Mukachevo aus zwei Blickwinkeln (Teil II)

07.01.2009 – Vor 14 Monaten war UEP-Produktmanager Olaf Heinzel zum ersten Mal in Mukachevo. Inzwischen, so glaubte er, hätte sich viel verändert. Die Ukraine sucht den Westanschluss, möchte in die EU und richtet (zusammen mit Polen) die nächste Fußball-Europameisterschaft aus. Doch falls es Veränderungen gegeben hat, so nicht zum Positiven - jedenfalls nicht in Mukachevo. Da die Heizung am geplanten Spielort defekt war, zog der Wettkampf ins Kulturhaus um. Doch auch dort war es kalt. Pünktlich zum 1.Januar hatte der russische Energielieferant Gazprom, im Oktober noch Sponsor der Weltmeisterschaft in Bonn, seine Gaslieferungen in die Ukraine eingestellt. So wurde das Match zum Zitterwettkampf. Am Abend gab es Trost nur noch im örtlichen Saloon. Zitterpartien in Mukachevo...

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Die Revanche
Von Olaf Heinzel

Vom 02. – 05.01.2009 fand in Mukachevo das 2. Schnellschach-Match zwischen der Nr. 1 der Ukraine Vassili Ivanchuk und der Nr. 1 aus Ungarn Peter Leko statt, da es beim ersten Aufeinandertreffen keinen Sieger gab.

 

Um sich ein Bild über den Ort zu machen, empfehle ich dem Leser meinem Bericht von 2007 sich vorab anzusehen, da ich dieses Jahr bei der eisigen Kälte nur die ganzen kurzen Wege vorgenommen habe:   
a) Hotel - Spiellokal 40 m
b) Hotel - Kneipe 30 m ( leider in verschiedene Richtungen )
c) Hotel - Hotelkasino

Hier der Link : http://de.chessbase.com/Home/TabId/176/PostId/307122

Vor dem Match gab es bereits die ersten negativen Nachrichten den Veranstalter. Aufgrund der Weltwirtschaftskrise zogen Sponsoren Ihre Zusagen zurück. Letztendlich wurde das Match von der Stadt und dem Präsidenten von UEP, Josef Resch, finanziert. Des Weiteren ging die Heizung im geplanten Spiellokal nach Weihnachten kaputt, so dass kurzfristig ins Kulturhaus umgezogen werden musste. Dass unser Sponsor der Schach-WM 2008, Gazprom, uns dann am 1. Januar auch noch das Gas abstellte, war wohl Ironie des Schicksals.

Am 01. Januar ging es um 9:00 Uhr morgens von Dortmund nach Budapest. Danach dann 5h mit dem Auto weiter in die Karpatenukraine. Natürlich mit Zwischenstops des Fahrer für dessen kleine Nebengeschäfte. So wurde mir dann eine Tüte mit u.a. Schweineohren zwischen die Beine gestellt. Leider nicht mit Schokoüberzug aus der Bäckerei, sondern tiefgefroren von einem Bauern.

In meiner Naivität hatte ich geglaubt, dass in den letzten 14 Monaten eine positive Entwicklung in der Ukraine stattgefunden hätte. Schließlich klopfen sie an der Tür der EU an und die UEFA richtet hier eine Europameisterschaft aus. Aber weit gefehlt! Es ist nichts passiert – im Gegenteil – die Schlaglöcher sind nun Krater. In der Stadt Mukachevo geht es einem noch gut, aber auf dem Lande geht der Verfall natürlich noch schneller vorwärts. Aber dafür kann ich mit Opa nun wenigsten wieder mitreden, wenn er mir was von seiner Jugend erzählt.

Aber kommen wir zur Veranstaltung: Am 02. Januar um 18:00 Uhr begann die Eröffnungsveranstaltungen. Während Vassili Ivanchuk mit seiner Frau Oxana bereits um 12:00 Uhr  - Lvov, seine Heimatstadt, liegt etwa 5h Autostunden weg – im Hotel eincheckten, war Peter Leko mit Frau Sofia zu Beginn der Eröffnung noch vor den Toren von Mukachevo. Vielleicht schon hier ein Indiz, wie heiß Chucky war! Das kulturelle Rahmenprogramm wurde wie die Eröffnungsveranstaltung federführend von Karina Honcharova organisiert.

Zwischen den üblichen Ansprachen durch den Bürgermeister Vasili Petyovka, Veranstalter Josef Resch und dem Vize-Präsidenten des Ukrainischen Schachverbandes, der auch als Hauptschiedsrichter fungierte, gab es musikalische Leckerbissen.

Neben den beiden in Mukachevo wohnenden Musiker Viktoria Almashi (Piano) und Sergiy Dobosh (Violine), die bereits 2007 bei der Eröffnung dabei waren, gab das Dolya Consort, eine Kostprobe Ihres Könnens.

Zum kulturellen Höhepunkt durch die Sopranistin, Lilia Sholomey, trafen dann auch die Lekos ein. Danach konnte dann die Auslosung stattfinden. Da Ivanchuk den letzten Kampf nach Blitz gewonnen hatte, durfte er zuerst wählen und zog Weiß.


Die beiden Spieler und Josef Resch, der die beiden Glücksfeen, die den weißen und schwarzen König brachten, in den Armen hält.

Danach gaben die beiden Spieler noch eine kleine Pressekonferenz, wobei es dabei mehr um das Thema Doping ging.

Am 03. Januar kam dann der erste Schnee. Als ich eintraf sah der Vorplatz noch so aus:


Vom christlichen Weihnachtsfest stand die Show-Bühne noch

Doch über Nacht wurde die winterliche Landschaft komplettiert.

