihn zurück, dann verlor sie ihn wieder (weil sie aus Protest nicht teilnahm). Sie gewann ihn wieder und dann hatte sie endgültig genug, verabschiedete sich aus dem Frauenschach und begann ein Studium. Dass sie an diesem Kandidatenturnier nicht teilnahm ist kein gutes Zeichen für das Frauenschach.
Mit dem im letzten Herbst neu gewählten Präsidium wurde die lange Zeit des Herumexperimentierens im Frauenschach endlich beendet und es kam wieder Struktur in diese Disziplin. Das neue Präsidium mit Arkady Dvorkovich glich das Weltmeisterschaftsformat der Frauen an das der Männer an, führte auch bei den Frauen ein Kandidatenturnier ein und legte fest, dass die Weltmeisterschaften in einem Wettkampf zwischen der Weltmeisterin und einer Herausforderin, der Siegerin des Kandidatenturniers, ausgetragen wird. Bravo!
Der Verzicht auf die Teilnahme von Hou Yifan war das Glück für Aleksandra Goryachkina. Sie kam als Nachrückerin in das Teilnehmerinnenfeld und zeigte sich dann im Turnier etwas unerwartet als die überlegene Spielerin. Mit Alexandra Kosteniuk, Mariya Muzychuk und Tan Zhongyi waren immerhin nicht weniger als drei Ex-Weltmeisterinnen im Feld. Lässt man Hou Yifan und die amtierende Weltmeisterin Ju Wenjun außer Acht, dann gehörten alle Teilnehmerinnen zu den folgenden Top Ten (nach Elo) und von diesen fehlte nur Humpy Koneru.
Aleksandra Goryachkinas Sieg wurde schon früh klar. Zur Mitte des Turnieres enteilte die junge russische Großmeisterin den übrigen Spielerinnen, die sich gegenseitig Punkte wegnahmen, um ganze 2,5 Punkte. Zwei Runden vor Schluss stand ihr Turniersieg fest.
Muzychuk besiegt Goryachkina
Gestern leistete sie sich dann ihre erste und einzige Niederlage. Mariya Muzychuk gelang das Kunststück. Am Endergebnis änderte das aber natürlich nichts.
Hier spielte Weiß den hübschen Zug 24. Ta7, wonach die Partie praktisch entschieden ist. Es folgte 24... Td8 (24... Txa7 25. Tb8+ Ke7 26. Sc6+ Kd7 27. Sxa7+) 25. Sc6 Te8 26. Se7 Td8 27. Sxg6+ fxg6 28. Ld7 Kg8 29. Lxe6+ Kh7 30. Tbb7 Sd4 31. Ld7 Tb8 32. e6 Sf5 33. La4 Tbc8 34. e7 Sd6 35. Tb6 Se8 36. Tbxa6 Kg8 37. Ta8 Txa8 38. Txa8 Kf7 39. Kf2 aufgegeben (1-0)
Tan Zhongyi fuhr den zweiten Tagessieg gegen Valentina Gunina ein. Die unternehmungslustige Russin wurde Letzte. Von ihren 14 Partien entscheid sie nicht weniger als elf, so oder so, mehr aber so.
Aleksandra Goryachkina zeichnet sich besonders durch ihre sportliche Härte aus. Sie spielt mit viel Druck auf Sieg, ohne zu viel Risiko zu gehen, und nutzt ihre Chancen konsequent. Der Wettkampf gegen Ju Wenjun kann spannend werden. Die Herausforderin ist mit ihren 21 Jahren sicher hier auch noch nicht auf dem Zenit ihres Könnens. Der zweite Platz ging an Anna Muzychuk.
ChessBaseDie ChessBase GmbH, mit Sitz in Hamburg, wurde 1987 gegründet und produziert Schachdatenbanken sowie Lehr- und Trainingskurse für Schachspieler. Seit 1997 veröffentlich ChessBase auf seiner Webseite aktuelle Nachrichten aus der Schachwelt. ChessBase News erscheint inzwischen in vier Sprachen und gilt weltweit als wichtigste Schachnachrichtenseite.
Zu dem Kommentar zu den KO-Turnieren erlaube ich mir etwas anzumerken:
Ein Vergleich mit dem Sport Fußball könnte hilfreich sein. Die FIFA spielt alle 4 Jahre eine WM-Endrunde aus. Es ist eine Mischung aus Rundenturnier (die Vorrunden in den Gruppen) und KO-Runden (ab Achtelfinale). Das ist doch wirklich eine spannende Angelegenheit. Nicht die stärkste Mannschaft der Welt (Deutschland Platz 1 der Weltrangliste) ist Weltmeister geworden, sondern Frankreich (Platz 8 der Weltrangliste - Stand 2018). Das macht so ein Turnier auch wirklich spannend. Bei der derzeit laufenden Frauen Fußball WM ist es genauso. Die Zuschauer wollen Spannung und Dramatik pur. Es gibt Verlängerung und Elfmeterschießen. Das erzeugt Emotionen und die Mannschaft mit den stärksten Nerven kommt hier eine Runde weiter. Das ist es was die Leute sehen wollen, nicht langweiligen Rundenturniere mit Remis-Geschiebe um ja nicht die Führung aus der Hand zu geben. Will man Schach attraktiver gestalten und mehr Leute dafür begeistern, darf man auf KO-Turniere nicht verzichten. Ich will keine langweilige Schach-WM sehen. Wer Weltmeister werden will muss jeden anderen Spieler in allen Disziplinen (Normalschach, Schnellschach und Blitzschach) schlagen können. Ein Kandidat der ein KO-Turnier gewinnt ist ein verdienter Weltmeister (oder Weltmeisterin). Ein Kandidat, der 11 Mal Remis spielt und nur eine Partie gewinnt langweilt die Zuschauer. Manchmal ist es hilfreich die Dinge aus einer anderen Position zu betrachten.
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