Rezension zu Sergei Tiviakovs DVD "How to play the Ruy Lopez with Qe2"

von Christian Hoethe
16.08.2021 – Es gibt nur wenige andere Großmeister, die komplizierte Varianten so gut erklären können wie Sergei Tiviakov. Deshalb hat der russisch-niederländische Großmeister inzwischen auch schon 17 Fritztrainer bei uns im Sortiment. Auf seiner unlängst erschienenen DVD bespricht Tiviakov seine Lieblingsvariante in der spanischen Eröffnung: mit der weißen Dame auf e2. Christian Höthe hat die DVD durchgearbeitet.

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Rezension Tiviakov: "How to play the Ruy Lopez with Qe2"

Wer mit Weiß 1. e4 spielt, ist in der Regel eröffnungstheoretisch gut bewaffnet und freut sich auf einen scharfen Kampf, idealerweise im Sizilianer. Schwierig wird es da, wenn der Gegner den Schritt des weißen Königsbauern mit 1. ...e5 kontert, denn diese klassische Erwiderung gilt als absolut gesund und ermöglicht es auch dem Nachziehenden, aus einer Vielzahl möglicher Abspiele zu wählen und das Spiel sowohl solide als auch unternehmungslustig aufzuziehen.

Was soll man also gegen 1. ...e5 spielen? Möchte man nicht wagemutig mit 2. f4 frühzeitig einen Bauern für ein nebulöses Spiel auf Angriff opfern, ist der Spanier seit Jahrzehnten, ja gar Jahrhunderten, ein gutes Mittel der Wahl. Er verspricht dem Anziehenden einen leichten, aber oft lang anhaltenden Vorteil, weswegen nicht selten von "der spanischen Folter" die Rede war.

Und es ist genau dieser Spanier, den GM Sergei Tiviakov auf seiner neuen Chessbase-DVD für den Anziehenden empfiehlt. Nun kann der Nachziehende insbesondere nach 3. ...a6, 4. La4 Sf6 aus einer Fülle von Fortsetzungen wählen, die in der Schachliteratur nicht selten mehrere Bände füllen - also wie umgeht Tiviakov diesen Eröffnungsballast? Ganz einfach: er empfiehlt das System, das er selbst schon seit mehr als 40 Jahren spielt, nämlich die Variante 5.Qe2 sowie das Schwester-System 5.0-0 Be7 6.Qe2, den sogenannten Worral-Angriff.

Als schachlicher Spätstarter habe ich - Jahrgang 1975 - den Spanier mit De2 erstmals im Match zwischen Short und Karpov 1992 wahrgenommen. Sie zeigte ganz gut, wie Schwarz den harmlos erscheinenden Aufbau mit der Dame auf e2 unterschätzen kann:

 

Erwähnenswert finde ich, dass der Spanier mit De2 im Gegensatz zu den Te1-Systemen relativ selten gespielt wird und das trotz identisch guter Statistik für den Anziehenden. Er stellt somit eine wirklich gute Alternative zu den oft bis zum 25. Zug ausufernden Hauptvarianten dar und wurde literarisch erstmals meines Wissens nach 2007 von IM Andrew Greet in einem Repertoirebuch für Weiß empfohlen, für das Nigel Short damals übrigens das Vorwort schrieb.

Großmeister Tiviakov lässt seine Erfahrung mit dem De2-Spanier in jede der behandelten Abspiele einfließen und berücksichtigt in dieser 6-stündigen Monographie auch vielleicht krude erscheinende Nebenvarianten.

Die kritischen Abspiele dürften die Varianten mit 6...b5 7.Bb3 0-0 8.c3 d5 9.d3 d4/Qd6/dxe4 sowie 6...b5 7.Bb3 0-0 8.c3 d5 9.d3 Re8/Bb7 sein, denen sich Tiviakov in altbewährter ausführlicher Detailtreue widmet und instruktiv aufzeigt, wie Weiß hier um Vorteil spielen kann.

Als besonders störend und schwer zu schlagen hat sich seit dem Weltmeisterschaftskampf zwischen Kramnik und Kasparov die Berliner Variante mit 3. ...Sf6 erwiesen. Tiviakovs "Lösung" besteht auch hier in 4. De2, ein Zug, der überraschende 57 Prozent in meiner Big Database 2020 für Weiß holt und zeigt damit spannendere Stellungsbilder auf als sie in der Hauptvariante der Berliner Verteidigung üblicherweise zu finden sind.

Fazit: Eine schlagkräftige Alternative zu den spanischen Hauptabspielen, die selbst starke Spieler auf dem falschen Fuß erwischen kann! Empfehlenswert!


Christian Hoethe ist Jahrgang 1975, Vater zweier Töchter und eines Sohnes, wohnt in Braunschweig und erlernte die Gangart der Figuren relativ spät mit 13 von seinem Vater. Ein Jahr später spielte in der Schach-AG seines damaligen Erdkundelehrers, mit dem er auch heute noch ab und zu eine Partie spielt. Mit 15 landete er Dank seines Mathe-Nachhilfelehrers (!) endlich in einem Verein. Er brachte es zu seinen besten Zeiten auf eine Elo-Zahl von 2247 und spielt für den Schachverein Gifhorn, wo er auch einmal im Monat Training gibt.
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