Dieser Umstand machte das ganze hier Vorort zwar romantischer, aber nicht gemütlicher. Nach dem Aufstehen, für einen Schachspieler heißt dieses am Mittag, ging es dann schnell rüber in die Kneipe, den Westernsalon. Für umgerechnet 5 Euro gibt es dort Suppe, Steak mit Kartoffeln und Salat, sowie 2-3 Getränke. Der Laden war stets mehr als gut besucht und auch der Schneemann grüßte immer schön blinkend.


Essen im Saloon

Nach dem Mahl dann noch einmal kurz umziehen und ab zum Spielort.

Die Partien wurden ja bereits an anderer Stelle vorgestellt und kommentiert. Zur Partie 1 kann ich noch ergänzen, dass Ivanchuk nach 51. … e3 sekundenlang den Kopf schüttelte. Partie 2 spulte er dann verärgert über sich selbst runter und verschwand, während Leko den Zuschauern die Partien erklärte. 15 Min. später tauchte der Ukrainer im Anorak wieder auf und gab auch noch ein paar kurze Kommentare ab, aber sein Ärger über sich selbst war noch lange nicht verflogen!

Auch das Konzert am Abend  ließ seine Laune nicht besser werden. Lilia Sholomey zeigt über 1,5h Ihre Bandbreite der Stimme. Man kann mich nicht gerade als Oper- / Operettenfan bezeichnen, aber ich konnte nachvollziehen, dass der Saal ausverkauft war.


Lilia Sholomey mit Ihrer Tochter, die Sie nach Mukachevo begleitet hat

Nach diesen gelungenen Abenden ging es dann wieder in den Saloon. Um 23:00 Uhr werden dort die Stühle hochgestellt. Anweisung des Bürgermeisters. Aufgrund der hohen Kriminalität durch Alkoholkonsum wurde die Sperrstunde eingeführt. Es hat geholfen. Allerdings, was soll man um die Uhrzeit im kalten Hotelzimmer? Also ab ins Casino, die einzige Möglichkeit noch ein paar Drinks zu bekommen.

Der 2. Wettkampftag lief ähnlich ab. Schachlich war es wieder Ivanchuk der Druck machte. Heute war er aber nicht so unzufrieden mit den beiden Ergebnissen. Kleidungstechnisch gab es eine Änderung. Im Oktober 2007 trat Ivanchuk im Pullover an. Dieses Jahr aber stets im Anzug. Leko war es, der auf Pullover umstieg. Er fror auf der Bühne, wie ein Schneider. Am 3. Tag kam dann auch noch der Schal zum Outfit hinzu.


1. Wettkampftag           


2. Wettkampftag

Auch im Publikum gab es eine Änderung. Der stärkste Schachspieler, der in Mukachevo wohnt, übernahm das Kommentieren der Partien. Er konnte erst zur 3. Partien kommen, da er vorher mit seinem Team noch die arabische Mannschaftsmeisterschaft gewann. Die Rede ist von dem ehemaligen Junioren-Weltmeister Zahar Efimenko! Der für Werder Bremen in der Bundesliga spielende sympathische Ukrainer wurde von Bayern-Fan Josef Resch in Nähe seiner Eltern, diese wohnen in Usgorod etwa 20 km von Mukachevo entfernt, zurückgeholt und mit einem Stipendium ausgerüstet, so dass er sich erst einmal auf Schach konzentrieren kann.


FC Bayern – Fan Josef Resch unterstützt Werder-Spieler Zahar Efimenko

Von einer Wandertour durch die Karpaten fand ein anderer ukrainischer Spitzenspieler den Weg in den Spielsaal. Ex-Knockout-Weltermeister Ruslan Ponomariov.


Oxana Ivanchuk (l.) und neben „Pono“ (r.) sein Wanderfreund

Am Abend hatte dieses Mal der ukrainische Gitarrenartist, Enver Izmailov, seinen künstlerischen Auftritt. Beide Spieler waren auch bei diesem kulturellen Höhepunkt anwesend. Was Izmailov nur mit dem Gitarrenhals aus dem Gerät rausholte war durchaus interessant.


Am Tag der Entscheidung setzte der Schneefall wieder ein. Auf dem Weg in den Saloon konnte ich dann feststellen, dass dies die Zeitungsverkäuferin bei ihrem Geschäft wenig störte.


Der Absatz war aber überraschend nicht so reißend

Im vollen Spielsaal fand man eine knisternde Atmosphäre vor.

Ivanchuk saß schon Minuten  vorab hochkonzentriert am Brett.

Einzig die Techniker warteten gelassen den Lauf der Dinge ab. Nach meinen Kenntnissen klappte die Live-Übertragung problemlos.

Nach dem Sieg in der 5. Partie tobte der Saal. Weniger Begeisterung zeigte sich verständlicherweise Sofia Leko und Manager Carsten Hensel.

Neben der Kälte im Saal kam noch hinzu, dass Ihr Schützling während des ganzen Matches in der Defensive war und letztendlich auch verdient verlor. Ivanchuk zeigte auch den größeren Siegeswillen. Wie wichtig ihm der Sieg war, zeigte seine Freude und Erleichterung mit „Becker-Faust“ nach dem abschließenden Remis in Partie 6.

Josef Resch kündigte bei der kurzen Siegerehrung eine Fortsetzung dieses Turniers an. Mal sehen wer Chucky beim nächsten Mal herausfordern darf. Leider konnte ich vom Sieger mit Trophäe kein Foto schießen. Vassili kommentierte die Partien anschließend mit dem Rücken zum Publikum und versteckte seinen Gewinn stolz unter dem Jackett.

So blieb mir nichts mehr anderes übrig mich über den Underberg zu machen und mich auf meine Abreise um 5:30 Uhr Kiev-Zeit am nächsten Morgen vorzubereiten.

 

 

 

 

 



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