Plovdiv: bemerkenswerte Europameisterschaft

03.04.2012 – Die vergangene Europameisterschaft in Plovdiv wird als besonders bemerkenswert in die Annalen eingehen. Mit 350 Teilnehmern einmal mehr von der ECU als Massen-Open durchgeführt, wies sie dennoch eine erstaunliche Qualität auf. Fast schon ein Drittel der Teilnehmer hatten Elozahlen von 2600 und mehr. 15 Spieler wiesen sogar eine Zahl von 2700 und mehr auf. Top-Favorit war Fabiano Caruana, der Siebte der Weltrangliste. Er gewann nicht. Eine Runde vor Schluss lag Laurent Fressinet in Führung, wurde aber in der Schlussrunde von Dmitry Jakovenko besiegt und überholt. Immerhin blieb dem Franzosen Silber. Bronze ging an Vladimir Malakhov. Die ECU führte neue Regeln ein: Der neue Dresscode wurde von den Spielern noch verstanden. Was unter Pünktlichkeit zum Rundenbeginn zu verstehen ist, schon nicht mehr. Und erst recht nicht, wie man regelkonform remis spielt. In der Vergangenheit litten Europameisterschaft vielfach unter verwaisten Brettern an den Spitzentischen wegen Kurzremis. Dies wollte die ECU mit ihrer "Sofia-Rule" unterbinden. Die Spieler verstehen, dass die Attraktivität des Turniers wegen solcher Vorkommnisse leidet, fragen sich aber, warum sie sich komplizierten Remisregeln unterwerfen sollen, wenn sie doch die Kosten für die Teilnahme selber tragen. Dejan Bojkov berichtet. Endstand bei Chess-results.com...Zum Bericht...

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Jakovenko schaltet den Turbo ein





Dmitry Jakovenko ist neuer Europameister!

In der Schlussrunde gewann er an Tisch 1, holte damit seinen dritten Sieg in Folge und krönte so ein bemerkenswertes Finish.



In seinen letzten Partien konnte er noch einmal zusätzliche Kräfte mobilisieren und holte sich mit sechs Siegen und fünf Remis den verdienten Titel. Wie vier Jahre zuvor ging der Sieg in der Europameisterschaft an den einzigen Spieler der Spitzengruppe, der in der letzten Runde gewinnen konnte. Doch der Titelgewinn war für den russischen Top-GM alles andere als leicht.

In Runde neun besiegte er A. Timofeev mit Schwarz, danach riskierte er in Runde 10 gegen seinen Landsmann Kobalia ein Figurenopfer und in der letzten Runde bewies er gegen Laurent Fressinet schließlich ausgezeichnete Technik (der französische GM lag vor der letzten Runde alleine an der Spitze).

Auf dem zweiten Platz tummelten sich viele Spieler, doch die Silbermedaille ging an Laurent Fressinet, der die beste Wertung hatte.


Fressinet

Als alleiniger Tabellenführer vor der letzten Runde hatte er gute Chancen, Europameister zu werden, aber in der letzten Runde gegen Jakovenko griff er bereits in der Eröffnung fehl.


Jakovenko gegen Fressinet




Dies ist sein erster großer Erfolg bei Europameisterschaften. Die Bronzemedaille ging an V. Malakhov, der nach Performance-Wertung einen halben Punkt vor D. Andreikin lag.

Malakhov ging in den letzten drei Runden kein Risiko mehr ein und spielte alle drei Partien Remis, dies allerdings regelkonform.


Malakhov und Dreev

Malakhovs Partie in Runde neun gegen den Armenier Vl. Akopian endete nach 16 Zügen mit Remis durch Zugwiederholung. Anders als die Partie Baron-Safarli, die in der gleichen Runde gespielt wurde und weltweit für Aufregung sorgte, wurden Akopian und Malakhov nicht genullt, da sie wussten, wie man die Turnierregeln anzuwenden hatte. Malakhov schrieb den Zug, der zur dreimaligen Stellungswiederholung führen würde, erst auf sein Partieformular, dann hielt er die Uhr an und rief den Schiedsrichter, um Stellungswiederholung zu reklamieren.


