Keymer freut sich auf starke Gegner

von Hartmut Metz
03.02.2022 – Am Freitag beginnt der erste Grand Prix in Berlin. Zum ersten Mal nimmt auch ein deutscher Spieler teil. Vincent Keymer ist nicht nur der jüngste Teilnehmer. Er muss zwischen den Turnieren auch noch sein Abitur mit der mündlichen Prüfung abschließen. | Foto: Vincent Keymer

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Keymer „freut sich auf starke Gegner“

17-Jähriger lässt sich trotz Abitur-Stress nicht vom Grand Prix in Berlin abhalten

Die „alte Dame“ Hertha BSC Berlin wäre gerne ein Big-City-Club. Von diesem ambitionierten Anspruch ist der Fußball-Bundesligist noch meilenweit entfernt. Mit zwei Damen auf dem Brett des altehrwürdigen Spiels Schach avanciert der frisch gegründete World Chess Club Berlin auf Anhieb ab Freitag zum ersehnten „Big City Club“. Der Schach-Weltverband FIDE hat der deutschen Hauptstadt gleich zwei Turniere des neuen Grand-Prix-Serie zugeschlagen. Vom 3. bis 17. Februar (erste Partie am Tag nach der Auftaktpressekonferenz am 4. Februar ab 15 Uhr) und vom 21. März bis 4. April geben sich die Denkstrategen ein Stelldichein in den Kaiserhöfen. Zudem gastiert der Grand Prix vom 28. Februar bis 14. März in Belgrad.

Dabei geht es nicht nur um insgesamt 450.000 Euro Preisgeld, sondern vor allem um zwei Plätze für das Kandidatenturnier, bei dem der nächste Herausforderer von Weltmeister Magnus Carlsen ermittelt wird. Der norwegische Weltranglistenerste ist daher nicht dabei – so dass es mehrere Anwärter gibt, die sich Chancen darauf ausrechnen, bei ihren zwei Turnierteilnahmen als Punktbeste ihre WM-Aussichten zu wahren. Einer davon ist der Armenier Lewon Aronjan. Der einstige Berliner, dessen Eltern in seiner dortigen Wohnung leben, verkündete im Interview einmal stolz: „An dem Tag, an dem ich nicht mehr das Gefühl habe, der beste Spieler der Welt sein zu können, trete ich zurück!“

Just der Weltranglistensechste ist der Gegner von Vincent Keymer. Weil Aronjan nur fast für Deutschland gespielt hätte und inzwischen unter US-Flagge antritt, ist der 17-Jährige nicht nur jüngster Teilnehmer, sondern auch einziger nationaler Vertreter des Ausrichters. Mit dem Inder Santosh Vidit Gujrathi und dem Russen Daniil Dubow sitzen überdies der Weltrangliste-21. und 24. Keymer in der Vorrunde gegenüber – sofern Dubow seine Corona-Infektion von Wijk aan Zee überwindet. Der Deizisauer Bundesligaspieler hatte sich im November 2021 beim Grand-Swiss-Turnier in Riga mit seinem sensationellen fünften Platz für die beiden Wettbewerbe in Berlin qualifiziert.

Angesichts seiner illustren Gegner in der Vorrunde gibt sich die deutsche Nummer eins bei Prognosen zurückhaltend: „Ich freue mich auf Partien gegen starke Gegner. Was das Turnierergebnis betrifft, setze ich mir keine Ziele“, sagt Keymer, auch wenn der Außenseiter weiß, dass in nur drei Partien alles passieren kann – ein Patzer und schon ist der Einzug ins Halbfinale der vier Gruppensieger dahin. Zudem hat der jüngste deutsche Großmeister aller Zeiten, der diesen Titel auf Lebenszeit bereits im Alter von 15 Jahren perfekt machte, schon häufiger bewiesen, dass er auch den ganz Großen gefährlich werden kann. So gewann Keymer 2018 das mit 10.000 Euro dotierte Grenke-Open in Karlsruhe vor 49 Großmeistern mit herausragenden 8:1 Punkten.

Die Turniere in Berlin kommen für den Weltranglisten-74. allerdings zur Unzeit! Während sich einige Konkurrenten im niederländischen Schach-Mekka Wijk aan Zee einzuspielen versuchten oder sich lieber gut auf den Grand Prix vorbereiteten, steckt der 17-Jährige aus Gau-Algesheim mitten im Abitur-Stress. Die schriftlichen Prüfungen absolvierte der Gymnasiast mit den drei Leistungskursen Mathematik (typisch für einen Schachspieler), Englisch und Deutsch in der ersten Januar-Hälfte. „Die Noten erfahre ich dann Anfang März“ berichtet Keymer, der noch vor dem zweiten Turnier in Berlin „Mitte März noch mindestens eine mündliche Abiturprüfung“ bestehen muss.

Doch unabhängig von den Resultaten in der Schule und in seiner Vorrunde gedenkt der 17-Jährige zur Freude der deutschen Fans alles auf die Profi-Karte zu setzen. Anders als Nationalmannschaftskollegen, die lieber studieren, um finanziell abgesichert zu sein, gibt es für Keymer „derzeit keinen Plan B“ oder ein „Zeitlimit“, wie lange er sich als Berufsspieler versuchen will. Das Supertalent „freut“ sich schlicht darauf, „mich ganz auf Schach zu konzentrieren“.

Seinen berühmten Trainer Peter Leko hat er in der Weltrangliste bereits um einen Elo-Punkt knapp überflügelt. Jetzt träumen seine Fans, dass Keymer noch weiter kommt als der Ungar. Das einstige Wunderkind wurde 2004 erst im WM-Finale gestoppt, weil der Russe Wladimir Kramnik mit einem Sieg in der Schlussrunde zum 7:7 ausglich und so seinen Titel verteidigte. Mit Leko arbeitet Keymer seit mehr als vier Jahren zusammen. „Ich bin wirklich froh darüber, nicht nur deswegen, weil Peter das Spitzenschach aus eigener Erfahrung kennt“, sagt der gebürtige Mainzer und betont, „sondern auch, weil die gemeinsame Arbeit großen Spaß macht!“ Das lässt für die Zukunft hoffen, egal, wie sich der Abistress auf den Grand Prix auswirkt ...

 


Hartmut Metz ist Redakteur beim Badischen Tagblatt mit Hauptsitz in Baden-Baden. Er schreibt außerdem unter anderem für die taz, die Frankfurter Rundschau und den Münchner Merkur über Schach und Tischtennis. Zudem verfasst der FM von der Rochade Kuppenheim regelmäßig Beiträge für das Schach-Magazin 64, Schach-Aktiv (Österreich) und Chessbase.de.

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