Neue Repertoireideen (III): Traxler-Variante widerlegt?

20.01.2020 – Die Präsentation neuer Eröffnungsideen ist einer der Schwerpunkte von ChessBase Magazin. In der aktuellen Ausgabe warten elf Beiträge auf Sie. Eine bunte Mischung von Skandinavisch über Najdorf und Katalanisch bis zu Königsindisch. Da ist für jeden Geschmack etwas dabei! Den Abschluss dieser Reihe zur Ausgabe #193 bildet der Artikel von IM Renato Quintiliano aus Brasilien.

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Analysen von Caruana, Giri, Duda, So, Vidit, Vitiugov, McShane u.v.a. Dazu Videos von Williams, King und Shirov. 11 Eröffnungsartikel mit neuen Repertoireideen und Trainingseinheiten für jede Partiephase!

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Traxler-Variante widerlegt?

Renato Quintiliano untersucht das Zweispringerspiel (Teil I)

Wenn Sie 1...e5-Spieler sind, werden Sie wahrscheinlich bereits festgestellt haben, dass nach 1.e4 e5 2.Sf3 Sc6 3.Lc4 der Zug 3...Sf6 eine gute Methode ist, die weißen Optionen einzuschränken und einen Haufen Theorie in scharfen Varianten zu vermeiden, etwa dem Evans-Gambit, dem Max-Lange-Angriff oder auch jenen Abspielen, in denen Weiß auf einen schnellen Vorstoß c3-d4 aus ist. Sie verschafft Schwarz sogar gewisse Flexibilität, weil der Läufer noch nicht auf c5 steht, was die solideste Entwicklung nach e7 möglich macht. Natürlich ist der einzige Nachteil dieser Zugfolge, wenn Weiß den ehrgeizigen Ausfall 4.Sg5 wählt, der sofort konkrete Maßnahmen erfordert. Hier wiederum dreht sich die Diskussion selbstredend vornehmlich darum, ob Weiß nach 4...d5! Vorteil nachweisen kann, in diesem ersten Artikel jedoch möchte ich die alte Traxler-Variante 4...Lc5 untersuchen:

 

Ich weiß noch, wie ich als Kind diesen Zug sah und mein Gedanke war: "An einen solchen Zug kann ich nicht glauben" - Schwarz entwickelt einfach den Läufer und bietet seelenruhig den kostbaren f7-Bauern an, entweder mit Schach oder einem Doppelangriff, der (mindestens) die Qualität gewinnt.

Die Kindheit ist vergangen, und ich habe mein schachliches Können ein wenig verbessert. An meiner objektiven Bewertung des Zuges hat sich nichts geändert, aber jetzt verstehe ich, dass er einen Überraschungseffekt bei Weiß hervorrufen könnte, vor allem, wenn dieser das Abspiel noch nie zuvor gesehen hat. Dies scheint eine vernünftige Erklärung für mehr als 100 Partien in meiner Datenbank, die mit 5.d3 bzw. 5.0-0 weitergingen, worauf Schwarz nach 5...0-0 entkam, ohne jegliche Schramme für seine Kühnheit davonzutragen!

Es ist offensichtlich, dass Weiß aggressiv spielen sollte, um eine solche provokante Vorgehensweise zu bestrafen. Es gibt mindestens drei Kandidaten, die diesen Zweck erfüllen: A) 5.d4!?, B) 5.Lxf7+ und C) 5.Sxf7.

A) 5.d4!?

 

Weiß will auf f7 schlagen, aber die Pointe dieses Zuges ist, zuerst weitere Linien zu öffnen, um die Figuren zu aktivieren. In der Tat, nach jedem Figurenschlagzug auf d4 erzielt Weiß Gewinnvorteil. Die beste Chance für Schwarz besteht darin, das Risiko einzugehen und mit 5...d5! den Einsatz zu verdoppeln.

 

Eine sehr kuriose Stellung, denn nach nur 6 Zügen in der Partie hat die Spannung im Zentrum bereits ihr Maximum erreicht. Da Weiß f7 weiter unter Beschuss halten muss, ist 6.Lxd5! am besten. Nun lässt 6...Sxd5? 7.dxc5! Schwarz einfach auf einem Minusbauern ohne Kompensation sitzen. Die beste Chance ist 6...Sxd4!, wonach Weiß erneut vor derselben Frage steht: Welche Figur soll auf f7 nehmen?

 

Ich glaube, dies ist ein guter Moment, um zu verstehen, dass Weiß im Fall von sorglosem Spiel einige praktische Probleme bekommen kann. Das natürliche 7.Sxf7? De7 8.Sxh8 führt zu einer Stellung, die von der Engine als 0.00 bewertet wird (nie ein gutes Signal, wenn man einen Turm mehr hat!). Der Punkt ist, dass Schwarz nach 8...Lg4! überraschenderweise genug Kompensation erhält, da nach ...0-0-0 der Springer auf h8 wahrscheinlich verloren geht und all seine Figuren entwickelt sind, mit realen Chancen, die Initiative zu ergreifen.

Stattdessen kann Weiß die sicherere Fortsetzung 7.Lxf7+ Ke7 8.Lc4 mit Mehrbauer wählen. Schön, Schwarz kann mit Zügen wie ...b5, ...h6, ...Lg4 und sogar ...Tf8 einige praktische Probleme bereiten. Bei korrektem Spiel sollte Weiß aber in der Lage sein, den Vorteil zu konsolidieren, wobei dies gewisse Präzision erfordert.