Inarkiev und Vallejo Pons


Allerdings zeigte diese Europameisterschaft, dass die meisten Spieler die neuen Regeln noch nicht völlig verstehen – genau wie manche Schiedsrichter. Zunächst einmal ist da die Frage, was man unter einer abgesprochenen Partie versteht. Ist das eine Partie, die eine Stunde oder zwei Stunden dauert? Und wie lang darf und muss eine Partie denn sein? Das sind nur ein paar einer ganzen Reihe von Fragen, aber generell herrschte der Eindruck vor, dass die Spieler keine Lust haben, durch noch mehr Regeln eingeschränkt zu werden, vor allem, wenn sie die Kosten für das Turnier aus eigener Tasche tragen. Zugleich räumen die meisten meiner Kollegen ein, dass unser Sport für das große Publikum attraktiver werden muss.

Diese ominöse neunte Runde war zugleich auch die längste. Die Partie zwischen den türkischen Spielern Sanal Vahap und Emre Can dauerte sieben Stunden und 52 Minuten, dann endete sie nach 228 Zügen mit Remis! Das ist vermutlich die längste Partie, die je bei einer Europameisterschaft gespielt wurde. Sie wurde an Tisch 129 gespielt und war, was die Qualifikationschancen beider Spieler betraf, ohne Bedeutung.

Bei einem Blick auf die Spitzenplätze in der Tabelle sehen wir, wie sehr die russischen Spieler das Turnier dominiert haben. D. Andreikin wurde Vierter,


Andreikin

E. Inarkiev verdarb in den letzten beiden Runden ausgezeichnete Gewinnchancen und landete auf Rang fünf, während M. Matlakov für eine angenehme Überraschung sorgte und Sechster wurde.


Azarov-Matlakov


Matlakov

Ich bin sicher, dass wir von diesem jungen Spieler in Zukunft noch hören werden.


Vitiugov

 


Ivanisevic


Areshchenko


Navara


Bartel


Saric-Linchevskiy


Naiditsch startete gut, ließ dann aber nach


Nispeanun




Areshchenko-Volkov bei der Analyse


Grandeliaus und Bejtovic


Kirill Alekseenko, ein weiteres aufstrebendes Talent, spielte ebenfalls ein starkes Turnier und holte eine GM-Norm. Alles in allem wurden bei der Europameisterschaft 20 Normen erzielt – zehn GM-Normen und zehn IM-Normen. Irina Bulmaga aus Moldawien spielte das Turnier ihres Lebens und holte dabei zugleich die letzte Norm, die ihr noch zum IM-Titel der Männer fehlte.

Was die 23 Qualifikationsplätze für den Welt-Cup betrifft, gab es hier nur eine einzige große Überraschung: die Qualifikation des aserbaidschanischen Spielers Vasif Durarbeyli. Der größte "Unruhestifter" war Gawain Jones, der bis zur letzten Runde immer wieder Material opferte, die größte Aufholjagd gelang Jan Smeets, der nach schlechtem Start (1/3) 7 aus 8 holte.

Ungeachtet aller Probleme mit den neuen Regeln war die Europameisterschaft in Plovdiv ausgezeichnet organisiert. Die Spielbedingungen waren ausgezeichnet, alle Spieler bekamen Erfrischungen angeboten und verfügten in punkto Übernachtung und Verpflegung über eine Reihe von Möglichkeiten.

Die Organisatoren versuchten allen zu helfen, die Hilfe brauchten und lange nachdem das Turnier schon vorbei war, brachten Mitglieder des Organisationskomitees noch zwei französische Spieler nach Sofia, von wo aus sie nach Hause flogen. Grund der verzögerten Abreise war ein Pass-Patzer in einer Diskothek in Plovdiv.

GM Dejan Bojkov
www.dejanbojkov.blogspot.com


 

 

 

 



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