B) Das bescheidene und gute 5.Lxf7+ Ke7

 

Schwarz hat zwar den Bauern verloren, doch ist Weiß verpflichtet, den Läufer erneut zu ziehen, was bedeutet, in der Entwicklung hinterherzuhinken. Die Abwesenheit des f7-Bauern könnte sich Schwarz sogar zunutze machen, da der Turm auf f8 aktiv sein wird und die Idee De8-g6(-h5) eine neue Möglichkeit ist. Trotzdem, Bauer ist Bauer, der schwarze König bleibt im Zentrum, und Weiß hat keine Schwächen in seinem Lager, was genug sein sollte, klaren Vorteil zu beanspruchen. Nach 6.Lb3 Tf8 7.d3 d6 8.Le3! steht Weiß gut, denn er tauscht den aktiven Lc5 und, noch wichtiger, wahrt die Möglichkeit, den König am Damenflügel zu verstecken, wo dieser vor den Ideen von Schwarz viel sicherer wäre. 

C) Das gierige 5.Sxf7 - nun entkorkt Schwarz den Trick 5...Lxf2+!.

 

Ein recht kurioses Bild. Beide Seiten feuern auf ihre jeweiligen Ziele, wenngleich dies für Schwarz bedeutet, noch mehr Material zu opfern. Es ist ziemlich klar, dass der Nachziehende sehr früh sämliche Brücken hinter sich abbricht, wodurch sich das Gewicht der Entscheidungen von Weiß vergrößert. Was soll er als Nächstes tun?

C1) Mutig sein - 6.Kxf2 Sxe4+

 

Was uns zur nächsten Frage bringt: Wo sollte der König platziert werden? Die Aufgabe von Weiß ist hier alles andere als leicht. Am häufigsten gespielt wird 7.Kg1, aber nach 7...Qh4! 8.g3 Nxg3! behält Schwarz die Drohungen. Die Analyse der alten und kuriosen Partie Pravda readers - Tal,M (1968) beweist, dass bei korrektem Spiel das Resultat ein Remis durch Dauerschach ist, wenngleich in der erwähnten Begegnung Weiß zu große Risiken einging und sogar verloren war.

7.Ke3! scheint die beste Chance für Weiß, auf Vorteil zu spielen, aber die Fortsetzung ist ähnlich: 7...Dh4! 8.g3 Sxg3! 9.hxg3 Dd4+ 10.Kf3, und jetzt hält 10...d5! Weiß mit Drohungen auf Trab..

 

Weiß hat zwei (!) Figuren mehr, aber es scheint unwahrscheinlich, dass er mit derart vielen über seinem Kopf schwebenden Drohungen so einen großen Vorteil bewahren kann. 

C2) Vorsichtig sein - 6.Kf1! De7 7.Sxh8 d5!

 

Da es keinen Weg zurück gibt, agiert Schwarz weiter so aktiv wie möglich und setzt auf schnelle Entwicklung. Angesichts der Drohung ...Lg4 sollte Weiß 8.exd5 Sd4 spielen, mit noch immer angespannter Situation:

 

Diese Stellung ist alles andere als harmlos für Weiß, trotz des riesigen Materialvorteils. Zum Beispiel steht er nach dem am häufigsten gespielten 9.c3 Lg4! 10.Da4+ Sd7

 

plötzlich auf Verlust! So seltsam es auf den ersten Blick scheinen mag, es gibt jetzt einfach zu viele Drohungen gegen den König - ....0-0-0, ...Df6 oder ...Dh4+, falls der Läufer geschlagen wird. In den meisten Partien versuchte Weiß letztere Möglichkeit, aber nach 11.Kxf2 Dh4+ ist der schwarze Angriff unwiderstehlich. 

Der korrekte 9. Zug für Weiß lautet 9.d6!.

 

Die Pointe ist, dass Weiß in manchen Varianten die Diagonale a2-g8 nutzen und den Springer über f7 wieder ins Spiel bringen kann. Nach dem meistens gespielten 9...cxd6 hat Weiß 10.Kxf2 in einer besseren Version.

Aber im Schach kann die Wahrheit manchmal schlüpfrig sein, denn meine Analyse offenbarte, dass Schwarz noch immer im Spiel ist, und zwar nach 9...Dxd6!, worauf neue Komplikationen entstehen. In vielen Varianten braucht die Engine sogar Zeit, um zu begreifen, dass die weiße Stellung riskant zu werden beginnt, dann schwenkt die Bewertung plötzlich zugunsten von Schwarz um! Nach ausgiebiger Analyse glaube ich, dass Weiß eine derart komplizierte Stellung vermeiden sollte, da er wirklich genau spielen muss, um ein Remis zu schaffen (nie ein gutes Signal!).

In ChessBase Magazin #194 sehen wir dann das Hauptabspiel 4...d5!

Fazit: Ich bewahre meine skeptische Einschätzung bezüglich der Traxler-Variante, vor allem im Hinblick auf das Abspiel B) 5.Lxf7+, welches sicher und gut für Weiß ist. Doch in spezifischen Situationen könnte so eine provokante Variante eine interessante Wahl sein, etwa bei kurzen Bedenkzeiten oder wenn man einem unvorbereiteten oder materialistischen Spieler gegenübersitzt, denn tiefere Analyse zeigt, dass die Komplikationen nach C) 5.Sxf7 nicht ohne sind und Weiß sich nach einer Reihe von ungenauen Zügen sehr schwierige und unerwartete Probleme mit seinem König einbrocken könnte.

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